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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. Juli 2017 | 18:51

     

    Mario Vargas Llosa: Victor Hugo und die Versuchung des Unmöglichen

    03.08.2006

    Besichtigung einer "Antiquität"

    Victor Hugos monumentaler Roman “Die Elenden”, der zu seiner Zeit als Aufruf zur sozialen Revolution verstanden wurde, wird von dem peruanischen Großschriftsteller Mario Vargas Llosa als bewundernswerte literarische “Antiquität” und als eine religiöse Utopie gelesen.

     

    Eine wohl gut dotierte Vorlesungsreihe in Oxford im Jahre 2004 erlaubte es dem mittlerweile hauptsächlich in England lebenden peruanischen Schriftsteller Mario Vargas Llosa, sich für zwei Jahre “mit Leib und Seele” dem Werk und der Epoche Victor Hugos zu widmen. Daraus ist sein im gleichen Jahr auf Spanisch erschienener Essay hervorgegangen, den sein deutscher Verlag nun, kurz vor Vargas Llosas jüngsten Roman “ Das böse Mädchen”, unter dem Titel “Victor Hugo oder die Versuchung des Unmöglichen” in der Übersetzung von Angelica Ammar publiziert hat.

    Als Motto seiner achtteiligen Arbeit, die sich (fast) ausschließlich mit Hugos monumentalem Roman “Die Elenden” beschäftigt, hat der Peruaner ein Zitat von dessen langjährigem Freund Alphonse de Lamartine gewählt, der “Die Elenden” in seinen “Überlegungen zu einem Meisterwerk oder Die Gefahr des Genies” wie kein zweiter von Hugos Zeitgenossen öffentlich verrissen hat: “Die fürchterlichste und schrecklichste Leidenschaft, die man den Massen einflößen kann, ist die Leidenschaft für das Unmögliche”.

    Man darf getrost annehmen, dass Mario Vargas Llosa, der im Titel seines Hugo-Essays diese Formulierung paraphrasiert, mit Lamartines Verdikt gegen den politischen Utopismus Hugos grundsätzlich sympathisiert. Schließlich ist Vargas Llosas Roman “Maytas Geschichte” (1984) eine Abrechnung mit den verheerenden Auswirkungen der maoistische Guerrilla des “Leuchtenden Pfads” in Peru.

    Wie der konservative französische Dichter (& Politiker) Lamartine, der in den “Elenden” eine politische Utopie, vergleichbar Platons “Staat” oder Rousseaus “Gesellschaftsvertrag” erblickte, die der Dichter (& republikanische Politiker) Victor Hugo mit rhetorischer Verve gegen die bürgerliche Gesellschaft gleich einer Geschützbatterie in Anschlag gebracht hatte, ist auch der Dichter (& Politiker) Vargas Llosa, der sich 1990 vergeblich um das Präsidentenamt in seiner heimatlichen Andenrepublik beworben hatte, ein vehementer Feind politischer (Sozial-)Utopien - seit er sich von seinen linksradikalen Anfängen ab- und einer liberal-konservativen Option innerhalb eines demokratisch-parlamentarischen Systems und dem globalisierenden Wirtschaftsliberalismus zugewandt hat.

    Verteidigung der “unmöglichen” Poesie

    Aber man würde sich ganz gehörig täuschen, wenn man in seinem Victor-Hugo-Essay eine politische Generalabrechnung mit dem “verderblichen” Einfluss der Politik auf die Literatur und der politisierenden Literatur auf die Gesellschaft erwarten würde. Ganz im Gegenteil. Dort, wo er Lamartine ausführlich zu Wort kommen lässt, bekennt Vargas Llosa, dass er vielen von dessen “ungerechten und überspitzten” Urteilen über “Die Elenden” nicht zustimmen kann und schon gar nicht dessen entscheidenden Vorwurf, Hugos Roman wolle “den Massen die Leidenschaft für das Unmögliche” einflößen.

