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Thomas Brasch: Filme

14.06.2010

Berlin ist nicht Chicago

Thomas Brasch benutzte als Dichter nicht nur Wörter, sondern auch Bilder. Mit der nun erschienenen DVD-Edition seiner Filme ist Brasch als poetischer Regisseur wiederzuentdecken. Von ANDREAS MARTIN WIDMANN

 

Eine Rebellenikone wollte der 2001 gestorbene Schriftsteller und Filmemacher Thomas Brasch nie sein, obwohl er das dazu Zeug gehabt hätte. Er trug Lederjacken, rauchte in Talkshows, er kannte Kraftausdrücke und benutzte sie auch und neben seinem Werk hatte er ein Leiden an Deutschland, das er jedoch nicht als exemplarisch vermarkten wollte. Als Brasch 1981 für seinen ersten Spielfilm Engel aus Eisen der durch Franz Josef Strauß Bayrische Filmpreis übergeben wurde, bedankte er sich bei der Filmhochschule der DDR. Die Empörung über ein solches Verhalten war vorhersehbar. Aber Brasch, der in der DDR die Filmhochschule besucht hatte, sie ohne Abschluss verlassen musste und 1976 mit seiner Lebensgefährtin Katharina Thalbach in den Westen gekommen war, ging es nicht um einen billigen Effekt oder um Häme, er wollte nur nicht für politische Zwecke instrumentalisiert werden.

 

Nach seiner Übersiedlung nach West-Berlin wurde er mit hohen Vorschussangeboten und –lorbeeren bedacht und von der Presse umworben. Nichts davon wollte er annehmen, schon gar nicht um den Preis, der, wie er meinte, dafür gefordert wurde: zu sagen, wie viel besser es im Westen sei, wie viel schlimmer im Osten. Über Deutschland zu urteilen lehnte er ab. „Eine Katze“, sagte er, „kann immer nur die Wunden untersuchen, die sie selbst hat.“ Es ist, als habe Brasch von der Öffentlichkeit nachträglich für seine Unwilligkeit bestraft werden sollen.

 

Obwohl Engel aus Eisen und Der Passagier sogar bei den Filmfestspielen in Cannes als deutsche Beiträge im Wettbewerb liefen, war bis jetzt keiner seiner Filme im Handel erhältlich. In der nun erschienenen DVD-Kollektion ist endlich praktisch alles enthalten, was Brasch vor und hinter der Kamera unternommen hat: Zunächst sind das drei Kinofilme und eine Inszenierung seines eigenen Theaterstücks Mercedes, 1984 für das niederländische Fernsehen produziert, außerdem eine Reihe von Interviews, das eingangs erwähnte Statement Braschs anlässlich der Verleihung des Bayrischen Filmpreises, ein Gespräch mit Günter Grass und der von Georg Stefan Troller in der Reihe Personenbeschreibung 1977 für das ZDF gedrehte Dokumentarfilm über Brasch.

 

Engel aus Eisen

Es gibt in Engel aus Eisen eine Szene, in der die Bande des jungen Räubers Gladow von der Polizei abgeführt wird, begleitet von einem erst schwer zu verstehenden, vielstimmigen Sprechgesang aufgebrachter Bürger. Sie stoßen Holzstangen und Knüppel auf den Boden, dazu skandieren sie: „Berlin ist nicht Chicago! Berlin ist nicht Chicago!“ In Amerika drüben, da lässt sich vielleicht eine Großstadt vom organisierten Verbrechen beherrschen, hier ist das unmöglich, soll das heißen. Es ist aber gleichzeitig eine Aussage über den Film.

 

Brasch erzählt eine Kriminalgeschichte, die sich auch als bleihaltige und temporeiche Gangsterballade inszenieren ließe. Der siebzehnjährige Schüler Gladow (Ulrich Wesselmann) führt eine Bande an, die generalstabsmäßig geplante Einbrüche durchführt. Informationen über geeignete Objekte erhält er von dem älteren Völpel (Hilmar Thate), einem ehemaligen Henker, der im Auftrag der Alliierten Kriegsverbrecher hinrichtete und inzwischen Hilfstätigkeiten für die Polizei erledigt.

