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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. April 2017 | 15:11

     

    Petit riens (14)

    06.11.2008

    Witzfigur & Possenreißer

    WOLFRAM SCHÜTTE über Milan Kundera, Elke Heidenreich und das Ende von "Lesen!" und den von Bahnchef Mehdorn einmal mehr gedemütigten Verkehrsminister Tiefensee.

     

    Autobahn-Fundstücke (auf Firmenwagen) - “Suse-Anette Hasenfuß: Trauerberatung” - “Achim Unbehauen: Huf- und Beschlagsservice”. Kommt das nicht in die Nähe der, wie Vargas Llosa sagt, besten und kürzesten Erzählung der Welt, die von dem guatemaltekischen Autor Augusto Monterrosa stammt und nur aus einem Satz besteht: “Als er aufwachte, war der Dinosaurier noch da”. Oder sollte man eher an Tristram Shandys Bemerkung denken, wonach der einem gegebene Name lebensbestimmend sei?

                             *

    Aber Pamina
    - Wäre es nicht Milan Kundera, sondern ein Herr Niemand, von dem ein jetzt aufgefundenes Polizeidokument aus dessen Jugendzeit behauptet, er habe damals jemanden angezeigt und dieser Herr Niemand würde sein Schweigen darüber nur brechen, um zu sagen, das treffe nicht zu und es sei eine Verleumdung: - wem würde wer wohl glauben: dem Lebenden oder dem Dokument?

    Dem Lebenden würden seine engsten Freunde glauben, weil sie glauben wollen, er könne heute kein Lügner und deshalb früher auch kein Denunziant gewesen sein. “Wer mir nicht glaubt, ist gegen mich & will mich mit einer Verleumdung als Denunziant denunzieren“: so etwa lautet die Argumentation des Lebenden.
    Wer ihm jedoch übel will und es von jeher wollte, wird dem Dokument glauben - solange es nicht als Fälschung (mithin als Teil eines vorbedachten Plans zur Denunziation des Lebenden) erwiesen ist oder der Lebende zumindest seine Deutung, bzw. Interpretation des Dokuments und dessen Existenz geäußert hat.

    Die vier Literaturnobelpreisträger Coetze, García Márquez, Gordimer und Pamuk und die Kollegen Fuentes, Goytisolo, Philip Roth, Rushdie und Semprun, die jetzt zusammen mit anderen “ihre Solidarität mit Milan Kundera” und “ihre Empörung über eine solche Verleumdungskampagne zur Beschmutzung der Ehre eines der größten lebenden Schriftsteller” erklärt haben, haben ihrem Kollegen ihre Loyalität versichert, indem sie seinem “kategorischen Dementi” vertrauen.

    Wer würde sich ihnen, der sie alle schätzt und ihnen nachhaltige ästhetische und ethische Erfahrungen verdankt, nicht anschließen wollen - gäbe es nicht diesen großen, seit dem ersten Hören unvergesslichen Moment in Schikaneder / Mozarts Freimaurer- & Aufklärungsoper, als Pamina, auf Papagenos Frage antwortet, was die beiden nun Sarastro sagen werden, nachdem sie gefangen genommen worden waren: “Die Wahrheit, die Wahrheit - und wär´ sie auch Verbrechen”?

                             *

    Kommissarisch
    - In der Flut der Kommentare, die sich um das Pack, das sich öffentlich schlägt und verträgt und um Kündigung bittet & sie bekommt - ich meine also das kürzlich aufgetretene und nachtretende literarische Quartett von Reich-Ranicki, Heidenreich, Gottschalk und ZDF -, wurde immer wieder zu Gunsten der “Lesen!”- Marketenderin angeführt, dass sie mit ihrer Sendung vor allem “auch Leute zum Lesen gebracht habe, die zuvor noch nie ein Buch in der Hand gehabt haben”.

    Ich habe mich schon immer gefragt, was mit diesem so menschenfreundlich auftretenden Lob gemeint sein könnte. Es ist eine rhetorische Phrase, die vor allem den TV-Medienverwaltern jedes Mal flott aus dem Mund quillt, wenn sie eine ihrer Schandtaten der fortgesetzten Publikumsverachtung mit der Einschaltquote “ihres Publikums” auf die Höhe einer “demokratischen” Zustimmungsentscheidung heben wollen. Das erlaubt ihnen automatisch jenen, der ihrer Rechtfertigung qua Quote widerspricht und ihr Reflexverhalten weder für sinn- noch für zweckvoll und schon gar nicht für eigenverantwortliche Programmpolitik hält, als Vertreter einer menschenverachtenden, arroganten, elitären Minderheit mundtot zu machen, die eine Erziehungsdiktatur im Sinn habe.

    Leute, die noch nie ein Buch in der Hand gehabt haben, gibt es möglicherweise bei uns viele, und immer mehr, die das auch zukünftig so halten wollen. Es gibt viele Gründe des sekundären Analphabetismus; und mit dem Schwinden der täglichen Zeitungslektüre wird diese angelernte Kulturtechnik mit jener der Buchlektüre dahingehen.

    Die Behauptung, auch nur einer, der bislang noch kein Buch in der Hand gehabt habe, sei durch den Befehl “Lesen!” zwangsweise als Freiwilliger zum Leser geworden (und wäre es auch nur eines Buches), ist ungefähr so wahrscheinlich wie die Annahme, auch nur ein armer Teufel lasse sich von Papst Benedikt XVI. zum Konsum des Weihwassers verpflichten, wenn der Papst die gewinnende Ausstrahlung Heidenreichs besäße.

