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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 28. Mai 2017 | 12:18

     

    Silvia Bovenschen: Älter werden. Notizen.

    01.03.2007

     
    Essayismus vom Besten

    Nicht alle sind, älter geworden, weise. Silvia Bovenschen war es schon in jüngeren Jahren. Jetzt denkt sie öffentlich über „Älter werden“ nach.

     

    Dass Silvia Bovenschen zu den klügsten Autorinnen Deutschlands gehört, konnte wissen, wer die öffentlichen Debatten der vergangenen Jahrzehnte verfolgt hat. Niemals lau, niemals gleichgültig gegenüber dem gesellschaftlichen Geschehen, neigte sie doch auch nicht zur schematischen Überzeichnung, zur eifernden Verabsolutierung, zur dogmatischen Humorlosigkeit, die so viele weniger intelligente Zeitgenossinnen und Zeitgenossen auszeichnen. Sie ist keine Frau der monokausalen Erklärungen, der halbdurchdachten Schlagworte, der Beschränkung auf das Offensichtliche. Aber sie zählt auch nicht zu jenen modernen Ironikern, die für fremdes Leid nur ein Schulterzucken und für Schmerzensschreie nur ein Grinsen übrig haben. Sie hat etwas zu sagen, und sie verfügt über eine Sprache, in der dies optimal, niemals geschwätzig, gesagt wird, kurz: sie ist eine begnadete Essayistin. „Die imaginierte Weiblichkeit“ von 1979 hat so manche feministische Publikation zum Tage glanzvoll überlebt. Ihr neues Buch braucht nur 150 Seiten, um mehr Bedenkenswertes, zudem in einer literarischen Form, zu vermitteln als andere in ihrem ganzen Leben geäußert haben. Ist es ein Zufall, oder hat es System, dass Silvia Bovenschen, die keine Quote benötigt und wahrscheinlich auch keine akzeptiert hätte, die Karriere vorenthalten geblieben ist, die sich andere, geringere Talente, mit Hilfe krummer Methoden erschwindelt haben? Nicht alle sind, älter geworden, weise. Silvia Bovenschen war es schon in jüngeren Jahren. Jetzt denkt sie öffentlich über „Älter werden“ nach.

    Bovenschens Essayismus ist aphoristisch. Er setzt auf die einzelnen Gedanken eher als auf deren Verbindendes. Ihre Stärke besteht darin, dass sie Subjektives als Objektives erfahrbar machen, dass sie dem Leser anbieten, das Beobachtete, Erfahrene, Reflektierte zum eigenen Leben in Beziehung zu setzen. Sie lassen Phänomene des Alltags, die in der Regel nicht – oder im Sinne der russischen Formalisten: „automatisiert“ – wahrgenommen werden, als neue, fremde, aufregende ins Bewusstsein dringen. Silvia Bovenschen produziert eine seltene Synthese, die den Leser intellektuell fordert und zugleich emotional ergreift – in einem unsentimentalen, aber doch mehr als nur oberflächlichen Sinne. Es liegt gewiss nicht am Thema, dass einem bei der Lektüre Vokabeln einfallen, die aus der Mode gekommen sind: das Humane, die Empathie, der Anstand. Dabei biedert sich Bovenschen niemals an herrschende Stimmungen an, buhlt sie niemals um Einverständnis oder Applaus. Ein weiteres abgewickeltes Wort heißt „Redlichkeit“. Sie atmet aus jedem Satz der Bovenschen. Schon lange hat keine Autorin so uneitel „ich“ gesagt wie diese. Ihre Rhetorik ist das Understatement. Was sie im Leben versäumt habe? Sie konnte nie auf zwei Fingern pfeifen.
    Das Thema des Älterwerdens erhält eine zusätzliche biographische Profilierung durch das, was Silvia Bovenschen fast verlegen „gesundheitliche Einschränkung“ nennt. Bisweilen drängt sich der Verdacht auf, dass es überhaupt die Krankheit ist, die Bovenschen den Gegenstand aufdrängt. Sie jammert nicht, spielt ihr Gebrechen, euphemistisch als MS abgekürzt, aber auch nicht herunter, sondern weiß und teilt auch mit, dass es das Leid des Alterns potenziert. Die Gattung des Essays erlaubt, was Belletristik unterbindet: dass der Autor mit dem Werk „kurzgeschlossen“ wird.

    Das Buch enthält einige besonders schöne Würdigungen von Menschen aus Bovenschens Freundeskreis. Umso bedauerlicher, dass sie deren – zum Beispiel Karl Markus Michels – Namen abkürzt. Sie sind doch wirklich Individuen, die es vor der Nachwelt verdienen, genannt zu werden.
    Drei „Stellen“, die zum Lesen des Buchs verführen sollen:
    „Wie angenehm sind doch Ratschläge, die den eigenen Neigungen entgegenkommen.“
    „Erspartes Können. Das ist schwachsinnig. Ebensogut könnte man gleich nicht leben.“
    „Aber man müsste doch annehmen, dass die Einsicht in einen vermeidbaren folgenreichen Irrtum für immer von apodiktischen Tönen heilen sollte.“
    Und dann der klügste Satz überhaupt: „Ich glaube, jede Bewegung gebiert – unabhängig von der Frage ihrer Berechtigung – im Zuge ihrer Popularisierung die Karikaturen ihrer selbst.“ Nur ist das keine Sache des Glaubens. Die Richtigkeit dieses Satzes lässt sich empirisch beweisen. Ob man Latzhosen bevorzugt oder ein elegantes Kleid.

    Thomas Rothschild


    Silvia Bovenschen: Älter werden. Notizen.
    S. Fischer, 2006.
    Gebunden. 155 S.
    ISBN 978-3-10-003512-7

    TITEL ist umgezogen!

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