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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 30. Mai 2017 | 05:30

     

    Petits riens (10)

    20.12.2007

    Das Privileg von Candide

    WOLFRAM SCHÜTTE über Jean-Luc Godard & Mörike, Kundengeschenke und ein Privileg von Candide.

     

    Jean-Luc Godard & Mörike - Tiefe Genugtuung darüber, dass Jean-Luc Godard bei der monströsen Verleihung des „Europäischen Filmpreises“ in Berlin nicht erschienen ist. Gleichgültig, ob Wim Wenders deshalb Tränen der Enttäuschung oder der Wut in den Augen gehabt haben soll (wie Andreas Kilb gesehen haben will): Enttäuschung aus Sentimentalität, die JLG „in der Familie“ zu sehen wünschte oder Tränen der Wut, dass JLG auch diesmal sich der Umarmung einer Branche entzogen hatte - die er doch noch mehr verachtete, als sie ihn.


    Wie konnten sie nur annehmen, er würde zu ihrer Selbstbeweihräucherung erscheinen? Würden Kant, Hegel, Nietzsche sich von einem Kongress biederer Philosophieprofessoren auszeichnen lassen? Hatte JLG nicht sogar ein verständliches Zeichen gegeben, in einem wunderbaren Gespräch, das Katja Nikodemus (Die Zeit v. 29.11.07) kurz zuvor geführt und in dem er u.a. ungewöhnlich zurückhaltend & höflich gesagt hatte: „Wissen Sie, es scheint mir seltsam, in Berlin einen Filmpreis für mein Lebenswerk zu bekommen. Für Filme, die sich gerade die Leute, die die Preise in Berlin vergeben, nicht anschauen“.


    Der protestantische Schweizer, der als französischer Regisseur das Kino zum Denken und den Film zu Selbstbetrachtung (ver)führte - ein Novalis des Kinos -, hat seine Absage in Berlin auf eine einzigartige Weise formuliert: höflich, pathetisch und satirisch. Statt seiner schickte er der europäischen Fest-Versammlung in Berlin, deren Geschäftssprache des Abends Englisch war, eines der schönsten Mörike-Gedichte mit dem Titel „Verborgenheit“: „Lass, o Welt, o lass mich sein! / Locket nicht mit Liebesgaben, / Lasst dies Herz alleine haben / Seine Wonne, seine Pein (...).“ Höflich war es, mit einem deutschen Gedicht in Berlin durch die Blume zu reden, wie es diesem Metaphoriker eigen ist; pathetisch, für die eigegne Verborgenheit am Genfer See Mörikes Gedicht zum Schutzschild zu wählen; und satirisch, die Leute, die seine Filme nicht anschauen, mit einem Gedicht auf der Höhe seiner eigenen Kunst zu düpieren, wo sie doch Dankbarkeit dafür erwarteten, dass man sein „Lebenswerk“ auszeichne und er sich dafür verbeuge. Er bleibt unbeugsam, oder mit den Straubs zu reden: „Nicht versöhnt“.


    Diese symbolisch-allegorische Inszenierung der Abwesenheit durch Jean-Luc Godard war sein jüngster Kurzfilm: eine kleine melancholische europäische Komödie. Fragt sich nur, ob Wim Wenders, der mittlerweile so furchterregend aussieht wie die Mutter von Anthony Perkins in Hitchcocks „Psycho“, eine englische Synchronfassung von Mörikes „Verborgenheit“ auf der Berliner Bühne hinbekommen hat. Oder die Anwesenden auch diesen Film Godards wieder einmal nicht verstanden haben. Zumindest „Arte“, das eine Zusammenfassung des Abends brachte, hat uns darüber nichts berichtet; auch darüber nichts, dass Resnais dort den europäischen Preis der Kritiker für seinen jüngsten Film „Herzen“ bekommen hatte.

    *


    Kundengeschenk
    - Ein Frankfurter Supermarkt, der es an Auswahl & Qualität mit den französischen Supermarchés aufnehmen kann, „dankt“ seinen Kunden, indem er ihnen, völlig ohne Anlass, die frohe Botschaft annonciert, am 12.12.07 nicht bloß wie üblich bis 21 sondern bis 24 Uhr zu öffnen. Und wer nach 20 Uhr kauft, bekommt 15 % Rabatt „auf alles“ - außer auf „Tchibo-Artikel, Zeitschriften, Bücher, Telefonkarten, Tabakwaren, Treuepunktartikel und Pfand“.
    Da sage einer, der Slogan „Geiz ist geil“, sei passé. Je später der Abend, desto billiger für die Gäste.


    Es ist ein rätselhaftes Angebot.
    Am 22.12., also eine Woche später & kurz vor dem (Freß-)-„Fest“, wäre das ja für einen überwiegend auf Lebensmittel & Getränke justierten Supermarkt auf Anhieb noch verständlich. Sollen mit diesem Zeit-Rabatt die Kunden langsam auf amerikanische Usancen „eingestellt“ werden? Die Personal-Kosten müssten (?) ja doch höher sein für die (überwiegend) Verkäuferinnen & Kassiererinnen, die bis Mitternacht an diesem Mittwoch arbeiten müssen? Oder gilt für sie, die wohl überwiegend feste „Billiglohnjobs“ haben, keine Überstundenregelung mehr? Und warum sind nach 20 Uhr an diesem Tag alle Waren um 15 % billiger, die vor 20 Uhr also teurer waren? Es handelt sich ja nicht um Saison-Ware, die kurzfristig im „Sonderverkauf“ abgesetzt werden soll, also um ein temporäres „Ausverkaufsgeschäft“? Wird es an diesem 12.12.07 ab 20 Uhr eine Gedränge wie in den Media-Märkten geben, wenn diese ein Billigangebot der Elektronik auf den Markt werfen & sich die verrückten Kunden prügeln? Soll die Kundschaft dieses Qualitäts-Supermarkts, der sich bisher ohne Schwierigkeiten gegen die zweifach örtlich naheliegende Konkurrenz von Aldi & Lidl behauptet hatte, nun auch zur Schnäppchenjagd animiert werden? Also zwar billiger, aber dafür umso mehr und Überflüssiges zu kaufen? Interessanterweise erfahren das nur die im Supermarkt jetzt an den Kassen wartenden Kunden; denn außerhalb, gar mit Plakaten, wird dafür nicht geworben.
    Frankfurt am Main, steckt, nach Goethes Worten, “voller Merkwürdigkeiten“; nach einen apokryphen Wort von Karl Marx aber auch der Kapitalismus mit seinem Warenfetischismus.

