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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. Juli 2017 | 18:54

     

    Willi Jasper: Die Jagd nach Liebe

    10.05.2007

    „Mein Hauptinteresse war und blieb die Frau“
    “Heinrich Mann und die Frauen” ist ein ausschweifendes Thema, “Thomas Mann und die Männer” wäre dagegen nur eine Fußnote. Der Heinrich-Mann-Biograph Willi Jasper hat nun, ausgehend von Heinrich Manns frühem Roman “Die Jagd nach Liebe”, unter dessen Titel das Leporello des Autors von “Professor Unrat” und dem “Henri Quatre” aufgeblättert. Ein Essay von Wolfram Schütte.

     

    Der 1875 geborene Thomas Mann hat sich früh eine „Verfassung“ gegeben, sein vier Jahre älterer Bruder Heinrich kam sein Leben lang ohne sie aus. Das hat „Tommy“ immer wieder fassungslos gemacht. Mit „Verfassung“ meinte der mit den 1901 erschienenen „Buddenbrooks“ schlagartig bekannt und bald berühmt gewordene Thomas Mann einen (groß-)bürgerlichen Verhaltenskodex und eine damit verbundene respektierlich-respektable Lebensweise, deren „Gründungsurkunde“ seine 1905 geschlossene Ehe mit Katia Pringsheim war, der Tochter aus ebenso reichem wie kultiviertem Münchner Haus – eine „verfassungsmäßige“ Ehe, in der seine homosexuelle Verfassung unter Kuratel gestellt war, wenn auch drei der sechs Kinder, die er im Laufe der folgenden Jahre mit „Frau Thomas Mann“ zeugte, eher ihres Vaters unterdrückten Neigungen entsprachen – zu dessen Missfallen & Unbehagen.
    Heinrich Mann hatte dergleichen Zwänge eines intimen Doppellebens nicht. Bis ins hohe Alter beugte sich der Bohemien keinen bürgerlichen Konventionen in eroticis. Von früh an lebte er seine heterosexuelle Lust & seinen „Sinnenrausch“ voll aus: schon als Schüler in Lübecker Bordellen, später als junger Buchhandelslehrling und Volontär im S. Fischer-Verlag in Leipzig und Berlin, von wo er einem Lübecker Freund ausführliche Berichte über seine gekauften Erfahrungen im horizontalen Gewerbe gab.
    Heinrich Manns „Hauptinteresse“ war und blieb, nach eigener Aussage, auch späterhin (bis zum Spätwerk des „Atems“) einzig und allein: „die Frau“. Er hat, „solange es nur irgend ging, nur seiner Sinnlichkeit gelebt“, bis seine offenbar herkulischen Aktivitäten auf dem weiten Feld sexuellem Abenteurertums durch „das Einsetzen der Krankheit“ 1897 etwas gebremst wurden.
    Nein: nicht durch eine Geschlechts-, sondern durch die damals offenbar grassierende Nerven- (& Decadence-) Krankheit „neurasthenischer Störungen“, die Heinrich – wie auch sein ebenfalls daran leidender Bruder, mit dem zusammen er sich von 1895 bis 1898 hauptsächlich in Italien aufhielt – nahezu regelmäßig in der (auch u.a. von Kafka frequentierten) Klinik des Wiener Arztes Christoph von Hartung in Riva am Gardasee kurierte. Dass der ärztliche „Frauenfreund“, wie Heinrich Mann noch in seinem Memoirenbuch „Ein Zeitalter wird besichtigt“ sich dankbar erinnert, seinem vertrauten Kurgast dort zeitweilig ein Liebesnest bereitete (& ihn mit medizinischen Informationen für dessen literarische Arbeit versorgte), steht auf einem anderen Blatt.
    Heinrichs intensiv-extensiver Erotismus und seine ausschweifende Sexualität – er belehrte den Bruder, dass beides das gleiche sei, weil nur die lateinische Übersetzung des griechischen Ausdrucks – war seine Privatsache geblieben, wäre ihm nicht nach „der Krankheit“ des Kürzertretens seine „hervorragende Geschlechtlichkeit in den Kopf gestiegen“ (wie er Thomas schrieb) – und von dort in den „Göttinnen“, diesen „Drei Romanen der Herzogin von Assy“ und erst recht in dem Kolportageroman “Die Jagd nach Liebe“ zu Buche geschlagen. Und was noch provokanter war: Er trumpfte mit allen vier Romanen in einem Jahr (1903) gleichzeitig öffentlich auf. Wenn das nicht skandalös war!
    Denn: so weit, so explizit, so drastisch und so sympathetisch hatte sich bisher kein deutscher Erzähler auf die Darstellung der moralfreien Sexualität – und auch noch vornehmlich der weiblichen! – eingelassen und vorgewagt (seit Heinses vergessenem „Ardinghello“ von 1787); nur die Franzosen – Flaubert, Maupassant, die Goncourts etc. – waren darin Pioniere gewesen; und in Italien der schamlose Eleonora-Duse-Liebhaber Gabriele D´Annunzio, mit dem die deutsche Kritik sogleich „Die Göttinnen“ in Verbindung brachte, wegen der in Dalmatien, Venedig und Neapel spielenden drei sinnenprallen, sexüppigen, sprachlich aufgesteilten „Romane der Herzogin von Assy“.

