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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. April 2017 | 15:09

    "Lettre International" zum 20. Jahrgang

    26.06.2008

    Salut für ein mundiales Unikum

    Das deutsche “Lettre” feiert sich, seine 7500 Abonnenten und die 16.000 Käufer des vierteljährlich erscheinenden Periodikums mit einer Jubiläumsausgabe, die mit ihren 250 großformatigen Seiten dem Umfang von drei Taschenbüchern und mit dem Preis von 17,00 Euro zwei Kinokarten entspricht, aber ein Vielfaches an Konsumtionsdauer und gedanklichem und visuellem Vergnügen verspricht. Von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    Die erste Ausgabe von “Lettre international” erschien 1984 in Paris; jedoch die Idee, ein publizistisches Netzwerk zur Kommunikation der europäischen intellektuellen Debatte in weltbürgerlicher Absicht zu schaffen, ist ein Emigrations-Produkt des “Prager Frühlings”, dessen Projekt eines “Sozialismus mit menschlichem Gesicht” von den Staaten des Warschauer Pakts 1968 zunichte gemacht worden war.

    Antonin Liehm, Chefredakteur der Zeitschrift des tschechoslowakischen Schriftsteller- verbandes - des geistespolitischen wie moralischen Motors des “Prager Frühlings" - verfolgte die Idee intellektuellen Austauschs über die sprachlichen, kulturellen, historischen und politischen Grenzen Europas hinweg schon in der CSSR - & erst recht nach seiner Emigration.
    Auch im kapitalistischen Westeuropa zirkulierte zu jener Zeit des Um- & Aufbruchs der Wunsch bei Intellektuellen wie H.M. Enzensberger und Italo Calvino, ein europäisches Zentralorgan der Intelligenz zu gründen - ähnlich dem “New York Review of Books”.

    Aber es war das logistische und energische Genie Antonin Liehms - im Vergleich zu den renommierten westeuropäischen Konkurrenten ein Nobody -, dem es gelang, das ehrgeizige Ziel zuerst in Paris zu realisieren und dann bald darauf Dependancen in Rom, Madrid und 1988 in Berlin zu gründen. Mit dem Fall der bipolaren Weltordnung 1989 entstanden & existierten zeitweise bis zu dreizehn (!) “Lettres” in den verschiedenen Landessprachen Osteuropas und in Russland, wobei das genossenschaftliche Konzept des intellektuellen Netzwerks vorsah, dass 70 bis 80% der literarischen, essayistischen, illustrativen und journalistischen Beiträge als gemeinsame Basis übernommen, der Rest aus jeweils nationalen Ressourcen gewonnen wurde.

    Als man den Initialzünder und Spiritus rector von “Lettre”, Antonin Liehm, 1997 den “Preis für Europäische Verständigung” auf der Leipziger Buchmesse verlieh, wurde eine intellektuelle Energie gewürdigt, die “ein europäisches Forum geschaffen (hatte), das ein Ort des Geistes und kein Markt der Waren ist und darüber hinaus ein Medium des gedruckten Wortes gegen die bunte Flimmerwelt des modernen Analphabetismus setzt”.
    Es sind & waren hochtönende, wenngleich treffende Worte einer deutschen Buch- messeninstitution für “Europas Kulturzeitung“. Das politische Europa in Brüssel und Straßburg, in dem einzig und allein um wirtschaftliche Vorteile und Förderungen zwischen den beteiligten Nationen trick- & subventionsreich gestritten wird, hat dieses wahrhaft europäische Projekt so wenig unterstützt, wie bis heute dort z.B. auch nicht die naheliegendste (europäische) Idee eines Übersetzungsfonds realisiert werden konnte.
    Europäische Kulturpolitik oder Kulturpolitik zu europäischem Nutzen findet literarisch nicht statt; und die jeweiligen nationalen Kulturinstitutionen der europäischen Länder haben es bis heute nicht zustande gebracht, als geballte Lobbyistenmacht in Brüssel oder Straßburg vorstellig zu werden und ihre gemeinsamen Interessen gemeinsam zu vertreten.

    “The way we live now”

    “Anspruchsvolle Kulturpublizistik, Übersetzungen für Zeitschriften finden keinerlei Förderung, haben keinen Ansprechpartner, werden systematisch noch nicht einmal als förderungswürdig gedacht”, beklagt “Lettre International” den bestehenden Zustand, auf den die Zeitschrift bereits in einer ihrer ersten Ausgaben in den 80er Jahren, erfolglos bis heute, hingewiesen hatte.
    Nicht verwunderlich also ist es, dass von den einst zwölf “Lettres” nur noch fünf existieren, nachdem sogar das französische Mutterblatt kürzlich aufgeben musste. Nur in Deutschland, Italien, Rumänien (!), Spanien und Ungarn (!) erscheint “Europas Kulturzeitung” noch.
    Und eben jetzt wird “Lettre International”, die deutsche Ausgabe, 20 Jahre alt - im gleichen Augenblick, in dem die Agonie des einst glanzvollen “Kursbuchs“ zuende gegangen ist & H.M. Enzensbergers “Transatlantik” noch nicht einmal mehr als Gerücht seiner kurzweiligen Existenz überdauert hat.