    *


    Das Privileg von Candide
    . - „Il faut cultiver le jardin“: der Schluss-Satz von Voltaires „Candide“ zählt zu den bekanntesten „Pfennigsweisheiten“ (Lichtenberg) der Philosophie. Candide, in der „besten aller möglichen Welten“ aufs Fürchterlichste malträtiert, findet zum Schluss, dass es wohl besser sei, den eigenen Garten zu kultivieren, als sich in die Welt zu begeben. Es ist eine ebenso vieldeutige wie resignative Einsicht.


    Aber der private Kleingarten bot vielen seiner Besitzer auch die Aussicht auf ein dringend notwendiges. kostengünstiges Zubrot in Form von Kartoffeln, Obst & Gemüse. Denn die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland initiierte Kleingarten-Bewegung hatte soziale Gründe. Die damals vom Land Berlin ermöglichten „Arbeitergärten“ sollten die wirtschaftliche Not von Arbeitern und Angestellten lindern, deren Familien konsolidieren und zur Erholung dienen.Als kürzlich der Berliner Politologe Herfried Münkler in einer Kolumne der „Frankfurter Rundschau“ den Gedanken äußerte, statt einer „Erhöhung von Geldzuwendungen“ für Hartz IV-Empfänger auch eine „kostenlose Bereitstellung vonSchrebergärten oder Gartenstücke an Arbeitslose“ in Betracht zu ziehen, wurde ihm von FR-Lesern sofort Zynismus vorgeworfen, obwohl er zugleich betont hatte, das sei „sicherlich nicht in jedem Fall die Lösung des Problems“. Das ist es gewiss nicht, und wenn Münkler seine Überlegung mit dem „Grundsatz der Selbstverantwortlichkeit“ begründet, hören manche nicht zu Unrecht gleich die FDP-Nachtigall trapsen.


    Dabei ist die Idee grundsätzlich durchaus bedenkenswert - nicht nur für Langzeitarbeitslose und (Früh-) Rentner, die nicht darauf zählen können, dass ihnen diese durchkapitalisierte Gesellschaft künftig bessere Lebensbedingungen erlauben wird. Noch nicht einmal zur brutalsten Ausbeutung ihrer Arbeitskraft braucht der „Arbeitsmarkt“ heute eine stetig anwachsende Zahl der Bevölkerung - wie noch zu den Zeiten der „Arbeitergärten“, als Lohn oder Gehalt, die Arbeiter & kleine Angestellte bekamen, nicht dafür reichte, um Frischgemüse und Obst regelmäßig kaufen, geschweige denn unter einer reichhaltigen Produktpalette (wie heute bei Lidl & Aldi) wählen zu können. Die Zusatztätigkeit in der individuellen Bewirtschaftung eines Schrebergartens war dafür notwendig.
    Was damals oft eine schiere Lebensnotwendigkeit war, um zu Frischgemüse und Obst zu gelangen, wäre heute aber - fast ein Privileg (der Muße). Zum ersten, weil einen Schrebergarten zu betreiben, nicht eine Lebensnotwendigkeit zur Nahrungsbeschaffung ist; zum zweiten, weil sie einem die Kontrolle über die dort wachsenden Lebensmittel erlaubt, also chemiefreiere, gesündere Produkte zur Folge hätte; zum dritten, weil es nicht eine Zusatztätigkeit über die Erwerbsarbeit hinaus, sondern weder das eine noch das andere wäre, nämlich zum vierten: eine in individueller Freiheit und Selbstbestimmung gewählte Arbeit, die dem für sich selbst Sorgenden die Würde einer Tätigkeit erlaubt, die der von Langzeitarbeitslosen beklagten Depression, bloß noch alimentiert zu werden und sich als nutzlos zu empfinden, entschieden entgegenwirkte. Wenn sich daraus vielleicht sogar genossenschaftliche Erfahrungen und Modelle entwickelten, wäre das auch eine Möglichkeit, wider die individuelle Isolation und die Scham, „nicht mehr gebraucht zu werden“, eine kommunikativere Lebensweise jenseits des Konkurrenzprinzipszu entwickeln.


    Jedoch müssten die meisten solcher Hartz-Schrebergärtner erst einmal lernen, mit den Grunderfordernissen einer Gartenbewirtschaftung umzugehen. Noch eine weitere Hürde wäre zu nehmen: körperliche Tätigkeit - sofern die auf Nimmerwiedersehen verlorene Erwerbsarbeit der Arbeitslosen nicht darin bestand - wird von vielen als ebenso unzumutbar wie entwürdigend angesehen. Als ob die keuchenden Jogger auf den Straßen und die an grotesken mechanischen Geräten sich abarbeitenden Gestalten in den Fitness-Centern nicht schon längst den letzten Rest an menschlicher Würde verloren hätten...

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