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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 22. Mai 2017 | 23:20

     

    Georgia, USA

    05.07.2010

    Goin` down south!

    Lose Notizen einer Ortsbegehung. Von MARTIN SPIESS

     

    „Look, what is it that you require of us?“

    „What we, uh, ‚re-quire’ is that you get your goddamn asses up in them woods.“

    (Deliverance)

     

    1

    Die Türen des Flughafens von Atlanta, Georgia, gleiten auf, und ich trete in die Sonne. Ein komisches Gefühl, nach Monaten unbarmherzigen, deutschen Winters. Es ist gerade mal Anfang April, aber die Temperatur beträgt bereits 32 Grad Celsius. Im Sommer, sagt mein Taxifahrer, halte man es im Freien nicht aus. Selbst im Pool nicht, weil die Sonne das Wasser so sehr aufwärme. Man bewege sich hier von einem klimatisierten Raum in den anderen. Nach draußen gehe man erst, wenn die Sonne untergegangen ist.

    Im Ungenuss dieser Temperaturen korrigiert sich unwillkürlich das beinahe lückenlose Air-Conditioning der Amerikaner von unökologisch zu notwendig. Und ich bin versucht, dem Wort ein „lebens-“ vorauszustellen.

     

    2

    Die Versuchsanordnung ist einfach. Ich will mich im Süden der USA umschauen. Vom (relativen) Zentrum aus gesehen will ich mich in die Peripherie bewegen. Kein großer Versuch, seine Seele zu erkunden. Keine radikale Prüfung meiner Vorurteile. Nur sehen, was ich sehe. Was passiert.

     

    3

    Die erste Station ist Atlanta. Hier wurde Martin Luther King geboren, und hier wurde er, am 9. April 1968, auf dem South View Cemetery beerdigt. Hier hat der – dem Klischee nach eher untypisch für den Süden – liberale Sender CNN seinen Sitz. In der Haupthalle des Gebäudes befindet sich die längste Rolltreppe der Welt, an deren Ende befindet sich ein begehbarer Globus, eine Miniaturversion der Erde. See the world. With CNN, texte ich spontan, während ich die Treppe hinauf zur Mini-Welt schaue.

     

    Kaum eine Meile von CNN entfernt liegt das Hauptquartier einer Firma, deren Berühmtheit und Erfolg auf der Erfindung eines morphiumsüchtigen Apothekers basiert: John Pemberton mischte 1887 das zusammen, was man heute überall auf der Welt als Coca Cola kennt. Das Hauptquartier sieht entgegen der Popularität seines Getränks eher unscheinbar aus. Ein langweilig grauer Hochhaus-Kasten, an den sich flache Ziegelsteinbauten anschließen. Über dem Eingang zum Gelände ein Torbogen, verziert mit dem weißfarbenen Firmenschriftzug. Hier und da stehen ein paar Bäume. Pembertons Vermächtnis, die Rezeptur von Coca Cola, wird irgendwo auf diesem Gelände aufbewahrt. Im Juli 2006 versuchte eine Angestellte eben diese Rezeptur an Pepsi zu verhökern. Und scheiterte am FBI.

     

    4

    Marietta, ein Suburb nördlich von Atlanta. Der Highway, ein Monstrum von Straße, ist sechsspurig, am Rand liegen zerfetzte Autoreifen, Radkappen und Glassplitter. Daneben ein Schild, das eine Strafe von 1000 $ androht, wenn man Müll aus dem Fenster wirft - lustig. Ich bin umgeben von röhrenden Trucks, lächerlich großen Pickups und SUVs, die alle, ohne zu blinken die Spur wechseln. Auf einer Leitplanke steht ein einzelner Timberland-Boot. Sofort startet die Assoziationsmaschine ihren Motor und ich frage mich, wo der zweite Schuh ist. Und der Rest seines Besitzers. Im nächsten Graben? In der Bronx habe ich beim Geräusch eines Rettungswagens auch sofort an eine Schießerei gedacht. Nur um dann zu sehen, dass es gar kein Rettungswagen war, sondern ein Fahrzeug der Senior Care.

     

    In Marietta gibt es eine Niederlassung des Waffenherstellers Lockheed, drei eher technische Colleges und, was mir besonders gefällt, das Marietta Gone With The Wind Museum. Hier werben die Bars mit Slogans wie „It’s Awright to Be White-Week“. In New York, wo es egal ist, welche Hautfarbe man hat, heißt es, die Leute könnten es sich leisten, liberal zu sein. Weil sie Geld haben. Hier unten sieht das anders aus. Hier verriegelt man seine Autotüren, wenn man an einer Ampel steht. Und man sieht, dass hier die Schere zwischen Schwarz und Weiß noch weiter auseinandergeht: Schwarze stehen an den Supermarktkassen, packen die Einkäufe ein, bedienen in den Fastfoodketten wie McDonald’s, Wendy’s und Taco Bell oder waschen in den Restaurants das Geschirr. Je gehobener das Restaurant, desto höher die Wahrscheinlichkeit weißen Personals.