 

Aber Berlin ist nicht Chicago und Brasch tut auch nicht so. Seine Dramaturgie ist nicht die des amerikanischen Kinos, sondern eine, die sich in den Dienst der Bilder stellt, mit denen sie das Geschehen erzählt. Die Stadt ist deshalb weniger Setting oder Kulisse, als Figur und der Blick auf Berlin ist ein fotografischer, manchmal an Walker Evans erinnernd, oder an Robert Bresson.

 

Hinter der Kamera stand in Engel aus Eisen Walter Lassally, der einen Oscar für Alexis Sorbas gewonnen hatte. Für Brasch drehte er langsame, manchmal fast statische Einstellungen in klarem schwarzweiß, als habe er nicht Braschs Drehbuch, sondern sein Gedicht über Gladow bebildert, das so endet: „Der Tote mit aufgerissenem Auge/hat weiße Strümpfe an./Die Straße liegt still, ein heller Morgen/so fangen die schönsten Tage an.“

 

Brasch selbst sprach von der Schönheit dieser Geschichte. Sie besteht auch darin, dass sie ihm die Möglichkeit bot, einen politischen und gesellschaftlichen Widerspruch ästhetisch aufzulösen. Engel aus Eisen spielt während der Zeit der Blockade Berlins, die Westsektoren werden über die Luftbrücke versorgt. Der Machtkampf der Alliierten schafft eine Situation, in der die Kriminellen leichtes Spiel haben, weil sie von einer Zone in die andere wechseln und die Polizei sie jeweils nicht verfolgen kann. Es ist ein Ausnahmezustand, karnevalesk und historisch zugleich. Das Ende der Gladow-Bande kommt, als es am Himmel plötzlich still wird, weil die Blockade beendet ist.

 

Domino

In Domino, der 1982 als kleine Etüde begann und sich zu einer richtigen Produktion auswuchs, ist Berlin abermals mehr Protagonist als Schauplatz, eine halbe Stadt, der ihr Gegenstück fehlt, wie der menschlichen Hauptfigur. Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr verbringt die junge Schauspielerin Lisa (Katharina Thalbach) zum ersten Mal allein.

 

Sie tritt auf, begegnet dem Regisseur Lehrter (Bernhard Wicki), dessen Ruhm verblasst und der sie als Stella besetzen will, einem erfolglosen Stückeschreiber, den sie in ihre Wohnung mitnimmt, bietet dort auch zwei Prostituierten Quartier, die sich der Stückeschreiber bestellt hat. Noch immer leben die Menschen in Angst vor dem nächsten Krieg. Da sucht jemand eine Straße, Lisa kennt sie nicht und überlegt: „Vielleicht haben se sie umbenannt?“ – „Watt denn, watt denn“, entgegnet der andere, „so plötzlich? So watt kommt doch nur nachm Krieg.“ Die zweite Angst, die umgeht, ist die vor der Arbeitslosigkeit.

 

Ein Sozialdrama ist der Film, trotzdem zu keinem Moment. Das liegt abermals an den Bildern und ebenso an Katharina Thalbach, die für Brasch das war, was Giuletta Masina für Fellini war, und auf deren Präsenz hier der ganze Film zugeschnitten ist. In den Tagen, in denen die Kamera ihr Leben begleitet, fasst sie den Entschluss, nicht länger Schauspielerin sein zu wollen, und zuletzt verschwimmen in ihrer Wahrnehmung die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Einbildung, während Berlin von Schnee eingehüllt ist wie von einer schützenden Decke.

