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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. April 2017 | 15:09

     

    Eine Besichtigung der Medienlandschaft nach der jüngsten Walserei

    23.02.2004



    Der Sommer der Ressentimentalisten

     

    Ich ging in die Ferien, als die jüngste Walserei ausbrach. Dort, wo ich mich rund 3 Wochen aufhielt, im Süden Frankreichs, wäre es schwierig gewesen, an deutsche Blätter zu kommen. Ich habe es nicht versucht – um meinen „Seelenfrieden“ (Martin Walser) wenigstens im Urlaub zu bewahren. Gute Freunde, die wussten, dass ich seit geraumer Zeit verfolgt habe, wie Martin Walser Wind sät, haben jedoch akribisch gesammelt, was der Sturm, den er im deutschen Blätterwald diesmal erntete, ihnen zugetragen hat: Meldungen, Glossen, Leitartikel, Interviews, Essays und Rezensionen; und was den zuhause gebliebenen Freunden zwischen FAZ, Handelsblatt, SZ, Spiegel, DIE ZEIT, FR, Die Welt & NZZ entgangen war, habe ich mir noch zusätzlich aus dem Internet (Perlentaucher u.a.) besorgt. Alles in allem ist daraus ein Konvolut von Blättern hervorgegangen, das als Computer-Ausdruck leichthin den Umfang der 219 Seiten des „Tod eines Kritikers“ erreichte: ein Spiegelbild des deutschen Literatur- & Feuilleton-Betriebs, das weitaus perspektivenreicher, spannender & kontroverser seinen Gegenstand abbildet, als die literarisch katastrophale Spottgeburt, die der spermatogene Laichvorgang Walsers uns mit seinem Romanpamphlet zugemutet hat.

    Es gibt meines Wissens in der deutschen Literatur- & Verlagsgeschichte keinen vergleichbaren Skandal-Fall. Zum ersten, weil ein noch gar nicht erschienener „Schlüsselroman“ sein Gegenstand und zum zweiten, weil der Gegenstand des Buchs ein Kritiker ist, der zum Inbild dieser Profession im öffentlichen Bewusstsein geworden war; zum dritten aber, weil die Frontenbildungen in der Presse erkennbar nicht allein sich an dem Buch selbst, sondern ebenso sehr an medieninternen Bruchlinien wie an Sympathien/Antipathien für den Autor oder den von ihm zum Gegenstand gemachten Kritiker bildeten; zum vierten, weil das Pro und Contra zu Walsers Buch unmittelbar das Urteil über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eines der angesehensten deutschen Verlage tangierten, der genau in diesem Augenblick, aufgrund der schweren Erkrankung seines Verlegers, in einer Entscheidungskrise war. Aber vor allem ist der Fall einzigartig dadurch, dass Martin Walsers Roman „Tod eines Kritikers“ nicht nur als eine „Exekution“ und eine „wonnevolle Mordphantasie“, sondern auch als ein „Dokument des Hasses“, in dem „das Repertoire antisemitischer Klischees leider unübersehbar“ sei, öffentlich stigmatisiert wurde, bevor das Buch erschienen war. Mit diesen Worten begründete Frank Schirrmacher, der vor 3 Jahren vom damaligen „Friedenspreisträger“ Walser selbst bestimmte Laudator in der Paulskirche 1999, seine Entscheidung, diesen jüngsten Roman Walsers in der FAZ nicht vorabzudrucken. Der Schriftsteller hatte gewissermaßen ein Vorabdrucks-Abonnement in der FAZ – spätestens seit Schirrmacher Walsers Schlüsselroman „Finks Krieg“(1996) als vorab an sich und die FAZ gezogen hatte, obgleich der Titelheld einen kohlhaasischen Kampf im Frankfurter/Wiesbadener (CDU-)Regierungsmilieu gegen einen der FAZ eng verbundenen, persönlichen Referenten des CDU-Ministerpräsidenten und früheren Frankfurter Oberbürgermeister Wallmanns führte. Schirrmachers strategisch genialer Akt „repressiver Toleranz“ (Herbert Marcuse), die dem mainmetropolitanen literarischen Skandalon, das er zugleich unsinnigerweise in den höchsten Tönen literarisch nobilitierte, die fauligen Zähne eines „Schlüsselromans“ zog, war der Beginn einer „wunderbaren Freundschaft“ zwischen Walser und der FAZ. Sie dauerte, als skrupelloses Bündnis zu wechselseitigem publizistischem Nutzen, der seinen Zenit in der von der FAZ befeuerten und moderierten „Walser-Bubis-Debatte“ erreichte, sogar noch bis zum 10.Mai 2002, also bis 2 ½ Wochen bevor Schirrmacher am 29. Mai mit seinem Offenen Brief an den „Lieben Herrn Walser“ ihr ein lautstarkes & wortgewichtiges Ende machte.

