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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 23. August 2017 | 00:25

    re:publica 2010 - Ein Messebericht

    19.04.2010

    Worum sich die Welt dreht

    ALÉA TORIK ist für TITEL über die Internet-Messe geschlendert, hat den Teilnehmern ins Gesicht und aufs Display geschaut und sich ihre Gedanken gemacht.

     

    Die re:publica 2010 fand in der vergangenen Woche im Berliner Friedrichstadtpalast und der benachbarten Kalkscheune statt. Mit 2500 Besuchern war die Veranstaltung ausverkauft. Schaut man sich das Programm an, erkennt man schnell, dass die re:publica keine reine Blogger-Veranstaltung ist. Hier wurden größere Fragen gestellt, als die wie man sein Blog aufmöbelt oder was ein Hashtag ist, obwohl auch Seminare zu neuen Tools und zur Begrifflichkeit angeboten wurden. Es ging vielmehr um generelle, um gesellschaftspolitische Fragen, um Transparenz und Datenschutz. Darum, dass global operierende Internetfirmen wie Google inzwischen mehr Macht ausüben als so manche politische Institution. Wenn vor einiger Zeit die EU Microsoft wegen kartellrechtlicher Verstöße bestrafte, wird das in Zukunft vielleicht anders ablaufen: dann droht womöglich Facebook Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner sich aus Deutschland zurückzuziehen, sollten hier nicht die Datenschutzbestimmungen an die Anforderungen des 21. Jahrhunderts angepasst werden.

     

    Vor allem aber ging es in den Veranstaltungen darum, wie das Internet – und Blogger fühlen sich als die ersten Diener dieses grenzenlosen Staates – die Welt verändert. Und wie die, die diese Welt beleben, sich dadurch verändern. Wie werden wir in Zukunft leben und arbeiten, wie werden wir lieben und wovon werden wir träumen?

     

    Ich habe mich von meinen eigenen Interessen leiten lassen und den Eröffnungsvortrag von Jeff Jarvis mitgemacht, eine Veranstaltung zum Thema Identität, eine Diskussion zum Thema Urheberrecht im Netz, zu dem die Heinrich-Böll-Stiftung eine Publikation herausgegeben hat: „Copy. Right. Now!“ , eine zu explizit feministischen Positionen, eine über Sexismus im Netz, eine zu autobiografischem Schreiben und eine letzte zum Thema Sozialkontakte jenseits jedweder Vernetzung: die Abschlussparty. Den Mann meines Lebens habe ich an dem Abend nicht kennengelernt, aber die Erkenntnis meines Lebens habe ich an den drei Tagen auch nicht erhalten.

     

    Die erwartete Typologie bewahrheitete sich in etwa, die Teilnehmer waren überwiegend Vertreter des männlichen Geschlechts, technikaffin, mit kleinen und mittelgroßen Gerätschaften ausgestattet, vorzugsweise von Apple. Manch einer, schien es, schleppte gleich die gesamte Produktpalette dieser Firma mit sich herum. Geräte jedenfalls, mittels derer sie sich Zutritt zu jener anderen Welt verschafften, um die es sich bei dieser Veranstaltung hauptsächlich drehte. Noch braucht es diese Geräte, um aus der Welt des Kohlenstoffs in die des Netzes zu gelangen. Noch sind das zwei verschiedene Welten.

     

    Man schrieb für Zeitungen und Magazine, bediente sein Blog, seinen Twitteraccount, fragte seine Mails ab, lud irgendetwas rauf oder runter oder versuchte unter Zuhilfenahme von google-earth den Weg zur Toilette ausfindig zu machen. In den Veranstaltungen herrschte ein Rein und Raus, das galt nicht nur für die abbröckelnden Ränder in Türnähe, wo sich jene aufhielten, die noch nicht wussten, ob sie die Angelegenheit interessierte. Unterstellt man – und ich arbeite mir dieser Unterstellung – dass andere Menschen auch nicht auf Fähigkeiten zugreifen können, die einem selbst nicht zur Verfügung stehen, dann musste man zu dem Schluss kommen, dass hier nur in wenigen Fällen die ganz große Konzentration vorherrschte.

