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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 28. Mai 2017 | 18:39

    J.M. Coetzee: Was ist ein Klassiker?

    25.10.2006

    Immer auf der Spur von Zensur

    J. M. Coetzees radikale Antworten auf die Frage: „Was ist ein Klassiker?“

    Bislang konnte man den Essayisten J. M. Coetzee nur als Autor der Überlegungen seiner Phantasiefigur „Esther Costello“ indirekt ausmachen. Nun hat der Nobelpreisträger von 2003 für sein deutsches Publikum eine Auswahl seines umfangreichen Essayismus unter dem Titel „Was ist ein Klassiker?“ veröffentlich. Von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    Der südafrikanische Literaturnobelpreisträger von 2003, J. M. Coetzee, ist ein „poeta doctus“ - und vermutlich einer der literarisch gebildetsten Autoren, die je den höchsten literarischen Preis der Weltliteratur erhielten Denn während der 1940 in Kapstadt geborene Schriftsteller sein erzählerisches Oeuvre geschrieben hat, lehrte der Linguist und Literaturwissenschaftler Coetzee von 1972 bis 2002 in seiner Heimatstadt; danach folgte er einem Ruf an die australische Universität von Adelaide, wo er heute lebt.

    Im Laufe seiner akademischen Karriere, aber auch als langjähriger Mitarbeiter des „New York Review of Books“, wo er gerade eben einen umfänglichen Essay über Hölderlins Lyrik publiziert hat, sind eine Vielzahl von Aufsätzen, Essays und Rezensionen entstanden, die in vier Sammlungen vorliegen.

    Daraus hat Coetzee jetzt, „im Hinblick auf ein deutsches Publikum“, einen umfänglichen Band mit Arbeiten zusammengestellt, die zwischen 1981 und 2001 entstanden sind und erkennbar Kontinuitäten und Intentionen seines literarischen, ethischen und politischen Selbstverständnisses pointieren Offensichtlich liegt ihm daran, jener Kultur seine geistige Physiognomie zu präsentieren, deren Sprache & Grammatik er von früh auf kennt und deren Literatur er besonders schätzt - wie seine einlässlichen Rezensionen der Übersetzungen von Robert Walsers Romanen, Walter Benjamins Passagen-Werk und Robert Musils Tagebüchern ausweisen. Die offenkundige Unkenntnis der Coetzee-Übersetzerin Reinhild Böhnke von Benjamins Werken hat jedoch leider an einigen Stellen seinen Benjamin-Aufsatz korrumpiert

    Dieses Selbstbildnis des Nobelpreisträgers im Spiegel seiner intellektuellen Interessen wird geprägt von der existenziellen Situation des soziokulturellen Außenseiters abseits der geistigen Zentren Europas, der im Apartheitsstaat Südafrika keine sichere Identität ausbilden konnte. Als Weißer & Nachkomme europäischer „Siedler“ unwillentlich Nutznießer des politischen Unterdrückungs-Systems und als Schriftsteller und Intellektueller in Opposition zur herrschenden Ideologie, wurde der Autor, dessen innerste literarische und ethische Intention die skrupulöse Suche nach der Wahrheit und Wahrhaftigkeit von Sprache, Literatur & Leben ist, permanent mit der Erfahrung von Zensur und Selbstzensur konfrontiert.

    Coetzees vielfache, persönlich prekäre geistige & moralische Lage imprägniert alle seine literarischen und die hier gesammelten essayistischen Arbeiten, die nach verschwiegenen, unterdrückten oder unbewussten „Subtexten“ in literarischen Äußerungen suchen: ob bei Erasmus, Rousseau, Tolstoi, Dostojewski, Mandelstam und Zbigniew Herbert.

    Klassisch ist, was alle Kritik überlebt

    Oder bei T.S. Eliot. Wenn der anglophilie, katholische amerikanische Lyriker, Dramatiker und Essayist 1944 in London auf die selbstgestellte Frage „Was ist ein Klassiker?“ die gesamte westeuropäische Zivilisation auf Vergils „Äneis“ als deren klassischen Gründungstext einschwört, sieht Coetzee darin den Versuch, „sich selbst eine neue Identität zu schaffen“, in deren römisch-katholisch-„abendländischem“ Kosmopolitismus er sich als deren Herold & Vergil-Nachfolger einbettet.

