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Mittwoch, 19. Juni 2013 | 10:59

 

Interkulturelles (3)

15.04.2007

"Gibt es glaubwürdige Versionen des Islams, die mit der liberalen Demokratie vereinbar sind, wie sie sich im Westen entwickelt hat? Kann jemand sowohl ein guter Muslim sein als auch guter Bürger einer freien Gesellschaft? Oder sind Islam und der postaufklärerische Westen wie Feuer und Wasser?" fragt der britische Historiker Timothy Garton Ash.

 

Auf www.perlentaucher.de findet seit Januar eine Multikulturalismus-Debatte statt, zu der sich am 25. Februar auch die Sozialwissenschaftlerin und freie Autorin Ulrike Ackermann mit einem inhaltlich interessanten, sprachlich jedoch ausgesprochen hölzernen Text zu Wort gemeldet hat. Sie schreibt unter anderem, „dass Timothy Garton Ash offensichtlich ein Compagnon de route von Tariq Ramadan geworden ist, jenem Vertreter eines obskuren "europäischen Islams". "Wir sind für die Integration", sagt Ramadan in dem Porträt, das Ian Buruma über den einflussreichen Schweizer Islamwissenschaftler für die New York Times verfasste, "aber wir selbst müssen entscheiden, was das heißt. Ich halte mich an die Gesetze, aber nur solange sie mich nicht zwingen, etwas gegen meine Religion zu tun." Sowohl Garton Ash als auch Buruma empfehlen Ramadan als Ansprechpartner für die westlichen Gesellschaften. Sie teilen einen Multikulturalismus, der die Errungenschaften der westlichen Aufklärung samt der daraus entstandenen Lebensstile gegenüber den zu tolerierenden "fremden Kulturen" relativieren will.

Am 22. März meldete sich wiederum Timothy Garton Ash und fragte: „Gibt es glaubwürdige Versionen des Islams, die mit der liberalen Demokratie vereinbar sind, wie sie sich im Westen entwickelt hat? Kann jemand sowohl ein guter Muslim sein als auch guter Bürger einer freien Gesellschaft? Oder sind Islam und der postaufklärerische Westen wie Feuer und Wasser?“. Wer so fragt, wird, wenig überraschend, zum Schluss kommen, dass man selbstverständlich ein guter Muslim als auch ein guter Bürger sein kann.

Garton Ash hat in Kairo Gamal al-Banna besucht, „in seiner höhlenartigen dunklen Wohnung, in der sich vom Boden bis zur Decke islamische Literatur stapelt. Er ist der jüngere Bruder von Hassan al-Banna, dem Begründer der Muslimbruderschaft. Ihr Vater, ein gelehrter Imam, hatte 40 Jahre damit verbracht, rund 45.000 Berichte über die Mohammed zugeschriebenen Aussprüche und Taten (Hadithe) zu katalogisieren. Gamal al-Banna, jetzt 86 Jahre alt, hat sein Leben dem Studium des Islams und seines Verhältnisses zur Politik gewidmet (...) Gamal al-Banna argumentiert, dass "es keinen Widerspruch zwischen absoluter Gedankenfreiheit und Religion gibt" und dass "der Islam kein Monopol auf Weisheit beansprucht". Kritische Gedanken zum Islam sollten mit Worten bekämpft werden, "nicht durch Konfrontation, Terrorismus oder Takfir - wobei jemand mit dem Bannstrahl belegt wird, in dem man ihn zum Ungläubigen erklärt". Was die Apostasie betrifft, "haben Muslime das Recht, sich vom Islam abzuwenden, die Verse des Korans sind in dieser Hinsicht sehr eindeutig: 'Es gibt keinen Zwang im Glauben' (al-Baqara, Die Kuh, II, 256).“

Kurz und gut: der „richtige“ Islam ist derjenige des Gelehrten Gamal al-Banna. Diejenigen aber, die „weder vom Arabischen noch von islamischer Geschichte, Philosophie oder Recht die geringste Ahnung haben“, haben sich, so Garton Ash, entschieden, dumm zu bleiben und das, „können wir uns nicht erlauben, wenn wir frei bleiben wollen.“

Dass ein Uni-Professor so argumentiert, ist verständlich, schliesslich wäre er arbeitslos, wenn wir nicht an den Wert der institutionalisierten Bildungsvermittlung glauben würden, nur erinnert seine Argumentation etwas arg stark an Franz Josef Strauss, der einmal einen Journalisten, der ihm eine unbequeme Frage stellte, anblaffte: „Haben Sie überhaupt Abitur?“

Nun ja, ich mag nicht Arabisch lernen, auch islamische Geschichte, Philosophie und Recht interessieren mich nicht besonders, und doch will ich mich äussern, weil die Frage, um die es hier geht, weit weniger kompliziert ist, als dass es einem Uni-Professor lieb sein mag. Ulrike Ackermann hat es auf den Punkt gebracht, als sie Tariq Ramadan zitierte: "Wir sind für die Integration, aber wir selbst müssen entscheiden, was das heißt. Ich halte mich an die Gesetze, aber nur solange sie mich nicht zwingen, etwas gegen meine Religion zu tun."

Ein recht eigenwilliges Verständnis der Rechtsstaatsidee und gänzlich unvereinbar mit dem, was die Demokratie letztlich ausmacht: dass jeder und jede vor dem Gesetz gleich sein soll. Wer dieses Ideal nicht akzeptieren mag, der ist nicht Demokratie-tauglich, so einfach ist das.

PS: Mit der Auffassung, dass seine persönliche Überzeugung über dem Gesetz stehe, befindet sich Tariq Ramadan übrigens in prominenter Gesellschaft. So berief sich Helmut Kohl auf sein Ehrenwort, als er in der CDU-Spendenaffaire, „die Herkunft eines Betrags in Höhe von anderthalb bis zwei Millionen DM, obwohl er gemäß dem Parteiengesetz, welches er als Bundeskanzler selbst unterzeichnet hatte, und der darin verankerten Publikationspflicht zur Auskunft verpflichtet war“, wie auf Wikipedia nachzulesen ist, nicht preisgab. Wie der Stern am 23. März berichtete, forderte kürzlich EU-Kommissionspräsident Barroso für Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl – "Er hat einen großen Beitrag zum Frieden in Europa geleistet, indem er der europäischen Idee gedient hat" – den Friedensnobelpreis.

Hans Durrer

siehe auch die früheren Beiträge

Interkulturelles (2) 
Interkulturelles (1)

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