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Überlegungen zu Michael Ende

30.11.2009

Phantásien ist keine Falle

Über das Ewig-Kindliche in Erinnerung an Michael Ende, der am 12. November 80 Jahre alt geworden wäre. Von MARTIN BEYER

 

Bastian Balthasar Bux hat es wirklich nicht leicht. Der kleine, etwas dickliche Junge, oft gehänselt in der Schule, macht sich zum gemeinen Dieb, indem er in einem Antiquariat ein Buch entwendet. Schamesrot und am Ende seiner Kraft sperrt er sich auf dem Dachboden seiner Schule ein – und beginnt zu lesen. Das Buch trägt den Titel: Die unendliche Geschichte. Erst nach und nach bemerkt Bastian, dass er es womöglich gar nicht gestohlen hat, sondern dass es für ihn bestimmt ist.

Worum geht es in dieser Geschichte? Der grünhäutige Atréju, ebenfalls noch ein Knabe, wird auserwählt, die Welt Phantásien zu retten. Das Reich der Kindlichen Kaiserin ist von einer rätselhaften Krankheit befallen: Das Nichts breitet sich aus und droht alles zu zerstören, ganze Landstriche sind bereits verschwunden. Atréju sucht fieberhaft nach einem Heilmittel, nur um letztlich zu erfahren, dass nicht er, sondern ein Menschenkind das Nichts besiegen kann, indem es der Kaiserin einen neuen Namen gibt. Seine gesamte Abenteuerfahrt hatte nur ein Ziel: Bastian Balthasar Bux davon zu überzeugen, dass er dieses Menschenkind ist.

Die Krankheit Phantásiens hängt nämlich unmittelbar mit den Menschen zusammen, beiden Welten geht es nicht gut. Das Nichts breitet sich aus, weil die Menschen die Kindliche Kaiserin und ihr Reich vergessen haben. Die Figuren Phantásiens, vom Nichts geschluckt, werden in der Menschenwelt zu gemeinen Lügen, zu Albträumen, die man schnell verdrängen möchte. Doch je mehr die Menschen vergessen und verdrängen, desto kränker werden auch sie. Sie werden zu phantasielosen Automaten, ohne Kenntnis dieser tiefen und grenzenlosen Welt der Träume und Sehnsüchte, die in ihnen schlummert. Leider fällt es ihnen nicht einmal auf.

Bastian erfährt dies alles aus dem gestohlenen Buch. Das Buch spricht zu ihm, es kennt seinen Namen! Und er soll der Auserwählte sein? Es bedarf noch einiger Anstrengung, um den Jungen wirklich zu überzeugen. Doch schließlich, als Phantásien kurz vor dem Untergang steht, reißt er das Fenster des Dachbodens auf und brüllt den neuen Namen der kindlichen Kaiserin in die Nacht. Bastian übertritt so endgültig die Schwelle in eine andere Welt, er wird der Retter Phantásiens – aber wird er auch der Retter der Menschenwelt?

 

Das Traumkraut ist keine gültige Währung mehr

Michael Endes Roman Die unendliche Geschichte erschien erstmals vor dreißig Jahren, der Autor selbst wäre am 12. November 80 Jahre alt geworden. Man könnte jetzt Loblieder anstimmen, sentimental werden oder mit Tocotronic singen: „Michael Ende, du hast mein Leben zerstört!“ Man könnte aber auch einfach fragen, was denn aus dieser Krankheit geworden ist, die in der Unendlichen Geschichte Phantásien befällt und auch die Menschheit gefährdet. Gibt es sie noch? Hat sie sich gebessert oder verschlimmert? Und aus welchem Traumkraut wird überhaupt das Heilmittel gekocht? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, muss man schon ein bisschen wühlen, in Michael Endes Zettelkasten, der nach seinem Tod zu einem Teil veröffentlicht wurde und Skizzen, Gedichte oder einfach nur Ideen enthält. Und eine für das Selbstverständnis Michael Endes wichtige Rede.

Auf einem Kongress in Tokyo 1986 spricht der Autor „Über das Ewig-Kindliche“. Er versucht, eine Frage zu beantworten, mit der er immer wieder konfrontiert wurde: Warum er für Kinder schreibe. Er schreibe nicht nur für Kinder, betont Ende, sondern er schreibe für das Ewig-Kindliche im Menschen, und dieses Ewig-Kindliche stecke eben auch in Erwachsenen, es ist nur zumeist verborgen, verleugnet, versteckt. Solch einen Erwachsenen nennt Ende charmelos ein „Krüppelwesen, das in einer entzauberten, banalen, aufgeklärten Welt sogenannter Tatsachen existiert“. Die Parallele zur Unendlichen Geschichte ist offensichtlich, denn hier drohen die Menschen zu Krüppelwesen zu werden, wenn sie Phantásien untergehen lassen. Was für den Roman gilt, gilt auch für die Realität.