    Chronik eines angekündigten Todes

    Am 10. Mai hatte Hubert Spiegel, der Literaturchef der FAZ, seinem gerade erschienenen beifälligen Bericht über ein englisches Walser-Colloquium, eine ebenfalls mit dem Autor sympathisierende Rezension hinterher geschickt. In ihr verteidigte er Walsers Berliner Auftritt auf einer SPD-Veranstaltung zum 8. Mai gegen mannigfache Kritik an Walsers „Geschichtsgefühl“ und seinen geschichtspolitische Thesen, mit denen er „Versailles“ zum Mitschuldigen am Nationalsozialismus erklärte. Spiegels FAZ-Verteidigung lag auf einer politischen Linie mit der seines unmittelbaren Vorgänger Thomas Steinfeld, der in der SZ als Literaturchef fungiert, seit eine Rochade von Feuilletonisten zwischen dem Münchner und dem Frankfurter Blatt stattgefunden hatte. Steinfeld, Ulrich Raulff, Lothar Müller und Franziska Augstein hatten sich im Frühjahr 2001 in Unfrieden von ihrem Chef Schirrmacher getrennt, weil dieser eher das Genom als neue Leitwährung des Feuilletons ausgab, als dessen klassische kulturelle Themenpalette weiter zu pflegen. Einige Jahre zuvor waren bereits nach einem missglückten internen Putschversuch, der den Sturz Schirrmachers zum Ziel hatte, die ersten seiner intellektuellen Prätorianergarde hochdotiert in die Hauptstadt geflohen. Gustav Seibt, Jens Jessen und Michael Mönninger sollten dem Feuilleton der „Berliner Zeitung“ überregionalen Glanz verschaffen. Die Blütenträume von der „Hauptstadt-Zeitung“ reiften jedoch nicht, nach und nach verließen die im intellektuellen Abseits rudernden Frankfurter Zugänge die „Berliner Zeitung“: Seibt wanderte über die ZEIT zur SZ, wo er sich im Kreise von deren Frankfurter Feuilleton-Neuzugängen wieder zuhause fühlte und Jessen wurde zum Feuilletonchef der ZEIT, so dass das FAZ-Feuilleton-Biotop an zwei konkurrierenden Blättern zwar ehemalige Schirrmachersche Hausgewächse sitzen hatte.

    Jedoch hatten alle mit ihrem ehemaligen Kollegen & Chef, der ihren Abgang und den damit verbundenen intellektuellen Aderlass unbeschadet überstanden & überlebt hatte und immer neue Talente ins Feld schickte, noch persönliche Rechnungen zu begleichen. Außer Lothar Müller haben sie jetzt Schirrmachers „Coup“, sich demonstrativ von Walser abzusetzen, als willkommenen Anlass ergriffen und mit Pawlowschen Reflexen darauf reagiert: Schirrmacher, die FAZ und Reich-Ranicki konnten nur Unrecht und der von ihnen „verfolgte“ Walser nur Recht haben. So wurde die Walser-R.R.-Fall- überlagert von der Gefallsucht der vermeintlichen „Schirrmacher-Opfer“, die zwar getrennt schlagend, um Walser herauszupauken, aber doch vereint zugleich über den publizistischen Hasardeur in Frankfurt endlich auch einmal siegen wollten.

    Unverkennbar bemühten sich jedoch, bevor der „Tod eines Kritikers“ dazwischen trat, FAZ und SZ durch Sympathiebekundungen und voraus- & nacheilende Inschutznahmen um den Schriftsteller vom Bodensee, wobei die FAZ traditionellerweise im Vorteil war, was Steinfeld in der SZ durch entschiedenere Parteinahme für Walser zu übertrumpfen suchte. Er hatte sich schon vorweg für Walser geschlagen, als Kritik an der SPD-Einladung Walsers zur 8. Mai-Veranstaltung mit dem Bundeskanzler von verschiedenen Seiten laut geworden war. Offenbar war auch der ZEIT-Herausgeber und ehemalige Kulturstaatssekretär, Michael Naumann, schon vor der Veranstaltung in den Besitz der Walserschen Rede gelangt und hatte dessen Thesen in der ZEIT kritisiert, bevor sie Walser öffentlich vorgetragen hatte. Gegen solche „vorauseilende Verurteilung“ hatten sich Spiegel (FAZ) und Steinfeld (SZ) stark gemacht; und Spiegel fügte, die ZEIT abstrafend hinzu: „Jedenfalls wird es Martin Walser in Zukunft dank Naumanns Artikel leicht haben mit jenen, die ihm entgegenhalten, seine Klage über die zunehmende Verwahrlosung der Medien sei maßlos und überzogen“.

    Hubert Spiegel, der bereits einen Computerausdruck des Romans „Tod eines Kritikers“ in Händen hatte, als er diese Sätze niederschrieb, konnte freilich noch nicht ahnen, wie lässlich die journalistische „Sünde“ der ZEIT sein würde – im Vergleich zur „Todsünde“ der FAZ 2 ½ Wochen später. Hubert Spiegel hatte nach der Berliner Veranstaltung am 8.Mai den späteren Abend in Gesellschaft von Walser und dem Suhrkamp-Verlagsleiter Günter Berg verbracht, der nach Berlin mit 2 (!) Ausdrucken des Romans angereist war. Schwerlich denkbar, dass das Trio nicht auch über das Buch und sein Thema abends gesprochen hat, hatte doch das „Medien-Opfer“ Walser ausgerechnet in dem Promi-Gossip-Blatt „Die Bunte“ schon einige Zeit zuvor seinen nächsten Roman als einen voraussehbaren „Skandal“ annonciert.

