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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 23. Juli 2017 | 08:40

     

    Petits riens (15)

    22.12.2008

    Blätterrauschen

    WOLFRAM SCHÜTTE über kuriose Anfängerfehler in der FR, Claude Levi-Strauss und das voreilige PR-Debakel rund um den Stauffenberg-Film „Valkyrie“.

     

    Sorry - Mit diesem Wort des lässigen Bedauerns entschuldigt sich die Redaktion der “Frankfurter Rundschau” für Fehler, die man früher oft dem sogenannten “Druckfehlerteufel” zugeschrieben hatte, obwohl es damals noch die Schleuse der hauseigenen Korrektur gab, die das individuell Geschriebene passieren musste. Seit diese Metaphysik nicht mehr funktioniert (& kein Setzer mehr Fehler machen kann, die dem Teufel zuzuschreiben wären), präsentiert die entzauberte Welt des Journalismus menschliche Peinlichkeiten ohne die Beihilfe von Ausreden. Das bislang kurioseste “Sorry” der FR war dieses vom 15./16.11. 08: “In der Ausgabe vom Donnerstag sind uns im Artikel zum Schillerdenkmal aus der Serie >Frankfurt für Anfänger< zwei Fehler unterlaufen: Bei der Stadt Frankfurt kam nicht zum 100. Todestag, sondern zum 100. Geburtstag des großen Meisters der Wunsch auf, ein Denkmal zu Schillers Ehren zu errichten. Das Foto zeigte zudem nicht das Schiller-Denkmal, sondern die Mozart-Statue an der Alten Oper. Wir bitten, diese Fehler zu entschuldigen”.

    Ist das nicht etwas viel verlangt? Sind diese Fehler in der Serie “Frankfurt für Anfänger”, die den Zugereisten, sprich: den “Eingeplackten” die Stadt nahe bringen soll, nicht typische Ergebnisse eines “Journalismus von Anfängern“, die weder in der Stadthistorie zuhause sind, noch Schiller von Mozart unterscheiden können, aber dennoch schreiben dürfen - ohne dass ein kundige Kollege gegengelesen oder ein Korrektor Einspruch erhoben hätte? Beides gibt es wohl nicht mehr. Ist eh wurscht in einem Blatt, in dem der Satz steht, der “Buß- & Bettag” sei nicht “sexy”.

                             *

    Totgesagte leben länger
    - Es muss Mitte der Neunzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts gewesen sein und Claude Levi-Strauss auch schon an die neunzig Jahre, als plötzlich das Gerücht die Runde machte, er sei gestorben. Das war ja nicht unwahrscheinlich in einer Zeit, als noch niemand dem “Methusalem-Komplott” auf die Schliche gekommen war, weil Frank Schirrmacher noch nicht um seine Altersrente fürchten musste. Hektische Betriebsamkeit herrschte in der Redaktion, um aufgrund der “Exklusivinformation” einen kundigen Nachrufer für den französischen Gelehrten & Schriftsteller zu finden, der dann auch in der Person eines seiner deutschen Übersetzer gefunden wurde, der Levi-Strauss sogar persönlich gekannt hatte und sich nach einer Schocksekunde bereit erklärte, sich sofort an die traurige Arbeit zu machen. Als der Nachrufer mit seiner Trauerarbeit fast fertig war, überkamen ihn Zweifel & er rief auf der ihm bekannten Telefonnummer bei Levi-Strauss an. Es wurde abgehoben und der Trauernde hörte zu seiner Freude, wie immer bei seinen Anrufen, im Hintergrund Musik laufen und sogleich auch die Stimme des Totgesagten. Der perplexe Übersetzer hatte die Geistesgegenwart, in dieser zweiten Schocksekunde seines Tages, dem bei quicklebendiger Gesundheit angetroffenen Alten Meister den todtraurigen Anlass seines Anrufs zu verschweigen. Nie ist aber geklärt worden, wie das fatale Gerücht in die Welt gekommen ist, jedoch Dank der Nachfrage bei dem Totgesagten glücklicherweise nicht ins Blatt. So wurde, ohne dass er wusste warum, Claude Levi-Strauss jetzt 100 Jahre alt - und konnte seine Nachrufe noch zu Lebzeiten lesen. Chapeau!