    Die Schwester, der Bruder und Heinrichs Liebesjagden

    Aber überwiegend negativ, nämlich als „geschmacklos“, „kolportagehaft“ und auf „dem üblen Niveau des Schlüsselromans“ war „Die Jagd nach Liebe“ von der deutschen Kritik verrissen worden. Heinrich hatte in dieser ausladenden, „schmissig“ in einem Schaffensrausch herunter- und der ihm nächsten Münchner Schickeria und Bohème ab- & nachgeschriebenen „Jagd nach Liebe“ – einem Vorläufer von Helmut Dietels thematisch verwandten, komödiantischen TV-Mehrteiler „Kir Royal“ oder seinem Film „Rossini“ (1985/97) – ziemlich unverblümt aus dem Vollen von Klatsch & Tratsch geschöpft. Vor allem aber hatte er die prekäre existenzielle Situation seiner zehn Jahre jüngeren Schwester Carla, der unglückseligen Möchtegern-Schauspielerin, in die er inzestuös verliebt war, melodramatisch und die unglückliche Geldheirat seiner Schwester Lula mit einem Münchner Bankier satirisch in den Künstlerroman eingearbeitet.
    Heinrichs bedenkenloses Ausplaudern familiärer Geheimnisse war es jedoch gar nicht, was den Bruder Thomas auf den Plan rief. Denn beide hatten sich – wie die „Buddenbrooks“ schon gezeigt hatten – auf diesem Gebiet der literarischen Verwertung nichts vorzuwerfen. Eher sah sich „Tommy“ zum „Literaturkritiker und Sittenwächter mit eigenen Interessen“ aufgerufen, sich mit des Bruders „literarischer Entwicklung nicht einverstanden“ zu erklären, weil der Bohemien Heinrich „in aller Öffentlichkeit ohne Rücksicht auf Konventionen die Intensität seiner intimen Erlebnisse beschrieb“, die geeignet waren, den bürgerlichen Thomas, der sich gerade auf Freiersfüßen im Münchner Großbürgermilieu bewegte, familiär zu desavouieren.
    Mit dieser Einschätzung beginnt der Heinrich-Mann-Biograf Willi Jasper sein jüngstes Buch, das „Heinrich Mann und die Frauen“ zum Gegenstand hat; und er nennt es „Die Jagd nach Liebe“ nicht nur, weil der gleichnamige frühe Roman der fortzeugende, tiefgreifende Anlass für den bekannten „Bruderzwist im Hause Mann“ war, sondern auch weil der skandalöse Roman der erste Beleg für Jaspers´ These abgibt, wonach Heinrich Manns literarische Sendung ohne dessen lebenslange „Jagd nach Liebe“ nicht erfüllbar gewesen wäre. Heinrichs erotischen Erfahrungen und Fantasien mit Frauen, deren Gefühlssituationen und Lebenslagen im erotisch-sexuellen Geschlechterkampf er sowohl skrupellos als auch mit Wissen und Stolz der Betroffenen (wie Carla oder Nelly Kröger u.a.) literarisch verwertete, habe sein Oeuvre konstituiert und beflügelt - weit über die Nachbildungen dieser Frauen in seinen Romanen und Erzählungen hinaus, behauptet Willi Jasper. Er kann sich dabei auf Selbstzeugnisse des Autors berufen, der noch im „Zeitalter“ behauptete, „ohne Sexus“ habe „nichts Ursprüngliches“ entstehen können.
    Der puritanische Sublimator Thomas Mann warf dem älteren Bruder in seinem Brandbrief wider die „Jagd nach Liebe“ die „vollständige sittliche Nonchalance“ vor, mit der Heinrich „die Erotik, will sagen: das Sexuelle“ darin dargestellt habe: “Diese schlaffe Brunst in Permanenz, dieser fortwährende Fleischgeruch ermüden, widern an. Es ist zu viel, zu viel ‘Schenkel’, ‘Brüste’, ‘Lende’, ‘Wade’, ‘Fleisch’ und man begreift nicht, wie Du jeden Morgen wieder davon anfangen mochtest, nachdem doch gestern bereits ein normaler, ein tribadischer und ein Päderasten-Aktus stattgefunden hatte.... Ich spiele nicht Frà Girolamo”, spielt der spätere “Fiorenza”-Dramatiker auf Savanarola an: “Ein Moralist ist das Gegenteil von einem Moralprediger: ich bin ganz Nietzscheaner in diesem Punkt. Aber nur Affen und andere Südländer können die Moral überhaupt ignorieren”.

