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Todesspiele

13.09.2007

Wie lange kann ein Mensch sechs Kilometer in der Stunde gehen ohne Rast zu machen? Lange genug, um einen interessanten Wettkampf durchzuführen, glaubt Alexander Skora, der einen Ausdauermarathon inszeniert. Extra Mile Endurathon nennt er das und startete am 1. September 2007 diesen in Berlin.

 

Vorbild für diesen absurden Wettbewerb ist Stephen Kings The Long Walk (1979, dt. Todesmarsch) sein, in dem einhundert Jugendliche in einem fiktiven, totalitären Amerika um ihr Leben laufen. Die Regeln dabei sind einfach: die Mindestgeschwindigkeit beträgt vier Meilen pro Stunde und nach dreimaliger Verwarnung wird man erschossen. Dem einzigen Verbliebenen werden für den Rest seines Lebens alle Wünsche erfüllt.

Der Berliner Marsch soll weniger drastisch ausfallen als in der literarischen Vorlage, kleinere Pausen sind erlaubt und an roten Ampeln muss ohnehin gehalten werden, will man nicht überfahren werden und die Verkehrsregeln verletzen. Was passiert, wenn einer vor Erschöpfung auf die Straße fällt, ist auf der Homepage der Global Games Group nicht zu ersehen; die persönlichen Begleitpersonen müssen wohl den Kandidaten vor dem Überfahrenwerden retten. Da es sich in der Regel um erfahrene Sportler handelt, die mitmachen, geht Skora von acht Tagen Gesamtdauer aus. Vermutlich damit sich keiner der Teilnehmer in Erwartung eines hohen Gewinns zugrunde richtet, soll das Preisgeld nur 1000 Dollar betragen. Zu der international zusammengesetzten Truppe gehört auch der Gewinner des Reality Run aus Buenos Aires.

2000 führte Alexander Skora einen so genannten Reality Run in der deutschen Hauptstadt durch. Das Spiel gestaltete er nach Stephen Kings Running Man (1982, dt. Menschenjagd). Der unter dem Pseudonym Richard Bachmann verfasste und mit Arnold Schwarzenegger verfilmte Roman zeigt eine von Hoffnungslosigkeit geprägte Welt, in der die mittellosen Menschen sich für wenig Geld an die Spielindustrie verkaufen. Hauptattraktion ist die brutale Verfolgung eines Kandidaten, dessen Familie umso mehr Geld erhält, je länger er sich vor den Killern verstecken kann.

Bereits Robert Sheckley zeigte in seinen satirischen Erzählungen und Romanen Gesellschaftsspiele auf, die tödlich enden und das mit der Zustimmung der Bevölkerung. In The Status Civilization (1960, dt. Planet der Verbrecher) ist die Kriminalität abgeschafft, und so geraten die abscheulichsten Verbrechen zu einer gesellschaftlich gebilligten Tat, denn was nicht verboten ist, kann nur richtig sein. Sheckley führte diesen Gedanken weiter in The 10th Victim (1966, dt. Das zehnte Opfer, basierend auf dem gleichnamigen Film nach Sheckleys Story The 7th Victim, 1953) und Victim Prime (1987, dt. Das Jäger-Spiel); nach dem zehnten Sieg darf man nicht mehr herausgefordert und getötet werden. Sheckleys hervorragende Erzählung The Prize of Peril (1958, dt. Der Tod spielt mit) behandelt das Thema exzessiver Fernsehunterhaltung und wurde in Deutschland als Das Millionenspiel (1970) sowie in Frankreich als Le Prix du Danger (1982) verfilmt.