    Das deutsche “Lettre” feiert sich, seine 7500 Abonnenten und die 16.000 Käufer des vierteljährlich erscheinenden Periodikums nun mit einer Jubiläumsausgabe, die mit ihren 250 großformatigen Seiten dem Umfang von drei Taschenbüchern und mit dem Preis von 17,00 Euro zwei Kinokarten entspricht, aber ein Vielfaches an Konsumtionsdauer und gedanklichem und visuellem Vergnügen verspricht.
    Denn 135 Autoren, Künstler und Photographen aus der ganzen Welt haben mit 85 künstlerischen Arbeiten und 50 Essays, Reportagen, Kurzgeschichten und Gedichten auf die Bitte der Redaktion reagiert, unter dem Susan-Sontag-Motto “The way we live now / So leben wir jetzt” eine Bestandsaufnahme unseres historischen Welt- Augenblicks zu ziehen. Der Radius dieser Antworten reicht von der Politik über Kunst und Wissen, Technik, Kommunikation und Ökologie zur Poesie, der Malerei und der Fotografie.

    “Welchen Umwälzungen sind wir heute ausgesetzt? Lieben wir das Leben noch? Können wir noch überschauen, was geschieht? Woran sollten wir arbeiten? Worauf kommt es an? Welche Haltung, welche Moral, welches Wissen brauchen wir? Welche Möglichkeitsräume können Kunst, Literatur und Wissenschaft noch eröffnen?“ Solche Fragen zu stellen, heißt ebenso leidenschaftlich wie wissbegierig, ebenso emphatisch wie furchtlos nach einem komplexen, kaleidoskopischen Panorama des Denkens, Erinnerns, Empfindens und Spekulierens im Weltmaßstab zu fahnden, wobei die Grenzen dessen, “was die Mode streng geteilt” (Schiller), souverän überschritten werden: interdisziplinär, intellektuell, poetisch und journalistisch.
    Und solches Fragen & Antworten setzt voraus, was eine 20-jährige redaktionelle Arbeit und eines von Beginn an aktivierten sympathetischen Enthusiasmus für menschliche Kreativität und intellektuelle Würde im Verlauf dieser zwei Jahrzehnte um sich versammelt hat: Journalisten, Schriftsteller, Philosophen, Wissenschaftler und Künstler in aller Welt, die in “Lettre International“ die mundiale Agora kosmopolitischen Austauschs, der Reflexion unserer stationären Befindlichkeiten, Verzweiflungen und Hoffnungen erkannt haben.

    Ein solches Treffen der unterschiedlichsten, versprengten, isolierten, aber lokalisierten und aufgerufenen Geister (vor allem auch aus den Kulturen Afrikas und Asiens) kommt nur zustande, weil es von Respekt, Wissbegier, Großzügigkeit und nicht zuletzt Freundschaft zusammengeführt wird. Es sind Eigenschaften und Vorzüge, die Frank Berberich besitzt. Er leitet das deutsche “Lettre” von Beginn an und hat es mit seiner kleinen Crew (Dirk Höfer, Esther Gallodoro) kontinuierlich zu jenem “Ort der Entdeckungen, des Dialogs und der Gastfreundschaft” entwickelt, der “Lettre International” heute ist: einzigartig.

    Einzigartig ist nicht nur diese grandiose Bilanz unserer Weltgegenwart; einzigartig sind auch die 80 (!) “Lettre”-Ausgaben, die vorausgingen. Einzigartig aber vor allem, weil hier ein intellektuelles und künstlerisches Projekt immer aufs Neue realisiert wird, das die Transzendenz eines Traums, der von vielen Romantikern und Idealisten geträumt worden ist, in die Wirklichkeit einer weltbürgerlichen Zeitschrift übersetzt. Und zwar nicht durch öffentliche Gelder abgesichert und steuerabsatzfähiges Sponsorentum gefördert, sondern durch den Enthusiasmus einer alle Beiträger verbindenden Freundschaft und Sympathie für die gemeinsame Sache. Materielle Reichtümer sind dabei für keinen zu gewinnen; umso reicher wird hier immaterieller Gewinn an Kenntnis & Erkenntnis erwirtschaftet: für alle daran Beteiligten, zuletzt (& zuförderst) für die Leser von “Lettre International”. Many happy returns!

    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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