    Man sollte diese Walsersche Selbsteinschätzung seiner Hervorbringung im Gedächtnis behalten, zum einen als Beleg dafür, dass er sehr wohl wusste, was er sich zu tun anschickte und beabsichtigte, zum anderen um seine Empörung und seine vermeintliches Unverständnis über den dann eingetretenen Skandalfall als eingespieltes Ritual seiner schon oft gegebenen Unschulds-Lamms-Pose zu erkennen. Denn wenn Reich-Ranickis Erkennungsmelodie das lautstarke, um nicht zu sagen vulgäre Auftrumpfen ist, dann Walsers die Rolle des larmoyanten Opfers und Schmerzensmanns, der durch gezielte Zweideutigkeiten ein Minenfeld von Ressentiments legt und dann mitleidheischend auf Sympathie spekuliert.

    Der Masterplan vom Bodensee

    Am Morgen nach der langen Berliner Nacht der Drei hat Walser (ja wohl nicht ohne zustimmende Kenntnis des Suhrkamp-Verlagsleiters Berg!) dem nach Frankfurt am Main zurückreisenden Hubert Spiegel einen der beiden Ausdrucke seines „Skandalons“ übergeben, mit dem ausdrücklichen Wunsch, nur in der FAZ (und nirgends sonst) sollte das Buch vorabgedruckt werden.

    Ganz gewiss tat das Walser nicht, weil dort der einzig seriöse Platz für ein literarisches Meisterwerk vorhanden war, sondern (bei Kenntnis des Buchs) weil er nur dort triumphal das Opfer seiner Rache mitten ins Herz hätte treffen können: nämlich Marcel Reich-Ranicki. Schon diese Walsersche Logistik zeigt eine wahnwitzige Infamie. Sie rechnete sowohl mit dem Kalkül einer selbstmörderischen Liberalität als auch einem schäbigen Loyalitätsbruch auf Seiten der FAZ. Zugleich spekulierte der Schrift- & Fallensteller darauf, bei Ablehnung seines schamlosen Angebots, wieder einmal als Opfer just jenes „Machtmissbrauchs“ erscheinen zu können, den er mit dem Todeswunsch für den „Kritiker“ in seinem Roman artikuliert hatte. Eine risikolose Erpressung. Der in der FAZ vorabgedruckte (und dem Rest der Kritik bis zum Erscheinen des Buchs entzogene, folglich nicht rezensierbare Roman): - das wäre nicht nur das Dokument eines amoralischen Zynismus auf Seiten der FAZ gewesen, sondern auch die Erfüllung einer sadistischen Phantasie Walsers, nämlich sein Opfer tagtäglich schutzlos an den Pranger gestellt und langsam öffentlich hingerichtet zu sehen. Denn was wäre das Schreiben des „Tods eines Kritikers“ gegen das Vergnügen gewesen, „den Kritiker“ an dessen Wirkungsort per Vorabdruck garottiert zu sehen?

    Wer sich einmal das Szenario bis zu diesem Zeitpunkt rekonstruiert hat, kann an der publizistischen Initialzündung des Skandals, nämlich Frank Schirrmachers öffentlicher und begründeter Zurückweisung, sich durch die Heimtücke der Walserschen Hasskeule instrumentalisieren zu lassen, nichts Verwerfliches finden. Schirrmachers privilegierte Kenntnis, die er sich nicht verschafft, sondern die ihm aufgedrängt wurde, hat ihn zur Flucht nach vorne verpflichtet. Er hat dabei kein „Vertrauen missbraucht“, wie ihm alle möglichen journalistische Neider in SZ und ZEIT sogleich nachgesagt haben, die von Schirrmachers Offenem Brief an Walser ebenso überrascht wurden wie von der Existenz des Romans; missbraucht, unterm Schutz des Vertrauens in seine oder der FAZ Korrumpierbarkeit, sah Schirrmacher sich vielmehr von dem „lieben Herrn Walser“ und dessen Suhrkamp-Verlag.

    Auch ein Machiavellist wie Schirrmacher, der sowohl nachrichten-journalistische Prinzipien des „Scoops“ – als erste & einzige eine News zu haben - und den Kampagnen-Journalismus im Feuilleton, als auch eine Schubumkehr vom reaktiven Rezensions- zum aktiven, Themen setzenden Feuilleton eingeführt hat, um die Deutungshoheit der FAZ zu markieren -: auch ein solcher feuilletonistischer Machtpolitiker kann das moralisch einzig Richtige tun. Und er hat es getan. Und was das angeblich „nicht zuende redigierte Manuskript“ angeht, das der FAZ vom Autor selbst übergeben wurde, so durften ja weder er noch der Verlag annehmen, die FAZ würde stillschweigend die knalligsten Infamien und augenfälligsten Antisemitismen dem Pamphlet abschaben und solchen zensoralen Eingriff zur conditio sine qua non ihres Vorabdrucks machen. Und niemand, der Schirrmacher zum Mitwisser eines geplanten Attentats auf die Person und die Ehre eines jahrzehntelangen FAZ-Mitarbeiters gemacht hatte, durfte annehmen, er nehme stillschweigend die Vorbereitung einer öffentlichen Exekution hin, anstatt sich ihr als erster entgegenzustellen.

    Die literarische Missratenheit des Buchs liegt auf der Hand (und ist ja außer von 2 Durchgeknallten nicht bestritten worden). So sah sich Schirrmacher noch nicht einmal vor die Wahl gestellt, zwischen einem literarischen Meisterwerk und der moralischen Loyalität gegenüber dem darin „exekutierten“ FAZ-Kritiker entscheiden zu müssen. Schirrmacher musste nur eine Entscheidung treffen, der sich Walsers Verlag katastrophalerweise entzogen hatte.

