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Arkadi Babtschenko: Die Farbe des Krieges

04.02.2007


Holpriger O-Ton


Der Erfahrungsbericht des jungen Soldaten Arkadi Babtschenko über seinen Einsatz in Tschetschenien ist ein Plädoyer gegen den Krieg, bleibt aber im engsten Kreis der eigenen Erlebnisse gefangen.

 

Prügel bis zur Bewusstlosigkeit von älteren Soldaten, Schlaflosigkeit, Korruption und Angst vor dem Krieg: so sieht der Alltag des mit neunzehn Jahren an die Grenze zu Tschetschenien versetzten Arkadi Babtschenko aus. Auf diese schon unmenschlichen Zustände in der Kaserne folgt bald der Horror des Krieges. Babtschenko durchlebt die Reduzierung der Soldaten zum bloßen Kanonenfutter, die Degenerierung alles Menschlichen und erfährt das Gefühl völliger Sinnlosigkeit dieses Krieges.

So drastisch seine Schilderungen auch sind, so wenig kann man sich des Gefühls erwehren, hier ein Drehbuch vor sich zu haben. Seien es die Parallelen des Handlungsgerüsts von Die Farbe des Krieges zu Full Metal Jacket, seien es die dem eigentlichen Bericht vorangestellten „Zehn Bilder vom Krieg“, bei denen das Geschehen wie durch das Objektiv der Filmkamera dargestellt wird, seien es die Szenen, in denen der Erzähler schildert, wie er sich gewitzt aus der prekären Affäre ziehen konnte: es wirkt meist wie schon mal in einem amerikanischen Antikriegsfilm gesehen, versetzt mit ein paar russischen Besonderheiten und holprigem O-Ton.

An der Blechnapfkante hängen geblieben

Von einem Autor kann man erwarten, dass er über das Erlebte reflektiert, bevor oder während er es schildert. Arkadi Babtschenko bleibt jedoch in Die Farbe des Krieges mit dem Blick an der Kante seines Soldatenblechnapfs hängen. Alle Ereignisse werden nur aus der Perspektive des russischen Soldaten Arkadi Babtschenko vermittelt; die durchgehend als „Tschechos“ bezeichneten Tschetschenen bleiben geisterhafte Gegner, blutdurstig und brutal. Recherche scheint nicht stattgefunden zu haben, politische Überlegungen finden auf einfachstem Niveau statt. Weiterführende Informationen würden auch nur die Wirkung dieses Textes stören, die auf Subjektivität und Emotionalität der Darstellung basiert.

So fragt man sich ein wenig, warum dieses Buch in Deutschland veröffentlicht wurde. Sprachlich recht einfach gehalten, vermittelt es auch inhaltlich wenig Relevantes. Dass es mit den Menschenrechten im Tschetschenienkrieg und in der russischen Armee im Besonderen nicht weit her ist, dürfte sich hierzulande hinlänglich herumgesprochen haben, spätestens seit dem Fall Andrej Sytschow. In Russland hingegen mag diese Kritik am Krieg in Tschetschenien und an den eigenen Streitkräften ein heikleres Thema sein. Dort könnte Die Farbe des Krieges dazu beitragen, ein anderes, aufrichtigeres Bild der russischen Armee zu vermitteln.

Carsten Schwedes


Arkadi Babtschenko: Die Farbe des Krieges. Rowohlt Berlin Verlag 2007. Gebunden. 256 Seiten. 17,90 Euro.

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