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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 28. Mai 2017 | 18:39

     

    Glosse

    04.02.2007

    Darf’s auch etwas mehr sein?

    Thomas Kastura über Bücher mit Überlänge.

     

    Dicke Bücher haben’s schwer. Wenn man so eine Schwarte vor sich sieht, Thomas Manns Zauberberg oder Umberto Ecos Name der Rose etwa, dann sieht man vor dem inneren Auge noch und nöcher Lebenszeit verstreichen. Es ist wie bei einem Familienessen: Mutter hat die Teller mit knusprigem Braten vollgeladen und jetzt heißt es: Aufessen, sonst wird das Wetter schlecht! Da streikt so mancher Magen.

    Dieser Vergleich hinkt natürlich. Es kommt wohl niemand auf den Gedanken, die Qualität von Romanen nach ihrer Seitenzahl zu beurteilen. Oder doch? Wer hätte wohl Grund, die Überlänge von Neuerscheinungen zu bemängeln? – Literaturkritiker, ganz recht! Die müssen sich von Berufs wegen durch Haufen von Büchern fressen. Neuerdings bejammern einige ganz offen, wie mühsam dies sei.Insbesondere Kriminalromane, so geht die Klage, würden immer ausladender und langatmiger. Schuld daran sei die „Literarisierung“ der Gattung, sprich: dass Krimis nicht mehr pfeilgerade auf die Überführung eines Mörders zusteuern wie noch zu Kommissar Maigrets Zeiten. Stattdessen schweifen sie ab in Unter- und Nebenhandlungen, Charakterzeichnungen, Alltagsbeobachtungen und verwinkelte Diagnosen. Und dies alles, obwohl die Konzentrationsspanne der Leser bekanntlich sänke und die Leute immer weniger läsen.

    Das klingt, als schädige ein dickes Buch die Volksgesundheit. „Überlänge“ hört sich an wie „Übergewicht“. Verbirgt sich hinter dem Trugschluss, eine schnelllebige Zeit wie die unsere brauche auch kurze, gebrauchsfertige Texte, eine Art Schlankheitswahn, der jetzt aufs Lesen übergreift? – Nun, jeder gute Krimi ist der Spiegel und die abgekürzte Chronik eines Zeitalters. Sollen Gesellschaftsromane heute also fettreduziert, zuckerfrei und cholesterinarm daherkommen, als Story-To-Go für den lektüremüden Wellness-Leser?

    Früher, so lässt sich von den Befürwortern des Magerbuchs vernehmen, sei die Krimiwelt noch in Ordnung gewesen. Mit „früher“ ist in diesem Fall der Existenzialismus gemeint, damit liegt man immer richtig. Früher war aber auch Döblins Berlin Alexanderplatz. Der kleine Mann auf schiefer Bahn - Kernelement vieler anspruchsvoller Kriminalromane - könnte seinen Weg bestimmt auch auf schmalen 200 Seiten machen. Aber warum sollte uns das reichen? Was spricht dagegen, den Teufel al fresco immer von Neuem an die Wand zu malen wie es Gustave Flaubert mit seiner Madame Bovary tat?

    Die Technik der Variation, um die es hier letztlich geht, verlangt vom Leser ein Minimalinteresse an Entwicklung. Wo nichts sich bildet, bleibt vieles platt. Am Schluss des Romans weiß Franz Biberkopf, was wahr und was falsch ist. Darüber sei auch seine Geschichte lang geworden, schreibt Döblin. „Aber sie musste sich dehnen und immer mehr dehnen, bis sie jenen Höhepunkt erreichte, den Umschlagpunkt, von dem erst Licht auf das Ganze fällt“. Bis dahin muss man sich durch 464 Seiten futtern wie durch den Grießbrei im Märchen. Erst dann, so will es die Sage, gelangt man ins Schlaraffenland. Dort flattert einem der knusprige Braten zwar in den Mund, das Kauen jedoch musste man schon immer selbst erledigen.

    ©
    Thomas Kastura


    Thomas Kastura, geboren 1966, lebt mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern in Bamberg. Er studierte Germanistik und Geschichte. Seit 1998 schreibt er Bücher, zuerst Sachbücher, dann Romane. Zuletzt veröffentlichte er den Kriminalroman Der vierte Mörder. Außerdem verfasst Thomas Kastura für den Bayerischen Rundfunk (B 2 Kultur) Glossen, Essays und Rezensionen.

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