                             *

    Blätterrauschen- Die wohl absurdeste & lächerlichste Veranstaltung im deutschen Blätterwald der letzten Jahre war das von dem FAZ-Herausgeber Schirrmacher inszenierte Feuilleton-Rauschen über den teilweise in Berlin gedrehten Stauffenberg-Film mit Tom Cruise in der Heldenrolle von "Valkyrie". Der mittlerweile auch in Potsdam ansässige Aufwirbler der FAZ rief zur deutsch-nationalen Feierstunde, die "Hollywood" der ganzen Welt zelebrieren werde - & alle deutschen Printmedien hechelten ihm hinterher. Es war ein Muster von "embedded journalism" - nicht auf der Jagd nach Saddam Hussein im Irak, sondern als feuilletonistischer Begleitschutz für Tom Cruise auf deutschen Boden. Noch nie war ein Drehbuch im Feuilleton rezensiert worden, bevor der Film im Kasten war; aber bei der Tom-Cruise-Personality-Show, die sich selbst mit einem "Bambi" krönte, brachte die SZ diese Unikum fertig (& hat es nun mit der neuen Babelsberger-Tarantino-Produktion auf Serie gelegt).

    Nach dem Abschluss der "Valkyrie"-Dreharbeiten verwelkten aber die substanzlosen Vorschusslorbeeren im Laufe des Jahres, in dem der ungesehene Film mit periodisch entlassenen Kurzmeldungen aus der Gerüchteküche als Objekt einer deutschen Filmkritikerbegierde zwar immer wieder Erwähnung, aber nicht auf eine Leinwand fand.
    Jetzt, Ende des Jahres, wurden die Feuilleton-Leser plötzlich überall mit Valkyrie-Kritiken überschüttet, in denen die Hymniker des Nichtgesehenen als privilegierte Seher des fertigen Produkts alle Mühe hatten, ihre vertrockneten Lorbeeren schamhaft zu einem Minikränzchen zu flechten, um ihre nachträgliche Enttäuschung über ihr vorauseilende Begeisterung für ein Phantom zu verwinden.

    Von dem prognostizierten Kino-Elefanten ist offenbar nur der Furz übrig geblieben, der seinem lebenden Leichnam nun entwichen ist. Aber noch nicht einmal den können die jetzt ebenso auf- wie abgeschreckten deutschen Kinogänger nun goutieren. Denn der synchronisierte Film kommt erst Ende Januar in die Deutschen Kinos. Unsere Kritiker aber haben ihre Hausaufgaben unisono jetzt schon gemacht, weil "Valkyrie", den sie unter "Wolfsschanzen" ähnlichen Sicherheitsvorkehrungen auf Pressevorschauen kürzlich in Berlin, München & Köln besichtigen durften, nun aber schon in New York Premiere hatte. Manche stapelten sich sogar zum Anschein so hoch, dass man als Leser annehmen musste (oder sollte), sie seien in NY bei der Premiere gewesen.

    Es könnte gut sein, dass dem amerikanischen Verleih jedoch sein Anschlag auf das deutsche Kinopublikum damit ähnlich misslungen ist, wie den Verschwörern des 20. Juli einst der ihre auf Hitler. Dieser ging zu früh und die deutschen Kritiker kamen zu früh. Aber was ist jene historische Katastrophe gegen dieses voreilige PR-Debakel, das der Verleih nicht verhindern konnte?

    Immerhin: die FAZ, die den Rummel um Cruise einstens anwarf, macht die Ausnahme - blieb stumm und schweiget. Aus Scham wohl nicht; wahrscheinlich aber, weil sie schon wieder dabei ist, ihren nächsten Irrtum vorzubereiten.

    Was uns die vorauseilende deutsche Kritik-Wirtschaft aber über den sowohl eingebetteten & verachteten, als auch strampelnden Filmjournalismus in Deutschland annonciert, hat Ekkehard Knörer sehr luzide in seinem "Perlentaucher"-Essay "Das Kapital der Kritik"
    dargestellt.

                             *

    Deus absconditus - Franziska Augstein behauptet in ihrer Monographie Jorge Sempruns (“Von Treue und Verrat”, S. 259): “ In den ersten Jahren der DDR hielten die Präsidien der Künstlerverbände bei ihren Versammlungen stets einen Stuhl für den Genossen Stalin frei, damit niemand bei der Diskussion den obersten Richter vergesse”. Bekannt war oder besser: wurde im Nachhinein, dass die stalinistischen KPs re-sakralisierte Religionsgemeinschaften waren und ihre Institutionen Mönchsorden glichen, die den Kierkegaardschen “Sprung” in den Glauben hinter sich hatten und als dessen Amen das Tertullianische “Credo quia absurdum” nachbeteten. Aber dass sie es so toll getrieben haben wie die Künstlerverbände der DDR, gehört wohl, wie Vieles, zum “deutschen Sonderweg”.

    TITEL ist umgezogen!

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