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Creative-Writing: Teil IX

14.05.2006

9. Vom Klang der Sprache – Das Sonett
Was ist eigentlich ein Sonett? Wo kommt es her und welche Bedeutung hat das Sonett im 21. Jahrhundert? Fragen auf die es Antworten gibt, die mit Sicherheit spannender sind als die sorgsam gepflegten Vorurteile, die zeitgenössische DichterInnen im Hinblick auf diese zugegeben antiquierte Form der Dichtkunst haben.

 

9.1. Der historische Hintergrund des Sonetts

Das Sonett ist eine Antwort auf die mittelalterlichen Dichtungen, etwa dem Minnegesang in deutschsprachigen Gebieten oder den Liedern der Troubadours im französischen Sprachraum. Die epischen Minnegesänge und auch die so genannten cantigas de amor der galicisch-portugiesischen Troubadours erfreuten sich einer weiten Verbreitung. Fahrende Sänger trugen ihre Weisen auf den europäischen Königshöfen, den Marktplätzen der mittelalterlichen Metropolen, aber auch auf Volksfesten zur Freude der mittelalterlichen Bevölkerung vor.
Gefährten – wenn man mir
mein Gastrecht bricht
muss ich davon singen                  
das ist des dichters pflicht
obwohl ich dabei lieber                  
auf zuhörer verzicht

Guihelm IX. Graf von Poitiers und Herzog von Aquitanienund Troubadour (1071 – 1127)

Dieser Auszug aus einem Troubadourgesang Guihelm IX. soll als kleine Kostprobe für die lyrische Kultur einer ganzen dichterischen Epoche genügen. Einer Epoche, in der die weltliche Dichtung von der religiösen Dichtung streng getrennt wurde. Auf der einen Seite gab es die Minnegesänge, die sich mit allzu weltlichen Themen wie Liebe, Leid und Lust beschäftigten. Auf der anderen Seite finden wir die geistlichen Gesänge der Mönche und Ordensfrauen des Mittelalters, die ihre Verse ebenfalls musikalisch vertonten und die uns als gregorianische Choräle überliefert sind.

Gedicht – Gebet – Gesang waren schon zu Beginn der Dichtkunst ganz „dicht“ beieinander. Wobei hier die Frage auftaucht, wann hat denn eigentlich die Dichtkunst begonnen? Die Antwort auf diese Frage würde den Rahmen dieses Buches sprengen. Deshalb verlassen wir diese Fundstätte der „lyrischen Archäologie“ und begeben uns wieder zu unserem Thema, dem Sonett; denn wir wissen ja immer noch nicht, was denn nun ein Sonett ist.
Die Spurensuche führt uns an den sizilianischen Königshof Friedrich II. Dort gibt es einen il notaio namens Giacomo da Lentino (ca. 1200 – 1250). Eine anonyme Quelle bezeichnet da Lentino als einen „Meister der hohen Minne", ein Hinweis darauf, dass die lyrischen Wurzeln des Sonetts im bereits erwähnten Minnegesang zu finden sind. Giacomo da Lentino war am Hofe Friedrichs II. ein Notar. Die Quellen besagen, dass er für die Lehensverträge, aber auch für die Verfassung der königlichen Privilegien zuständig war (Schrott: 393).
Vermutlich sind von den 22 überlieferten canzoni, die den Namen da Lentino tragen, etwa 12 mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit auf dichterisches Schaffen zurückzuführen. Giacomo da Lentino gilt für die Literaturwissenschaft (vergl. Meid 2000: 843) als der Schöpfer dieser äußerst musikalisch anmutenden Form der Dichtkunst. Die daraus entstandene „Sizilianische Dichterschule“ setzt sich intensiv mit der Form des Sonetts auseinander und trägt diese Technik des Dichtens in den benachbarten europäischen Sprachraum. Auch Dante Alighieri, Dichter „Der göttlichen Komödie“ gehört zu den bedeutenden Vertretern der „Sizilianischen Dichterschule“.

Die Liebe ist eine Begierde die im herz entsteht
durch ein übermaß an glück und seligkeit –
man könnte sagen dass sie zuerst vom aug ausgeht
und das herz ihr nahrung gibt in sonderheit
Ich weiß zwar dass es manchmal auch so geht
dass man sich blind verliebt für eine zeit
doch die wahre liebe um die es sich hier dreht
bedingt eben das element der sichtbarkeit
Denn die augen sehen für das herz
sie sehen alles – sei es gut nun oder sei es schlecht
im rechten licht und wie es wirklich ist
und das herz dabei denkt rückwärts:
es fühlt's begehrt's und pocht dann auf sein recht
das konterfei zu sehen wie eh ein - nominalist

Giacomo da Lentino

In diesem Sonett von Giacomo da Lentino finden wir bereits die Grundlagen des Sonetts, die bis auf den heutigen Tag, mit geringfügigen Abwandlungen, ihre Gültigkeit bewahrt haben. Francesco Petrarca (1304–1374) verbreitete in seiner Gedichtsammlung Canzioniere (1370) die Form des Sonetts im damaligen Europa. Die Folge davon war eine Unmenge an Adaptionen dieser lyrischen Ausdrucksweise auf der internationalen Ebene mittelalterlicher Dichtkunst.