    Walsers 8. Mai oder Die Kapitulation des Suhrkamp-Verlages

    Unbekannt ist jedoch, ob Lektorat und Suhrkamp-Verlagsleitung angesichts des vom Autor vorgelegten Manuskripts je den Versuch gemacht hatten, Walser von der in jeder literarischen Hinsicht erkennbaren Miserabilität des Romans zu überzeugen; unbekannt weiter, ob sie dem Autor sowohl in dessen Eigeninteresse als auch in dem des Verlages dazu entschieden geraten haben, ein derart lächerlich zusammengeschustertes Buch mit einem hanebüchenen Plot und einer degoutanten Schmierigkeit erst einmal auszuarbeiten, um ihm literarische Qualität und geistige Brillanz durch Überarbeitung angedeihen zu lassen, damit der vermeintliche „Schlüsselroman“ über den bundesdeutschen Literaturbetrieb nicht einzig und allein ein Schlüssel zur geistigen, psychischen, moralischen und literarischen Situation eines in seiner „Ichwichtigkeit“ schwelgenden, hasszerfressenen Schriftstellers werde, der in seiner kopflosen „Haltlosigkeit“ allen seinen trübsten, finstersten & lächerlichsten Ressentiments hemmungslosen Auslauf gibt. Ist das versucht worden? Hat sich Walser solcher „Fürsorge“ seines Verlages verweigert?

    Oder muss man die Frage anders stellen? Hat Walser den Verlag unter Druck gesetzt? Hat er im Falle der (jetzigen) Publikationsverweigerung mit seinem Weggang gedroht? Hat er, im kritischsten Moment der Suhrkamp-Verlagsgeschichte – Siegfried Unselds krankheitsbedingtem Ausfall – die Lücke gefunden, um endlich selbst wahr zu machen, was er in seinem Roman dem dortigen Kritiker zuschreibt: „Warum soll Hans Lach, solange er einen Verleger hat, der schlechte Bücher gut verkaufen kann, gute Bücher schreiben?“ Wusste Walser gar, dass sein „Tod eines Kritikers“ eher ein Mach- als ein Kunstwerk war, mit dem er jedoch, weil für ihn wie sein Alter ego Hans Lach „die Zeit des Hinnehmens vorbei (ist), (und) ab heute Null Uhr zurückgeschlagen (wird)“, koste es was es wolle. Heute, das war, mit einem feinen Symbolwert, für Martin Walser der 8. Mai, an dem er seinen pamphletistischen Angriff auf die Fremdherrschaft seines Ehrl-Königs über die deutsche Literatur startete.

    Man könnte sogar annehmen, dass Walsers „Zeit des Hinnehmens“ deshalb „vorbei“ war, weil wenige Tage zuvor der Kritiker Reich-Ranicki im Suhrkamp-Verlag seinen „Kanon“ deutscher Romane vorgestellt hatte und in dieser „Bestenliste“ (neben bedeutenderen Werken) keiner von Walsers Romanen vertreten war, was der eine oder andere Literaturkritiker eher milde gerügt hatte. Dass der Autor sich also vom Pantheon der „Klassiker“, wie er mutmaßte, willkürlich und boshaft ausgeschlossen (und sich wieder einmal als „Opfer“) sah, könnte die Insistenz erklären, mit der Walser verlangte, nun sofort „zurückschlagen“ zu können – und zwar, indem er den Suhrkamp-Verlag, der ja auch der Verlag Reich-Ranickis ist, in eben jenen Loyalitätskonflikt brachte, den er in einer zweiten Stufe seines „totalen Krieges“ gegen „den Kritiker“ in die FAZ tragen wollte.

    Wenn man das Assoziationsfeld des von Walser in seinem Roman zitierten Hitler-Satzes („Ab 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen“) auf die Situation vom 8. bis zum 29. Mai 2002, an dem Schirrmachers Offener Brief erschien, einmal metaphorisch projiziert, so hatte Walser die Eroberung Polens (Suhrkamp) schon geschafft und setzte nun zum „Unternehmen Barbarossa“, der Eroberung der Sowjetunion an, die pikanterweise in diesem metaphorischen Gedankenspiel von der FAZ vertreten wurde, deren Stalin, namens Schirrmacher, dem einstigen Verbündeten entschiedenen Widerstand entgegensetzte.

    Ob der Suhrkamp-Verlag willentlich (und mit Kalkül) oder zwangsweise (nämlich von seinem Bestsellerautor dazu erpresst) dessen Vorabdrucks-Intrige mittrug, ist letztlich einerlei: das einst herausragende Verlagshaus hat sich mit der Publikation vom „Tod eines Kritikers“ um das kulturpolitische Renommee gebracht, das der Verlag und sein Verleger Siegfried Unseld mit seiner „Suhrkamp-Culture“ über Jahrzehnte hin aufgebaut hatten. Als Schirrmacher seinen Offenen Brief mit dem kryptischen Satz „Ihre (Walsers. Anm. WoS) Freiheit ist unsere Niederlage“ schloss, ahnte er nicht, dass er damit den Grabspruch für die „Suhrkamp-Culture“ gefunden hatte. Die „Befreiung“ des Walserschen Antisemitismus ist nichts anderes als die Niederlage jenes geistigen Potenzials, das der Verlag von Adorno, Benjamin und Bloch (u.v.a.) in die deutsche Nachkriegsgeschichte eingespeist hatte.

    Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig

    Undenkbar schien, dass an diesem Ort und innerhalb dieses Verlagsprogramms je das erste antisemitische Pamphlet der deutschen literarischen Nachkriegsgeschichte erscheinen würde, eine derart perfide, menschlich und intellektuell herabsetzende Schmähung einer Person, dass man vor Scham über den Autor, der sich derart entblößt, sich eigentlich nur abwenden möchte. Würde er sich nicht, wie immer, als Opfer inszenieren, das erfolgreich wie´s im Buch steht, nun auch noch wieder - wie schon nach seiner „Friedenspreisrede - damit hausieren geht, dass „der wirkliche Ehrl-König mich nie so getroffen wie jetzt Schirrmacher mit diesem Rufmordversuch. Ich habe doch keine Mordphantasien!“ (Spiegel, 3.6.02). Das sagt einer, dessen „Tod eines Kritikers“ sich um nichts anderes als um die allseits begrüßte und erwünschte Beseitigung „des Kritikers“ dreht! Und damit man „den Tod einer Figur“ (wie dieses Ehrl-Königs) „für vollkommen gerechtfertigt hält“, an ihr einen Rufmord verübt, den er offenbar – unterm Deckmantel eines „Schlüsselromans“ - für das Selbstverständlichste & Honorigste von der Welt hält. Denn nicht der Mörder, sondern der Ermordete ist schuldig, weil er den Mörder provoziert hatte: „Er hatte sich lange genug beherrscht. Immer hatte er statt andere sich selbst verletzt“, lässt er seinen Hans Lach klagen, aber „jetzt wird zurückgeschlagen“- und zwar mit dem „Tod eines Kritikers“, den es mit allen Mitteln persönlicher Herabsetzung, des augenzwinkernden Ressentiments und der üblen Nachrede öffentlich zu vernichten gilt, wobei sich der Täter in edler Einfalt und opfervoller Größe die Hände in literarischer Unschuld zu waschen versucht. „Für die, die meine Kollegen sind“, lautet denn auch die Widmung des Buchs: „Seht her“, soll das wohl heißen, „ich räche und opfere mich für euch!“ Irrwitziger hat noch kein Schriftsteller eine literarische Infamie als stellvertreterhaften Opfergang für seinesgleichen ausgegeben.

    Er sei, behauptet Walser jetzt, „reichlich naiv gewesen“ –: der und naiv, wo er doch schon ein „Skadalon“ ankündigte, als es noch keiner gesehen hatte! - , als er „die Illusion“ gehabt habe, „Marcel Reich-Ranicki würde eine Einführung“ zum FAZ-Vorabdruck ihrer beider „unglücklich verlaufenden Liebesbeziehung (...) schreiben“. („Die Welt“ v. 8.7.02). Angesichts dieser jüngsten Äußerung muss man sich denn doch fragen, ob es sich dabei um den schamlosesten Hohn eines Zynikers im Schafspelz handelt oder um das Dokument einer geistigen Verwirrung & moralischen Verwilderung, die nicht mehr ein noch aus weiß.

    Reise durch die Asservatenkammer des Antisemitismus

    Frank Schirrmacher hat in seiner Lektüre des Vorabdruck-Manuskripts den Antisemitismus Walsers primär in der elaborierten Mordphantasie des Buches gesehen und dem mehrfach darin wiederholten Aphorismus „Eine Figur, deren Tod man für vollkommen gerechtfertigt hält, das wäre Realismus“; weiterhin an der verballhornten, „undeutschen“ Sprechweise des Kritikers und schließlich in der Bemerkung von dessen Frau, wonach „umgebracht zu werden doch nicht zu André Ehrl-König (passt)“. Schirrmacher hat daraus den Schluss gezogen, dass hier fiktiv als Mord nachzuholen imaginiert wird, was dem realen M.R.-R. und seiner Frau im Polen der 40iger Jahre von Hitler zugedacht war; und dass hier zugleich die „These, der ewige Jude sei unverletzlich, (verbrämt wiederkehrt)“. Das ist, als Interpolation von literarischer Nachrede und realem Vorbild Walsers, durchaus treffend gesehen.

    Aber das Repertoire der Zuschreibungen, die Walser seinem fiktiven Ehrl-König anhängt, um den „wirklichen Ehrl-König“ damit zu treffen, ist schon erstaunlich reich- & nachhal(l)tig instrumentiert: ein hässliches Kind wie der „schauderhafte“ Vater, ein Bankier oder Pferdehändler, der eine Siebzehnjährige geschwängert hatte, die ihren Sohn immer verachtet hat; unklarer Geburtsort, dubiose politische Vergangenheit (Kollaboration mit dem Geheimdienst des Vichy-Regimes); undeutsche Herkunft; religiös ungebunden; fremdgesteuerter Aufstieg im Literaturbetrieb, gefüttert mit Zitaten, die Eindruck schinden sollen, also selbst eine Nullität, deren einzigen individuellen Eigenkapitalien darin bestehen: „Er wollte groß sein im Bösesein, er glaubte, dafür Gründe zu haben“, er ist „zu einer reinen Verehrung nicht im Stande“, sondern praktiziert die „Aufhebung jeder Verehrung durch ein Gegenteil“, nämlich durch seine „Herabsetzungslust“. Er war „die Macht, und wenn man wissen will, was Macht ist, dann schaue man ihn an: etwas Zusammengeschraubtes, eine Kulissenschieberei, etwas Hohles, Leeres, das nur durch seine Schädlichkeit besteht, als Drohung, als Angstmachendes, Vernichtendes“; dazu habe Ehrl-König „viele Schräubchen gedreht und drehen lassen, bis er der Koloss war, vor dem alle in die Knie gingen.“