     

    5

    Eine Nacht verbringe ich bei Freunden eines Freundes, die mich mit einer Herzlichkeit und Gastfreundschaft empfangen, die ich so noch nicht erlebt habe. Mir fällt auf, wie stereotyp meine Erwartung war, wie bescheuklappt meine Sicht auf die Menschen hier. Ich habe die Südstaaten stets mit Rednecks assoziiert, mit unreflektierten Bush-Wählern, die auf einem Grashalm kauend im Schaukelstuhl auf der Veranda sitzen und ihre Schrotflinte säubern.

     

    Zum Abendessen gibt es Reis in einer ziemlich scharfen Cayennepfeffer-Soße mit Scampi. Die Leute im Süden, erzählen mir die Gastgeber, essen so scharf, damit der Körper sich durchs Schwitzen abkühlt. Bevor es allerdings zur Abkühlung kommt, reichen sich alle die Hände, um das Tischgebet zu sprechen. Ich erinnere mich an das Tischgebet, das in meinem Elternhaus gesprochen wurde, als ich klein war: „Gesegnete Mahlzeit und guten Appetit.“ Das Südstaatenäquivalent ist folgendes: „God is great, God is good, let us thank Him for our food. By His hands we all are fed, give us, Lord, our daily bread.“

    Ich fühle mich komischerweise immer schlecht, wenn in meinem Beisein gebetet wird, weil ich fürchte, dass mein Nicht-Mitbeten als eine Beleidigung verstanden wird. Dieses Gefühl habe ich sogar in Deutschland. Hier, im Schoß religiöser Frömmigkeit, ist es allerdings potenziert.

     

    6

    Am nächsten Tag ist die Hitze vorüber. Es regnet, und das in Strömen. Die Luft ist angenehm feucht, eine schöne Abwechslung zur trockenen, schweren Hitze. Es ist ein bisschen wie September, wenn sich langsam der Herbst ankündigt. Dabei kam Regen in meinem Bild von Georgia bisher nicht vor. Als ich im vergangenen Dezember im (immer wieder überraschend sonnigen) New York war und es irgendwann regnete, dachte ich: Klar, ist ja Ostküste. Da regnet’s. Außerdem habe ich den New Yorker Regen des Öfteren im Fernsehen gesehen. Aber hier?

     

    7

    Hat man Marietta (oder richtiger: den Highway) erstmal hinter sich gelassen, wird es schnell sehr ländlich. Marble Hill, zwanzig Minuten vom Highway entfernt, hat seinen Namen von den Marmorfabriken, in denen der gesamte Marmor für die offiziellen Gebäude in Washington hergestellt wird. Eine der Firmen heißt J. M. Huber, nach deren Besitzer – einem Deutschen.

    Abseits der Fabriken sind die Straßen gesäumt von zerfallenden Häusern, vor denen verrostende Pickups stehen und allerlei mit „For Sale“-Schildern ausgezeichneter, wertloser Kram: Kleiderstangen mit Second-Hand-Klamotten, wettergegerbte Terrassenmöbel und Plastik-Spielzeug. Dinge, die alle eines gemeinsam haben: Ihr langes Leben ist ihnen unschwer anzusehen. Und es macht deutlich, wie verzweifelt die Leute hier sein müssen, wenn sie ihren Plunder zum Verkauf anbieten. Denn die wertvollen Sachen – so sie denn welche besessen haben – sind lange weg. Und auf der anderen Straßenseite das wird das Gesicht der Hauptstadt produziert.

     

    8

    Natürlich sehe ich viel, aber passieren tut nichts. Im tristen Ambiente der zerfallenden Häuser und Trailer-Parks muss ich an den Burt-Reynolds-Film Beim Sterben ist jeder der Erste (Deliverence) denken, in dem drei Städter, die eine Kanutour machen, von Rednecks verfolgt, vergewaltigt und getötet werden. Natürlich hatte ich nichts Derartiges erwartet, aber gekommen ist die Assoziation nichtsdestoweniger. Siehe Schießerei in der Bronx.

     

    9

    Zurück am Flughafen von Atlanta. Am Ende der Rolltreppe zu meinem Gate ist eine Mini-Ausstellung zu Martin Luther King. In einem Glaskasten hängt der graue Nadelstreifen-Anzug, den er getragen hat, als er im März 1966 bei Lyndon B. Johnson im Weißen Haus war. In einem anderen Glaskasten liegen seine Armbanduhr, sein Radio und seine Brille, die er nur selten trug, aber besaß, weil er fand, er würde „distinguished“ damit aussehen.

    Was er wohl alles andere als distinguished finden würde, wäre das: In der Bar, in die ich mich zum Warten setze, arbeiten wieder nur Schwarze. Zwei junge Frauen bedienen, ein junger Mann wäscht das Geschirr. Ich bestelle ein Blue Moon. Die Sorte Bier, die ich in New York oft getrunken habe. Und die es auch hier unten gibt.

     

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