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Mittwoch, 29. März 2017 | 23:00

Von der Leipziger Buchmesse

14.03.2009

Ein Buchmesselogbuch - Teil 2: Zwischenbericht und Tipps für das Wochenende

Es ist Wochenende auf der Buchmesse. Die Zeit der Schulklassen, die zum Besuch der Messe genötigt werden, damit die Lehrer etwas Abwechslung haben, ist gezählt. Jetzt drängen die literatur- und/oder spektakelinteressierten arbeitenden Menschen auf das Messegelände - und natürlich die Manga-Kinder. Notizen von HEIKO ZIMMERMANN

 

Versüßt wird den Menschen der Besuch in diesem Jahr besonders durch das Catering. Über der gesamten Messe liegt der Geruch von Backwaren. Als Reinhard Jirgl vorgestern zur Vorstellung der Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse im Bereich Belletristik über einen japanischen Fotografen spricht, der durch lange Belichtungszeiten dafür sorgt, dass keine Menschen auf seinen Aufnahmen zu sehen seien, dass sich diese also durch ihre Bewegung selbst auslöschten, während dieser Bemerkungen also, zieht plötzlich der Geruch von frisch aus dem Ofen geholtem Käsekuchen durch die Reihen. Viele Leute müssen stehen (der Geheimtipp war wohl doch nicht so geheim), ihnen ist heiß, sie sehen die Autoren nicht (weil es zu voll ist und weil sich eine undurchdringbare Wand von Fotografen zwischen Publikum und Podium gebaut hat), viele warten auf Daniel Kehlmann (eine Frau meint, ihn irgendwo in der Menge auszumachen, wird aber später endgültig enttäuscht, als der Moderator Michael Hametner (MDR) erklärt, dass der Bestseller-Autor kurzfristig abgesagt habe und dabei keine Gründe nennt).
Just in diesem Moment der Erschöpfung und des Luft- und Lust-Mangels treibt die Käsekuchenwolke durch die Zuhörerschaft. Von allen Seiten ist ein leises „Hmm“ zu vernehmen. Der Kuchenstand, der direkt hinter dem Podium des Leipzig-liest-Forums aufgebaut ist, wird nach der Vorstellung einen sagenhaften Umsatz machen, auch ohne Herrn Kehlmann.

Selbstgemachter Messekuchen

Ohne Kuchengeruch geht es indes auf der Leseinsel Junge Verlage zu. Dort stellt Clemens Meyer gerade das neue Buch von Edo Popovi? vor (siehe oben). Er liest klar und deutlich, gibt sich Mühe. Es steht keine Flasche Bier auf dem Tisch, auch kein Wein oder andere alkoholische Getränke. Erstaunlich ist ebenfalls, dass Clemens Meyer fast perfektes Hochdeutsch spricht—nicht, dass das unbedingt notwendig sei. Aber es fällt schon auf. Ich habe ihn einmal in einem Interview mit einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt erlebt, die nicht der schlagerumwobene MDR war. Dort war mir die für einen Schriftsteller starke regionale Färbung seiner Aussprache besonders aufgefallen. In der Lesung aus Popovi?s Roman „Die Spieler“ (Voland und Quist) spricht er fast akzentfrei. Hat Meyer an seiner Aussprache gefeilt? Gibt er sich einfach mehr Mühe? Anscheinend sind aber nicht alle von Meyers Sprache begeistert. Die Messehostess, die für den Ton zuständig ist, liest währenddessen nämlich im Wirtschaftsteil der Welt.