    Ein von A bis Z dubioser, undeutscher, aus dem Nichts & Nirgendwo aufgetauchter, durch Manipulation aufgestiegene hässlicher, hohler und leerer Giftzwerg, der nur groß ist in seiner Bosheit, nur durch seine Schändlichkeit und mit seiner Herabsetzungs- & Vernichtungslust besteht – eine solche infam von unserem deutschen Dichter zur Ehrl-König-Person verdichtete Infamie eines über die deutsche Literatur durch Täuschung, Korruption und Machtgier gefallenen Verhängnisses: - eine solche Figur sei uns nicht aus der Asservatenkammer des Antisemitismus bekannt?

    Ja, gewiss doch: es fehlt da noch etwas, um das Porträt zu komplettieren: Sexualität, Geilheit, Perversität. Aber bitte schön, wird prompt und so reichlich nachgeliefert, dass wir auf den ekligen Gipfelpunkt der Walserschen Utopie eines masturbierend, ejakulierenden Literarischen Quartetts verzichten wollen. Es reicht, dass uns n.v.a. zum Kapitel „Ehrl-König und die Frauen“ mitgeteilt wird: „Es hat sich nie um Frauen gehandelt, immer um Mädels. Oder auch um Mädelchen (...) Am liebsten waren ihm natürlich Mädelchen, aber wenn´s keine gab, nahm er auch Mädels. Frauen findet er langweilig. Unzumutbar. Besonders deutsche. Weibliches plus Schicksal, zum Davonlaufen. Aber schicksalslose, ihres Aufblühens noch nicht ganz sichere Mädels oder Mädelchen, dann wisse er, sagte er, wozu er zur Welt gekommen sei“. Dass seine „sexuelle Delikatesse, Schwangere bis zum dritten Monat“ seien, wird als Gerücht verbreitet, und Ehrl-Königs französisch parlierende Frau darf nur deshalb sich fälschlicherweise des Mordes anklagen, damit sie ihm nachrufen kann: „Seine unbremsbare Ejakulation. Also, er ist die Nullbefriedigung schlechthin“ - (während Hans Lach, deutscher Dichter, da ganz anderes, Tieferes, zu bieten hat). Und das soll keine literarische „Stürmer“-Kopie sein?

    Reichen diese unappetitlichen Projektionen nicht, um die auf dieser Klaviatur von Walser intonierte Musik zu hören? Schließlich ein letztes Beispiel: „Vierzehnmal“ habe Ehrl-König schon wiederholt: „Die deutschen Dichter meinen immer, die Leute müssten deutsche Dichter lesen, weit gefehlt“. Eine antideutsche Bosheit Ehrl-Königs? Dabei hat er doch recht, denkt man sich, es gibt weiß Gott weltliterarisch Aufregenderes als was hinterm heimisch Herd sitzt, Lebensläufe paraphrasiert und deutsche „Schlüsselromane“ zusammendichtet. Aber wenn man dann erfährt, dass in Ehrl-Königs „Sprechstunde“ (die Walser für sein gelungenstes Stück im Buch hält) Ehrl-König zusammen mit der New Yorker Intellektuellen Martha Friday so richtig abfällig, gehässig & publikumswirksam über Hans Lachs deutschen Roman „Mädchen ohne Zehennägel“ herzieht, dafür aber erst Philip Roth, dann die Friday (i.a. Susan Sontag) und schließlich als deutsche Erzählerin Hilde Spiel in den Himmel hebt – da denkt man, Achtung, dieser Ehrl-König ist ja eindeutig ein Philosemit: nur jüdische Schriftsteller gelten ihm etwas und die müssten die deutschen Leute lesen – bis einem dann doch einfällt: Ehrl-König ist ja selber Jude. Ein jüdischer Philosemit, an dem ja „nichts so sehr zu schätzen sei wie dessen Zurückhaltung in der Herkunftsfrage“? Aber, wie uns Walser suggeriert, Ehrl-König mag noch so „zurückhaltend“ (könnte ja auch sein: bewusst verschwiegen) in der „Herkunftsfrage“ sein: wenn der „Herabsetzer“ jedoch einmal heraufsetzt und lobt, dann schlägt die natürliche Prägung seiner „Herkunft“ denn doch durch. So muss Walser uns nicht auch noch expressiv verbis sagen, dass „der Jude“ als Kritiker „unser Unglück“ ist, wir haben ihn schon richtig verstanden.

    Joachim Günter, der kulturelle Deutschlandkorrespondent der Schweizer NZZ, hat von den „eigentümlichen Leseerfahrungen mit diesem Schlüsselroman“ gesprochen, zu denen es gehöre, „dass er einen dazu bringt, selbst die ins Aberwitzige verschobenen Passagen mit dem Verdacht zu betrachten, an ihnen könne ein Gran Wahrheit sein. Hier ist gleichsam alles Schlüssel – und nichts mehr Roman. Auch das macht das Buch so fatal“ (NZZ, 13. / 14.7.02). Eben diese methodische Häufung allseitiger übler Nachreden auf das immer identifizierbare Vorbild seines „Kritikers“ ist der Schlüssel zur literarischen Strategie des Ressentimentalisten Walser.

