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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 28. Mai 2017 | 18:39

     

    Petits riens (11)

    27.03.2008

    Schützenswertes Geheimnis

    WOLFRAM SCHÜTTE über 'Inside-Out', schützenswerte Geheimnisse, Lektoren-Abwesenheit und geduldige Wartende.

     

    Inside-out. Auf der Rückseite der Fernsehzeitschrift “Gong” wirbt ganzseitig und farbig der Modehersteller Peter Hahn für Damenshirts. Peter Hahn gibt es offenbar schon 44 Jahre, was mir entgangen ist; aber wer jetzt aufgrund der Anzeige bei ihm ein Damenshirt bestellt, soll deshalb einen Gutschein über 10¤ einlösen dürfen, den er aus der Anzeige schneiden muss, wodurch Peter Hahn erführe, ob er Erfolg mit seiner Anzeige beim “Gong”-Publikum hat.


    Aber nicht diese Selbstkontrolle der Werbewirksamkeit an jenem Platz erweckte mein Nachdenken über diese Seite. Es ist auch nicht die anmutige Schönheit des unbekannten Models, das die “sehr edle Anmutung durch den fein schimmernden Single-Jersey und die prächtige Ausschnitt-Dekoration mit schillernden Ton-in-Ton-Pailletten” (Begleittext) höchst vorteilhaft und zum Kauf verlockend in lässiger Haltung zur Geltung bringt; sondern es ist die am rechten Rand des Ausschnitts auf dem gebräunten Körper hervortretende zartrosa Andeutung eines BHs, das das Model darunter trägt.
    Geht man davon aus, dass eben dieses Foto bewusst gewählt wurde, kann es sich nicht um ein durch die Körperhaltung des Models provoziertes “Manko” des “prächtigen Ausschnitts” handeln, der in manchen Situationen offenbar mehr preisgibt, als die schöne nackte Haut des weiblichen Brustbeins. Sonst wäre das unerwünschte “Manko” ja leicht wegzuretuschieren gewesen. Vielleicht ist es aber sogar hineinretuschiert worden - um mit seinem andeutenden Aufscheinen auf den darunter verborgenen Busen zu verweisen? Das wäre wohl auf das “Begehren” des männlichen Blicks gerichtet, den mit dem Kauf des “Modischen Shirts ab 74.90 ¤” zusätzlich erwerben zu können, der potentiellen Kundin annonciert wird. Es läge ganz auf der Linie eines schon lange währenden weiblichen Modetrends, der (speziell im Sommer) bei T-Shirts mit Spaghettiträgern diese in friedlicher Koexistenz mit fleischfarbenen oder durchsichtigen BH-Trägern zeigt. Das erinnert an die Inside-out- Architektur von Renzo Piano und Richard Rogers für das Centre Pompidou in Paris, wo das Tragwerk und die Rohre für die Gebäudetechnik und die Erschließung nicht (wie bis dato) unter der Geschlossenheit der Fassade unsichtbar “versteckt”, sondern demonstrativ an den Gebäudeaußenseiten angeordnet wurden.                          

    *


    Schützenswertes Geheimnis.
    Als jetzt das Bundesverfassungsgericht den exzessiven o­nline-Durchsuchungen, welche der Bundesinnenminister in Tateinheit mit der Justizministerin beabsichtigte, einen gesetzlichen Riegel vorschob, wurde jener staatlichen Institution gegenüber den Begehren dieser beiden anderen von der Presse u.a. bescheinigt, ein “präzises Gespür dafür gezeigt zu haben, wie sich heute Individuen zeitgemäß definieren und entfalten und wie sie darum in dem sich so rasch verändernden sozialen und technischen setting auf einen höchst aufmerksamen rechtlichen Schutz angewiesen sind”.


