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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. Juli 2017 | 18:56

     

    Günter Grass und die Waffen-SS

    14.08.2006

    Nur noch ein deutscher Jedermann?

    Von Wolfram Schütte

     

    Der bald achtzigjährige Literaturnobelpreisträger war als Siebzehnjähriger für einige Monate bei der Waffen-SS und hatte es seither penibel verschwiegen, jetzt aber, “Beim Häuten der Zwiebel” seiner autobiographischen Erinnerungen, an den Tag gebracht. Wie immer man zu Günter Grass, seiner Person und seinem Werk steht: man wird jetzt erst einmal tief Luft holen müssen, um dem Schock dieses späten Geständnisses stand halten zu können. Ob der siebzehnjährige Soldat auch nur einen Schuss abgegeben hat oder nur schwer verletzt wurde, ist unerheblich; ebenso, ob er willentlich oder zufällig zum letzten Aufgebot des Regimes gekommen ist; erheblich dagegen ist nur, dass er nicht als SS-Wachmann in einem KZ war. Als “fanatischer” Jüngling dem kämpfenden Kader angehört zu haben, der Inbegriff des “SS-Staates“ (Kogon) war, ist prekär genug, um einen nachträglich erschrecken zu lassen.

    Neben dem biografischen Faktum steht das symbolische Ereignis: das Geständnis, mit dem eine persönliche wie öffentliche Lebenslüge zugleich offenbart und beendet wurde - aber nicht von einem Herrn Jedermann, sondern von dem weltbekannten Schriftsteller, der uns viel erzählt hat (aber dies nicht) und dem politischen Moralisten, der mehr noch als Heinrich Böll, sich als antifaschistischer Kritiker aller restaurativen Tendenzen der Bundesrepublik zum “Gewissen der Nation” entwickelt hatte.

    Mit einemmal ist Günter Grass denn doch ein deutscher “Jedermann” seiner Generation, von denen viele “eine Leiche im Keller” hatten - wirklich oder metaphorisch gesprochen -, über die sie Schweigen bewahrten, wo nicht sogar Lügen verbreiteten und viele, muss man annehmen, bis über ihren Tod hinaus.

    Grass, seit er Schriftsteller & berühmt geworden war, hat jedoch nie einen Hehl daraus gemacht, dass er als Junge ein fanatischer Nazi war. Gerade diese spätere Einsicht in die eigene Fanatisierbarkeit durch die “Unbedingtheit” eines politischen oder religiösen “Glaubens” war aber das starke Fundament seines stetigen politischen Engagements als Demokrat und links-liberaler Skeptiker und politischer Moralist. Als “gebranntes Kind” war er immer warnend, widersprechend, argumentativ zur Stelle, wenn er vermutete, “es werde mit dem Feuer gespielt” - sei´s mit der “Diktatur des Proletariats”, der Stadtguerilla und dem Hass auf den Parlamentarismus der bürgerlichen Demokratie, oder sei´s beim Ausverkauf der “Treuhand” und der “Diktatur des Marktes”.

    Soll man nun, von heute & jetzt aus gesehen, darin einen dreiviertel Leben langen “Bußgang” und eine persönliche “Wiedergutmachung” oder “Entschuldung” vor dem eigenen Gewissen sehen, deren unbeirrbare politische Konsequenz und moralische Stetigkeit insgeheim gespeist und befeuert wurden von dem verheimlichten Faktum, als siebzehnjähriger Kriegsfreiwilliger in der Waffen-SS gewesen zu sein?

    Man kann & man darf
    - erst recht, wenn man als Älterer auf das erinnerte Panorama eigener Handlungsweisen zurückblickt & sie zu analysieren versucht. Dann wird man gewiss auch im eigenen gelebten Leben die Spuren, sei´s früher Verletzungen oder Verfehlungen, sei´s auch früherer Wünsche & Utopien entdecken, die einen zu dieser oder jener späteren Verhaltensweise bewegt hatten, ohne dass man doch damals geahnt oder gar gewusst hätte, wovon sie (womöglich?) unbewusst & insgeheim (auch?) motiviert oder infiziert waren.

