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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 28. Mai 2017 | 18:38

     

    Petits Riens (8)

    17.09.2007


    Petits riens (8)


    Wolfram Schütte über das aktuelle RAF-Erinnerungsrevival, die Penetranz, mit der Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble seinen Krieg gegen die Verfassung führt und das Beharrungsvermögen des Symbolworts „Gasöfen“ für den fabrikmäßig betriebenen Mord in den deutschen Vernichtungslagern.

     

    In einem sehr lesenswerten Interview der “Berliner Zeitung” (1.9.07) mit dem ehemaligen Innenminister der sozial-liberalen Koalition während des “Deutschen Herbstes” (1977), dem heutigen FDP-Bundestagsabgeordneten Gerhard Baum, wird er gleich zu Beginn gefragt, ob er sich erklären könne, warum “die Debatte um die RAF heute emotionaler geführt wird als noch vor einem Jahrzehnt“?
    Der immer noch sozial-liberale Baum, der rückblickend auf seine Ministerzeit von rechtsstaatlichen Überreaktionen spricht, die er wohl zurecht der schockartigen Lähmung der Regierung und ihrer Organe zuschreibt, als sie mit der Neuartigkeit einer politisch motivierten Bandenkriminalität konfrontiert wurde, antwortet u.a.: “Die Zeit ist offenbar eine offene Wunde. Die Inszenierung der Taten, die Magie der Bilder, wirken bis heute nach.... Die alten Schlachten werden noch einmal geschlagen: Rechts gegen Links... Man hört doch schon wieder die Vorwürfe gegen Linke und Liberale: die Terroristen waren euer Gewächs, und ihr seid heute wie damals nicht in der Lage, den Terrorismus zu bekämpfen“.

    Später in dem Interview, das Baum als einen ebenso selbstkritischen wie klugen Verfassungspatrioten zeigt, der sich um die Liberalität unserer Lebensweise zurecht sorgt, bemerkt er: “Es wächst die Tendenz, Elemente der Kriegsführung in die Kriminalitätsbekämpfung einzuführen.”

    Schaue ich auf die zwei kursivierten Wörter in Baums Äußerungen, so scheint mir, dass er ohne es zu ahnen eine bislang nicht wahrgenommene Nuance in den periodischen RAF-Erinnerungsrevivals andeutet: Könnte dessen wiederkehrende Faszination auch daran liegen, dass die RAF und der “Deutsche Herbst” nach dem Ende des 2. Weltkriegs und der dreißigjährigen zivilen Prosperitätsakkumulation der erste Krieg auf westdeutschem Boden war - den die RAF ja wortwörtlich “dem Staat“ erklärt hatte? Weil mit ihr & der sukzessiven “Aufrüstung” des Staates, den sie zur “Kenntlichkeit eines Zwangssystems” provozieren wollte (was ihr teilweise sowohl faktisch wie symbolisch gelang), die westdeutsche Gesellschaft und vor allem ihre erste junge Nachkriegs-Generation zum ersten Mal Kriegserlebnisse machen konnte: “hautnah”, wie es damals hieß - in einem abenteuerlichen Ambiente, das Züge eines “Bürgerkriegs“ besaß? Es sind immer noch für die allermeisten West-Deutschen “Kriegserlebnisse“, die mit der RAF als Erinnerung eines “gefährlichen Lebens” (Nietzsche) heute reaktiviert und deren “heroische Entscheidungen” den letzten (über)lebenden Exponenten abgefragt werden.                                                                   

                                                          *

    Die Penetranz, mit der Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble den Krieg gegen die Verfassung mit einem Flächenbombardement von verbalen Intentionen und Fakten schaffenden Eingriffen führt und die er als Jurist, der er ist, “verrechtlicht” sehen will, um mit Rechtsschutz erst so recht nach dem Gusto eines Paranoikers des autoritären Sicherheitsstaats Schalten und Walten zu können, dürfte sich wohl kaum jemand sonst in der politischen und administrativen Klasse der Bundesrepublik erlauben, der nicht auf seiner Amtshöhe sich befindet. Jeder andere hätte sich längst mit Schäubles Catonischen “Ceterum censeo” als extremistischer Verfassungsfeind diskreditiert, der einen verbalen (Zermürbungs-)Krieg von oben gegen die Staatsbürger führt, die er zu Geiseln eines Staates machen möchte, der sie jederzeit als Objekte seines Verdachtes behandeln kann und dem sie, wenn sie ihm auffällig wurden, ihre Unschuld erst einmal beweisen müssen.