     

    Die meisten Menschen zeigten hier offenbar jenes Verhalten, dass sie auch im Netz zeigen. Alles andere wäre allerdings auch eher verwunderlich. Ein Verhalten, das sich etwa so beschreiben lässt: Man steckt überall die Nase rein. Nur nicht sehr tief. Man hat hundert Feeds abonniert und tausend Links in seinem Browser. Man hat zwei Dutzend Fenster und Tabs offen und springt von einem ins andere. Man ist überall gleichzeitig und nirgends für lange.

     

    Ist das Internet die zweite kopernikanische Wende?

    Sind das die modernen Verhaltensweisen? Sind die jungen Menschen von heute so, Menschen wie ich? Sind wir durch diese De-Zentralisierung wirklich unkonzentriert? Sind wir nicht mehr in der Lage, Zusammenhänge zu erkennen oder einer Argumentation zu folgen, weil wir zu bedingungslosen Anhängern des Multitasking geworden sind? Und zu seinen Opfern. Oder ist es vielmehr so, dass die logisch deduktive Welt Kants und Hegels auch nur Ausdruck des damaligen Weltverständnisses war? Wie das, was wir tun, Ausdruck unseres heutigen ist. Sodass die dialektisch fließende Betrachtung der wirklichen Welt nicht ähnlicher oder weniger ähnlich ist als eine hüpfende, die hierhin springt und dorthin und die scheinbar zufällig ihre Betrachtungen einfängt und miteinander kombiniert? Verändern sich unsere Fähigkeiten nicht vielmehr entsprechend einer sich verändernden Welt, und sie passen sich ihr heute ebenso an wie sie das zu jeder anderen Zeit auch getan haben?

     

    Die Welt verändert sich nun einmal und sie nimmt diejenigen mit, deren kulturelle Fähigkeiten sich ebenfalls verändern. Die andern lässt sie stehen. Ist das Internet die zweite kopernikanische Wende? Von einer Wende sprechen wir seit den Formulierungen Immanuel Kants in der Kritik der reinen Vernunft: „Es ist hiermit ebenso, als mit den ersten Gedanken des Kopernikus bewandt, der, nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fort wollte, wenn er annahm, das ganze Sternheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen, und dagegen die Sterne in Ruhe ließ.“ Wer jetzt noch glaubt, dass die Sonne sich um die Erde drehe, weil die der Mittelpunkt der göttlichen Schöpfung ist, der hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Oder?

     

    Vielleicht sind die Welten sich doch ähnlicher als viele uns weismachen wollen. Dann wäre das Internet, wie profilierte Adepten vom Schlage eines Jeff Jarvis meinen, nicht der bessere Platz im Leben, sondern nur ein anderer. Ein anderer Platz, den man aber so einnehmen muss, wie man das von Plätzen bisher kennt: man muss sie besetzen. Nur weil man ein Blog im Internet hat, gehört man noch nicht zur Avantgarde. Das Netz hat vielerorts längst seinen utopischen Charakter eingebüßt. Es ist zu einer Art Nebenwelt geworden, wo wir nicht anders sind als sonst auch. Wo keine anderen Gesetze gelten und wo auch jenes Gesetz gilt, dem man in den Anfängen vielleicht gerade zu entfliehen suchte, das Recht des Stärkeren. Auch das Netz funktioniert nach ökonomischen Kriterien und auch hier lauern die kapitalistischen Hyänen Angebot und Nachfrage.

     

    Ich habe mich von meinen eigenen Interessen leiten lassen und die sind literarischer Natur. Im Netz ist alles gleichermaßen Information. Narrative Qualität ist da meist nicht gefragt. Während in den klassischen Medien stark gefiltert wird, was veröffentlichbar ist und was nicht, gibt es in der Blogsphäre sehr viel weniger Beschränkung. Da muss man seine eigenen Filter setzen. Das führt dazu, dass sich jeder sein eigenes Urteil über die Qualität des Angebots machen muss. Und manchmal führt es auch dazu, dass die Filter undicht werden und man einfach alles konsumiert oder alles ignoriert.

