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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. April 2017 | 15:06

     

    Petits riens (14)

    14.10.2008

    Der Augenblick der (Un)Wahrheit

    WOLFRAM SCHÜTTE über den neuen, selbstbejubelten Eventauftritt „ZEITLiteratur“ - Florian Illies geschniegelte Nachahmung von „Literaturen“ - und die entlarvenden Reaktionen auf den neuen Nobelpreisträger Le Clézio.

     

    Bislang galt im deutschen Printjournalismus, dass die Titelblattseite des Produktes in toto nicht für die Werbung freigeräumt werden dürfe. Ich erinnere mich, dass bisher nur ein- oder zweimal “Die Welt” in den Neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts davon abgewichen war - und alle anderen damals über diesen “Ausverkauf” des Titelblatts gelästert haben. Nun hat “Die Zeit” - ausgerechnet auf dem vorläufigen Höhepunkt der weltweiten Finanzkrise - ihre ganze erste Seite der Promotion ihrer hauseigenen 100 seitigen Literaturbeilage gewidmet. Der “Generation Golf”-Auflagen-Millionär und “Zeit”-Neuzugang Florian Illies hat da sein Gesellenstück als Initiator geliefert; und das Hamburger Wochenblatt feiert den Relaunch seiner traditionsreichen Buchmessenbeilage nun wie ein Weltereignis: “Das neue Literatur-Magazin ist da!” oder: Der Heiland ist Euch geboren.
    Klappern gehört Handwerk? Oder doch eher mit Goethe: “Nur Lumpe sind bescheiden”- und die neueste "Zeit" lässt sich eben nicht lumpen.

    Der frühere Rezensions- & Anzeigenfriedhof der "Zeit"-Literaturbeilage ist also optisch aufgefrischt worden und enthält, bevor er ab Seite 53 begehbar ist, eine Reihe von unterhaltsamen Verweilplätzen, auf denen prominenten Autoren wie Orhan Pamuk über seine türkische Bibliothek und Durs Grünbein über das T.S. Eliots “Waste Land” als “das moderne Poem schlechthin“ fabulieren, der Kolumnist Harald Martenstein sich als Trüffelhund durch die “Bestsellertische des Herbstes wühlt und nur Schweinkram findet”, Dieter Thomä gesprächsweise über sein Buch “Väter” philosophiert und Ursula März nach Kalifornien gejettet ist, wo ihr Ruth Klüger für das dezente Porträt einer zänkischen Alten Dame Modell sitzt.

    Charles Darwin wird gleich dreifach zum rot annoncierten Themenschwerpunkt erklärt, wobei Ingo Schulze mit einer den Titel zierenden Kürzestgeschichte seinen eigenen Vogel abschießt, wenn es auch nur ein bebrillter Hund namens Darwin ist. Eine geschmackvoll inszenierte Bilderstrecke präsentiert Lyrikerinnen und Lyriker (“Endlich! Die neue deutsche Lyrik ist wieder Teil der Welt”) “in der Nähe ihrer Wohnorte an möglichen Tatorten” sitzend, stehend, liegend. Sie spreizen sich - wie ihr Betexter Illies, der von “zauberhaft klaren Gedichten” schwärmt, von der “flatterigen Wirklichkeit ihrer Gedichte”, “himmelstürzenden Versen”, von der “Poesie”, die “schräg ins Gehirn fällt” schwafelt und von einer “großen Figur der deutschen Lyrik”, die es zu “Sprachkunstwerken von echter Eleganz” bringt.

    Eine zusammengeschusterte Umfrage, wer 2008 den Literaturnobelpreis erhalten sollte, lässt Kraut & Rüben hervorschießen - und wer dann beim Umblättern der Seiten dort, wo sein Daumen greift, hinblickt, entdeckt unter ihm hin und wieder Kleinstfürzchen wie z.B. dieses: “Die Anthologie von Texten der New Yorker Literaturzeitschrift >n+1< ist ein Rosinenbomber voll origineller Gedanken” (Florian Illies).

    Geschniegelte Nachahmung von „Literaturen“

    Dabei ist „Das neue Literatur-Magazin“ der „Zeit“ doch nichts anderes, als die geschniegelte Nachahmung von „Literaturen“, deren bisherige Chefredakteurin Sigrid Löffler zeitgleich das solitäre Produkt des Friedrichs-Verlags verlassen muss, das mit eben diesem literarischen Kessel Buntes monatlich seit acht Jahren ein deutschsprachiges Publikum an sich zu binden hoffte, das sich für „anspruchsvolle Literatur“ & Kritik jenseits der Bestseller-, Bestenlisten und aller anderen marktschreierischen Veranstaltungen des Literaturbetriebs interessieren würde – also für den Wurmfortsatz des viel zitierten und belächelt-geschmähten ehemaligen deutschen „Bildungsbürgertums“ gedacht war, das in den Nischen der Buchketten und ihres Lektüreschrotts und Dank einiger Autorenbuchhandlungen, weitgehend weiblich, doch noch überwintert haben soll.

    Die streitbare Österreicherin Sigrid Löffler – als dissonanzierende Widersprecherin des einstigen „Literarischen Quartetts“ auffällig geworden – muss nun ihre Erfindung „Literaturen“ zum Jahresende deshalb aufgeben, weil die Auflage der Hochglanzzeitschrift kontinuierlich seit ihrer Gründung in 2000 von 30.000 auf 14.000 Exemplare gesunken war, wie deren Verlagsleiter jetzt in der „TAZ“ verriet. Der führt den Leserverlust darauf zurück, dass eben jenes von Löffler & „Literaturen“ konzeptionell angepeilte bildungsbürgerliche Publikum rapide im Schwinden begriffen sei und um rentabel zu sein, „Literaturen“ jenseits davon – im trüben Allgemeinen oder marktsegmentierten Klaren – künftig fischen müsse, wozu die bisherige Chefin weder willens, noch (unausgesprochen) in der Lage sei.

