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Interkulturelles (5)

24.06.2007

Interkulturelles (5)

Wir leben in Zeiten, in denen von uns gefordert wird, zu allem Möglichen Ja zu sagen. Auch zur Kultur, in die wir hineingeboren wurden. Damit unser Verhältnis zu ihr nicht nur unverkrampft und stolzerfüllt sein soll, sondern damit wir, wenn sie angegriffen, sofort zurückzuschlagen bereit sind, möglicherweise so, wie das Matthias Matussek vom Spiegel gedanklich praktizierte, als er „in einer sehr erlauchten Dinner-Gesellschaft“ auf die geadelte Roman-Autorin Antonia Byatt traf.

 

Die Veranstaltung an der Universität im argentinischen San Juan hiess „Educación Intercultural Bilingüe (EIB) en relación a la Ley Nacional de Educación de Argentina“. Die Themen waren vielgestaltig. Einer führte aus, dass Kulturen am besten über Kultur zusammenfänden, eine andere stellte die Stipendien-Möglichkeiten für ethnische Minderheiten vor, von noch einer anderen erfuhr man, dass die Suche nach nationaler Identität (sie war als Bolivianerin in Argentinien geboren worden) eine zuweilen schwierige sei. Vor allem schwierig war natürlich, darzulegen, worin denn die bolivianische Kultur eigentlich besteht: die Bolivianer essen sehr gerne, sagte die junge Frau. Die Schweizer auch, dachte ich still vor mich hin. Und fragte mich: wer eigentlich nicht? Die Bolivianer feiern gerne Feste. Aha. Von den Russen habe ich das auch schon gehört. Und von den ... doch lassen wir das, denn zu beschreiben, was eine spezifische Kultur ausmacht, ist in der Tat ein ziemlich vertrackt Ding.
Kommt dazu, dass auch gar nicht so besonders leicht zu definieren ist, was Kultur denn eigentlich ist, was darunter zu verstehen sein soll. 164 Definitionen von Kultur haben Alfred L. Kroeber und Clyde Kluckhohn im Jahre 1952 gezählt. Es ist anzunehmen, dass seither noch ein paar dazugekommen sind.

Einstimmigkeit schien in San Juan darin zu bestehen, dass kulturelle Identität wichtig sei, dass sie gefördert werden sollte und man sie vor allem kulturellen Minderheiten zugestehen solle. Ich selber – ich war als Gastredner zum Thema „Competencia Intercultural“ geladen – hatte eine etwas andere Auffassung: ich betonte, dass Kultur und Identität artifizielle Konstruktionen seien und man am besten fahre, wenn man sie nicht allzu ernst nähme. Der Beifall hielt sich in Grenzen.

Wir leben in Zeiten, in denen von uns gefordert wird, zu allem Möglichen Ja zu sagen. Auch zur Kultur, in die wir hineingeboren wurden. Damit unser Verhältnis zu ihr nicht nur unverkrampft und stolzerfüllt sein soll, sondern damit wir, wenn sie angegriffen, sofort zurückzuschlagen bereit sind, möglicherweise so, wie das Matthias Matussek vom Spiegel gedanklich praktizierte, als er „in einer sehr erlauchten Dinner-Gesellschaft neben der geadelten Roman-Autorin Antonia Byatt“ sass und von dieser, als sie über die europäische Verfassung redeten, von oben herab angeblafft wurde:

"Wissen Sie, wir Briten brauchen keine Verfassungen - wir sind die älteste Demokratie der Erde." Und dann setzte sie hinzu: "Für junge Nationen wie euch Deutsche mögen Verfassungen durchaus ihren Nutzen haben."Man kann den Tonfall, in dem das vorgebracht wurde, nicht näselnd und abschätzig genug schildern. Im Prinzip sagte sie: Ihr seid Barbaren, ihr habt gerade die Keule aus der Hand gelegt, ihr habt keine Kultur, ihr braucht die Kandare.Ich hörte mich sagen: "Bei uns, Gnädigste, wurde das Frauenwahlrecht wesentlich früher eingeführt als bei Ihnen, was dann auch verständlich ist, wenn ich mir Sie so anhöre." Ich nahm einen Schluck Wasser. "Und was Verfassungen angeht: Ein paar Regeln täten Ihrer kleinen verregneten Insel mit den verdreckten Krankenhäusern und den entgleisenden Zügen ganz gut."Das sagte ich natürlich nicht.Das alles fiel mir viel später ein.Zunächst war ich sprachlos.Hatte die Dame recht? Sind wir wirklich erst gestern aus dem Eichenwald gekrochen?Ich kramte und raffte zusammen, was mir auf die Schnelle an großen Deutschen einfiel. Wir, die Erben der Römer! Arminius, Karl der Große, Barbarossa! Gutenberg, Beethoven, Heine, Bonhoeffer, Lubitsch, Beckenbauer, Heidi Klum!“
(aus: Wir Deutschen – Warum die anderen uns gern haben können. S. Fischer)

Was regt der Herr Matussek sich so auf? Warum nimmt er die Frau Byatt nur so ernst? Geht es nicht etwas gelassener, ja souveräner? Nun ja, nicht jedem ist Gelassenheit gegeben, nicht wenigen steht sie quer zu ihrem Temperament. Was ist also in solch einem Falle zu tun? Nicht drauf eingehen, das Gespräch verweigern, die Dame einfach (im englischen Regen) stehen lassen. Wie sagte doch der Schweizer Schriftsteller Martin Suter, der, als er letzthin in einem Interview gefragt wurde, was er seinen grössten Feinden wünsche, so treffend: ignoriert zu werden.

Hans Durrer

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