    Die in den Kopf gestiegene Geschlechtlichkeit

    Man könnte durchaus geneigt sein, Thomas Manns ästhetischer Kritik an diesen oversexten Roman zuzustimmen. Wahrscheinlich hat er in concreto recht - auch weil heutigen Lesern, die (seit Henry Miller, der ja schon fast vergessen ist) direktesten sprachlichen Exkursionen in die Genitalzonen “gewöhnt” sind, die verbalen Erregungspotentiale Heinrich Manns geradezu schwülstig erscheinen müssen, obwohl sie damals “gewagt” waren.
    Aber dennoch geht Thomas´ Maßregelung des älteren Bruders an dessen Kunst- und Literaturverständnis vorbei. Er hat aber Heinrich zu einer Entgegnung provoziert, von der nur ein sechzehnseitiger Entwurf erhalten ist, der aber an Klarheit nichts zu wünschen übrig lässt: in jeder Hinsicht.
    Zwar gibt Heinrich dem “lieben Tommy” in “der Beurteilung meines Buchs und des Eindrucks, den es machen muss, noch jetzt zum großen Teil Recht“. Allerdings wisse er besser, warum er es geschrieben habe - nämlich aus dem existenziellen Bedürfnis von “Einem, der sich vom Rande des Blödsinns zurückgerissen hat und sich durch Arbeit mühselig genug erhält”. Heinrich belehrt den Bruder, “in der Einsamkeit, die erst über mich hereinbrach” (nachdem ihm seine “Geschlechtlichkeit in den Kopf gestiegen” war), konnte mir Selbstanalyse allein nicht mehr genügen. Ich brauchte viel Reflex von draußen, viel Kinematograph”. So lautet seine verwunderliche Begründung für die Ersatzreizungen durch Melodrama und Kolportage - und weitergehend durch ein voyeuristisches Programm, das er mit einer erstaunlichen Metapher beschreibt: ”Damals brachte ich an meinem Fenster einen ‘Spion’ an, vielleicht einen mit convexem Glas, damit es unterhaltender wäre”, womit er seine literarische Neigung zum Grellen, Verzerrten und Satirischen begründete - aber auch, dass er Gespräche, Briefe und Geständnisse seiner Schwester und anderer Frauen gewissermaßen “siedendheiß“ in seinen Erzählungen & Romanen verwertete.
    “Sobald ich erst arbeite, und zwar aus dem Vollen”, beschreibt er seine angespannte geistige Situation als Schriftsteller, “fasst mich das tiefe Gefühl des Absterbens. Ich habe die Angst, kommst du aus dem Zuge, ist es aus mit dir. - So trainiere ich mich nicht der Arbeit zuliebe, sondern ich arbeite, um nur Leben zu spüren”. Und “Leben”, sprich: Vitalität, Dramatik, Sensibilität spüre er nur bei “der Frau“, anders als der selbstbezügliche Bruder, in dessen Büchern “ausschließlich die Männer - die sich auf Einen reducieren - Interessen haben”. Beim anderen Geschlecht sei Heinrich “innerlich zuhause”. Es war “die Frau” - das hatte er ja gerade in den drei Leben der Herzogin von Assy als Volksbefreierin, Kunstmäzenin und Bacchantin gefeiert -, die als empfindungsstarke, ungezähmte, vitale Passionara aufs Ganze des Lebens geht, während die Männer nervenschwach, dekadent oder brutal sind. Deshalb sieht sich der Frauen-Liebhaber, -Bewunderer und -Kenner in der “vorwiegend männlichen” deutschen Gegenwartsliteratur als solitären “Féministe”, dessen moralischem und künstlerischem Selbstbewusstsein “die unliterarische Anerkennung von ein paar Kennern und Frauen zur Hilfe gekommen” sei.
    Heinrichs Hinweis auf die „unliterarische Anerkennung“ von ein paar Frauen-Kennern (wie wohl Christoph von Hartung), aber auch von Frauen (wie der Schwester Carla, Inès Schmied u.a.) ist nicht aus der Luft gegriffen, wenn auch Willi Jasper brieflichen Resonanzen von „Leserinnen, Schriftstellerinnen, Künstlerinnen und Frauenrechtlerinnen (!)“ erst anlässlich von Heinrich Manns späteren Romanen „Zwischen den Rassen“ (1907) und „Die kleine Stadt“ (1909) ausführlich belegt. Das sind aber die herausragenden Trouvaillen seines Buches, das auch die während der fieberhaften Arbeit an der „Jagd nach Liebe“ eingeschobene Novelle „Pippo Spano“ auf eine kurze Affäre Heinrichs mit einer Florentinerin zurückführen kann, deren erotisches Kapital er sofort verwertete. (Vermutlich ist Maupassant ähnlich verfahren - allerdings waren bei beiden die Urheberinnen, im Gegensatz zu jüngsten deutschen Parallelaktionen, nicht erkennbar gemacht - anders als bei der riskanteren „Jagd nach Liebe“, in der sich die Schwester Carla begeistert wiederfand.)