    “Tatsächlich aber lässt jedes literarische Werk”, schreibt Vargas Llosa, “den Leser ‚das Unmögliche’ leben, indem es ihn seines gewöhnlichen Ichs enthebt, die Schranken seines Daseins durchbricht und sein Leben durch die Identifikation mit den Figuren der Fiktion vielseitiger und intensiver macht oder auch verworfener und grausamer oder einfach nur anders, als es das Hochsicherheitsgefängnis des realen Lebens zulassen würde. Deshalb und dafür existiert Literatur”.

    Zusammen mit dem einst von ihm bewunderten Kolumbianer Gabriel García Márquez (dessen “Hundert Jahre Einsamkeit” er eine umfangreiche Studie gewidmet hatte, die nach dem politischen Zerwürfnis der beiden tabu & ungedruckt ist) gehört der Peruaner zu den letzten Großen des lateinamerikanischen Booms und ist trotz seiner politischen Wende immer noch ebenso entschieden Literat und Künstler geblieben, als dass er jeden “pfäffischen”, politisch-reglementierenden Umgang mit der Literatur (den er ja an Castros Verfolgung von nichtkonformen Schriftstellern verabscheut) entschieden zurückweist. Da kann man sich auf ihn verlassen!
    Verlassen auch darauf, dass der Autor von “Tante Julia und der Kunstschreiber” für manche triviale Volte Hugos im Gegensatz zu europäischen Kritikern durchaus eine Ader hat. Vor allem aber weiß man, dass in dem vielseitigen Romancier auch eine brillanter, kundiger, philologisch sattelfester literarischer Essayist steckt, der seine Meisterschaft in diesem Genre bereits 1975 mit seiner großen Studie über Gustav Flaubert und dessen “Madame Bovary” bewiesen hat.

    Flaubert lässt Hugo alt aussehen

    In dieser 1996 wieder bei Suhrkamp aufgelegten “Ewigen Orgie” untersucht er en détail und fast minutiös, wie der französische Romancier den Modernen Roman mit dem “unsichtbaren, neutralen Erzähler” geschaffen hat, womit Flaubert erstmals nicht nur seine fiktiven Personen in die Freiheit der Existenz entlassen, sondern auch damit den Lesern die Freiheit vermittelt habe, ohne Geleit oder Lenkung durch den allmächtigen Autor oder Erzähler sich ihren jeweils eigenen, individuellen Reim auf die von ihm erfundene Welt, ihre Personen & deren Entscheidungen zu machen. Flauberts Befreiung der Literatur & der Lektüre führt Vargas Llosa auf dessen Atheismus zurück. Er hat die Kunst zu seiner “Religion” gemacht, während Victor Hugo sich noch als “Stenograph Gottes” empfindet, Geschichts- & Universalmetaphysiker ist.

    Sechs Jahre nach “Madame Bovary” beendete Victor Hugo seine über tausendseitigen, verschlungeneren, stilistisch uneinheitlichen & vor weitläufigen Abschweifungen, persönlichen Ansprachen und Beschwörungen strotzenden “Elenden” - ein 1845/48 und 1860/62 im Exil auf der englischen Kanalinsel Guernsey gründlich überarbeitetes literarisch-politisches Monument der französischen Romantik, den Vargas Llosa sowohl als “einen der bedeutendsten Romane der Literaturgeschichte”, wie auch als den Gipfelpunkt des “unreflektierten Erzählens” bezeichnet. In dem achtzehn Jahre (1815/33) umfassenden Erzählwerk, das Hugo selbst als “eine Art Essay über das Unendliche” bezeichnete, sieht Vargas Llosa den ultimativen Schlussstein des “antiquierten” Romans, in dem der Erzähler “hemmungslos autoritär seine Gesetze diktierte, nach denen sich der Leser richten musste“. Dessen Ästhetik, erzählerische Strategien, Tricks, Widersprüche und Triumphe stehen im Mittelpunkt von “Victor Hugo und die Versuchung des Unmöglichen”.

