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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 28. Mai 2017 | 18:35

     

    Interkulturelles (9)

    29.10.2007

    Noch das Banalste eine Offenbarung

    Die Menschen eines Landes zu erfassen, hat nichts mit der Länge eines Aufenthalts im Land selbst zu tun. Das meiste, was ich, zum Beispiel, in meinen Jahren in Thailand begriffen habe, habe ich in meiner ersten Zeit kapiert. Weil mir da, trunken vor Begeisterung, noch das Banalste (eigentlich vor allem dieses) eine Offenbarung war. Von HANS DURRER

     

    Wer sich auf einen Aufenthalt in einer fremden Kultur vorbereiten will, jedoch den Anleitungen von Länderkundigen (Was man in Italien NIE und auf keinen Fall tun sollte) sowie Wälzern von Ethnologen (die Relevanz der Verwandtschaftsbeziehungen der Einwohner im äußeren Südwesten Sumatras von 1718 bis 1723) wenig bis gar nichts abgewinnen kann, ist gut, ja bestens beraten, wenn er (oder sie) Helge Timmerbergs Reise-ABC (Originalausgabe bei Solibro, Münster, Taschenbuch bei Pieper, München) zur Hand nimmt. Weil man über fremde Länder und Sitten immer noch am besten (und am meisten) vermittels Geschichten (und nicht etwa durch Hinweise und Anleitungen von „Experten“) lernt.

    Helge Timmerbergs Geschichten zeichnen sich nicht nur dadurch aus, dass sie selbst erlebt, sondern auch, dass sie unprätentiös, direkt und oft witzig erzählt sind. Diese hier zum Beispiel:

    Neulich in Bombay: Ich war auf dem Weg zum Flughafen. Frühmaschine, Morgendämmerung, der Tag brach gerade erst an. Als das Taxi an einer Ampel hielt, klopfte eine kleine Hand ans Fenster. Ein Mädchen, ich schätze so zwölf, sah mich mit großen Augen an. Mir schien, dass es noch nicht gefrühstückt hatte. O. K. ich verließ das Land. Und hatte noch jede Menge der Landeswährung bei mir. Aber leider nur in großen Scheinen. Die Ampel sprang um, Angst flackerte in den Augen der Kleinen. Soll ich sie fragen, ob sie wechseln kann? Scheiß drauf, ich gab ihr einen der Scheine, und ich werde nie vergessen, was mit ihrem Gesicht geschah. Ich duschte praktisch in ihrem Lachen. Sie hüpfte über die Straße zu ihrer Mutter zurück, drehte sich wieder um, hüpfte und lachte und winkte, und ich winkte zurück, bis ich sie nicht mehr sah. Ein selten schöner Moment der Widersprüchlichkeit. Es war viel zu viel, und es war ein Kind. Ich hatte alles falsch gemacht, und doch hat es gestimmt. Regeln sind nur wichtig, wenn sich das Herz nicht sicher ist.

    *


    Die Menschen eines Landes zu erfassen, hat nichts mit der Länge eines Aufenthalts im Land selbst zu tun. Das meiste, was ich, zum Beispiel, in meinen Jahren in Thailand begriffen habe, habe ich in meiner ersten Zeit kapiert. Weil mir da, trunken vor Begeisterung, noch das Banalste (eigentlich vor allem dieses) eine Offenbarung war. Wenn dich Land und Leute nicht gleich am Anfang packen, den Ärmel reinziehen, kannst du’s vergessen, denn nie ist die Neugier, die Bereitschaft sich auf Neues einzulassen größer, als wenn alles noch frisch ist.

    Einmal bin ich ein paar Wochen mit einem Amerikaner, einem aufgestellten, lebensfrohen, sympathischen Mann, von Phuket nach Krabi und dann nach Bangkok gereist. Wo auch immer wir hinkamen, hatten wir sofort Kontakt mit Einheimischen. Das lag an Tom, an seiner unkomplizierten und offenen Art. Die Thais haben gerne Spaß, Tom genauso. Die Thais spürten das sofort, sie sprachen auf ihn an, es war die reinste Freude. Tom, da bin ich mir sicher, verstand die Thais instinktiv besser als viele, die Jahre zugebracht haben, um sie zu studieren. Er spürte sie.

    *


    „Wir müssen wieder dahin zurückkehren, einfache Erfahrungen zu sortieren, wie ein guter Hausvater dies tut“, sagte Alexander Kluge einmal in der Zeit, die zurückfragte: „Geben wir also ein neues Motto aus, einen neuen Richtungssinn: Sentire Aude?“ Darauf Kluge:

    Wage es, dich einzufühlen. Wage die Empathie. Ja, das ist der Kernpunkt. Und man könnte jetzt statt wagen auch sagen, beobachte, merke, dass du sie längst hast. Denn eine Grundströmung in den Menschen ist dieses unbestechliche Empfinden, dass Elend in der Welt in Wirklichkeit in unserem emotionalen Grundwasserspiegel vorkommt. Darin sind wir ahnungsvolle Wesen.

    Nicht dass wir etwa deswegen das Sapere Aude (Habe Mut, dich deines eigenen Verstands zu bedienen), das wir überhaupt erst noch zu lernen hätten, vernachlässigen sollten. Doch ohne das Sentire Aude fehlt das Wesentliche, fehlt die Grundlage. Denn wo kein intelligentes Fühlen, da gibt es auch kein intelligentes Denken, vom entsprechenden Handeln ganz zu schweigen.

    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


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