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    TITEL kulturmagazin
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    Creative-Writing: Teil X

    31.08.2006

    10. Von der Spannung der Spannung

    Spannend wird es, wenn ein Autor oder eine Autorin versucht einen „spannenden Text“ zu schreiben. Oftmals scheitern die Versuche, literarische Spannung zu erzeugen, an dem Produkt des Geschriebenen: Da wird nicht nur getextet, was das Zeug hält; sondern Spannung soll erzeugt werden, indem Begriffe und Metaphern, über die sich Spannung definiert, als dramaturgisches Instrumentarium benutzt werden. Hier nun drei Textbeispiele, bei denen versucht wurde, spannend zu sein:

     

    „Es wurde mir unheimlich!“
    „Ich hatte plötzlich so ein beklemmendes Gefühl, als ob jemand hinter mir stehen würde ...“
    „Die Situation wurde plötzlich so spannend, dass ich es vor Spannung kaum noch aushalten konnte.“

    In diesen drei Textfragmenten ist es den Autoren mit einer beachtlichen Treffsicherheit gelungen „Langeweile“ zu erzeugen. Das Ziel Spannung ist verfehlt. Der Rezipient (Leser) weiß, wenn es dem Protagonisten (Hauptfigur) „unheimlich“ wird, dass die Regieanweisung des Autors heißt: „Spannung erzeugen“. Spannung soll auch der unerwartete Augenblick im zweiten Beispiel suggerieren, wenn „jemand“ hinter dem Protagonisten steht. Ganz dick trägt der Autor des dritten Zitats auf: Er findet „die Situation so spannend, dass ich es vor Spannung nicht mehr aushalten kann.“

    Autoren, die der Auffassung sind auf diese Weise Spannung zu erzeugen, schrecken den Rezipienten vom Weiterlesen ab. Wir können davon ausgehen, dass diese Art der Spannung, nicht weiterzulesen, unbeabsichtigt war. Der Leser hat aber in diesem Falle keinen Anspruch auf eine Spannungsgarantie.

    Die Auffassung, mit Spannung besetzte Attribute als Instrumentarium der Spannung zu übertragen, scheitert daran, dass der Versuch einer Gebrauchsanweisung für szenische Situationen die Möglichkeit nimmt, Spannung individuell zu empfinden. Dennoch kann ein langweiliger Text dann spannend werden, wenn der Leser das Buch wütend auf den Boden knallt und sagt: „Das kann ich aber besser!“Was ist denn nun Spannung, wenn Worte, die Spannendes ausdrücken, eine gegenteilige Wirkung haben, Langeweile erzeugen und am Ende den Leser in eine unbeabsichtigte Wut führen?

    Der Krimiautor Oliver Buslau vertritt die Auffassung, dass das Publikum eine Information braucht, um „am Ball zu bleiben“. Diese Information bekommt der Leser allerdings nur, wenn er auch tatsächlich weiterliest. Eine fehlende Information, nennen wir sie an dieser Stelle „missing link“, macht neugierig zu erfahren welche Information denn nun gerade vorenthalten wird.
    Betrachten wir uns wiederum drei Beispiele von zeitgenössischen Autoren, die versucht haben, dem Phänomen Spannung in ihren Romanen Ausdruck zu verleihen:

    Kathrin Lange beispielsweise benutzt in ihrem Erstlingsroman „Jägerin der Zeit“ in der Eingangszene ein Schriftstück, mit dem sie den Rezipienten neugierig macht:
    Da zog sie ein Schriftstück aus den Tiefen ihres Gewandes, sorgfältig aufgerollt und mit einer geflochtenen Kordel verschnürt, jedoch ohne Siegel und Kenzeichnung.
    Kathrin Lange „Jägerin der Zeit“ Kindler Verlag 2005

    Schon begegnen wir bereits auf der ersten Seite (Seite 11) dieses historischen Romans dem „missing link“, das ich bereits erwähnt habe. Zunächst erfahren wir nichts über den Inhalt dieses seltsamen Schriftstückes, wir wissen auch nicht genau, wem diese geheimnisvolle Nachricht übermittelt werden soll. Die Autorin lässt die Empfängerin im Unbekanten, indem sie die Protagonistin sagt:

    „Bringt dies zu jener Frau, die ich Euch genannt habe.“

    Jetzt wird es aber wirklich spannend. Was steht in diesem Schriftstück, dass die Protagonistin “aus den Tiefen ihres Gewandes“ zieht und vor allem: Welche unbekannte Frau soll es bekommen? Bereits in dieser frühen Phase der Handlung gelingt es der Autorin gleich zwei „dramaturgische Baustellen“ zu eröffnen, die so neugierig machen, dass man wissen will:
    1.     Was steht in diesem Schriftstück?
    2.     Wer ist die Empfängerin?
    Mit diesen beiden unbeantworteten Fragen, die sozusagen die Software der Spannung ausmachen, holt die Autorin die Leser in ihren Roman und weckt eine Neugierde, die dazu animiert weiterzulesen.

    Oliver Buslau konstruiert in seinem Rheintal Krimi „Schängels Schatten“ die Spannung auf einem anderen Weg. Er benutzt eine Provokation:
    Mike hatte zu Hause ein weißes Betttuch geklaut und wollte es mit roter Sprühfarbe dekorieren. Die klackernde Dose in der Hand, hatte er dann aber doch gezögert. Und aus einer plötzlichen Laune heraus hatte er schließlich statt des geplanten Peace-Symbols einen gewaltigen Phallus aufgemalt.
    Oliver Buslau „Schängels Schatten“ EMONS 2003

    Bei Oliver Buslau begegnen wir erst auf Seite zwei (im Buch ebenfalls die Seite 11) seinem spannungstragenden oder besser noch spannungserregenden Element. Er erzeugt Spannung mit einer Provokation. Sofort taucht die Frage auf. „Wieso malt er einen Penis, anstatt eines Peace-Symbols?“ Indem er ein Tabu bricht, ruft er unterschiedliche Reaktionen bei den Lesern hervor, die dazu führen, weiterzulesen.

    In den Bespielen von Kathrin Lange und Oliver Buslau gibt es eine dramaturgische Gemeinsamkeit: Der Leser weiß nicht, was die Protagonisten im Buch bereits wissen. Bewusst werden Informationen zurückgehalten, um Spannung zu erzeugen. Wobei, um das noch zu kennzeichnen, die Wahl der Mittel unterschiedlich ist:
    Kathrin Lange arbeitet mit dem „missing link“, indem sie eine Nachricht in den Mittelpunkt der Szene stellt, deren Adressatin anonym ist.
    Oliver Buslau hält ebenfalls eine Information vor. Sein „missing link“ provoziert die Frage: „Wieso verhält sich der Protagonist anders, als vorgesehen?

    Fassen wir Zusammen: Es ist also möglich mit einer offenen Fragestellung Spannung zu erzeugen, weil dem Leser Informationen vorenthalten werden, deren Inhalt er gerne kennen lernen würde. Es ist auch möglich durch eine Provokation Spannung zu erzeugen.

    Rüdiger Heins

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    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


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