Im deutschsprachigen Raum wurde das Sonett zu Beginn des 17. Jahrhunderts insbesondere durch Martin Opitz (1597–1639) eingeführt. In seinem 1624 erschienenen Werk: „Buch der deutschen Poeterey“ setzt er sich für die Durchführung einer metrischen Reform ein, bei der Wort- und Versakzent miteinander im Einklang sind. Seine poetischen Reformen haben bis zum heutigen Tag ihre Gültigkeit behalten, so auch das Sonett, dem er eine klare Struktur zugeschrieben hat. Mit seinem ausgeprägten Formbewusstsein für das Sonett hat er viele Liebhaber für diese Dichtkunst gewinnen können.

9.2. Das lyrische Formgebilde des Sonetts

Ein Sonett hat immer vierzehn Zeilen, wobei die Grundform aus zwei Quartetten und zwei Terzetten besteht. In der Regel sollen die einzelnen Zeilen eines Sonetts elfsilbig sein. Am Beispiel des Regenbogen Sonetts von Rose Ausländer werde ich die Quartette und Terzette, auch im Bezug auf ihre Reimdynamik, näher erläutern.
Du legst dein Licht in allen Farben
um meine weiße Einsamkeit.
Ich fühle sie an meinen Narben
wie Balsam einer leichten Zeit.
Die Rosen starben meinem Leben,
das sich verschloß vor jeder Hand.
Da kommt dein reines, reiches Geben
in mein verschollnes Trauerland.
Du krönst mein Leid mit Sterndemanten,
und Sonnen deiner jungen Glut
entzünden wieder rot mein Blut.
So ist vielleicht das Blühn entstanden:
Von Gott geküßt, im Ding entbrannt,
und von den Engeln Licht genannt.

Rose Ausländer (1901-1988)

Bei genauer Betrachtung der visuellen Aufteilung der Strophen ist deutlich zu erkennen, dass die beiden ersten Strophen aus jeweils vier Zeilen, den Quartetten bestehen. Die beiden nun folgenden zwei Strophen haben nur drei Zeilen und sind somit die Terzette.

Quartett

Du legst dein Licht in allen Farben
um meine weiße Einsamkeit.
Ich fühle sie an meinen Narben
wie Balsam einer leichten Zeit.

Terzett

Du krönst mein Leid mit Sterndemanten,
und Sonnen deiner jungen Glut
entzünden wieder rot mein Blut.

Die Frage der Quartett- und der Terzettbildung und ihre Strophenstruktur haben wir nun geklärt. Der nächste Schritt wird etwas schwieriger, aber bei genauer Betrachtung und der dazu gebotenen Konzentration, ist auch diese Hürde durchaus zu nehmen. Der Reim im Sonett: Zu Beginn der Sonettdichtung, aber vermutlich auch bis zum heutigen Tage, gibt es verschiedene Herangehensweisen an die Anordnung der Reimstruktur. Volker Neid beschreibt die Reimstruktur in den Quartetten alternierend:
abab abab (Neid: 2000). Am Sonett Rose Ausländers sieht das im ersten Quartett so aus: Farben aus der ersten Zeile korrespondiert mit dem Wort Narben in der dritten Zeile. In der zweiten Zeile korrespondiert der Begriff Einsamkeit mit der vierten Zeile mit der Zeit und schließt somit im ersten Quartett den lyrischen Kreis. Bei genauer Betrachtung haben wir es hier mit einem so genannten Kreuzreim zu tun. Ein Reimschema, das sich also immer auf die übernächste Zeile bezieht. Im zweiten Quartett finden wir ebenfalls den Kreuzreim. Aber im ersten Terzett können wir eine Veränderung der Reimstruktur erkennen, die sich uns als abb acc zeigt:
(a) Sterndemanten
(b) Glut
(b) Blut
(a) entstanden
(c) entbrannt
(c) genannt
In diesem Sonettbeispiel bezieht sich also die erste Zeile des ersten Terzetts auf die erste Zeile des zweiten Terzetts, wobei sich die jeweils zweite und dritte Zeile in den Terzetten innerhalb der Strophe reimen. Ein Sonett, das wissen wir jetzt bereits, hat immer vierzehn Zeilen. Die einzelnen Strophen zeigen sich als Quartette und Terzette. Es gibt allerdings auch Sonette, wir haben das im Beispiel des Giacomo da Lentino bereits gesehen, die die vierzehn Zeilen visuell nicht in einzelne Strophen aufteilen. Die Reime haben unterschiedliche Formen, beispielsweise den Kreuzreim, den Paarreim oder den umrahmenden Reim.
Dass unser Sonett, wie wir es bisher kennen gelernt haben, dem Leser gegenüber auch ganz anders in Erscheinung treten kann, zeigt uns William Shakespeare:

