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Érik Orsanna: Lob des Golfstroms

01.02.2007

Alles fließt

Ein Kaleidoskop von Anekdoten, Erzählungen, Zitaten (von Plato bis Jules Verne), Reflexionen, Spekulationen und Erlebnisberichten, mit dem der Erzähler den immensen Sachgehalt seines Buches uns in immer neuen, überraschenden, pointierten Konstellationen vor die erstaunten & entzückten Augen dreht.

 

Es mag während des diesjährigen verzögerten Winters und des föhnigen Orkansturmsim Januar über Deutschland einen Grund mehr geben, Erik Orsennas “Lob des Golfstroms” zu lesen. Aber er ist überflüssig. Denn es gibt genug andere Gründe, dieses ebenso originelle wie aparte, ebenso witzige wie kenntnisreiche, ebenso unterhaltsame wie lehrreiche Buch des 1947 geborenen französischen Schriftstellers in der tadellosen Übersetzung Annette Lallemands zu lesen. Wegen eben aller dieser Qualitäten nämlich. Orsennas “Lob des Golfstroms” ist so etwas wie ein “persönliches Sachbuch”. Es geht von Kindheits- & Jugenderfahrungen des leidenschaftlichen Schwimmers und Seglers aus, der einerseits sich von Meeresströmungen treiben, anderseits gegen sie ansegeln musste. Der Umgang mit Strömungen, schreibt Orsenna, habe ihn “Verzicht, Hartnäckigkeit, aber auch so manche List gelehrt”, sei also charakterbildend gewesen. In seiner “erzkatholischen Familie wurde selbstverständlich in jedem Gebet Gott gedankt (für die Gesamtheit seiner Schöpfung), aber gleich danach auch dem Golfstrom“. So rief die Großmutter oder eine Tante, wenn die Kinder “aus dem eisigen Wasser der Bretagne ans Ufer rannten”, ihnen entgegen: “Du musst noch dem Golfstrom danken. Ohne ihn wäre unser Meer doch eiskalt”. Aber auch die Palme oder Agave im Garten verdankten dem warmen Wasser und den milden Winden des Golfstroms ihre europäische Existenz. “Im Grunde”, phantasiert der Romancier, “tröstete der Golfstrom uns über den Verlust unserer Kolonien hinweg”.

Von solchen persönlich-individuellen und populär-bekannten Erfahrungen imprägniert, begibt sich der Schriftsteller, der kein Wissenschaftler ist, als “Weltenbummler” auf eine große Reise in die Erdkunde, die Geographie, die Geschichte, die Ozeanografie - sei´s als Leser, sei´s als neugieriger, nachfragender Journalist in französischen und usamerikanischen Universitätsinstituten (wobei ihm seine Mitgliedschaft in der “Académie Francaise“ hilfreich gewesen sein dürfte); oder er reist als kundiger Tourist zu den norwegischen Lofoten oder der schottischen Hebrideninsel Jura, um die dort besonders gefährlichen Meer- & Mahlstrom-Engen selbst in Augenschein zu nehmen.

Ein kaleidoskopisches Abenteuerbuch

Das “Logbuch” solcher ausschwärmenden Erkundungen, in Zeit-& Raum ausgreifenden, shandyistisch vom Hundertste ins Tausendste abschweifenden Recherchen ist nun sein “Lob des Golfstroms” - das weit mehr umfasst, als der Titel verspricht: nämlich Erd-, Welt- & Klimakunde: wie sie entstanden sind, was sie uns über unseren Planeten und uns zu sagen haben und was wir, wenn wir so weiter machen, planetarisch zu erwarten haben - sofern dieser Winter unseres Missvergnügens, dem wir mit Erik Orsennas Buch die besten Seiten abgewinnen können, nicht schon genug über unsere Zukunft verrät.

Das besondere Raffinement, den ungemeinen Reiz und das außergewöhnliche Lesevergnügen dieses Sachbuchs liegt aber in seiner schriftstellerischen Form vor Augen: In dem Kaleidoskop von Anekdoten, Erzählungen, Zitaten (von Plato bis Jules Verne), Reflexionen, Spekulationen und Erlebnisberichten, mit dem der Erzähler den immensen Sachgehalt seines Buches uns in immer neuen, überraschenden, pointierten Konstellationen vor die erstaunten & entzückten Augen dreht.

Es wäre sinnlos, der Fülle von Einsichten, die der freundliche Enthusiast auf seinen Entdeckungsfahrten eröffnet, als Rezensent nur das kleine ABC des Wissens abzulesen, das man über den Golfstrom erfährt. Denn mit Erik Orsenna ist man auf der “Grand Tour” einer erdumlaufenden Strömungslehre zwischen Sonne, Mond & Meerestiefen unterwegs. Man bewegt sich an seiner Seite von der Antike und ihrem (phönizischen) Wissen bis zu einer Science-Fiction, wobei der Autor von gigantischen Gezeitenkraftwerke ebenso einleuchtend zu phantasieren versteht, wie über die Entstehung von Hoch- & Tiefdruckgebieten, den Launen des Klimas, den “Etagen” des Golfstroms oder von “nichtmaritime Strömungen” in Frankreich, China oder Australien zu erzählen.

Von “Lili Marleen” zum “Luftdrucktypus”

Erstaunlich ist, dass Orsenna, dem unser Planet sowohl im Wasser wie auf dem Land ununterbrochen in Bewegung begriffen erscheint, zwar viel & gerne entlegene Fundstücke präsentiert und literarisch-philosophische Zeugen zitiert (wie Platon, E.A. Poe, Jules Verne, T. S. Eliot oder George Orwell), jedoch die große o­ntologische Grundannahme Heraklits, dessen “pantha rei” (“Alles fließt”), nicht erwähnt.

Dafür aber ist er auf den “Roman des Golfstroms” von Hans Leip gestoßen, in dessen “Großer Fluss im Meer“ (1954) sich der Autor von “Lili Marleen“ dazu versteigt, aufgrund von kühnen Behauptungen eines “Deutschamerikaners”, der zwei physiognomisch bestimmbare “Strömungstypen” des weißen homo sapiens gefunden zu haben meint, “die politische und kulturelle Geschichte Europas daraufhin zu untersuchen”, wie dessen “Geistesgeographie” vom “warm-“ oder “vom kaltfrontempfindlichen Lufdrucktyp” geprägt worden sei.

Vielleicht hätte der deutsche Verlag dem französischen Schriftsteller aber hilfreich unter die Arme greifen dürfen, wenn Orsenna schreibt, dass er nicht weiß, ob Leip vielleicht nur ein Namensvetter des Lili-Marleen-Textes sei, in Wangen (“über dem Bodensee”) lebe, von wo aus man, “wenn man sich vorbeugt, den Rhein sehen müsse“. Kurz: vielleicht wäre es angebracht gewesen die höchst verzeihlichen Unkenntnisse Orsennas über den 1983 in der Schweiz gestorbenen, auch uns nicht mehr präsenten Schriftsteller Hans Leip in der deutschen Ausgabe zu korrigieren.

Wolfram Schütte


Érik Orsanna: Lob des Golfstroms. Aus dem Französischen von Annette Lallemand C. H. Beck-Verlag, München 2006, 239 Seiten, 4 Karten, 17.90 ¤

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