    Monströses Welttheater mit homerischen Helden

    Ausdrücklich & mehrfach bekennt sich der heutigen politische Skeptiker Vargas Llosa zu den Bewunderern Hugos und seiner sozialpolitisch aufrührerischen “Elenden”, z.B. indem er gleich zu Beginn seines Essays sich erinnert, wie er 1950 als militärischer Kadett in Lima mithilfe der beglückenden, mitreißenden Lektüre der “Elenden” die Kraft fand, “das wirkliche Leben zu ertragen”, oder um mit Flaubert zu sprechen: “Die einzige Art, das Dasein zu ertragen, besteht darin, sich an der Literatur wie in einer ewigen Orgie zu berauschen“.

    Erstaunlich ist jedoch, dass der vielerfahrene und literarisch erfindungsreiche Vargas Llosa die Flaubertsche “Impassibilité“ für einen “objektiven“, eigentlich nicht hintergehbaren “Fortschritt” in der Geschichte des Romans hält, wohingegen z.B. sein Kollege Milan Kundera, der sich wie kein zweiter Schriftsteller mit dem Roman & seiner Ästhetik & Geschichte befasst hat, eine viel größere Vielfalt von Romanästhetiken in der Moderne erblickt, zu der auch der experimentelle Spielcharakter des “auktorialen Romans” gehört, dessen zweifellos monströseste Ausformung in den “Elenden” vorliegt.

    Monströs deshalb, weil Hugo, der wortmächtige Rhetor, lyrisch-dramatische Metaphern-Laicher mit der Gabe einer expressiven szenischen Phantasie, in seinem theatralischen “Welttheater” mit “homerischen Helden” und den allegorischen Verkörperungen des “Heiligen“, des “Gerechten“, des “Bösewichts” und des “Fanatikers” nicht ein realistisches Abbild seiner Zeit (wie Balzac in seiner vielbändigen “Menschlichen Komödie”) liefern wollte, sondern so etwas wie sein “Neues Testament”, ein enzyklopädisches Handbuch der menschlichen Erlösung durch Fortschritt und Aufklärung, kurz: sein metaphysisches Manifest zum Verständnis von Zeit & Ewigkeit, von Geschichte, Gegenwart und Zukunft, von Gott und der Welt. Mehr als “bloß” Literatur sollten “Die Elenden” also sein: totalisierende Weltbeschreibung & -erklärung.

    Mit dieser weltumspannenden Anspruch steht der Künstler Victor Hugo nicht allein in seiner Zeit, man denke nur an den brillanten französischen Historiker und Schriftsteller Jules Michelet, an den Richard Wagner des “Ring des Nibelungen” oder an Herman Melville und seinen “Moby Dick”: alles künstlerische Giganten wie der englischen Epiker Charles Dickens, den Hugos Kritiker gegen ihn ins Feld führten, oder an Leo Tolstoi, der zu seinem “Krieg und Frieden“ von Hugos “Elenden“ animiert worden sein soll.

    Mario Vargas Llosa, der mit den wichtigsten Sekundärtexten zu Hugo und seinen “Elenden” auf vertrautem Fuß verkehrt - allein schon diese Recherche des Romanciers nötigt einem Bewunderung ab -, richtet jedoch sein Interesse nicht auf solche zeitgenössischen Parallelunternehmen, sondern mehr auf eine detaillierte Analyse des Romans, den der “göttliche Stenograph“ Victor Hugo seiner staunenden, hingerissenen und zeternden Mitwelt vorgelegt hat.

    Der Zufall als erzählerische Struktur

    In dieser “herrlichen Fiktion” (Vargas Llosa) über die “vorgezeichnete Bestimmung” der Menschheit zum “Fortschritt” ist nicht die empirische Wahrscheinlichkeit des realistischen Romans à la Flaubert, sondern der Zufall das strukturierende Moment, das die Vielzahl der Personen, ihre Handlungen und Lebensläufe immer wieder zusammenführt. “Magnetische Mausefallen” nennt der peruanische Exeget der “Elenden” jene zentralen Episoden - wie z.B. die Schlacht von Waterloo, die Barrikade des Juliaufstands 1832 oder die Kloaken von Paris -, in denen Hugo seinen Stoff aufs intensivste verdichtet.