     

    Nur das Lebendige hat die Kraft, sich zu verändern

    Thomas Hettche, Schriftsteller ohne Blog, schrieb vor Kurzem in der FAZ einen Artikel über Literatur im Wandel und er ist nicht sonderlich angetan von Netzliteratur und Blogs. Man merkt ihm die Angst an. Es ist die Angst um die Literatur, nicht um die eigene Haut. Dort spielt dann auch „das aufmerksamkeitsheischend kleptomane Fräulein Hegemann“ eine Rolle. Leider wird dann einiges über den Löffel balbiert, der Autor nimmt kein einziges Blog zur Kenntnis und übersieht im Eifer des Gefechts sogar, dass es sich bei Frau Hegemann nicht um eine Bloggerin handelt. In einer Replik im FREITAG antwortet dann Alban Nikolai Herbst, Schriftsteller mit Blog, und wehrt sich gegen die pauschalen Zumutungen Hettches.

     

    Die Abwehr Hettches geht soweit, dass alle Veränderungen – die es nicht erst gibt, seit Blogs im Internet betrieben werden und auch nicht, seit deren Betreiber sich für Literatur interessieren – an den Pranger gestellt werden. Literatur, klagt er, verkomme zum Event, wodurch es „eine tiefgreifende Veränderung des Verhältnisses der Leser zu Autor und Werk“ gebe. Dabei bemerkt er offenbar nicht die große Chance, die darin liegt. Denn die Literatur ginge ohne diese Veränderung womöglich unter. Im Netz sind neue und experimentelle Formen möglich, wie beispielsweise die Bibliotheca Caelestis von Hartmut Abendschein. Innovative Literatur hat immer auch mit der Form gespielt. Literatur ist Veränderung. Sie verwandelt, sie erfindet. Das ist lebenswichtig. Nur das Lebendige hat die Kraft, sich zu verändern.

     

    Dass im Netz nicht alles im Bereich des optimal Möglichen verhandelt wird, ist keine Frage. Aber würde es von den klassischen Medien so verhandelt, gäbe es den virtuellen Markt vielleicht gar nicht. Die Tatsache, dass nicht alles optimal ist, ist einer der Gründe dafür, dass es Kunst und Literatur überhaupt gibt. Diese Differenz ist ein Grund für die Phantasie. Von daher bleibt zu hoffen, dass der Abstand dieser beiden Welten, die der Möglichkeit und die der Wirklichkeit, möglichst bestehen bleibt.

     

    In Gesprächen und Diskussionen wurde gefragt, ob Bloggen eine Freizeitbeschäftigung ist wie Jonglieren oder ein Lebensentwurf. Womöglich ist allerdings auch Jonglieren ein Lebensentwurf. Das Netz bietet genug Platz für viele solcher Entwürfe. Allerdings ist ja mit Jonglierern in der realen Welt schon nicht viel Geld zu verdienen, wie sieht das dann erst in der virtuellen Welt aus? Dies ist ein Thema, das die Leute umtreibt, dass sich mit Bloggen nur in Ausnahmefällen Geld verdienen lässt. Thema ist auch, dass Blogger von den klassischen Medien als Konkurrenz betrachtet werden. Es wurde gefragt, warum so wenige Frauen in den oberen Rängen der Blogcharts zu finden sind. Es wurde auch gefragt, ob die Anonymität ein Vorteil oder ein Nachteil ist. Sind wir vor dem Bildschirm einsamer oder bietet sich gerade die Möglichkeit, die Einsamkeit zu überwinden? Kommt man im Netz zu anderen oder kommt man nur von der eigenen Einsamkeit zu der Einsamkeit der anderen?

     

    Am Ende eines Vortrags – ich weiß gar nicht, worum es da ging, ich wollte zu der Nachfolgeveranstaltung – als man bereits bei den Fragen angekommen war, wusste der Vortragende einen Moment lang nicht weiter und sagte, mit der Stimme des Resignierten, der dann unverhofft auf die Lösung seines Problems stößt: „Da gehen Sie am besten einfach mal ins Internet.“ Woraufhin der Saal schallend lachte und Beifall klatschte. Auf die Idee wäre hier wirklich niemand gekommen.

     

    Heute stellt man bisweilen noch die Frage, wo und wie man ins Internet kommt. Morgen ist die Frage vielleicht schon eine andere. Morgen fragt man sich, wie man wieder heraus kommt.

     

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    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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