    Ob daraus die von Löffler prognostizierte „Boulevardisierung“ oder der zeitgemäßeste der Schrecken, nämlich der „Servicecharakter“, als Heilmittel die Szene von „Literaturen“ betritt, wird sich im neuen Jahr zeigen, wenn die „Navigation im großen Wald des literarischen Lebens“ durch eine „Fein- und Nachjustierung“ auf das „vermittelnde Element“ (Friedrich Verlag) vorgenommen worden ist.

    Selbstbejubelter Eventauftritt

    Skeptiker wie ich vermuten, dass es passionierte Leser in hinreichender Anzahl nicht mehr gibt, denen über ihre jeweilige Lektüre hinaus die Literatur und das literarisches Leben kontinuierlich so etwas wie der imaginäre „Nabel der Welt“ bedeutet, weil die „Literarische Welt“ – wie zu Lebzeiten der gleichnamigen, von Willy Haas in der Weimarer Republik redigierten Zeitung – zusammen mit dem Theater nicht mehr in unserer Zeit & Gesellschaft kulturdominant sind.

    Die „Zeit“, deren Käuferklientel nicht unwesentlich mit jener von „Literaturen“ verwandt sein dürfte, steht also schon bereit, noch zu Lebzeiten der Monatszeitschrift diese nun mit dem eben selbstbejubelten Eventauftritt zu beerben. Natürlich nicht monatlich. Denn eben das ist „Literaturen“, das sich mit jeder neuen Ausgabe zum Event hätte machen müssen, den „man nicht versäumen durfte, um mitreden zu können“, nicht gelungen – und ist wohl auch (aus vielerlei Gründen) von keiner wie auch immer modifizierten literarischen Monatszeitschrift auf dem Printmarkt heute noch zu erreichen. Aber als ein-, oder zweimaliger Großevent zu Buchmessenzeiten kann das Modell „Literaturen“ im Beipack und als „Alleinstellungsmerkmal“ der „Zeit“ durchaus funktionieren – sowohl für das Wochenblatt, als auch für die Buchbranche, in der der Holtzbrinck-Konzern, zu dem ja nicht nur der Zeit-Verlag, sondern auch solche renommierte Buch-Verlage wie S. Fischer und Rowohlt gehören, eine nicht unerhebliche Rolle spielt und – nach Holtzbrincks geschäftlichen Absichtserklärungen – auch weiterhin spielen will.

                              *     

    Unter der Wahrnehmungsschwelle

    Ein Nachwort zum diesjährigen Literaturnobelpreisträger. The same procedure as every year. Wieder ist es – wie fast immer – keine(r) geworden, von dem die deutschen Literaturkritiker es erwarteten: keine(r) der „üblichen Verdächtigen“, aber auch keine(r), dem man unter extremer Zeitnot am fatalen Donnerstag im Oktober, ab 13 Uhr bis zum Redaktionsschluss, aus dem eigenen (Kenntnis-)Stand heraus den Kranz leichthin binden könnte. Wieder einer – wie Le Clézio -, der schon lange bei uns unter die Wahrnehmungsschwelle gerutscht und nur von Spezialkritikern noch in den letzten Jahrzehnten rezensierend begleitet worden war.

    Glücklich war, wer einen solchen Kenner & womöglich Liebhaber in den Redaktionen zur Hand hatte und ihn – dalli, dalli – auf die kurze Zeitstrecke schicken konnte. Für alle anderen begann – unter den üblichen Verfluchungen der „Stockholmer Gerontologen“: Grundbestand der alljährlichen Litanei – das Wühlen in (soweit noch vorhanden) den eigenhäusigen staubigen Archivmappen, dem „Kritischen Lexikon zur fremdsprachigen Gegenwartsliteratur“ oder im Internet.

    Anmaßend und unaufrichtig & weit entfernt von einem unterfütterten Lektüre-Urteil

    Damit kann man sich möglichst rasch und umfassend aus zweiter, dritter, vierter Hand in den Stand versetzen, um dem gleich einem selbst überwiegend ignoranten Publikum die verzweifelt komische, aber öffentlich seriös vorzuspie(ge)lende Rolle des kritisch Wissenden darzubieten. Ein solcher Auftritt wirkt besonders überzeugend, wenn man das "blödsinnige" Nobelpreiskomitee auch noch verbal dadurch übertrumpft, dass man ihm die Idiotie seiner Fehl-Wahl „souverän“ unter die Nase reibt.

    So macht der um alles auf der Welt zu kaschierende Ärger über die eigene Ignoranz - bei der man auf Teufel komm raus nicht erwischt werden darf, um sich nicht zu blamieren - wo nicht sogar Lügner, so doch Vortäuscher aus uns allen. Nie ist die Literaturkritik sowohl anmaßender als auch unaufrichtiger und weiter von einem durch eigene, subjektive Lektüre-Erfahrung aufgefütterten Urteil entfernt, als in jenem Augenblick der Wahrheit, da sie einen Literaturnobelpreisträger spontan würdigen muss, von dem sie allenfalls einen blauen Dunst hat. Eine verschwiegene Komödie, auf die zutrifft, was das Ensemble in der Schlussfuge von Verdis „Falstaff“ lachend singt “Tutto nel mondo è burla“ oder auf Deutsch: “Alles auf der Welt ist eine Posse“.

    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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