Zwei „A“ = „Ey!“

Auf dem Weg zur nächsten Lesung drückt mir ein nett aussehender Mann eine Broschüre mit dem „Saaspel Pronaunsing Alfabet“ in die Hand. Die beiden A im ersten Wort werden als Doppellaut wie die Interjektion „Ey!“ gesprochen. In herkömmlicher englischer Schreibung müsste das Faltblatt mit „Sayspell Pronouncing Alphabet“ betitelt werden. Der Mann beginnt zu erzählen. Es ist ein Galopp durch die Geschichte der nichtreformierbaren englischen Rechtschreibung. Alles beginnt mit dem englischen Buchdrucker und Verleger William Caxton, der die Hilfe von deutschen Setzern in Anspruch nimmt. Diese hängen an Wörter ein paar sinnlose Buchstaben an, um mehr Geld für ihre somit längeren Texte zu bekommen. Er spricht auch über Samuel Johnson, der sich angeblich nicht traute, die Schreibung zu reformieren, weil es zu viele mächtige konservative Kräfte gab. Selbst amerikanische Präsidenten seien an der Reform der Schreibung gescheitert. Der Erfinder des Saaspel, ein 77-jähriger Ingenieur aus Manchester, der die Verwirrung leid ist, wird die englische Rechtschreibung nun allerdings mit seiner grandiosen Idee reformieren. I daut it wil wurc aut.

Abends soll es dann zur „Das Magazin Lesenacht“ in die Schaubühne Lindenfels gehen. Wir sind zwar eine halbe Stunde vor Beginn da, bekommen aber nur Anrechtskarten auf eventuell frei werdende Stehplätze. Wir beschließen also 100 Meter weiter zur Balkan-Nacht ins Programmkino Cineding zu gehen, werden aber auch dort von einer ähnlichen Situation enttäuscht, so dass uns nur der Weg zum Gelände der Baumwollspinnerei bleibt. Die einzige Halle dort, die zu dieser Zeit noch nicht überfüllt ist, ist der Laden für Nichts, ein hoher, viel zu grell beleuchteter weißer Raum, an dessen Wänden monochrome Bilder hängen, die zumeist die Textur von Raufasertapete haben. Auf einigen Bilderrahmen stehen brennende Kerzen, die die Wand verrußen. Nach kurzer Zeit füllt sich der Raum. Eine Buchpremiere soll stattfinden. Michael Hametner präsentiert die von ihm herausgegebene Anthologie „Zeit der Witze: Texte junger Autoren“ (Mitteldeutscher Verlag). Vier dieser jungen Autoren lesen ihre kurzen Geschichten vor. Zuerst präsentiert Christopher Kloeble eine Fingerübung ohne viel Inhalt. Während Tabea Sörgel liest, löst sich ein Bild an der Wand hinter ihr und stürzt zu Boden. Der zu spät gekommene Clemens Meyer tritt auf. Direkt vor ihm geht eine Bierflasche zu Bruch. Er liest eine Geschichte, die aus der Perspektive einer jungen und recht naiven Prostituierten geschrieben ist. Die Anpassung an den Zustand der Figur fällt dem Autor schwer, sowohl als Autor der Geschichte als auch als deren Vorleser.

Der mit Abstand beste Text kommt von Finn-Ole Heinrich. Er beschreibt den Seelenzustand des Lebensgefährten einer beinamputierten jungen Frau. Es geht um sexuelle Probleme, die Infragestellung der Identität des Gegenübers, die Infragestellung der eigenen Person und der Bindung zwischen den Liebenden. Diese Innenansicht eines Menschen ist brillant erzählt und geht unter die Haut. Den Zuhörern stockt der Atem. Eine Frau im Publikum kollabiert. Das Aufschlagen ihres Kopfes auf den harten Betonboden schallt durch den Raum. Viele Umherstehende sind durch die Geschichte Heinrichs und durch den Anblick der auf dem Boden liegenden Frau wie erstarrt. Sie wird betreut und schließlich von einem der Organisatoren aus dem Raum getragen. Michael Hametner fragt, ob die Lesung fortgesetzt werden soll. Das wird sie auch, aber jetzt sind alle Zuhörer auf die Welt des Erzählers fokussiert. Sie kümmern sich nicht mehr um das, was der Rahmen einer Buchpremiere verlangt. Viele, die bisher gestanden hatten, setzten sich jetzt auf den Boden und hören gebannt und getroffen zu.

