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Peter von Matt: Das Wilde und die Ordnung

14.05.2007


Abenteuerreisen in der vermessenen Welt

Von den Einwirkungen der einstigen Terra incognita auf kultivierte Landschaften: Peter von Matt rekonstruiert das Eindringen des Wilden in die Ordnungen der bürgerlichen Literatur.

 

Rationales und Irrationales, Bewusstes und Unbewusstes, Bindung und Freiheit, Hierarchie und Gleichheit – wie diese Gegensätze ist auch das Wortpaar im Titel des neuen Buches des Literaturwissenschaftlers Peter von Matt, Das Wilde und die Ordnung, dialektisch aufeinander bezogen. Erst vor dem Hintergrund einer etablierten Ordnung erscheint das davon Abweichende als wild. Diese Denkfigur durchzieht die meisten der in diesem Band zusammengetragenen kurzen Kommentare und ausführlicheren Essays zur deutschen Literatur.

Für einen „Abenteuertourismus in der deutschen Literatur“ statt der Pauschalreisen durch kanonische Werke plädiert Peter von Matt im einleitenden Aufsatz zur Wildheit und Ordnung deutscher Sprache. In der Folge tauchen denn Nestroy, Hauff oder Grillparzer kurz auf zwischen den Abhandlungen zu Goethes Faust und den Wahlverwandtschaften, zwischen Lichtenberg, E.T.A. Hoffmann, Heine, Mörike, Keller oder Fontane. Ausflüge ins 20. Jahrhundert sind rar; die bürgerliche Literatur des 19. Jahrhunderts und die Unterwanderung der damaligen Normen bleiben für den Literaturhistoriker Peter von Matt der Dreh- und Angelpunkt seiner Überlegungen.

Kenntnisreiche Schlaglichter

In den längeren Aufsätzen zum Konzept des Tragischen und der Rolle der Naturwissenschaften in den Wahlverwandtschaften, zur Verbindung von Tod und Gelächter und zur Zeitlosigkeit in Mörikes Gedichten kann sich von Matts Kenntnisreichtum voll entfalten. Wo er der eigenen Textbeobachtung und individuellen Leseeindrücken den Vorrang vor literaturwissenschaftlichen, soziologischen oder philosophischen Kategorien einräumt, nimmt er den Leser mit auf eine Entdeckungsreise, bei der er neue Lesewürdigkeiten auch in bekannten Gebieten ausmacht.

Kurze Schlaglichter auf einzelne Werke und in der Geschichte der Literatur breit diskutierte Themen werfen die kürzeren Essays. Können auch schlechte Menschen gute Gedichte schreiben? Muss das Kunstwerk vorgegebenen Regeln folgen? In rasch hingeworfenen Thesen, philosophisch an Schopenhauer geschult, präsentiert von Matt seine anhand literarischer Texte gewonnenen Antworten. Dabei entsteht kein in sich schlüssiges Ganzes, von Matt findet aber immer wieder so simple und prägnante Antworten wie „Denn was geliebt wird, das gibt’s“ oder „Schrift ohne Papier ist ein Phantasma“ für komplexe Fragestellungen. Mit diesem Baedeker werden dem Leser auf der Grand Tour der Literatur die bedeutenden Sehenswürdigkeiten nicht entgehen.

Carsten Schwedes


Peter von Matt: Das Wilde und die Ordnung. Zur deutschen Literatur. Hanser Verlag 2007. Gebunden. 293 Seiten. 24,90 Euro.

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