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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 28. Mai 2017 | 18:38

    Theaterkritik: Trilogie des Wiedersehens

    06.07.2009

    Vor Yasmina Reza

    THOMAS ROTHSCHILD über Friederike Hellers Inszenierung der Trilogie des Wiedersehens von Botho Strauß in Stuttgart.

     

    Von Adenauer stammt die Formulierung, Der Spiegel sei die Bild-Zeitung für Dr. Lieschen Müller. Was zu Adenauers Zeiten als gehässiger Angriff auf ein regierungskritisches, investigatives, politische Skandale aufdeckendes Nachrichtenmagazin gemünzt war, trifft heute sehr genau zu, jedenfalls wenn man zur Kenntnis nimmt, dass ein akademischer Grad keinerlei Information über Intelligenz enthält sondern lediglich über die von der sozialen Herkunft abhängigen Bildungschancen und über den Status in einer nach wie vor von Standesdünkeln bestimmten Gesellschaft. Der Spiegel ist zu einem Tratschblatt heruntergekommen, das bedeutungslose Meldungen ohne Nachrichtenwert mit heißer Luft zu Stories aufbläst. Der apodiktische Tonfall macht Vermutungen zu Tatsachenbehauptungen und Teilaspekte zu Generalaussagen. Der Indikativ suggeriert Gewissheit, wo ein Konjunktiv am Platz wäre. Wenn man von einer Sache etwas versteht, wird man regelmäßig konstatieren müssen, dass die Darstellungen im Spiegel unrichtig, unvollständig und bis zur Verfälschung vereinfachend sind.

    Noch ehe Friederike Hellers Inszenierung der Trilogie des Wiedersehens von Botho Strauß in Stuttgart Premiere hatte, widmete Der Spiegel dem Ereignis, wenn es denn eins ist, o­nline eine Vorauskritik. Darin heißt es auf die Frage, ob sich die Regisseurin Botho Strauß jetzt vorgenommen habe, weil sie ab nächster Saison fest an der Berliner Schaubühne arbeite, dem Theater, an dem der Dichter seine größten Erfolge feierte: „Nein, das sei reiner Zufall. Aber 30 Jahre, das sei ‚vielleicht zufälligerweise der Abstand, nach dem man sich Stücke mal wieder vornehmen und prüfen muss: Gehören sie in den Kanon, oder waren es nur Zeitstücke?’“ Diese merkwürdige Alternative geht zwar auf das Konto von Friederike Heller, aber Der Spiegel macht sie sich zueigen. Als gäbe es zwischen Zeitstücken (die, wohlgemerkt, nach 30 Jahren als veraltet zu gelten hätten) und dem Kanon nicht zahlreiche Bühnenwerke, die nachzuspielen und wiederaufzuführen sich lohnte und die dennoch sträflich vernachlässigt werden. Wir verkneifen uns eine exemplarische Aufzählung.

    Dann beschäftigt sich Der Spiegel genauer mit dem 35-jährigen „jungen Talent“: „Aber Heller hatte noch nie Scheu vor schwierigen Stücken – neben Romanadaptionen hat sie sich vor allem mit Handke-Inszenierungen einen Namen gemacht. ‚Die Ermutigung, sich an Strauß ranzutrauen, die war auf jeden Fall da, nachdem das mit Handke so interessante Erlebnisse waren’, sagt sie in schönem Understatement. Denn die ‚interessanten Erlebnisse’ waren große Erfolge, vor allem ihre Inszenierung des ‚Untertagblues’ 2004 in Wien, für die sie zur Nachwuchsregisseurin des Jahres gewählt wurde.
    Viele Kritiker attestierten ihrer Interpretation von Handkes U-Bahn-Stück mehr Witz und Klugheit als der Uraufführungsversion von Claus Peymann, dem Handke-Gefährten seit ewiger Vorzeit. Was beweist, dass etwas Distanz zum Objekt nicht von Nachteil sein muss.“

    Was beweist? Dass viele Kritiker attestieren? Aber nein. Zwischen den beiden letzten Sätzen hat Der Spiegel flugs die Ansicht der nicht genannten vielen Kritiker übernommen, und was die beweisen soll, ist purer Unsinn. Man kann Friederike Hellers Inszenierungen oder auch einzelne davon jenen von Peymann vorziehen, aber muss es denn gleich in eine Konkurrenz ausarten, in der man Peymanns Arbeit Witz und Klugheit abspricht? Das ist Spiegel-Stil, in dem alles in eine Rangordnung münden muss, in eine scheinobjektive Liste von Wertungen.