 

Der Passagier - Welcome to Germany

Für Der Passagier engagierte Brasch 1987 mit Tony Curtis einen Hollywoodstar und besetzte mit ihm, der bis dahin fast nur in Komödien gespielt hatte, die Rolle des Regisseurs Cornfield, der aus den USA nach Deutschland kommt, um dort einen Film zu drehen. Er will seine eigene Geschichte aufarbeiten und auch seine Schuld. Der Film soll von den Dreharbeiten zu einem Film erzählen, der 1942 von der UFA geplant wurde und für den 13 Juden aus einem Konzentrationslager als „authentische“ Komparsen benötigt wurden. Nur einer von ihnen hat überlebt, indem er einen Verrat an einem Freund beging. Brasch wollte eine stereotype Rollenvorstellung durchbrechen, indem er einen Juden zeigte, der ein Opfer war und gleichzeitig kriminell.

 

Mit dem Film im Film führte er eine zweite Ebene ein und beide für sich funktionieren, aber nicht die Gelenke dazwischen: Nachträglich gedrehte und als visuelle Passagen zwischen den Zeiten gedachte Szenen, in denen die Schauspieler im Bus sitzen und ihr Skript diskutieren, sind hölzern und ohne die Aufmerksamkeit für die Bilder, um die es Brasch eigentlich ging. Er möge Buntfilme nicht, also Filme, in denen Farben unkontrolliert wie im Leben vorkommen, erklärte er. In Der Passagier ist ihm die Kontrolle stellenweise entglitten. Tatsächlich sind Licht und Farben auch hier mehr als funktional eingesetzt, das leitmotivische Rot steht für das Blut, das nicht zu sehen ist, aber die Frisuren und Trenchcoats erinnern doch an ein Grönemeyer-Video aus seiner Bochum-Phase.

 

Gesang zwischen den Stühlen

In Domino schreit Thalbach bei der Probe von der Empore: „Habt Ihr’s immer noch nicht begriffen? Das Alte geht nicht und das Neue auch nicht und jetzt sitzt Ihr da!“ Brasch saß auch da, zwischen den Stühlen und den beiden Hälften Deutschlands. Zwischen 1982 und 1989, in den Jahren von Helmut Kohl, Waldsterben und Tschernobyl, zwischen den Repräsentanten der Nachkriegsliteratur und denen der Post-DDR, steckte Brasch als Autor fest. Als Regisseur kam er zu spät, um am Aufbruch der Filmemacher in den späten 1960er Jahren zu partizipieren, den neuen neuen deutschen Film der Berliner Schule gab es noch nicht. Er arbeitete an Tschechow- und Shakespeareübersetzungen, schrieb Stücke und Gedichte, aber alles, besonders die Prosa, von Vor den Vätern sterben die Söhne über Kargo bis zu Mädchenmörder Brunke, hat einen fragmentarischer Charakter.

 

Die Filme dagegen, zumindest die beiden ersten, sind von höchster Präzision und Geschlossenheit. Engel aus Eisen und Domino sind deutsche Filme, die nichts „Deutsches“ an sich haben, zu lyrisch und ästhetisiert sind die Bilder. Heinrich Böll schrieb, dass der kennzeichnende Geschmack deutscher Städte in den Jahren nach dem Krieg der Staub gewesen sei, der über den Trümmern hing. Von dem ist in Engel aus Eisen nichts zu sehen. Zwar sortieren Frauen Backsteine aus den zusammengestürzten Häusern, doch die Bilder sind ohne Trübung, mit scharfen Konturen und Kontrasten, scharf wie die Klinge der Guillotine, auf die Gladow sich in der eindringlichsten Szene probeweise schnallen lässt.

 

Auch Domino hat diese Klarheit. Man sieht keine gelben Telefonzellen, Hornbrillen und Steinhägerflaschen, alles Dumpfe, was Tatort-Filme an ihre Zeit bindet, ist vermieden. Und doch liegt gerade in der Ästhetik das politische Moment. „Ich kann nur glauben“, sagte Brasch einmal, „daß Filmemachen, Bildermachen von einer Welt, den Wunsch beinhaltet nach einer Alternative zu der Art, wie wir leben. Es gibt in jeder Beschreibung etwas, das gleichzeitig der Stachel und die Aufforderung ist, die Verhältnisse zu ändern.“

 

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