Michael Ende stellt in dieser Rede die Ausgangsfrage also anders: Warum schreibt er überhaupt? Er spricht in der Folge in Schiller-Manier vom freien Spiel der Phantasie, er spricht von Schönheit und von Humor. Und er polemisiert gegen eine Weltvorstellung, die all dies nicht mehr zu kennen scheint, die alles auf elektrochemische oder hormonelle Prozesse im Hirn reduziert, oder auf die Gesetze der Entropie. Ein Weltbild, so Ende, das dem Menschen Würde und Freiheit raubt. „Es ist an der Zeit, diesem Weltbild ein anderes entgegenzusetzen, das der Welt ihr heiliges Geheimnis und dem Menschen seine Würde zurückgibt. An dieser Aufgabe werden die Künstler, die Dichter und Schriftsteller einen wichtigen Anteil haben, denn ihre Arbeit ist es, dem Leben Zauber und Geheimnis zu verleihen.“ Wahre Poesie sei immer aus einer Ganzheit von Kopf, Herz und Sinnen geboren, eine Ganzheit, die bereits Schiller in seinen „Briefen über die ästhetische Erziehung“ angestrebt hat, wenn er von einer Totalität des Charakters spricht.

Worin besteht also der Mangel, was ist diese Krankheit, die Phantásien beutelt und die Menschen zu unvollständigen, phantasielosen Hormonklumpen werden lässt, die sich eines Tages in Wärme umwandeln werden?

Man könnte sie als eine Abart der Schizophrenie bezeichnen. Denn eigentlich geht alles ja gar nicht so schlecht los. Den jungen Menschenwesen wird artig etwas vorgelesen, sie dürfen sich für eine gewisse Zeit in ihren Phantasiewelten verlieren und von Elfen, Kobolden und dem Weihnachtsmann träumen. Kindheit, nennt man das. Märchen, Mythen und frei spielende Phantasie werden also kurzzeitig akzeptiert, um dann alles, wenn die Zeit beziehungsweise der Mensch reif ist, als falsch, minderwertig, a-logisch abzukanzeln und zu verdrängen. Was dann folgt, so Ende, ist der „Klotzmaterialismus“ der Erwachsenen. Von Phantásien keine Spur, kein Atréju, nirgends, das Traumkraut ist keine gültige Währung mehr.

Diese Diagnosen von Ende sind natürlich keineswegs frei von Polemik, steilen Thesen und manchmal kräftigen Vereinfachungen. Die Gegenüberstellung von Vernunft und Phantasie ist mitunter schlicht, aber der Ursprung der von Ende diagnostizierten Krankheit liegt genau in dieser Trennung. Ende hat diese Diskussion auch nicht erfunden, das alles ist nicht die Ausgeburt eines schriftstellernden Hypochonders, sondern hat seit der Romantik Tradition.

 

Die Rückkehr ist das Entscheidende

Der kleine Bastian also, um ihn nicht zu vergessen, hat in Phantásien alle Möglichkeiten. Ausgestattet mit einem mächtigen Amulett kann er sich alles wünschen, schnell steigt er zu einer großen Figur im Traumreich auf. Bastian macht einige Fehler, aber lernt dabei auch viel. Vor allem, dass seine Idealvorstellung eines Helden nur auf Äußerlichkeiten beruht. Wahre Stärke liegt ganz woanders. Bastian lernt, tiefenpsychologisch gesprochen, sein Unterbewusstsein kennen, sein persönliches Traumreich. Die Archetypen, die sich darin tummeln, die tückische Hexe Xayíde, diverse Mentoren und Schwellenhüter, schließlich sein positiver Schatten Atréju, all diesen Figuren muss Bastian begegnen, um seinen wahren Willen zu finden – und um dann, verwandelt, in seine ursprüngliche Welt zurückzukehren. Jetzt erst kann er beide Welten miteinander versöhnen.

Die Rückkehr ist das Entscheidende. Viele, die wie Bastian den Weg der Wünsche in Phantásien angetreten sind, haben sich in dieser Welt verloren, und damit ihren Verstand. Sie landen in einer merkwürdigen Stadt, die Alte-Kaiser-Stadt, wo alles schief und krumm, wo alles buchstäblich ver-rückt ist. Auch Bastian endet beinahe dort, bis er doch noch herausfindet, was das eigentliche Ziel seiner Reise ist. Phantásien wird ihm nicht zur Falle.