    Suggestion einer Tiefe, die der Text kaum einlöst

    Lassen wir Peymann aus dem Spiel. Reden wir von Niels-Peter Rudolph, der die Trilogie des Wiedersehens vor fast exakt 32 Jahren mit einer Bombenbesetzung an just jenem Stuttgarter Staatstheater inszeniert hat, an dem Friederike Heller (wieso tippe ich, apropos Zeitstück oder Kanon, irrtümlich „Friederike Roth“?) sich anschickt, das frühe Stück des vorübergehend modisch verehrten Autors in den Kanon einzugliedern. Was damals hell und luftig erschien, ist heute in die schwache Strahlkraft von Neonröhren getaucht, die das dunkle Bühnenbild umso düsterer erscheinen lassen. Das mag klüger und witziger sein als die realistische Annäherung Rudolphs und seiner Bühnenbildnerin Susanne Raschig an die Boutiquenästhetik von modernen Kunstgalerien – auf alle Fälle suggeriert es eine Tiefe, die der Text kaum einlöst.

    Wenn Niels-Peter Rudolph die Trilogie des Wiedersehens als Konversationsstück inszenierte, das die Konversation in ihren Spielarten mehr oder weniger kritisch, mehr oder weniger satirisch zu ihrem Thema macht, so gibt ihr Friederike Heller den Charakter einer Nummerrevue. Die Figuren treten gerne an die Rampe, sprechen zum Publikum, nicht zu einander. Das kann man so machen. Es kommt dem Exhibitionismus von Komödianten entgegen, die in dieser Inszenierung ihre Schau abziehen können – und sie machen das virtuos. Ob einem nun Friederike Hellers Konzept einleuchtet oder nicht: dass sie die Akteure an die Grenzen ihrer Möglichkeiten getrieben hat, steht fest. Das Stuttgarter Schauspiel hat mittlerweile ein Ensemble, um das manche andere Bühne es beneiden darf.

    Retrospektiv könnte man die Trilogie des Wiedersehens als das Theater vor dem Erscheinen von Yasmina Reza betrachten. Anders formuliert: Mit dem gleichen Recht, mit dem man den Spiegel als die Bild-Zeitung von Dr. Lieschen Müller bezeichnen kann, lässt sich Botho Strauß als Yasmina Reza für Dr. Lieschen Müller charakterisieren. Seine Stücke sind weniger straff in ihrer Dramaturgie, weniger pointiert, weniger salopp und wirken daher moderner (und somit auch eher für den Kanon geeignet) als Yasmina Rezas Boulevard. Man muss den Botho Strauß von 1977 nicht für den reaktionären Essay Anschwellender Bockgesang verantwortlich machen, der erst 16 Jahre danach veröffentlicht wurde, und man kann dem ehemaligen Dramaturgen der Berliner Schaubühne konzedieren, dass seine politischen Ansichten sich im Lauf der Jahre stark verändert haben. Darin befände er sich in Übereinstimmung mit vielen seiner Generationsgenossen. Wer aber schon vor 30 Jahren nicht zu den Strauß-Fans zählte, wer schon damals der Ansicht war, dass seine Stücke verblasen, prätentiös und parfümiert wirken und dass, um auf das Milieu der Trilogie des Wiedersehens zurückzukommen, Woody Allen dieses eigentlich treffender abgebildet hat, den wird auch Friederike Hellers Wiederbelebungsunternehmen nicht überzeugen. Als ich am Tag nach dem Theaterbesuch aufwachte, fragte ich mich: um was ging es eigentlich gestern Abend? Es wollte mir nicht einfallen.

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