    So schrieb Andreas Zielcke in der SZ v. 1./2. 3. 08. Und er beschloss seinen Hymnus auf das Bundesverfassungsgericht mit der Emphase: “Der Vertraulichkeit dieses einmaligen Mediums ein eigenes Grundrecht zu widmen, ist deshalb ein schöpferische Großtat des Gerichts”.
    Sie ist es gewiss - und niemand verstünde das besser, als die Generation, die im Computer & dessen Festplatte, ohne es zu ahnen oder es abzusehen, zum erstenmal in der Geschichte der Menschheit ein je eigenes alter ego täglich produziert, das die umfassendste Blaupause ihrer realen Existenz akkumuliert - realer und umfassendster, als man sich selbst es vorstellen kann: nämlich die elektronische Spur von unseren Erdentagen, das innerste Geheimnis unseres geäußerten Selbst, das auf einen rigorosen “rechtlichen Schutz angewiesen ist“.


    Als das gleiche Bundesverfassungsgericht vor einem halben Jahr im Falle von Maxim Billers “Esra” der “Vertraulichkeit” intimer Beziehungen seinen “rechtlichen Schutz” zusprach, nachdem der Schriftsteller die Blaupause einer gelebten Beziehung als “Roman” publiziert hatte, wurde das “präzise Gespür” des Gerichts für die Verletzung des Persönlichkeitsrechtes der von der Buchpublikation Betroffenen von vielen Kommentatoren als skandalöser Eingriff in den Kunstvorbehalt und als staatliche Zensur mit unabsehbaren Folgen hysterisch gescholten. Dabei hatte das Gericht damals gehandelt wie jetzt, wo jeder potentiell ein Betroffener sein würde, der vor einen halben Jahr die zwei von “Esra“ Betroffenen noch als Querulanten beschimpfte, die sich weigern, ihr persönliches Opfer auf dem Altar der Romankunst zu bringen. Aber was ist der unerkannte Trojaner-Zugriff einer staatlichen Behörde auf das Geheimnis der eigenen Existenz unter dem Siegel der Terroristenfahndung gegen eine bewusst veröffentlichte Dar- & Zuschauerstellung unter dem Freipass des Kunstvorbehalts?                                                   

    *     


    Lektoren-Abwesenheit
    . Oft bemängeln Kritiker pauschal nach der Lektüre eines Buches die “Abwesenheit eines Lektors”. Gewöhnlicherweise ärgern sich dann, wegen des pauschalen und in der Regel ungerechtfertigten Vorwurfs, die Verlage und Autoren. Denn es gab einen Lektor, nur hat er als “erster Leser” dem Autor nicht immer auf die Sprünge geholfen oder auf die daneben gegriffenen Finger geklopft. Fehler jeder Art machen wir alle, die einem Gegenleser sofort auffallen, uns als Autoren aber, trotz mehrfacher Lektüre, verborgen bleiben.


    Selten aber ist mir das jetzt deutlicher geworden, als in Peter Schneiders sehr schönem Erinnerungsbuch “Rebellion und Wahn”, das bei “Kiepenheuer & Witsch” erschienen ist. Zugleich aber auch verständlich, warum der Autor diese Fehler gemacht hat, wohingegen ich über die Unterlassungen des Lektors oder Korrektors nur spekulieren könnte.


    Schon auf der dritten Seite des Buchs, wo Schneider von “revolutionären Spielplänen“ spricht und dafür anführt: “Bert Brechts 'Maßnahme' und Alfred Jarrets 'Ubu Roi'“. Natürlich weiß Schneider, dass es Alfred Jarry war, der “Ubu Roi” geschrieben hat - und nicht Keith Jarrett, der durch sein “Köln Concert” weltberühmt wurde. Wahrscheinlich hat sich der Nachnahme des Pianisten in Schneiders Niederschrift über den klangnahen Namen des französischen Schriftstellers gelegt, von dem allerdings der Vorname erhalten blieb als Indiz dafür, dass Schneider schon den richtigen meint. Der Lektor am Ort des “Köln Concert” kannte aber wohl nur den des weltbekannten Pianisten.