Michael Ende ist kein reiner Anti-Aufklärer, er zählt bei aller Polemik gegen den „Klotzmaterialismus“ nicht zu jenen, die das verlorene Paradies, die süße Regression, den blanken Eskapismus als einzige Alternative sehen. Er bemüht sich um die Integration beider Welten, der Welt der Vernunft und des Traumes, der Technik und des Gefühls. Der Mensch wird nur ein Krüppelwesen, wenn er seine innere Phantasiewelt, die er als Kind noch für den Mittelpunkt halten durfte, verliert. Umgekehrt ist die aktuelle Flucht in die Kinderwelt nur eine marktgesteuerte Pseudo-Infantilisierung, ein Retro-Trend, ohne dass die Menschen die von Ende diagnostizierte Krankheit wirklich überwinden würden. Sie werden dadurch nicht stark – Phantásien rückt nicht näher.

Michael Ende war natürlich nicht der Erste, der Vernunft und Phantasie versöhnen wollte. E.T.A Hoffmann beschrieb bereits die Suche nach einer produktiven Phantasie, die eben nicht völlig losgelöst vom menschlichen Leben ist, in einem eindrucksvollen Bild: „Ich meine, dass die Basis der Himmelsleiter, auf der man hinaufsteigen will in höhere Regionen, befestigt sein müsse im Leben, dass jeder nachzusteigen vermag. Befindet er sich dann, immer höher und höher hinaufgeklettert, in einem fantastischen Zauberreich, so wird er glauben, dies Reich gehöre auch in sein Leben hinein und sei eigentlich der wunderbar herrlichste Teil desselben.“

Wer Michael Ende auf dieser Himmelsleiter folgt, kommt mitunter hoch hinaus. Man muss nur aufpassen, dass man nicht herunterfällt.

 

Hello Kitty, komm spiel mit mir!

Derzeit wird das Ewig-Kindliche allerdings in einem ganz anderen Zusammenhang diskutiert. „Baby für immer“ betitelte der Schriftsteller Joey Goebel die vermeintliche Infantilisierung seiner Generation. Babybrei essende Erwachsene spielen Super Mario auf ihrer Spielkonsole und sehen sich Ice Age 3 im Kino an. Für wenige Stunden wollen sie dem Erwachsensein entfliehen. Eine süße Flucht, zeitweise sind sie vor allen Schlechtigkeiten der Außenwelt befreit. „Statt auf die Straße zu gehen“, schreibt Tobias Becker im Spiegel, „heißt ihr Protest radikale Regression: ‚Harry Potter‘, Hello Kitty, Playstation.“

Müsste Michael Ende jetzt aber nicht sagen: „Ist doch prima! Genau das wollte ich!“ Die Geschöpfe Phantásiens erscheinen den Menschen nicht mehr als Lüge, sondern sie werden ganz selbstverständlich in die sogenannte Realität integriert. Wir sind auf Du und Du mit unseren Traumwesen, hello Kitty, komm spiel mit mir!

Doch die Sache liegt leider anders, und Michael Ende hätte dieser Tage sicher einiges zu schreiben – wenn er nicht längst resigniert hätte. Denn der Rückgriff auf die Hörspiele der Kindheit, der Löffel im Kinderbrei und die Hand am Joystick bedeuten längst kein echtes Verstehen und Anwenden der menschlichen Phantasie. Im Gegenteil. Es geht eben nicht um das heilige Geheimnis des Menschen und um dessen Würde, es geht nicht um die Schillersche Totalität des Charakters, es geht auch hier um Kulturindustrie, um Rezeption von Vorgegebenem, um Mainstreamisierung und Globalisierung. Sicherlich hätte Ende die Popularität der Harry-Potter-Bücher gefreut, aber auch um den Zauberschüler kam eine gigantische Marktmaschinerie in Gang, eine Maschinerie, mit der Michael Ende Anfang der 1980er selbst konfrontiert wurde. Die Verfilmung der Unendlichen Geschichte von Wolfgang Petersen und Bernd Eichinger löste beim Autor eine schwere Lebenskrise aus. Er zog verbittert seinen Namen aus dieser Produktion zurück, gerade weil buchstäblich nur ein Produkt übrigblieb, das den Menschen ihre Phantasie eher gestohlen hat, als dass es sie gefördert hätte. Eine paradoxe Situation, wenn man bedenkt, um was es in diesem Buch eigentlich geht.

 

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