Die schönsten Wesen, sie solln sich vermehren,
Damit die Rose Schönheit nie verdorrt.
Muss auch die Zeit den reifen Mann verheeren.
In seinem zarten Sprößling lebt er fort.
Doch du, vom eignen Augenstrahl gebannt,
Verzehrst dich selber brennend, vor Begier,
Schaffst Hunger, wo uns Fülle übermannt,
Dir selber feind und allzu hart zu dir.
Noch schmückt die Welt dein frischer Jugendschein,
Du Herold, der uns prallen Lenz verheißt,
Ins Knospengrab schließt du Erfüllung ein,
Wenn du so wüst mit deinen Reizen geizt.
Erbarme dich, dass nicht verschlungen wird
Vom Grab und dir, was aller Welt gebührt.

William Shakespeare

Shakespeare schrieb seine Sonette in einen visuellen Zeilenblock. Das Reimschema ist deutlich erkennbar. Zunächst finden wir einen Kreuzreim vor, der dann in den letzten beiden Zeilen zu einem Paarreim reduziert wird. Das englische Spencer- oder Shakespeare-Sonett unterscheidet sich vom kontinentalen Sonett nicht nur in der Wahl eines so genannten „harten Reims“, sondern auch im Aufbau der Versstruktur. Wie wir bei Shakespeares Sonett zweifellos erkennen können, besteht das englische Sonett aus drei Quartinen und einem abschließenden Reimpaar.

9.3. Die Melodie der Sprache

Wir haben es also bei der Sonettdichtung mit einer durchstrukturierten Dichtkunst zu tun, die sich auf handwerkliche Vorgaben bezieht. Dennoch gab oder gibt es immer wieder DichterInnen, die dem Sonett ihre ganz persönliche Note verliehen und verleihen, ohne den vorgegebenen Rahmen unnötig zu sprengen; denn die lyrische Bewegung in der Versform des Sonetts bedarf einer sensiblen Textgestaltung. Die Nähe des Sonetts zur Musik zeigt nicht nur seine mathematische Mentalität. Der Begriff Sonett, aus dem Italienischen, bedeutet ins Deutsche übertragen so viel wie „Tönchen" oder „kleiner Klang". Der italienische Begriff Sonett ist etymologisch mit dem lateinischen Wort „sonus“ verbunden, was im übertragenen Sinn wiederum „Klang“ oder „Ton“ bedeutet. Die Nähe zur Musikalität liegt also schon in der Namensgebung des Sonetts verborgen. Andreas Gryphius (1616 – 1664) spricht in diesem Zusammenhang übrigens von einem „Klinggedicht“. Auch wenn sich dieser Begriff nicht in die heutige Zeit hinüberretten konnte, sagt er doch Wesentliches über das Sonett als lyrische Ausdrucksform aus: Ein Sonett hat immer auch eine musikalische Qualität (www.Sonett-Archiv.com).

Uralte Buddha-Figur,in einer japanischen Waldschluchtverwitternd
Gesänftigt und gemagert, vieler Regen
Und vieler Fröste Opfer, grün von Moosen
Gehn deine milden Wangen, deine großen
Gesenkten Lider still dem Ziel entgegen,
Dem willigen Zerfalle, dem Entwerden
Im All, im ungestaltet Grenzenlosen.
Noch kündet die zerrinnende Gebärde
Vom Adel deiner königlichen Sendung
Und sucht doch schon in Feuchte, Schlamm und Erde,
Der Formen ledig, ihres Sinns Vollendung,
Wird morgen Wurzel sein und Laubes Säuseln,
Wird Wasser sein, zu spiegeln Himmels Reinheit,
Wird sich zu Efeu, Algen, Farnen kräuseln,
-Bild allen Wandels in der ewigen Einheit.