Tipps für den 14. März

1. Bas auf der Insel

Bas Böttcher, der Vater der Textbox, die auch auf der Buchmesse zu erleben ist, stellt sein neues Werk „Neonomade“ (Voland und Quist) vor. Wie bei all seinen Auftritten darf man erwarten, dass man unwillkürlich mit dem Fuß den Takt wippen wird—und das, obwohl hier nur gesprochen wird.
(14. März, 14 Uhr, Leseinsel Junge Verlage, Halle 5, Stand E200)

2. Alkohol und Literatur

Die beiden sind eine starke Verbindung. Alle Autoren, die im Suff am besten geschrieben habe, sind unmöglich aufzuzählen. Es sind zu viele. Es gibt auch Autoren, die im Suff lesen. (Man erinnere da nur an die Tirade von Marcel Reich-Ranicki gegen Walser im Gespräch mit Schröder-Imitator Elmar Brandt.) Und es gibt Bücher die mit Alkohol gar nicht so viel zu tun haben und ihn trotzdem im Namen tragen. Katharina Bendixen stellt bei der Buchmesse ihren Erzählband „Der Whiskyflaschenbaum“ (poetenladen) vor. Eine besondere Aktivität des Verlags: Er schenkt bei der Lesung Whisky aus. Na dann, prost!
(14. März, 16.30 Uhr, Leseinsel Junge Verlage, Halle 5, Stand E200)

FLOP: Reiner „Calli“ Calmund

Zweimal stellt der gewichtige Fußballfunktionär seine Autobiografie vor. Am Nachmittag ist er in der Autoren-Arena der Lokalzeitung. Am Abend zieht es ihn in ein Gebäude der AOK. Vielleicht wird das Ganze ja von Diätberatern begleitet.
(14. März, 19.30 Uhr, AOK Sachsen, Willmar-Schwabe-Straße 2)

Tipps für den 15. März

1.Lesebühnen-Feeling

Voland und Quist hat Größen der Berliner Lesebühnen versammelt und lässt sie im Viererpack auf der Buchmesse auftreten. Dabei sind Ahne, Spider, Volker Strübing und Micha Ebeling. Wer nicht aus Berlin oder einer anderen Stadt mit eigenen regelmäßigen Lesebühnen kommt, sollte sich den Auftritt nicht entgehen lassen.
(15. März, 14 Uhr – 15 Uhr, Leseinsel Junge Verlage, Halle 5, Stand E200)

2. Junge Wilde aus Sachsen

Wer bereits die Lesung der Teilnehmer des Literarischen Colloquiums Berlin verfolgt hat, hat am Sonntag die Gelegenheit, deren Leistung mit der der Studenten des Deutschen Literaturinstituts Leipzig zu vergleichen.
(15. März, 16 Uhr, Buchmesse-Akademie, Halle 3, Stand G201/H200)

3.10 x 15

Vielleicht gibt es Menschen, die auch nach vier Tagen Buchmesse immer noch nicht genug des Spektakels haben oder dieses noch krönen möchten. Eine Gelegenheit ist die 10-mal-15-Lesung, bei der zehn Autoren jeweils eine Viertelstunde Zeit haben, ihre Text zu präsentieren. Mit dabei sind unter anderem Hauke von Grimm, André Kudernatsch und Michael Schweßinger. Der Veranstaltungsort ist übrigens eines der bekannten Leipziger Wächterhäuser.
(15. März, 20 Uhr, Kultiviert Anders, Zschochersche Straße 61)

FLOP
: Politiker am Sonntag

Selbst am Sonntag wird Imagepflege betrieben. Vom ausgetretenen SPD-Superminister über einen bahnverplanten Verkehrsminister bis zum ungeliebten Oberbürgermeister ist auf der Buchmesse alles vertreten, was politischen Rang und Namen hat. Eine Bannmeile wäre wohl wünschenswert.

Am Montag lesen Sie den abschließenden dritten Teil des Buchmesselogbuchs.

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