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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. Juli 2017 | 18:55

     

    Petits riens (12)

    19.05.2008

    Glaube an die Nachwelt

    WOLFRAM SCHÜTTE u.a. über den erneut erweiterten Wirtschaftsteil der SZ, der nun ihr Kernstück geworden ist und in dem die Musik spielt, nach der alle anderen Teile (Politik, Sport, Feuilleton) tanzen.

     

    Musikantenstadel - Am Tag nach dem „Schwarzen Montag“ (21.1.08), als die „Süddeutsche Zeitung“ wie fast alle anderen Blätter auch, mit besonders großen Lettern auf ihrer ersten Seite „Weltweit Panik an den Börsen“ titelte, setzte sie einen Kasten daneben mit dem Titel: „SZ erweitert ihren Wirtschaftsteil“. Erst im gerade vergangenen Jahr hatte sie ihn schon einmal „erweitert“, möglicherweise mit dem gleichen Text wie jetzt: “SZ-Leser können sich von heute an mit Berichten, Analysen und Kommentaren noch besser über Wirtschaftspolitik, Unternehmen und Börsen informieren. Der Wirtschaftsteil wird wesentlich umfangreicher. Neu sind die Geld-Seiten, die mehr Lesestoff bieten und Anlegern Orientierung geben sollen“.
    „Orientierung“? Dass ich nicht lache! Als ob die neoliberale Wirtschaftsredaktion der SZ in der Lage wäre, den „Anlegern“ unter ihren Lesern Orientierungen zu geben, wie sie ihr Vermögen durch den Dschungel der wildwuchernden Ökonomie gefahrlos nachhause bringen und nebenbei auch noch erwünschte Schnäppchen mitnehmen könnten! Aber „Lesestoff bietet“ dieser Teil der Zeitung wie kaum ein zweiter, weil er reich instrumentiert wird durch die ganze Skala journalistischer Genres von Nachricht, Bericht, Feature, Porträt, Serie, Glosse, Leitartikel. Der „erweiterte Wirtschaftsteil“ ist de facto eine Zeitung in der Zeitung, ihr Kernstück. Hier spielt die Musik, nach der alle anderen Teile (Politik, Sport, Feuilleton) tanzen.

    *


    Mangelnder Nachschub
    - Vielfach beschweren sich maulend die Rezenten der Tagebücher-Edition Martin Walsers (bei Rowohlt), dass er, wenn es um Unseld oder vermeintliche Größen des Literaturbetriebs geht, wie jetzt Uwe Johnson oder Ingeborg Bachmann, nur lakonisch das Treffen oder Zusammensein mit ihnen notiert, aber keine Porträts, Sottisen oder Reflexionen über sie oder die Zeit mit ihnen notiert habe. Natürlich sind die Rezensenten prominentengeil und klatschsüchtig. Walser bedient sie nicht mit Nachschub. Dafür können sie sich an seinem erotisch instrumentierten Alterswerk von Liebes-Romanen, in denen die Hormone Kobolz schießen, gütlich tun.

    *


    Pflege-Kapital
    - Wer nicht zu den herrschaftlich besitzenden Klassen gehört, hat allen Grund, sich vor einem hohen Alter zu fürchten, das ihn zum abhängigen Objekt einer Pflege seiner körperlichen Hinfälligkeit in einem Alten- oder Pflegeheim machen könnte. Ich weiß, wovon ich rede, seit ich den Hingang meiner Mutter verfolgte, die aus eigenem Wunsch dorthin wollte und mich damit wohl zuletzt vor einer schuldhaften Erpressung bewahrte.


    Wir Heutigen sind in den wenigsten Fällen noch psychisch und physisch in der Lage, die häusliche Pflege unserer Eltern – als einstmals „natürliche Pflicht“ – zu übernehmen. Die Naturzwänge des Familiären werden früh schon gekappt, „Pflicht“ wird durchweg als Zwang empfunden, falls angeborene Neigung sie nicht mildert. Die moderne Arbeits- & Erwerbswelt des „Flexiblen Menschen“ (Richard Sennett) in der „Flüchtigen Moderne“ (Zygmunt Baumann) wird zukünftig durch die geforderte Mobilität noch irreversibler die Familie als Ankerplatz verschwinden lassen. Wer bleibt im Laufe seiner Arbeitsbiographie noch im geografischen Umkreis seiner Eltern? Ob die Kinderlosen im Alter noch schlechter dran sind als jene, die Kinder hatten, die sich ihnen entfremdeten & geografisch entfernten, sei dahin gestellt. Im weitgehend internalisierten Funktionsmodell unserer durchkapitalisierten Gesellschaft haben die „natürlichen Bande“ so wenig Wert, wie jede andere nostalgische Neigung zum Nichtprofitablen. Die Alten sind „totes Kapital“, wenn sie für ihre materielle Selbsterhaltung bis zum Exitus nicht „vorgesorgt“ haben – was nur jene wirklich können, denen es schon zu ihren aktiven Zeiten sehr gut ging. Der Rest, die überwiegende Mehrzahl also, wird in bislang noch gar nicht in ausreichender Zahl vorhandenen Alters- und Pflegeheimen auf einem materiellen, medizinischen und sozialen Minimum „grundversorgt“ werden - von überforderten und unterbezahlten, oft selbst psychisch kranken Pflegern, von denen jetzt schon zwei Drittel im Alter nicht in dem Heim Pflegeopfer sein möchten, in dem sie derzeit arbeiten.