    Die deutsche Bürgersfrau als Droschkengaul

    Heinrichs Entwurf seiner Replik ist aber über seine unmittelbare Selbstverteidigung hinaus hellsichtig auch im Hinblick auf seine Kritik an Thomas Mann und dessen literarischem Verständnis und erzählerischer Praxis, die Heinrich pars pro toto für die zeitgenössische deutsche Literatur nimmt. „In der romanischen Literatur“, schreibt er, der wenige Jahre später de Laclos´ „Gefährliche Liebschaften“ übersetzen wird, “ist die Bürgersfrau – welche Lächerlichkeiten und welche Traurigkeiten in der Koppelung von Worten – eine eingefangene und vor eine Droschke gespannte Tigerin. In der deutschen Literatur ist sie ein richtiger Droschkengaul“. Und um dem Bruder einen Beweis für seine Kritik zu geben, spricht er von Toni Buddenbrook, „eine ausgezeichnete Figur“ – nur wenn man „Toni als Frau“ betrachte, sei „alle sexuelle Energie sauber herausgeschnitten“ worden: „Diese Art Vogel-Strauß-Keuschheit bei Behandlung der Frau“ sei „germanisch, heute und früher“.
    Dagegen setzt Heinrich Mann seine „Passion der Sinne“, die sich auf eine Tradition der „moralischen Leidenschaft“ berufen könne: „Auf der sinnlichen Freiheit steht die menschliche und politische, steht die Renaissance so gut wie die große französische Revolution“ und auch das Junge Deutschland Heines habe „die deutsche Revolution mit ‘Emanzipation des Fleisches’ eingeleitet“. Er werde „niemals ein ganz geistloses Buch schreiben“, entgegnet er dem aufs „Geistige“ erpichten Bruder: „Ich werde nur trachten, den Geist des Buches in Körperlichkeit fester einzuhüllen, als Du es neuerdings für richtig hältst“. Dann kommt Heinrich auf Thomas´ Invektiven zurück: „Dieser ganze geschlechtlich-amoralische Zug der Befreier, der die Geschichte Europas unter Triumphen und Niederlagen (...) durchzieht, er malt sich in Deinem Kopf als ‘Affen und Südländer’. (...) Ein Intellekt, der eine solche Ungeheuerlichkeit hervorbringt“, müsse „ziemlich einseitig erzogen oder gelenkt sein. Was Dich lenkt, Dich stärkt, Dich beherrscht wie eine Macht, ist, wie wir wissen, das heutige Deutschland, das chauvinistische und darin reaktionäre Deutschland Wilhelms II.“.
    Es ist erstaunlich, mit welcher Hellsichtigkeit Heinrich Mann mit diesen 1903 (!) geäußerten Worten ihrer beider konträre literarische und politische Entwicklungen exakt prognostiziert hat. Zum einen seinen eigenen Weg zum „Hohen Lied auf die Demokratie“ („Die kleine Stadt“) und zu seiner Abrechnung mit dem wilhelminischen „Untertan“ (samt den Essays „Geist und Tat“ und „Zola“); zum anderen auch Thomas Manns Entwicklung zur anämischen „Königliche Hoheit“ und zu dessen reaktionären „Betrachtungen eines Unpolitischen“, in denen Thomas, als greife er Heinrichs Worte auf, die „machtgeschützte Innerlichkeit“ gegen Heinrichs freiheitlichen Republikanismus und dessen „Zivilisationsliteratentum“ in Anschlag bringt.
    Aber Jaspers´ Buch hat dafür keinen Blick; der Heinrich-Mann-Biograf richtet sein recherchierendes Augenmerk hier ganz und gar auf das Lebenskapitel „Heinrich Mann und die Frauen“, dessen Verlauf er von A bis Z. aufblättert: von den ersten Namenlosen, bei denen der Schüler und junge Mann „das Klassenziel“ erreichte (wie dergleichen in „Professor Unrat“ von den Gymnasiasten genannt wurde), bis zu jenem Briefwechsel, den der endgültig verwitwete Emigrant in Kalifornien mit einer Prostituierten im Nachkriegsberlin führte, die ihm liebenswürdig-anzügliche Briefe schrieb, während der alte Mann sich Bilder & Szenen mit „dicken, nackten Weibern“ (Thomas Mann) vor die müden Augen zeichnete, für die sich, als sie in seinem Nachlass entdeckt wurden, Bruder, Schwägerin und der Neffe Golo noch nachträglich schämten. Einige davon werden in Jaspers Buch reproduziert; sie waren erstmals 2001 unter dem Titel „Liebschaften und Greuelmärchen“ bei Steidl erschienen.
    Natürlich ist dem Kenner des Oeuvres und der Biographie Heinrich Manns vieles in Willi Jaspers detaillierter Recherche schon bekannt: Heinrichs Liebe zu seiner (10 Jahre) jüngeren Schwester Carla, seine kurzzeitige Verlobung mit (der 12 Jahre jüngeren) Deutsch-Argentinierin Inès Schmied, seine erste Heirat (1914/29) mit der (15 Jahre jüngeren) Tschechin Maria (“Mimi“) Kanová, aus der seine einzige Tochter Leonie stammt, und schließlich seine letzte langjährige Verbindung mit (der 27 Jahre jüngeren) Nelly Kröger, die er seit 1932 kannte, aber erst 1939 in Nizza, als er zur Flucht nach den USA ansetzte, geheiratet hat.