    In diesen “Kratern” entfaltet der Roman seine permanente Dialektik von Freiheit & Notwendigkeit, individuellem Willen und Fatalität - ein zweifellos manichäistisches Weltbild, das nach Vargas Llosa aus der mittelalterlichen Literatur herkommt, in der Gott und der Teufel um die Seele des Menschen kämpfen. Ein naheliegender Seitenblick auf Goethes “Faust” unterbleibt zwar, dafür verweist der kundige Essayist auf Calderon de la Barcas “Großes Welttheater” im spanischen Barock.

    Victor Hugo hat sich, nach dem endgültigen Scheitern als Dramatiker, an “Die Elenden” gemacht, und deshalb leuchtet die These ein, umso mehr als sie Vargas Llosa an zahlreichen Beispielen belegt, dass Hugo die Bühnenmittel in seinen “theatralischen” oder “opernhaften” Roman integriert hat, z.B. in seinen äußerst effektvollen Todesszenen oder in den vielfachen Namenswechseln der Personen. Der “Stenograph Gottes”, der als einziger frei ist und seine heroisch guten & bösen Figuren wie Marionetten an der langen Leine führt, tritt hier als Theater- oder Operndirektor auf, der sein Ensemble in immer neuen Maskeraden, Kostümierungen und melodramatischen Szenen auf die Bühne seines Romans ruft.

    Der private Großerotiker kasteit sich mit asketischem Roman

    Im Gegensatz zu Stendhal, Balzac oder Flaubert ist in der Welt der “Elenden” jedoch höchst auffällig die Erotik abwesend. Das ist umso erstaunlicher, als Victor Hugo, wie der Erotiker Vargas Llosa in einer Abschweifung mit unverhohlener Bewunderung notiert, bis ins hohe Alter sexuell höchst aktiv war und sich ein Leporello seiner Kontakte und Eroberungen (mit Preisangaben) von Gräfinnen bis zu Dienstmädchen in seinen Geheimtagebüchern auf Spanisch angelegt hat ( - eine “Erfolgsbilanzierung“, nebenbei, die auch von Stendhal und Robert Schumann bekannt ist).

    Unter den überlebensgroßen Helden und Monstern in der puritanischen Welt der “Elenden” ist jedoch kein “gewissenloser” Donjuanesker Großverführer zu finden: alles sind asexuelle Wesen, sieht man einmal von der unglücklichen Fantine ab, die in Paris von dem Bohemien Tholomyès geschwängert wird - eine fast Maupassanthaft erzählte kurze Episode -, und darauf bitter für den Verlust ihrer Unschuld auf dem Lande “bezahlen” muss.

    Was die Sexualität angeht, bemerkt Vargas Llosa (Flaubert tat´s vor ihm!) “deckt sich das Moralkonzept der ‚Elenden’ lückenlos mit der katholischen Moral in ihrer intolerantesten und puritanischsten Form. Die “empfindlichen Ungeheuer” des Romans kennen keine fleischlichen Akte oder erotischen Versuchungen und an Jean Valjean, dem “Gerechten” (& positiven Helden) wird ausdrücklich “seine dank einem Leben in Enthaltsamkeit und Nüchternheit durch das Alter wenig verringerte Kraft” gelobt. Auch die beiden großen Liebenden Marius und Cosette gehen jungfräulich in die Ehe - wie es wohl auch der junge Hugo getan hat, der die Hochzeit der beiden Romanfiguren auf den Tag seiner ersten Liebesnacht mit seiner langjährigen Geliebten datiert.