    Denn was nach der rasanten demographischen Entwicklung zur notwendigen Altersfürsorge an Pflegeheimen entstanden ist und weiterhin entsteht, soll sich für deren Investoren „rechnen“, zu deutsch „Profit machen“, also an der Zirkulation des Kapitals lukrativ teilnehmen. Den Preis, um Gewinn dabei zu erwirtschaften, dürften jene mit ihrer körperlichen Versehrtheit bezahlen, die sich solchen Objekten als deren dort „betreute“ Opfer anvertrauen müssen.


    Selbstverständlich gibt es bisher nicht und wird es in absehbarer Zeit nicht geben, was mit drakonischen Strafen für die Einhaltung von Mindeststandards der Heimpflege sorgen könnte: sowohl unangemeldete als auch regelmäßige Kontrollen durch eine humanitäre Eingreiftruppe - als „Gesundheitspolizei“.

                             *

    Filmarchiv - Wieder einmal kursiert augenblicklich die Idee, von jedem in Deutschland gezeigten Film eine Kopie in einem staatlichen Archiv zu sammeln. Der Vorschlag orientiert sich an einem Gesetz, das deutsche Verlage verpflichtet, ein Exemplar der bei ihnen erschienenen Bücher der Deutschen Bibliothek zur Verfügung zu stellen.


    In den vergangenen Jahrzehnten ist mehrfach & erfolglos das gleiche Verfahren, für jeden in der damaligen Bundesrepublik ins Kino & Fernsehen gekommenen Film ein solches Archiv-Exemplar einzufordern, gewissermaßen als Entreebillet seines öffentlichen Erscheinens, von Kritikern und Regisseuren gefordert worden. Die „Filmbewertungsstellen der Länder“ (FBW) und die „Filmselbstkontrolle“ (FSK) wären das ideale Nadelöhr zumindest für die Kinofilme gewesen.
    Aber besonders nachdrücklich ist dieser Wunsch nach einem vollständigen Archiv der in Deutschland präsentierten einheimischen Filmkultur nicht vertreten worden: weder von den Filmhistorikern & -kritikern, noch von den Filminstituten selbst und erst recht nicht von den politischen Parteien, die dafür das Gesetz erlassen müssten, sollte die Film- & Verleihbranche sich nicht selbst dazu verpflichten.


    Es ist in Deutschland, im Gegensatz zu anderen (vor allem romanischen) Ländern, auch heute noch nicht ein Gemeinplatz, im Film selbstverständlich einen Kulturgegenstand zu sehen, statt nur ein privatwirtschaftliches Geschäftsfeld. Das ist umso lachhafter, als so gut wie jeder in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland produzierte Film seine Existenz nicht zuletzt oder manchmal sogar allein den vielfältigen öffentlichen Förderungsgeldern verdankt, so dass es allein deshalb nicht unbillig wäre, dafür vom Produzenten ein Belegexemplar in öffentlichem Besitz zu erhalten. Nicht bei den mitproduziert habenden Fernsehanstalten, die ja auch öffentlich unterhalten werden, sich aber duodezfürstlich gerieren, sondern bei einem zentralen Filmarchiv, das gegen eine feste Ausleihgebühr interessierten privaten oder öffentlichen Institutionen Kopien zur nichtgewerblichen Nutzung bereitstellt und für den (daraus zumindest teilweise finanzierten) Erhalt oder die Restaurierung der ihm anvertrauten Filme zu sorgen hätte. Das wird wohl ohne zusätzliche finanzielle öffentliche Unterstützung, bzw. Unterhaltung unmöglich sein. Aber daran dürfte die noch immer wünschenswerte Idee eines Deutschen Filmarchivs gar nicht scheitern. Sondern daran, dass keine Gruppe, die mit Film, Kino, Filmgeschichte oder -Kritik bei uns zu tun hat und davon lebt - geschweige denn alle zusammen - den energischen & enthusiastischen Wunsch & Willen hat, den historischen Bestand unserer „Filmkultur“ archivarisch zu sichern.

    *

    Glaube an die Nachwelt. Zu Arno Schmidts “Briefwechsel mit Kollegen“. An einer Stelle in Arno Schmidts “Briefwechsel mit Kollegen” schickt Schmidt einem Kollegen seine neueren Sachen mit der Begründung, er habe derart schon mehrfach Depots seiner Schriften angelegt - für den Fall eines neuen Kriegs. Damit die Nachwelt sein Oeuvre möglichst vollständig überliefert bekomme. Der Verlust seiner Bibliothek im 2.Weltkrieg wirkt da als Menetekel noch nach, zugleich der Glaube an die Nachwelt, der die Spur von seinen Erdentagen nicht verborgen bleiben soll: Metaphysik eines solipsistischen Atheisten, Zukunft für die Illusion eines “Gehirntiers”.


    Wolfgang Hildesheimer begründete sein spätes Schweigen damit, dass er an “die Nachwelt” nicht mehr glaube und die finale Apokalypse “at hand” sehe. Selbst in Schmidts frühester Gegenutopie, den “Schwarzen Spiegeln”, die von einem Atomkrieg auf deutschem Boden ausgeht, den nur zwei Menschen in der Lüneburger Heide & Hamburg überlebt hatten, finden sich noch die kulturellen Restbestände - als könne er sich weniger die Zerstörungskraft einer alles verschmelzenden Atomhitze und eher die einer Neutronenbombe vorstellen, die das Organische vernichtet, das Anorganische aber unangetastet lässt. Nur war die Neutronenbombe zur Zeit der Niederschrift der “Schwarzen Spiegel“ noch gar nicht “erfunden“. Was “bedeutet” es waffen- und militärtechnisch aber, dass sie heute - wie nie erfunden, aber auch noch nicht ausprobiert - nirgendwo mehr erwähnt wird? Ist sie ad acta gelegt worden - nach der Explosion von Tschernobyl?

    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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