    Der "Kritiker" & sein Kritiker

    Es gehört viel ideologische Verblendung, ästhetische Ignoranz und moralische Abstumpfung dazu, um in Walsers perfidem Rache-Akt etwas literarisch „Satisfaktionfähiges“ zu sehen, das geeignet wäre, die reale Existenz des Kritikers Marcel Reich-Ranicki, seiner literarischen Vorstellungen und seiner „Macht“ kritisch unter die Lupe zu nehmen. Wer Walsers „Tod eines Kritikers“ als „Revanche“ für mehrfache Verrisse der Romane des Autors durch „den Kritiker“ zu rechtfertigen versucht, muss außeracht lassen, dass Walser buchstäblich nur „unter der Gürtellinie“ zugeschlagen hat; und dass er bewusst ad personam, nämlich die Person herabsetzend & den von ihm unterstellten Charakter schmähend, in seinem Buch vorgeht – eine Haltung, die jenseits des von ihm missbrauchten Schutzschilds des Literarischen, nicht nur justiziabel wäre, sondern ihn auch im zivilen Leben um jeden moralischen oder intellektuellen Kredit gebracht hätte.

    Nun ist Reich-Ranicki zwar unstrittig der populärste und bekannteste deutsche Literaturkritiker. Als Praeceptor Germaniae in litteris hat er in seiner Person der Kritik, als Scheidekunst des Ge- & Misslungenen, ein öffentliches Ansehen verschafft, das historisch einzigartig ist. Er wurde erst recht durch das „Literarische Quartett“ zu einer öffentlichen Macht durch die Entschiedenheit seines „Ja,Ja“ und „Nein, Nein“, und fand dafür den adäquaten Resonanzboden in einer literarischen Öffentlichkeit, die vom „Literaturbetrieb“ klare & verlässliche Urteile darüber erwartete, was „man“ lesen „müsse“ und was man unterlassen dürfe. Als „Pilotfisch“ im gehobenen literarischen Mainstream hat er ein Publikum, dem zunehmend die Erinnerung an seine bildungsbürgerliche Herkunft entschwunden ist, zu aktuellen Romanen und Erzählungen hingeführt, aus denen sich so etwas wie ein Kanon des literarisch Wertvollen und Lesenswerten bildete: eines Reader´s Digest vornehmlich deutscher, aber auch ausländischer Literatur. Nicht selten hat Reich-Ranicki in seinem Revier kritisch überzogen; und nicht immer ist ihm sein Publikum darin gefolgt. Wo er den Kreis seiner Interessen und Erkenntnismöglichkeiten überschreitet, ist er inkompetent und sein literarisches Urteil irrelevant. Ein Kritiker, mit beschränkter Haftung – wie jeder andere Kritiker auch.

    Es wirft jedoch ein trauriges Licht auf die deutsche Literaturkritik, dass sie jetzt noch nicht einmal bemerkt hat, wie Walser ihr generell die Berechtigung ihrer Profession abspricht, geschweige denn dass sie die intellektuelle Dürftigkeit und fälschende Falschheit von Walsers Angriff auf Reich-Ranicki erkennt. „Das Gegenteil von Kritik ist nicht Lob, sondern Zustimmung. Das ist etwas anderes als Lob. Lob ist Anmaßung, wie Kritik Anmaßung ist. Machtausübung beides. Wenn man nicht zustimmen kann, soll man den Mund halten“, lässt Walser ausführen. Hat die deutsche Kritik diese Schriftleiteranweisung zur Kunstbetrachtung überlesen? Oder sich durch ein Goethe-Zitat einschüchtern und durch stillschweigende Zustimmung den Mund verbieten lassen? Kritik sei Anmaßung und wo der Kritiker nicht zustimmen könne, solle er den Mund halten: - in jedem anderen Land wäre ein Schriftsteller, der so mit der Kritik verfährt, in deren homerischem Gelächter untergegangen – freilich käme da auch keiner auf solche Walser-Wünsche.

    Wenn man einmal Walsers generalisierendes Kritik-Verbot beiseite lässt und sich fragt, was er an „dem Kritiker“, vulgo M. R.- R., als das Bestimmende seiner literaturkritischen Tätigkeit ansieht, dann soll Ehrl-König „aus der Ästhetik eine Moral gemacht (haben). Die Moral des Gefallens, des Vergnügens, der Unterhaltung. Die Pleasure-Moral“. Nun kann und muss man gegen die engstirnige, schulmeisterliche Kritik-Vorstellung Reich-Ranckis viel ins Feld führen – vor allem, dass außerhalb einer psychologisch-realistischen Schreibweise, die bei seinem verschwiegenem Ziehvater Georg Lukacs „bürgerlicher Realismus“ genannt wurde, die literarische Welt romantischer, dunkler, hochartifizieller oder irrationaler Poesie ihm ein Buch mit sieben Sigeln bleibt.