    Vargas Llosa, auf der Suche nach den privaten Gründen “dieses Traktats der Asexualität”, führt diese Koinzidenz von Leben & Fiktion zu der Vermutung, der fleischeslustige Erotiker Hugo habe sich für seine fortgesetzten “Sünden” mit dem Puritanismus der “Elenden” selbst zu “exorzieren” gesucht, weil ihn eine ihm “verborgene, irrationale Missbilligung der fleischlichen Lust in seinem ganzen Leben nicht losließ“.

    Liegt es aber vielleicht nicht näher, in diesem öffentlichen literarischen Moralpuritanismus der “Elenden” zum einen jenen Reinheits-Asketismus ausgedrückt zu sehen, der dem heroischen Idealismus per se eigen ist (wie ihn dann Nietzsche analysiert hat), oder zum anderen, ihn als Folge jener entschiedenen Parteinahme Hugos für eine gleichberechtigte Position der Frau in der Gesellschaft zu betrachten, in deren Existenz er die Sklaverei fortdauern und sie in der Prostitution am tiefsten erniedrigt sieht?

    Wenn sich Vargas Llosa da nicht täuscht!

    Beim näheren Blick Vargas Llosas auf das, was Hugos Zeitgenossen als die sowohl subversive wie auch offenkundige Tendenz der “Elenden” mit Zustimmung und Erschrecken zu erkennen meinten - den sozialrevolutionären Aufruf zum gesellschaftlichen Umsturz -, sieht Vargas Llosa von heute aus “nur zaghaft liberales und sozialdemokratisches Gedankengut”. Wenn er sich da mal nicht täuscht!

    Es könnte nämlich durchaus sein, dass dieser “antiquierte Roman” zwar romantechnisch oder psychologisch die Subtilitäten nicht erreicht, welche das Erzählgenre nach Flauberts Kultivierungen eines bis dato Niemandslandes der menschlichen Seele und Existenz entwickelt hat; dass aber gerade die “unreine Mischung” (Bloch), diese hybride Totalität aller literarischen, rhetorischen, metaphorischen, szenischen, sensationalistischen Appellativstoffe zur Evokation von Impulsen der Empörung, des Verlangens nach gesellschaftlicher Gerechtigkeit und für Wunschphantasien einer kollektiven, gesellschaftlichen Entwicklung, die Hugo seinen “Elenden” eingepflanzt hat, immer wieder dafür sorgen, dass sich der historisch “abgelegte“, scheinbar von der Entwicklung zu einem prekären Fortschritt überholte, erledigte oder sogar widerrufene “Welttheaterstoff” aus sich heraus erneuern kann und in seinen Lesern auch heute noch jene moralische Empörung zu erwecken vermag, wie in den eineinhalb Jahrhunderten seit seinem Erscheinen. Sofern sich dafür noch Leser fänden...

    “Wer glaubt heutzutage schon noch, ein großer Roman könne die gesellschaftliche Ordnung bedrohen?“, fragt der Peruaner mit lächelndem Blick auf Lamartines Philippika gegen Hugos “Die Elenden”. Nur in politisch oder religiös totalitären Gesellschaften werde der Literatur (zurecht) eine subversive Kraft zugesprochen, die den Status quo angreife und unterminiere, während in unseren Offenen Gesellschaften sie als Unterhaltung, Zeitvertreib oder zur individuellen Sensibilisierung und Phantasiereizung instrumentalisiert sei.

    Hugos Gott will Demokratie & soziale Gerechtigkeit

    Allerdings fragt es sich, ob man, wie Vargas Llosa, nur vom “anachronistischen Charme” eines Roman sprechen kann, der nach Hugos Vorwort sich mit drei großen “Problemen” beschäftigt: “Der Entwürdigung des Mannes durch das Proletarierdasein, die Entwürdigung der Frau durch den Hunger und die Verkümmerung des Kindes durch die geistige Finsternis” und der den Lesern sehr wohl vor Augen führt, dass soziale Ungerechtigkeit, Unwissenheit, Armut, Ausbeutung, Klassenjustiz, unmenschliche Verhältnisse in den Gefängnissen und die Todesstrafe - die sowohl in offenen wie totalitär geschlossenen Staaten immer noch an der Tagesordnung sind - eben nicht “Schicksal“, sondern Menschenwerk ist, das es zu verändern gilt auf dem metaphysisch begründeten “Marsch der Menschheit zum Licht“ (Hugo).