Das Millionenspiel ist eine fiktive Fernsehshow, in der ein Kandidat sieben Tage lang vor Auftragskillern flüchten muss. Der erschöpfte Leverkusener Bernhard Lotz (gespielt von Jörg Pleva) schafft es tatsächlich am Ende der Woche in das Fernsehstudio zu kommen, wo er in der Todesspirale die letzten Anschläge überlebt und anschließend unter Schock stehend eine Million Mark Preisgeld empfängt. Die nächste Sendung des Millionenspiels wird vom Moderator gleich nach den dramatischen Ereignissen, deren Verlauf von den Veranstaltern manipuliert ist, angekündigt. Das von Wolfgang Menge und Tom Toelle für das öffentlich-rechtliche Fernsehen inszenierte Stück, das mit Hintergrundberichten auf Authentizität konstruiert wurde, rief bei der Ausstrahlung nicht nur Empörung bei den Zuschauern hervor, es kamen auch Anrufe, um sich als Kandidaten zu bewerben, weil manche das Ganze für real hielten.

Derartige Todesspiele, ob nun aus Vergnügungssucht oder der Hoffnung auf den Preis, sind nicht neu. Bereits 1921 schrieb Johannes Ilmari Auerbach über einen Selbstmörder-Wettbewerb, in dem die Hinterbliebenen des Gewinners fünfzig Millionen erhalten. Vor einer Jury verüben zwölf Kandidaten ihren Selbstmord: der Sieger hackt sich mit einem Beil zuerst drei Gliedmaßen ab und schlägt sich anschließend den Kopf ein. Ein Journalist kommentiert: „Die Staatsanwaltschaft unternimmt nichts gegen derartige Veranstaltungen, da Klagen von Geschädigten oder moralisch Entrüsteten durch Drohungen stets niedergeschlagen werden, und das berüchtigte Blatt „Vorsicht“ die Obrigkeit selbst mit seinen Drohungen und dem Faustrecht seiner Leute stets in Schach hält.“

Weitaus näher an den heutigen Gameshows mit ihren Einzelaufgaben und gestuften Preisgeldern liegt Andreas Gruber mit seiner Kurzgeschichte Weiter oder Raus (2005), in der an den Kandidaten chirurgische Eingriffe vorgenommen werden und sie bei jeder neuen Hürde sich für das Weitermachen entscheiden dürfen.

Der Schritt ist vielleicht gar nicht groß, als dass demnächst nicht nur freiwillige, sondern auch Arbeitslose und andere unerwünschte Gruppen zu Spielshows herangezogen werden. Selbst schuld, so die falsche Meinung derjenigen, die Zivilcourage vermeiden und nicht sehen, dass mit der Not der Menschen gespielt wird. Ähnlich wie beim dystopischen Film Battle Royale (2000) aus Japan, nach dem gleichnamigen Roman von Kōshun Takami: die Schüler ausgewählter Klassen müssen sich bei einem Todesspiel gegenseitig töten als Folge neuer Gesetze, die angesichts hoher Arbeitslosigkeit, Massen von Schulverweigerern und dem Misstrauen Erwachsener gegenüber Jugendlichen erlassen wurden.

Der Extra Mile Endurathon mag nicht darauf ausgelegt sein, dass jemand zu Schaden kommt, und ist womöglich mehr Schein als Sein. Es sei mal dahingestellt, wie bedeutend oder unbedeutend der Wettbewerb ist, das Medienecho ist gering und hält sich in überschaubaren Grenzen. Aber allein die Idee eines solchen Marsches sollte ein ungutes Gefühl entstehen lassen, der Vorschlag zeigt wenig Respekt gegenüber dem Menschen. Die literarischen Vorbilder sind bereits beängstigend, die realen Todesmärsche dienten und dienen der Auslöschung ganzer Völker.