    Die existenzialistische Ansicht, für alles und jedes in seinem Leben “verantwortlich” zu sein, weil wir “zur Freiheit verdammt sind“, ist ebenso richtig wie die Erfahrung der Selbstentfremdung, die einen unverständig, ja konsterniert den Kopf schütteln lässt über Denken & Fühlen, Ansichten & Handlungsweisen in früheren Phasen unseres gelebten Lebens, die sie uns, wie durch einen dunklen Abgrund in der Hochebene des Lebensrückblicks, von unserem heutigen Standpunkt aus als absolut getrennt erscheinen lassen. Dieses Ich war ein Anderer - das kann sagen, wer radikal sich geändert hat.

    Allerdings wird man dergleichen Verwerfungserfahrungen nur machen können, wenn man fähig & mutig genug wird, “schonungslos” gegen sich selbst, den Verhau der Verdrängungen und Entschuldigungen zu lichten. Und nicht nur diese uns allen anthropologisch eigene Entlastungs-Strategien, sondern viel mehr noch auch, aus der meist erst nachträglich erkannten Schuld, der die Scham über sich und seine Verfehlung den Mund verschloss, die Konsequenz zum Bekenntnis zu ziehen. Denn eine Scham, die zu feige ist, die selbst gewonnene Erkenntnis eigener Schuld öffentlich einzubekennen, versperrt den Weg aus dem persönlichen moralischen Dilemma. Sie ist nicht produktiv, sie hat den Knoten nicht gelöst, und das Schweigen, das sie versiegelt, hat den bitteren Beigeschmack der Unaufrichtigkeit, zumindest unter Freunden, wenn nicht der fortgesetzter Lüge. Der sympathetische Grass-Biograph Michael Jürgs sieht sich, zurecht, nun “persönlich enttäuscht”. Gewiss doch, das sind wir alle.

    “Ein bisschen spät kommt das” hat der Schriftsteller-Kollege Walter Kempowski jetzt zu Grass´ Bekenntnis bemerkt. Kempowski ist bestimmt keiner von Grass´ Freunden oder Sympathisanten. Aber er hat, als Protestant, hinzugesetzt: “Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein”. So richtig das ist, so sind auch schon die ersten Steinewerfer unterwegs, denen der rigide politische Moralismus von Grass schon immer ein Dorn im Auge war. Sie haben nun ihre Stunde der Revanche. Die Blöße seines langen Verschweigens, die Grass ihnen bietet, ist ein Fest für alle Schadenfreudigen.

    Allerdings
    hat der Verschweiger Grass eine “Sünde” nicht begangen, die nicht nur in seiner Generation, sondern auch in anderen deutschen Generationen, die “Leichen in ihrem Keller” haben (von IM- bis Doping-Tätigkeiten), soweit ich sehe: ohne Ausnahme grassiert: Günter Grass ist nicht “von Außen“, von journalistischen Rechercheuren oder Behörden, auf seine peinliche “Jugendsünde” gestoßen worden; und er hat sich nicht mit Vergesslichkeit zu entschuldigen oder gar mit fortgesetztem Leugnen zu salvieren versucht. Er hat sich selbst, aus “eigenem Zwang”, offenbart - in einem Alter, indem man vielleicht erste Wahrheiten als letzte äußert, weil man möglicherweise nicht mehr viel Zeit hat, mit sich selbst ins Reine zu kommen. Wenn das lange Verschweigen seiner hochnotpeinlichen symbolischen Verquickung mit dem schwärzesten Signum des Nazismus gegen ihn spricht, so spricht doch am Ende auch für ihn: es spät, jedoch nicht zu spät, selbst ausgesprochen zu haben. Das schließlich unterscheidet ihn auch vom deutschen Jedermann.

    Wolfram Schütte

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