Hermann Hesse, Dezember 1958

In diesem Sonett, das von Hermann Hesse geschrieben wurde, hat er das fernöstliche Buddhathema in die europäische Dichtkunst des Sonetts transportiert. Wir haben es im ersten Quartett mit einem umrahmenden Reim zu tun, der in den beiden Mittelzeilen über einen Paarreim verfügt, also abba. Im zweiten Quartett begegnen wir einem Kreuzreim, der sich bis ins erste Terzett erstreckt abab. Im letzten Terzett bedient sich Hesse wiederum des Kreuzreimes cbc. Interessant an diesem Sonett, das er so nicht deklariert, ist die kontinuierlich durchgehaltene Silbenform von jeweils elf Silben pro Zeile.
Im Klartext. Das Sonett kommt mit vier Reimen aus, die sich folgendermaßen gestalten (können): abba abba cdc dcd. Die beiden Quartette bilden beim Sonett eine thematische Antithese zu den beiden Terzetten, die auch in der Reimform ihren Ausdruck finden.
Da stieg ein Baum. O reine Übersteigerung !
O Orpheus singt ! O hoher Baum im Ohr !
Und alles schwieg. Doch selbst in der Verschweigung
Ging neuer Anfang, Wink und Wandlung vor.
Tiere aus stille drangen aus dem klaren
Gelösten Wald von Lager und Genist ;
Und da ergab sich, daß sie nicht aus List
Und nicht aus Angst in sich so leise waren,
sondern aus Hören. Brüllen, Schrei, Geröhr
schien klein in ihren Herzen. Und wo eben
kaum eine Hütte war, dies zu empfangen,
ein Unterschlupf aus dunkelstem Verlangen
mit einem Zugang, dessen Pfosten beben,
-da schufst du ihnen Tempel im Gehör.

Rainer Maria Rilke
(Aus: die Sonette an Orpheus)

9.4. Von Jamben, Hebungen und Senkungen

Lyrischer Sprachausdruck setzt sich nicht nur aus den einzelnen Worten, Versen oder Strophen zusammen, die die DichterIn vorgibt. Sprache hat auch unter den Zeilen ein in sich geschlossenes System, das Lyrik erst zur Lyrik macht, sonst wäre es ja Prosa. Häufig wird in Unkenntnis der Hebungen und Senkungen, der Jamben, Alternationen und anderen Sprachmelodien auch von zeitgenössischen Dichtern gedichtet, was das Zeug hält – schräge Melodien werden als solche nicht erkannt und gelten als salonfähig, wobei gegen den Klang schräger Melodien nichts einzuwenden ist, nur die Absicht der DichterIn sollte für die geübte LeserIn erkennbar sein. Genau an diesem Punkt kann uns das Sonett behilflich sein auch moderne Lyrik in Form zu bringen, ohne dass sie sich gleich reimen muss.Beispielsweise haben wir es bei einer Hebung im metrischen Bauplan mit betonten Silben zu tun. Demzufolge gibt es zwei-, drei- oder vierhebige Verse (DUDEN 2000: 28).
Eine Senkung ist eine unbetonte Silbe in einem metrisch gebundenen Vers. Die Hebungen und Senkungen wiederum ergeben eine Alternation, also ein Wechselspiel aus Hebungen und Senkungen.Der Jambus beschreibt eine steigende Silbenfolge von einer Senkung zu einer Hebung: Gewált (Duden 2000: 29).Beim Trochäus begibt sich ein Vers von der Hebung zur Senkung: Gárten, während der Daktylus eine dreisilbige Folge aus einer Hebung und zwei Senkungen beschreitet: Táp-fer-keit. Zu guter Letzt gibt es noch den so genannten Anapäst, eine dreisilbige Folge aus zwei Senkungen und einer Hebung bestehend: Pa-ra-diès.
Diese Interaktion der Hebungen und Senkungen – gezielt eingesetzt – bestimmen das Metrum der Sprache, unabhängig davon ob diese Dichtung im Mittelalter oder in der Neuzeit angesiedelt ist.

Soweit eine Einführung in die hohe Mathematik der Verskunst, am Beispiel des Sonetts. Es empfiehlt sich also immer bei der Lektüre oder auch der lyrischen Kreation eines Sonetts, das handwerkliche Hintergrundwissen mit in den Schreibprozess einzubeziehen. Ein Sonett ist, wie wir erfahren haben, nicht nur ein Gedicht, das sich „irgendwie reimt“. Sondern ein Sonett ist eine durchdachte lyrische Konstruktion, die auf ein solides literarisches Handwerk zurückgreifen kann und die durchaus auch noch im 21. Jahrhundert ihren sprachlichen Ausdruck finden kann.

Rüdiger Heins

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