    Denn wie in Adam Smiths protestantisch-nationalökonomischer Utopie des “Reichtums der Nationen“, wo es die “unsichtbare Hand des Marktes“ sein soll, der alles Unglück zum Glück austariert, oder in Marxens “Kommunistischem Manifest”, in dem die Klassenkämpfe in der Geschichte der Menschheit mit dem Jüngsten Gericht, das das Proletariat dem Kapital bereitet, endgültig beendet ist, so sieht Victor Hugo, in seinem “ontologischen Pessimismus und historischem Optimismus” (Vargas Llosa) die “Hand Gottes” aktiv, deren Wirken zwar den Menschen verborgen bleibt, aber auch dem individuellen und kollektiven tragischen Scheitern einen insgeheimen Sinn gibt. Auf dem Weg zur stufenweisen Verbesserung der Gesellschaft kommt es immer wieder zu “Brutalitäten des Fortschritts“; aber mit der Französischen Revolution, diesem “mächtigsten Aufstieg der Menschheit seit der Ankunft Christi“ (Hugo), ist dem romantischen Emphatiker der dialektisch fortschreitenden Menschheitsgeschichte “Gott“ das innerste dynamische Prinzip, das die “menschliche Demokratie” will, weil die Menschen gleich gemacht sind: “Wer mir gleicht, ist nicht mein Herr; mein Bruder ist nicht mein Vater”.

    Vargas Llosa sieht in den “Elenden” eine grandiose, wortgewaltige, szenisch mit Halbgöttern belebte Bühne des “aus seinem Olymp donnernden, totalisierenden und totalitären“ (gottgleichen) Erzählers, der jedoch damit “nur” eine monströse “Kulisse für das eigentliche Drama” errichte, das er darstellen wolle: “die Erlösung des Menschen, sein tragischer und unweigerlicher Weg hin zum Guten, seine Rettung vor Satan durch das Göttliche”. So jedenfalls habe Hugo in einem umfangreichen, fragmentarischen und fallengelassenen Vorwort die verborgene Intention seines Romanprojekts beschrieben.

    Der peruanische Interpret übersieht aber erstaunlicherweise, dass Victor Hugo wie kein andere Schriftsteller mit “Den Elenden” den metaphysischen “Krater” der Französischen Revolution - das atheistisch formulierte “Glaubensbekenntnis” ihrer universalistischen Appellative “Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit” - literarisch zur Eruption gebracht hat. Solange dieser “Glaube” noch nicht ganz erloschen ist, könnte Victor Hugos vulkanisches Epos “Der Elenden” noch “tätig” sein - bei Lesern, die wie der junge Militärkadett Mario Vargas Llosa im Winter 1950, daraus die Kraft ziehen, “ das wirkliche Leben zu ertragen” oder mehr noch: den Mut schöpfen, es nicht weiterhin “ertragen”, sondern nachhaltig ändern zu wollen.

    Wolfram Schütte

    P. S. Victor Hugos “Versuch über das Unendliche” ist als literarisch-philosophisches Projekt, sich dem “Unmöglichen” anzunähern, auch in der Moderne des 20. Jahrhunderts fortgesetzt worden - in der deutschsprachigen Literatur gehören die “Schlafwandler” von Herman Broch, “Der Mann ohne Eigenschaften” von Robert Musil oder “Berge, Meere und Giganten” von Alfred Döblin dazu.



    Mario Vargas Llosa: Victor Hugo und die Versuchung des Unmöglichen.
    Aus dem Spanischen von Angelica Ammar.
    Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 2006. Broschiert. 2001 Seiten, 22.80 ¤


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