Insgesamt haben nur zehn Teilnehmer, auf die sogar gewettet werden konnte, am menschenverachtenden Endurathon teilgenommen. Als Beweggründe gaben die Kandidaten in ihren knappen Selbstdarstellungen nur wenige Motive an, warum sie am Lauf teilnehmen. Keines ihrer Argumente trifft speziell auf den Endurathon zu, und keiner ist in seiner Naivität bereit zuzugeben, dass es in letzter Konsequenz darauf hinausläuft, die anderen in Grund und Boden zu stampfen. Es ist kein Spiel, bei dem es gute Verlierer gibt, die einfach aufgeben. Denn wer gewinnen möchte, muss bereit sein, bis zu seinem Ende weiterzugehen. Vielleicht beteiligten sie sich, weil sie keine anderen Herausforderungen kennen und mit ihrem Leben nichts anzufangen wissen. Eine unsinnige Einstellung zu sich selbst. Aber sie daran zu hindern, das scheint nicht möglich, denn wer sein Preisgeld für einen wohltätigen Zweck spendet, tut scheinbar Gutes.

Sowohl beim Extra Mile Endurathon als auch beim Reality Run handelt es sich um Spiele, die im Prinzip die völlige Aufgabe des Menschlichen fordern. Das hat keiner der Endurathon-Beteiligten begriffen, weil der Sieger bereits nach weniger als zwei Tagen feststand und das freiwillige Ausscheiden dieses Mal noch möglich war. Werden die Möglichkeiten solcher oder ähnlicher Veranstaltungen aber weitergedacht, so wird aufgrund der Rivalität der Teilnehmer untereinander, des Drucks der Veranstalter und der Zuschauer aus dem Spaß ein tödlicher Ernst, der unbegrenzt sein kann. So bestand bereits jetzt keine zeitliche Beschränkung des Wettbewerbs. Die Frage bleibt offen, ob es zu einem Zwangsabbruch bei Endurathon gekommen wäre, hätte jemand sich in Lebensgefahr befunden. Wie in dem Film Rollerball (1975), in dem anstelle von Kriegen die Wettbewerbe zwischen Konzernmannschaften ausgefochten werden und am Ende nur noch die eine Regel des Gewinnens gilt, so dass die Sportler sich erst gegenseitig totschlagen, bevor der Überlebende sich endlich dem Spiel zuwendet und den Ball im Korb versenkt. Derartige Veranstaltungen wären die legalisierte Form jeglicher Gewalt, die vielleicht zu einem Verschwinden von Straftaten führt, aber keineswegs mehr Sicherheit bedeuten, weil Spiele zu Stellvertreterkriegen werden.

Kritisch beim Endurathon ist zu sehen, dass ausgerechnet die negativen Gesellschaftsentwürfe als Vorbilder für den Nervenkitzel herhalten müssen und es scheinbar keine anderen Möglichkeiten des Zeitvertreibs gibt. Nicht, dass es unbedingt neu ist oder Sportler sich noch nie überfordert hätten, aber der Endurathon ist ein Beispiel für den gesellschaftlichen Bruch und die Unmöglichkeit konstruktiv zu handeln, über die bereits Robert Sheckley mehrere Jahrzehnte vorher schrieb. Dabei ist noch nicht einmal berücksichtigt, dass die reale Geschichte weitaus schrecklichere Vorgänge vorzuweisen hat und Spielvarianten der Todesmärsche diese verharmlosen. Letztlich hängt es von allen ab, wie gut oder wie schlecht eine Gesellschaft ihre Mitglieder behandelt oder wie weit Spielmacher bei der Ausgestaltung ihrer Wettkämpfe gehen dürfen. Schweigt die Mehrheit in einer Demokratie, wird dies als Zustimmung gesehen.

Über die nächsten Projekte der Endurathon-Veranstalter sind noch keine Details zu erfahren, als Schlagwort gibt es nur Positive Paranoia zu hören. Ob es sich wieder um die Verwirklichung eines Stephen King Romans handelt, wird nicht gesagt nicht. Genügend grausame und absurde Vorlagen gibt es zur Genüge, auf eine Umsetzung kommen indes nur die wenigsten. Fest stehen jedenfalls weitere Ausdauermärsche in Städten auf der ganzen Welt.

Ulrich Blode

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