    Der Schäublesche “Präventionsstaat” unterscheidet sich von einer klassischen autoritären Diktatur dadurch, dass diese ihre Angst-Macht wider die Bürger durch Einschüchterung erzwingt, wohingegen jener sie erst durch Angst einschüchtert, um sie dann “freiwillig” zu seiner Ermächtigung zu zwingen. Es wird sich zeigen, wie lange noch deutsche Staatsbürger und Parteien Kants “Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit” weiterhin für den richtigen Weg halten, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, statt an der Hand Schäubles den Eingang zur selbstverschuldeten Unmündigkeit zu suchen. Denn zwischen Kants Aufklärung in weltbürgerlicher Hinsicht und Schäubles staatlichen “Aufklärungswünschen” liegt die Schubumkehr.

    Ich, jedenfalls, fühle und sehe mich in Immanuel Kants offener Gesellschaft sicherer, als an der Seite Wolfgang Schäubles im präventiven “Hochsicherheitstrakt” Bundsrepublik Deutschland für- & vorsorglich “geschützt“.

                                                       *

    Kürzlich begann eine Rezension mit folgender Feststellung: “Seit im Jahre 2004 >Suite Francaise<, ihr letztes vor ihrer Verschleppung in die Gasöfen entstandenes Buch erschien, gilt die aus Russland stammende französische Schriftstellerin Irène Némirovsky (Kiew 1903 - Auschwitz 1942) als eine der bedeutendsten Autorinnen der ersten Hälfte des 20 Jahrhunderts”.

    Der Rezensent will mit dieser Tatsachenbehauptung den Leser gleich zu Beginn daran erinnern oder ihm vor Augen stellen, dass der Nachruhm der Schriftstellerin jung und postum ist, sie selbst aber in Auschwitz ermordet wurde. Mit einer choc-haften Lakonie stellt er ihr letztes erschienenes Buch in unmittelbare Nähe zu den “Gasöfen”, die in den nachfolgenden Lebensdaten in Auschwitz lokalisiert werden.

    Es ist, als Pluralwort, seit langem ein oft gebrauchtes symbolisches Synonym für den fabrikmäßig betriebenen Mord in den deutschen Vernichtungslagern. Ihm ist, wenn ich mich recht entsinne, diese signalisierende Assoziation zu Auschwitz sehr früh zugewachsen (in den Fünfziger Jahren) - als Ausmaß und genaue Kenntnis von der präzisen Ausführung des Massenmords noch nicht bekannt waren. So “unvorstellbar” war das Verbrechen, dass man seine Umstände lieber nicht genauer kennen wollte, nachdem man es schon nicht mehr in die Unwissendheit verdrängen konnte. Sich vorzustellen, was da de facto mit den massenhaft vernichteten Menschen geschehen war, war und blieb ein innerliches Tabu - auch dann noch, wenn man “den Mut” besaß, sich “den Fakten” zu stellen: sei´s durch TV-Dokumentationen, historische Berichte, Claude Lanzmanns filmische Recherche “Shoa” oder Spielbergs Spielfilm “Schindlers Liste” - oder gar selbst an den Ort des Verbrechens gereist war.

    Wenn aber das Symbolwort „Gasöfen“ auch immer noch von jenen gebraucht wird, die (wie im Falle des Rezensenten) wissen, wie in Auschwitz der kollektive Mord ausgeführt wurde, wird man sich fragen müssen, was seine nicht nur inadäquate, sondern auch falsche Bezeichnung für eine subkutane Schwerkraft und warum sie solches Beharrungsvermögen als Metapher besitzt. Sicher ist es zu einer signalhaften Formel geworden, die „gedankenlos“ repetiert wird – wahrscheinlich also ein „Lippenbekenntnis“, das nur annoncieren soll, dass Schreiber wie Leser wissen, wovon die Rede ist.