    Mit dem Penis schreiben oder auch: Erinnerung an die “auf der Strecke” Gebliebenen

    Aber was da (oder wer) sonst noch war, davor & dazwischen, und welche dominante Rolle im Schaffen des “Peniden” (Arno Schmidt) Heinrich Mann die Frauen spielten: dem ist noch keiner vor & wie Jasper nachgegangen; auch nicht dem Nach-Leben von Inès Schmied und Maria Kanová, die als tschechische Jüdin Theresienstadt überlebte, von Klaus Mann in Prag 1945 aufgesucht wurde und 1947 dort starb, während sich die Spuren von Inès Schmied verwischten, seit sie “nervenkrank” Ende der zwanziger Jahre von München nach Ascona in die Schweiz übersiedelte und 1976 in Luino (am italienischen Lago Maggiore) gestorben ist.
    Jaspers Recherchen und Darstellungen sind diskret, vorsichtig und zurückhaltend auf diesem leichthin ans Degoutante grenzenden Erlebnisfeld - besonders bei der tragischen Geschichte Carlas, an deren Selbstmord Heinrich sich schuldig fühlte.
    Psychoanalytische Spekulationen über diese (prägende?) Beziehung oder Heinrich Manns erotische Fixierungen - wie sie z.B. im wachsenden Altersunterschied seiner Geliebten oder seiner anhand der beigefügten ungelenken Zeichnungen erkennbaren Vorlieben für den matronenhaften Frauentyp, dem vor allem, wiewohl wesentlich jünger, Maria Kanová und Nelly Kröger entsprachen - stellt Willi Jasper nicht an. Auch nicht darüber, dass von der Schwester Carla bis zu Nelly Kröger er einen psychisch gefährdeten, dezidiert unbürgerlichen Frauentypus des “halbseidenen” Mädchens (aus)suchte oder wie seine erotische Utopie mit der des von ihm gefeierten Puccini in dessen “feministischen” Opern harmonierte.
    Dagegen lässt Jasper, soweit vorhanden, Heinrichs Geliebte und deren Vorstellungen und Wünsche an den Mann an ihrer Seite & in ihrem Bett, ausführlich aus ihren Briefschaften zu Wort kommen und bemüht sich, ein “faires” und weitgehend parteiloses Bild von den sich wandelnden, wechselhaften Liebesbeziehungen der Partner zu geben. Im Zweifelsfall ist er moralisch eher auf Seiten der Frauen, die “auf der Strecke bleiben” - auf einer Lebens- & Liebes-Strecke, die zugleich eine bewegende menschliche Entwicklung im Laufe der sinnlichen „Lehrjahre der Gefühle“ Heinrich Manns nachzeichnen: vom sexuellen Zyniker in der Jugend zum erotischen Humanisten und väterlichen Freund & nachsichtigen Liebhaber.