    Als Schneider seine erste Ankunft aus der Freiburger Provinz am “Bahnhof Zoo” in der Metropole Berlin beschreibt (S.50), heißt es: “Ich war nachts in Freiburg in den Zug gestiegen und kam im Hellen in Berlin an. (...) Statt in ein unübersehbares Häusermeer einzutauchen, glitt der Zug auf dem Hochgleis an Giraffen vorbei, die ihre langen Hälse fast in mein Abteil strecken konnten, vorbei an Elefanten, die mit ihren Köpfen das Unendlichkeitszeichen in die Luft schrieben, vorbei an Nashörnern und Zebras”.


    Wenn es doch nur so je gewesen wäre! Wer von “Westdeutschland” nach West-Berlin einfuhr, durchquerte eine immer dichter bebaute Stadtlandschaft: von den Villen & Einfamilienhäusern des Wann- & Nikolaussees bis zu dem grauen Häusermeer Charlottenburgs. Wer dann am “Bahnhof Zoo” endgültig ausstieg, verstand vom annoncierten Zoo nur Bahnhof. Erst wenn man von dort aus mit der S-Bahn in Richtung Friedrichstraße in Ost-Berlin weiterfuhr, also jenseits vom “Bahnhof Zoo”, konnte man rechter Hand von der Hochtrasse aus auf die Freigehege des Zoos blicken, wenngleich die von Peter Schneider erwähnten Giraffen auch nur vom Teleobjektiv seiner Erinnerung fast in sein Abteil gezoomt worden sind.Nun weiß das alles auch der seit damals bis heute in Berlin lebende Autor. Aber bei der erinnernden Beschwörung der Ankunft seines Helden aus der Provinz wurde das steinerne Häusermeer, das er durchfuhr, vollkommen verdrängt durch die Sensation, bei einem innerstädtischen Zoo mit exotischen Tieren angelandet zu sein. D.h. Schneider gibt heute offenbar die authentische Epiphanie seines damaligen ersten Eindrucks wieder, die aber kein Lektor mit der empirischen Realität “abgeglichen” hat. Womöglich reist heute ein Kölner Verlags-Lektor gar nicht mehr mit dem Zug zu seinem Autor in die Stadt, sondern er fliegt ein & kann also gar nichts kraft eigener Kenntnis korrigieren?


    An anderer Stelle (S. 199) erzählt Peter Schneider von eine der vielen, z.T. witzigen Störungen und Unterbrechungen des Berliner Kulturbetriebs in den späten sechziger Jahren z.B. an der Deutschen Oper, wo Pierre Boulez eine “Aufführung einer Anton-von-Webern-Oper” leitete. Nun muss der Autor nicht wissen, dass der Schönberg-Schüler das wohl minimalistischste Oeuvre der Musikgeschichte geschaffen hat und schon gar keine Oper; aber der Lektor sollte wissen, dass es sich nur um eine Oper des Wiener Anton-von-Webern-Zeitgenossen Alban Berg gehandelt haben kann. Wahrscheinlich ist aber der Fehler durch einen Artikel über den Vorfall in Schneiders Buch gelangt, denn der Autor verweist auf diese offenbar schon von Thorward Proll und Daniel Dubbe kontaminierte Quelle in seinen Zitat-Nachweisen. Die beiden Journalisten des “Stern” hatten zumindest bei der ihnen unbekannten Oper den “richtigen Riecher”, dass es sich bei ihrem Komponisten um einen Vertreter der “Zweiten Wiener Schule” handelte. Es soll ja auch Musikkenner geben, die manche Haydn-Symphonie für eine von Mozart halten.                         

    *


    Auf der Busfahrt von Fes nach Marrakesch, 450 km durch meist karge, steinige Landschaften liegen immer wieder unter Bäumen am Straßenrand, einzelne größere Steine. Sie sind, wie öfters zu beobachten, gewissermaßen die Sitzbänke der dort Wartenden. Sitzsteine, damit man sich nicht auf der Erde niederlassen muss und wenigstens in der Hocke auf einen Bus warten kann. Jedoch die Busse und Lastwagen, die wir auf dieser Tagestour sahen, waren an zwei Händen abzuzählen. Worauf warten diese hockenden Menschen? Auf Godot, wahrscheinlich.

    TITEL ist umgezogen!

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