    Für den aus einer noch weiter entfernten Peripherie stammenden Südafrikaner Coetzee war Johann Sebastian Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ sein „Erweckungserlebnis“. Was er zufällig als Fünfzehnjähriger aus einer Nachbarwohnung zum erstenmal hörte & ihn wie eine Epiphanie faszinierte, regt ihn jedoch heute an, am Beispiel von Bachs wechselvoller Rezeptionsgeschichte, das „Klassische“ nicht als eine überzeitlich feste Größe zu definieren oder als einen unvergänglichen Kanon anzusehen, den er sich, wie T. S. Eliot aus ideologischen oder eigensinnig-selbstbezüglichen Gründen anschloss, sondern als das, „was die schlimmste Barbarei deshalb übersteht, weil Generationen von Menschen es sich einfach nicht leisten können, es aufzugeben, und daher um jeden Preis an ihm festhalten“. Das „Klassische“, lautet Coetzees Paradox, „definiert sich dadurch, dass es überlebt... Denn solange das Klassische vor Angriffen geschützt werden muss, kann es sich nicht als klassisch beweisen“. Es verlangt gewissermaßen permanent nach dem Säurebad schärfster Kritik, aus der es, wenn es „klassisch“ ist, unbeschadet hervorgeht.

    Saftiger Gewinn fürs Häuten von Zwiebeln

    Coetzee spürt nicht nur den verschwiegenen „Subtext“ in T. S. Eliots programmatischer Rede über die Klassiker auf; er sucht auch im Werk „klassischer“ Autoren der Weltliteratur nach literarischen Verwandtschaften und ihm geistig nahen Erfahrungen, die er mithilfe Michel Foucaults, Jacques Derridas, Paul de Mans und René Girards en détail und scharsinnig analysiert Diese Eideshelfer machen manche seiner Essays nicht gerade leichtgewichtig; und im Falle seiner enigmatischen Untersuchung zu „Zeit, Tempus und Aktionsart in Kafkas >Der Bau<“ für Nicht-Linguisten sogar unleserlich.

    Jedoch Erhellenderes über die Selbsttäuschungen der Bekenntnisliteratur wird man kaum finden, als Coetzees Dekonstruktionen einschlägiger „Beichten“ Rousseaus, Tolstois und Dostojewskis. Es kommt zu einschneidenden Erkenntnissen, die auch „Beim Häuten der (Grassschen) Zwiebel“ saftigen Gewinn brächten. Denn das „Unternehmen Bekenntnis wirft komplizierte und offenbar unlösbare Probleme hinsichtlich der Wahrhaftigkeit auf“ und oft ist das Ziel einer Beichte & eines intimen Bekenntnisses nicht die Wahrheit, sondern der Wunsch, „so und nicht anders zu sein“. Nur die am weitesten getriebene Selbstkritik kommt in die Nähe einer möglichen Wahrheit.

    Ebenso labyrinthisch sind Coetzees scharfsichtige und tiefschürfende Recherchen zur imprägnierenden und kontaminierenden Rolle der Zensur im Werk Ossip Mandelstams und Zbigniew Herberts. Während er Mandelstams ebenso anstößige wie kunstvolle „Stalin-Ode“, die dessen Witwe für ein Ausfluss von Wahnsinn hält, als „Entfremdung Mandelstams von sich selbst durch die Anziehungskraft Stalins“ zu erklären versucht und dem im GULAG umgebrachten Dichter nachruft, er habe „den Körper einer Ode erschaffen, ohne wirklich darin zu wohnen“, sieht er in manchen Gedichten des großen polnischen Lyrikers den Zensor als Mitautor allgegenwärtig. Wo nämlich Herbert anspielungs- & zitatreich bei klassischen Momenten, Werken, Personen der Kulturgeschichte Zuflucht sucht (Marc Aurel, Apollo, „die Barbaren“), um den Zensor zu überlisten, provoziert der Dichter sowohl beim Zensor wie beim Leser ein permanentes Rätselraten über die verborgene Aussage seiner Ironien oder seiner vermeintlichen oder simulierten Allegorien. Ein authentisches Gedicht, dessen Sinn & Schönheit in der naiven Lektüre sich erschließt, wird im zensoralen Klima der „Überinterpretation“ nahezu unmöglich

    Ehrenrettung der Hottentotten

    Die zwei sehr stark autobiographischen Essays „Erinnerungen an Texas“ (1984) und „Müßiggang in Südafrika“ (1982) sind wohl aus unterschiedlichen Gründen aufgenommen worden. Der junge Student Coetzee blickt da auf seine offensichtlich befremdliche Zeit an einer texanischen Universität zurück, wo zu seiner Zeit auch ein Amok laufender „Kommilitone ziemlich viele erschoss“ und er sich unter seinem Tisch in Deckung brachte.