    Es ist also purer Nonsens (wie auch eben die Behauptung von CSU-Wirtschaftsminister Glos, sein Konjunkturprogramm werde “1 Million Arbeitsplätze in Deutschland sichern”), aber doch eine schier unangreifbare, weil nicht verifizierbare Schutzbehauptung zur Immunisierung von Kritik.
    Denn “Lesen!” - wie alle Literatur- oder Kultursendungen im TV (wie immer sie heißen & was immer sie sein mögen) - war immer “nur” ein “preaching for the saved”, eine Predigt für die Geretteten & nicht für die Ungläubigen, die weder das Buch noch irgend ein anderes zur Hand nehmen.

    Die literarische Konsistorialrätin Heidenreich hatte mit ihrer Lutherischen Kapuzinerpredigt wider das ZDF zwar über die Stränge geschlagen, aber auch cum grano salis TV ebenso recht, wie der 88jährige ehemalige Primgeiger mit seinem pauschalen “Blödheits”-Verdikt, obwohl er den “Mist“ gar nicht kannte, den er zurecht so bezeichnete - selbst wenn er sich darauf als potentieller Programmreformer (mit Shakespeare & Brecht im Ärmel) unsterblich blamierte.

    Die deutsche Verlagsbranche aber hatte, mit ihrem appellativen Offenen Brief ans ZDF, den Wirtschaftsfaktor “Lesen!” doch bitte Heiden- & segensreich fortzusetzen, zurecht ausgesprochen, was doch jeder wusste: dass “Lesen!”, wie schon das “Literarische Quartett”, für halbgebildete TV-Seher gehobenes Entertainement und für den gehobenen Buchmarkt ein “wichtiger Umsatzverstärker” war: damit die, die in diesem Lande (noch) lesen, ultimativ gesagt bekommen, was sie gefälligst en masse kaufen sollten. Der Buchmarkt wird darauf dringen, dass “schnellstmöglich” Abhilfe geschaffen wird. Gut möglich aber, dass zur Banken- & Kapitalkrise, nun beim Weihnachtsgeschäft noch eine Buchhandelskrise hinzukommt - weil Elke Heidenreich sich verspekuliert und das ZDF ihr keinen Kredit mehr gegeben hat.

                             *

    Witzfigur & Possenreißer
    - Es hat zu lange gedauert, bis der Verkehrsminister Tiefensee als die ebenso lächerliche wie erbärmliche Figur von der Presse erkannt wurde, als die er ja schon seit geraumer Zeit von dem ihm untergeordneten Bahnchef Mehdorn zugerichtet worden war. Jetzt erst ist es eingetreten.

    Es war auch längst öffentlich bekannt, dass sich beim Börsengang der DB der Bahnvorstand kräftig finanziell “selbstbedienen” würde. Nachdem aber dieser - vom Finanzminister gefordert, von Tiefensee abgesegnet & von Mehdorn zähneknirschend hingenommen - verschoben wurde, kam auf Heller & Pfennig heraus, was dadurch Mehdorn & seinen Schutzbefohlenen vorerst durch die Lappen gegangen ist: mehrere Millionen ¤.

    Dass der Deal so detailliert gerade jetzt öffentlich wurde, wo über dergleichen Manager-Boni Empörung herrscht, war eine Falle für Tiefensee, in die er ging - wie schon in alle früheren, die ihm Hartmut Mehdorn im Verlauf der letzten Jahre immer wieder gestellt hatte. Aber tiefer, als der Verkehrsminister jetzt stufenweise abgestiegen ist, kann man sich derzeit kaum politisch und menschlich selbst versenken: erst als empörter Ignorant, der von nichts gewusst haben wollte (und gelogen hat); und dann als öffentlicher Bittsteller, der die Raub-Ritter der Bahn kniefällig darum bittet, auf ihre längst abgesegneten Boni ihm zuliebe zu verzichten. Zum höhnischen Grinsen Mehdorns & seiner Mitverschworenen kam nun auch noch das lautstarke Gezeter der Presse über die verlorene Bonität des Ministers, der wahrlich nur noch eine komische Witzfigur ist.

    Die FDP, die Partei der Besserverdienenden, forderte selbstverständlich Tiefensees Rücktritt. Weder sie noch die Presse, die sich an Tiefensees erbärmlichen Anblick weidet, wendet aber ihren Blick auf jenen - bislang genialen, zynischen, raffinierten - Strippenzieher, der Tiefensee zu seinem (& unser aller) Hampelmann gemacht hat: Hartmut Mehdorn, unser James Cagney von der Bahn.

    Er, der im Laufe seiner Bahnchef-Karriere zahlreiche willfährige Politiker (& Gewerkschafter) erst sich zur Brust und dann mit Apanage in seine Entourage genommen hat, führt nicht nur einen naiven Politiker vor, sondern die Politik insgesamt - als Büttel seiner bonapartistisch exekutierten Kapital-Interessen mit unserem Staatseigentum.

    Der kolossale Witz, dessen Kollateralwitzchen Tiefensee heißt, wird nun schon zum wiederholten Mahl von Hartmut Mehdorn gerissen; und seine Pointe ist, dass niemand auf die Idee kommt, dem Possenreißer das Handwerk zu legen. Das kann ja noch heiter(er) werden.

    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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