    Als in Hitchcocks Spionage-Thriller „Der zerrissene Vorhang“ (1966) Wolfgang Kieling als Stasi-Mann überwältigt und sein Kopf in den Gasofen einer schäbigen Küche gehalten wird, um ihn mit dem ausströmenden Gas zu töten, versäumte kein deutscher Filmkritiker, Hitchcocks angebliche dadurch provozierte Assoziation mit „Auschwitz“ zu erwähnen. Sich durch ausströmendes Gas in seiner Küche zu töten, gehörte schon in den Zwanziger Jahren zu den leicht zu bewerkstelligenden individuellen Selbstmordarten der armen Klassen (u. a. in Brecht/Dudows „Kuhle Wampe“). Auch viele deutsche Juden haben, um ihrem Abtransport in die Vernichtungslager während der Vierziger Jahre zu entgehen, dazu gegriffen.

    Der häusliche Gasofen hatte also schon historisch lange als semantische Bezeichnung einer Küchenimmobilie seine makabre Nebenbedeutung als Selbstmordinstrument. Seine Pluralisierung im Hinblick auf das, was in den KZs geschah, schien (als die Tötung durch Gas bekannt wurde) dem Massenmord als dessen ausführendes Instrument adäquat zu sein. Zwar wurde dadurch der Mord scheinbar ganz nahe auf die in jedem Haushalt vorhandene Mordmaschine projiziert, aber zugleich mit diesem häuslichen Schrecken erst recht tabuisiert. Denn wer auch nur einmal das ihm sichtbare Objekt in seiner Vorstellung multipliziert und auf die Millionen ermordeter Juden bezogen hätte, dem hätte vor Augen gestanden, dass das Massenverbrechen gewiss derart nicht hätte ausgeführt werden können.

    „Gasöfen“ erscheint damit als eine semantische Verdrängung, welche zustande kommt, weil sie sich der konkreten Vorstellung verweigert.
    Aber nicht nur dies. Hinterrücks kommt die Wortverbindung zweier Begriffe (Gas/Ofen) dem Verlauf der damit angedeuteten Mordhandlung gleichwohl nahe: die Leichen der in Gas-Kammern Ermordeten wurden in den Verbrennungs-Öfen der Krematorien spurlos vernichtet. Soll man annehmen, wer „gedanken-“, sprich vorstellungslos von den „Gasöfen“ in Auschwitz spricht, halte deshalb an dem falschen Wort fest, weil „die Sprache“, ihm unbewusst, im Falschen doch das Richtige mit anklingen lasse?
    Wahrscheinlich ist das aber zuviel Sprachmetaphysik für einen schlichten, längst durch Erkenntnis obsolet gewordenen semantischen Bezeichnungskonformismus.

                                                    *

    Also nicht mehr rauchen. Die Lobbyisten der Tabak-Industrie haben eine irreversible Niederlage gegenüber den Fundamentalisten des rau(s)ch- & drogenlosen Lebens erlitten. Die Folgen: ein weites Feld.

    Um nur eine herauszugreifen: die Raucher, die´s nicht mehr sein wollen, werden bald auffällig werden, zumindest in ihrem persönlichen Umfeld. Und zwar durch eine rasante Gewichtszunahme, die ihre Physiognomie wie auch ihren gesamten Körper verändern dürfte. Manche werden sich – und andere werden sie – „danach“ erst einmal nicht mehr wiedererkennen.

    Der Folgeschaden des abgesetzten Nikotins für die „Ehemaligen“ wird erstaunliche Mutationen zur Folge haben – als seien die ehemaligen Raucher nicht nur zu Bic-Mac-Verzehrern im Pavarottischen Ausmaß geworden, sondern selbst zum leibhaftigen Sandwichmann der Big-Mac-Industrie.

    Die Bekleidungsbranche wird sich natürlich darüber freuen, weil der Inhalt ganzer Kleidungsschränke nach und nach obsolet wird; die Lebens-Begleiter der allzu sichtbar bekehrten Sünder werden sich darein finden müssen, künftig mit einem ganz Anderen verkehren zu müssen. Ärzte und Psychologen reiben sich die Hände. Nur Häretiker werden (unerhört) mosern: „Wir gesunden uns zutode“. Aber auch sie werden unrecht haben: die Zahl der länger Lebenden wird sich erhöhen – mit den sich daraus ergebenden bekannten Folgen.

    Wolfram Schütte

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