    Willi Jaspers´ Lesart, Heinrich Manns Oeuvre im Lichte der unterschiedlichen Erfahrungen zu betrachten, die der Autor mit den Frauen seines Lebens machte, eröffnet einen neuen Blick auf Glanz & Elend einer oft davon erotisch befeuerten literarischen Produktion. Unter dieser Perspektive könnte die künstlerische Schwäche der ohne diese intensive sexuelle Antriebskraft geschriebenen Romane der Weimarer Republik – von “Die Armen“ (1917) bis zu „Die große Sache“ (1930) – zumindest auch darin ihre Ursache haben, wohingegen bei dem zweibändigen „Henri Quatre“ (1935/38) für dessen sinnliche Kraft und erzählerische Schönheit, zumindest in der Liebesgeschichte Henris und Gabrieles, auch „Henri“ Manns letzte Lebensgefährtin Nelly mitverantwortlich wäre.
    Woher aber kam, bei diesem Cherchez-la-femme-Lesemodell, die literarisch-satirische Meisterschaft von „Professor Unrat“ (1905) und „Der Untertan“ (1911/14), die in Jaspers Fokussierung ausgeblendet bleiben, weil sie keiner von Heinrich Manns „sinnlichen Passionen“ und geliebten Frauen zuschreibbar waren?
    Eine, denke ich, naheliegende Frage, die Jasper jedoch weder stellt, noch auch nur peripher beantwortet. Vielleicht käme man in die Nähe einer Antwort, wenn man den Erotismus Heinrich Manns nicht nur auf Personen einschränkt, an denen er sich entzündete und literarisch niederschlug, sondern – wie er das ja auch schon in der Antwort an Thomas Mann von 1903 andeutet und im späten „Zeitalter“ ausführt – als ein umfassendes „Lebensgefühl“ auf der Suche nach dem Glück in menschlicher Gesellschaft begreift, in dem sein „romanischer Humanismus“ aufglüht, der sich im Erlebnis Italiens und der großen Literatur Frankreichs illuminierte. Aus dieser emotionalen Hitze gewann er emphatisch die Kraft, Lust, Wut & den Mut, mit satirischer Kälte die deutsch-wilhelminische Unkultur des Lebens & Liebens anzugreifen und deren männliche Protagonisten bloßzustellen. „Für alles, was er tut“, heißt es von Henri Quatre, in dem sich sein Autor ein märchenhaftes Selbstporträt erschrieben hat, „ist sein ursprünglicher Antrieb das Geschlecht und die gesteigerte Kraft, die es hervorbringt durch seine Entzückung“.
    Der französische Malerzeitgenosse Auguste Renoir, der die gleiche Liebe zum schwellenden weiblichen Fleisch (wie der Rubens-Bewunderer Heinrich Mann) besaß und es in vielen seiner weiblichen Akte in impressionistischem Glanz feierte, hat einmal gesagt, er habe „mit dem Penis“ gemalt; Heinrich Mann, vermutlich, aber nicht selten damit geschrieben.

    Wolfram Schütte


    Willi Jasper: Die Jagd nach Liebe.
    Heinrich Mann und die Frauen.
    Mit 10 Zeichnungen von Heinrich Mann und 26 Abbildungen.
    S. Fischer-Verlag, Frankfurt a.M. 2007.
    410 Seiten, 24.90 ¤




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