    Wichtiger aber scheint ihm der Hinweis, dass er sein „langweiliges“ Anglistik-Studium zuvor in Oxford unterbrochen und sich „dankbar in die Arme der Mathematik begeben hatte“ und nach „vier Jahren in der Computerbranche, während deren ich sogar in Schlaf von spitzfindigen Logikproblemen heimgesucht worden war“, es nun noch einmal mit der Linguistik in Texas versuchte. Dabei mühte er sich nicht nur mit „altenglischen Texten und meiner deutschen Grammatik ab“, sondern schweifte tief in die Sprachen & Strukturen der Eingeboren des Südlichen Afrika ab, aus der Jahre später seine erster Roman über die Geschichte der Hottentotten wurde.

    Von dort schlägt sein Essay über „Müßiggang in Südafrika“ den Bogen zu den kopfschüttelnden, diskriminierenden und aggressiv-abfälligen Bemerkungen der Europäer über die ihnen unverständliche Lebensweise der afrikanischen Schwarzen, die kein Arbeitsethos, keine Vorratshaltung, keine Reichtumsakkumulation kannten. Was unter „Müßiggang, Trägheit, Faulheit, Phlegma, Lethargie“ seit Mitte des 17. Jahrhunderts von den Afrika-Reisenden als Laster & Zeichen der Unzivilisiertheit an den Hottentotten verachtet wurde, schreibt der Kulturanthropologe Coetzee, hat nicht einer der weißen Fremden darauf hin befragt, ob „das Leben der Hottentotten nicht eine Version des Lebens vor dem Sündenfall sein könnte“, wie das der Mönch Las Casas für die Indianer Amerikas in Erwägung gezogen hatte

    Zugleich aber wurde der inkriminierte „Müßiggang“, der in Südafrika weder ein Randthema noch eine Kuriosität sei, als eine bedrohliche & süße Versuchung für die weißen Herren angesehen, sich in der Fremde endlich einmal gehen zu lassen, der offenbar die Buren vielfach nachgegeben hatten. Die zentralen Apartheitsgesetze von 1948, die Sex & Ehe zwischen den Rassen verboten, hatten Ziel & Zweck, „den weißen Männern die Freiheit zu nehmen, aus den Reihen der arbeitenden Klasse auszusteigen, sich mit farbigen Frauen einzulassen, sich ein mehr oder weniger faules, träges, unbekümmertes Leben anzugewöhnen“, was schließlich „der Untergang der weißen christlichen Zivilisation an der Spitze Afrikas“ bedeuten würde.

    „Beleidigtsein“ gilt nicht!

    Mit dem großen Essay „Anstoß nehmen“, der bereits 1996 entstand (im Schatten der Morddrohung gegen Rushdie), trifft der südafrikanische Schriftsteller unmittelbar ins Dunkel unseres historischen Augenblicks. Diese weitgefächerte Erkundung der vielerlei Zensurwünsche geht dem virulenten Phänomen des jüngst nobilitierten „Beleidigtseins“ auf den Grund, aus dem sich private wie öffentliche Zensur herleitet Coetzee steht da ganz auf Seiten des radikalliberalen John Stuart Mills und hält „Beleidigtsein“ für einen „moralisch fragwürdigen Geisteszustand, den man hinterfragen, unterdrücken oder zurückweisen sollte, statt sich ihm hinzugeben“. Die Götter des Olymps seien schnell beleidigt gewesen, aber „bei Sokrates kann ich mir das nicht vorstellen“, schreibt der Literaturnobelpreisträger.

    Der griechische Philosoph skeptischer Selbsterkenntnis und der Humanist Erasmus von Rotterdam, der sich mit seinem „Lob der Torheit“ den Dogmen des Katholizismus und des Protestantismus entzog (und dessen riskanter geistiger Haltung & deren literarischer Form, sich „als Kritiker beider Seiten zu positionieren“, er einen bewundernden Essay widmet) -: diese beiden Ironiker und Anti-Eiferer sind die Hausgötter J. M. Coetzees, der vom gelungenen literarischen Text verlangt, sich einer eindeutigen Interpretation zu widersetzen.

    Eben das ist auch die Unruhe stiftende Qualität seiner eigensinnigen Essay-Romane (wie z.B. der zuletzt erschienene „Elisabeth Costello“), für die ihm 2003 der Literaturnobelpreis zugesprochen wurde. In der Begründung des Nobelpreiskomitees hieß es u.a., Coetzee sei: “vor allem an Situationen interessiert, in denen die Unterscheidung von richtig und falsch sich als unbrauchbar erweist, obwohl sie kristallklar ist“. Treffender & triftiger ist bisher das Gesamtwerk dieses zarten, aber unbeugsamen und selbstkritischen Schriftstellers nicht charakterisiert worden.

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