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    Interkulturelles (7)

    30.07.2007

    Interkulturelles (7)

    Natürlich muss man nicht die eigene Kultur hinter sich lassen, um seine Identitäten neu oder anders zu definieren. Man kann das überall tun. Doch wo immer man es auch tut (und fern der Herkunftskultur fällt es vielen oft leichter), überall setzt es die Einsicht und den Mut voraus, sein Leben selber in die Hand nehmen zu wollen. Von Hans Durrer.

     

    Amartya Sen, Professor in Harvard und ehemals Master des Trinity College in Cambridge, erhielt 1998 den Nobelpreis für Ökonomie. Sein neuestes Buch, Die Identitätsfalle (C.H. Beck, 2007, 2. Auflage) trägt den Untertitel ‚Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt’ und dieser suggeriert, dass man es hier auch mit einer Auseinandersetzung über die Thesen Huntingtons zu tun hat – und dem ist denn auch so, aber nicht nur. Zudem: auch wenn der Buchtitel gut getroffen ist, der englische Originaltitel (Identity and Violence: The Illusion of Destiny) macht deutlicher, worum es dem Autor in diesen hier versammelten Texten (es handelt sich um sechs Vorlesungen über Identität, die an der Universität Boston gehalten wurden) geht: dass der Mensch seine Identität wählen kann. Genauer: er kann sich entscheiden, welchem Aspekt seiner Identität er in einer gegebenen Situation den Vorrang geben will, denn die Identität ist kein eindimensionales ehern Ding, das nur der Entdeckung harrt, sondern sie ist erfunden, gemacht, konstruiert und ziemlich mannigfaltig, jedenfalls die von Herr Sen, der sich wie folgt selber beschreibt:

    „Was mich betrifft, so kann man mich zur gleichen Zeit bezeichnen als Asiaten, Bürger Indiens, Bengalen mit bangladeshischen Vorfahren, Einwohner der Vereinigten Staaten oder Englands, Ökonomen, Dilettanten auf philosophischem Gebiet, Autor, Sanskritisten, entschiedenen Anhänger des Laizismus und der Demokratie, Mann, Feministen, Heterosexuellen, Verfechter der Rechte von Schwulen und Lesben, Menschen mit einem areligiösen Lebensstil und hinduistischer Vorgeschichte, Nicht-Brahmanen und Ungläubigen, was das Leben nach dem Tode (und, falls es jemanden interessiert, auch ein „Leben vor der Geburt“) angeht. Dies ist nur eine kleine Auswahl der unterschiedlichen Kategorien, denen ich gleichzeitig angehören kann – daneben gibt es natürlich noch eine Vielzahl von Zugehörigkeitskategorien, die mich je nach den Umständen bewegen oder fesseln können.“

    Das Buch macht zweierlei klar: Identität ist nicht einfach nur eine Sache der Selbsterkenntnis, sondern auch eine der Wahl. Gleichzeitig hängt Identität nicht nur von uns selber ab, sondern wird uns häufig zugeschrieben. In den Worten von Sen:

    „… auch wenn uns selber klar ist, wie wir uns sehen möchten, ist es unter Umständen schwierig, andere dazu zu bringen, uns genauso zu sehen. Als in Südafrika noch die Apartheid herrschte, konnte jemand, der nicht weiß war, nicht verlangen, ungeachtet seiner Rassenmerkmale einfach als Mensch behandelt zu werde. Er wurde in der Regel in die Kategorie gesteckt, die der Staat und die dominierenden Mitglieder der Gesellschaft für ihn vorgesehen hatte.“

    Was also ist zu tun? Laut Sen … „im identitätsbezogenen Denken den Elementen der Vernunft und der freien Wahl Geltung zu verschaffen“, und genau dies tut er in den in diesem Buch versammelten Texten. In der Praxis bedeutet das unter anderem, einen Menschen nicht nur über seine Religion zu definieren: „Die Religion ist nicht und kann nicht die allumfassende Identität eines Menschen sein.“ Akzeptiert man zum Beispiel, dass Muslim oder Christ zu sein „keine allesverschlingende Identität ist“, wird einem unschwer aufgehen, dass Muslime (wie auch Christen) in ganz vielen politischen und kulturellen Fragen ganz unterschiedlicher Auffassung sein können. Solche Erkenntnis ist speziell in Zeiten von Nöten, in denen fast alle, die in den Medien gemeinhin als Terroristen bezeichnet werden, sich als Muslime verstehen.

    ***

    Es versteht sich: gänzlich frei wählen können wir unsere Identität natürlich nicht, denn diese hängt ja auch von der Hautfarbe, Körpergröße, dem Geschlecht etc. etc ab, hingegen können wir uns entscheiden (nicht im absoluten Sinne, doch immerhin), welchen Aspekten unserer Identität wir Priorität geben wollen. So kann zum Beispiel ein in der Schweiz Geborener durchaus nicht jodeln lernen wollen und braucht sich deswegen nicht weniger als Schweizer zu fühlen (obwohl: fern der Heimat mag er deswegen als untypischer Schweizer gelten).

    Die kulturelle Prägung ist Teil unserer Identität. Doch die eigene Kultur, die übrigens kein homogenes Attribut und zudem ständig im Wandel ist, kann auch als beengend empfunden werden. Weshalb es denn für in der Schweiz Aufgewachsene auch nur eine ernstzunehmende Frage gibt: bleib ich hier oder wandere ich aus?

    Mein jüngerer Bruder Thomas, an der Universität Genf ausgebildeter Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch, ist ausgewandert, in die USA, zuerst nach New Mexiko, später nach Kalifornien, wo er heute in Marin County eine eigene Firma, „Swiss Window Cleaning“, betreibt. Seine Schweizer Lehrererfahrung hatte er zwar interessant gefunden, doch schien ihm eine Anstellung als Staatsangestellter unattraktiv und einengend. Fensterputzen wäre für ihn in der Schweiz kein Thema gewesen (Schweizer Gymnasiallehrern kommt so was nicht in den Sinn), aus Abenteuerlust (abenteuerlustig ist man meist fern vom angestammten Zuhause) und Geldmangel, hat er sich fern der Herkunftskultur darauf eingelassen. Nicht dass er sich jetzt ausschliesslich als Fensterputzer oder Geschäftsinhaber definieren würde: er hat ganz einfach seinen bisherigen Identitäten eine weitere hinzugefügt.

    Natürlich muss man nicht die eigene Kultur hinter sich lassen, um seine Identitäten neu oder anders zu definieren. Man kann das überall tun. Doch wo immer man es auch tut (und fern der Herkunftskultur fällt es vielen oft leichter), überall setzt es die Einsicht und den Mut voraus, sein Leben selber in die Hand nehmen zu wollen.

    ***

    PS: Die Lektüre der Identitätsfalle lohnt auch deswegen, weil sie unter anderem aufklärt über Sachen, die gut zu wissen sind, wenn man Politiker von Frieden und Demokratie schwafeln hört. Dies zum Beispiel: „Die größten Rüstungslieferanten auf dem Weltmarkt sind heute die G-8-Staaten, die für 84 Prozent der zwischen 1998 und 2003 verkauften Waffen verantwortlich waren. Japan, das einzige nicht-westliche Land unter den G8, ist auch das einzige, das sich nicht an diesem Handel beteiligt. Allein die Vereinigten Staaten waren für etwa die Hälfte der auf dem Weltmarkt abgesetzten Waffen verantwortlich, wobei zwei Drittel der Exporte in Entwicklungsländer einschließlich Afrikas gingen.“

    Hans Durrer

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