    Jedoch Reich-Rancki zu einem hemmungslosen Propagandisten des „Gefallens“, des „Vergnügens“ und der „Unterhaltung“ zu machen und ihm auch noch, nach diesen pejorativ gebrauchten Begriffen, das „antiamerikanische“ (sprich. „undeutsche“) Sahnehäubchen der „Pleasure-Moral“ aufzusetzen, zielt bewusst an der wirklichen Macht der Reich-Ranickischen „Commonsense“-Kritik vorbei. Sie hat nur eine eng begrenzte Reichweite, die dem nicht mit literarischer Avantgarde oder experimenteller Schreibweise zu gewinnenden Geschmack eines großen Publikums entspricht. Anders sind Erfolg & Resonanz Reich-Ranickis beim deutschen Publikum nicht zu erklären, das sich in seinen Leseinteressen von seinem lautstarken Herold vertreten fühlte – wie auch die deutschen Verlage. Es sind gerade die anspruchsvollen Verleger (wie z.B. Michael Krüger von Hanser), die einen Teil der derzeitigen Verlags- & Buchhandelskrise auf das Verschwinden des „Literarischen Quartetts“ zurückführen. Zumindest hat es saisonal dafür gesorgt, dass wechselnde Verlage mit einzelnen Büchern & Autoren unvorhersehbare Umsätze machten, die ihrer qualitativ ausgerichteten verlegerischen „Mischkalkulation“ Existenz und Überleben garantierten.

    Die von dem herumfuchtelnden Primgeiger und seinen Mitspielern zu Verkaufserfolgen „gemachten“ Bücher ermöglichten schließlich eine Literatur „für die happy few“ (Stendhal): das musste man zähneknirschend hinnehmen, wenngleich auch im Zuge gesamtgesellschaftlicher Veränderungen im „Literarischen Leben“, deren hervorstechendster Ausdruck die Zirkulationsagentur des „Literarischen Quartetts“ war, die Resonanz und Wirkungsmacht der klassischen, „seriösen“ Literaturkritik rapide abnahm. Die Verlage & Buchhandlungen konnten immer weniger auf Stammleser & -kunden zählen – wie die deutschen Politiker und die Parteien nicht mehr auf die „feste Bank“ ihrer Stammwähler. Auch im „Literaturbetrieb“ zählte, wie insgesamt in der Kultur, mehr und mehr der inszenierte Event – ob es sich dabei um das „Literarisches Quartett“, den „Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb“ oder andere öffentliche literarische Veranstaltungen handelte, die als „Anschubfinanzierungen“ zur Aufmerksamkeit für literarische Einzelhändler wirken.

    Der entblößte Kern

    Martin Walser, den einzig und allein Reich-Rancki mit seinem maßlos übertriebenen Lob für die Novelle „Ein fliehendes Pferd“ in den Rang eines Bestsellerautors katapultiert hatte, hat nicht zuletzt Dank seines Vorabdruckabonnements in der FAZ das Spektakuläre seiner literarischen Selbstinszenierungen wie kein zweiter als Schubkraft für eigenen Aufmerksamkeits- & Distinktionsgewinn „in den Medien“ genutzt. Selbst für „Die Bunte“ war er sich ja nicht schade genug. Die Rolle der „verfolgten Unschuld“, die ja „nur öffentliche Selbstgespräche“ führt, die sich bei kritischer Nachfrage mit Leidensmiene in Schweigen hüllt, hat er dabei mit bedachtsamer Konsequenz bis zur Virtuosität ausgebildet.

    Und die Kritik, die ihn als unseren „dünnhäutigsten“, „hypersensibelsten“ und „empfindsamsten“ Schriftsteller belobigt und in Schutz nimmt, ist auf seine „Verbergens- und Enthüllens“- Rituale immer wieder hereingefallen. Bis heute – heute, da sich Walser in haltlosester „Ichwichtigkeit“ für die Wiedergeburt des mittelalterlichen Mystikers Seuse und des „vor Nichts halt machenden“ Philosophen Nietzsche hält. Dieser sei nach der egozentrischen (Walserschen) Devise verfahren: „Was mir nicht mehr hilft, erkenne ich nicht an“. Und er ruft Nietzsche nach: „Er zertrümmert die Schale, entblößt den Kern“.

    Nachdem aber Martin Walser alle Schalen seiner „kulturüblichen Selbsttäuschung“ zertrümmert und sich mit „Tod eines Kritikers“ endlich „alles erlaubt“ hatte, hat er seinen Kern entblößt: dort sitzt als letzter Gesellschafter seines Nichts das Ressentiment, mit dessen Hämmerchen er philosophiert und mit dessen rostigen Schlüsseln er hantiert: als Kerkermeister eines Selbst, das sich von allen „Zwängen“ befreit glaubt, weil ihm die Zwangsjacke seines Hasses passgenau ansitzt.

    Nichts beschreibt deprimierender den derzeitigen Zustand von literarischer Kritik, Verlagswesen und Buchhandel, als das Verkaufsergebnis, das ein literarisches Machwerk wie der „Schlüsselroman“ namens „Tod eines Kritikers“ augenblicklich erzielt. Der Suhrkamp-Verlag schämt sich offenbar seines Bestellererfolgs mit dem Skandalon: er beschweigt die Nachauflagen des Buchs. Walser, ist zu vermuten, wird bei nächster Gelegenheit so schamlos sein, sie zu verraten.

    „Bitte, rechnet mit meiner Haltlosigkeit!“

    Tun wir ja.

    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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