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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. April 2017 | 15:10

     

    Hic Marbach, hic salta!

    12.05.2006

    Die Arno Schmidt-Austellung im Schiller-Nationalmuseum

    Von Wolfram Schütte

     

    Es war ein großer Glücksfall, daß Arno Schmidt doch noch den „selbstlosen Mäzen" , wenn auch erst zwei Jahre vor seinem Tod 1979, gefunden hat, den er sich in einem Aufsatz 1960 erträumt hatte. Jan Philipp Reemtsma, der junge & gebildete Erbe mit einem reichen Vermögen, das er später zur Förderung vielfältigster kulturpolitischer Initiativen, Aufgaben und Projekte verwendet hat, „erprobte“ seine mäzenatischen Visionen zuerst an Arno Schmidt, dem er aber auch als Kenner & Liebhaber von dessen literarischem Oeuvre gelegen kam. Noch zu Lebzeiten von Schmidts Witwe Alice gründete Reemtsma mit ihr die gemeinnützige Arno-Schmidt-Stiftung, die heute für die öffentliche Präsenz des einst umstrittenen Autors mit Witz & Nachhaltigkeit sorgt.
    Kaum auszudenken, was ohne Reemtsmas Energie, Umsicht & Kennerschaft aus Arno Schmidts Nachleben geworden wäre – ganz und gar gewiß nicht das, was die Stiftung aus dem ihr zugefallenen Material bisher gemacht hat! Nicht nur hat sie das Bargfelder Wohnhaus erhalten und zu einer Gedenkstätte ausgebaut, sondern auch die über manche Verlags-Untiefen endlich bei Suhrkamp unter-, besser: angekommene editorisch mustergültige Edition des Werks (der „Bargfelder Ausgabe“) eigenverantwortlich vorgelegt und mit den postum sichtbar gewordenen Schätzen fortgesetzt, sondern jetzt auch die noch bis zum 27. August geöffnete Ausstellung „Arno Schmidt? Allerdings!“ im Marbacher Schiller-Nationalmuseum zu einem Kabinettstück ihres enthusiastischen (& mehr noch) enthusiasmierenden „Ahnen- & Enkeldienstes“ kuratiert.

    Auch regelmäßige Besucher der immer mit großer Phantasie und Einläßlichkeit gestalteten Marbacher Ausstellungen (und ihrer vorzüglichen Kataloge) werden zugeben müssen, daß diese Arno-Schmidt-Präsentation (konzipiert von Susanne Fischer, Friedrich Forssman, Petra Lutz und Bernd Rauschenbach) zu den schönsten, findigsten und fündigsten der letzten Jahrzehnte gehört, weil sie nicht nur dem allgemein literarisch Interessierten, sondern auch den langjährigen Kennern & Liebhabern des Schmidtschen Oeuvres Neues zu bieten hat – und das auf die sinnfälligst-überraschendste Art & Weise noch dazu!

    Die zehn Abteilungen, in denen sich unter Schmidt-Zitaten wie „ Was >Worte< sind, wißt Ihr?“, „Die Landschaft scharf im Auge behalten“ oder „15000 Volt bin ich“ und „Erhaben=kleinliche Alltäglichkeiten“ um zentrale Motive wie Sprache, Leben, Landschaft, Literatur, „pornografisches Lachkabinett“ oder Subjektivität, Politik und persönliche Ticks sowohl autobiografische wie werkimmanente Bedeutungskluster kristallisieren, vermitteln ebenso präzise Einsichten wie kaleidoskopische Ansichten von dem solipsistischen Autor & seinem literarischen Oeuvre, seiner Zeit & seinen Erfahrungen wie auch von seiner eigenwilligen, solitären Produktion und seinen Privaten Mythologien, die sich in der „Dienerschaft“ von Schreibmaschinen, Papieren, Zettelkästen, Bleistiften oder anderen intimren Erinnerungstücken seiner „Selfmadeworld“, die teilweise Eingang ins literarische Werk gefunden haben, aufs Schönste materialisieren.

    Nun könnte man behaupten, bei einem Autor, der sowohl das Handwerkliche seines „Wortmetzentums“ als auch das Optische seiner Texte (man denke nur an seinen Phonetismus und seine späten Typoskripte!) derart betont hat, sei eine sinnliche Präsentation leichter zu bewerkstelligen, als bei einem xbeliebigen Schrifsteller, der nichts als seine Eingebungen in mehr oder weniger Dudenkonformer Schreibweise aufs geduldige Papier gebracht hat. Aber die „verschmitzten“ Ausstellungsmacher haben gewissermaßen den produktionstechnischen Impetus Schmidts fortgesetzt, indem sie, analog zu seiner rationalistisch-kleinteilig-handwerklichen Poetik & Arbeitsweise, den Besuchern methodisch die „Instrumente“ zeigen, die er benutzt hat, um zu seinen poetischen „Ergebnissen“ zu gelangen: Fotos, Abbildungen, Zeichnungen, Meßtischblätter, Bücher, Zettelkästen. Und sie haben weiterhin, durch optische und akustische Installationen die existenzielle Situation des heimatvertriebenen „Umsiedlers“, der erst in Bargfeld, Kreis Celle 1958 seinen „locus amoenus“ & sein endgültiges Refugium fand, mit filmischen Dokumentationen über die Zeitgeschichte, die in sein Oeuvre eingegangen ist, in Erinnerung gerufen. Auch haben die Ausstellungsmacher die humoristisch-multiassoziative Sprachjätung & -pflanzung von Schmidts Prosa durch optische Verfahren ebenso sinnfällig gemacht, wie das sommernachtstraumhaft von ihm beschworene „pornografische Lachkabinett“, das er im Kellergeschoß der Sprach- & Wortwahl joyceanisch am komischen Werk sah, akustisch (in Hörstationen, vergleichbar den Voyeurszellen einer Peepshow) zur Verfügung der Ausstellungsbesucher gestellt, die in Marbach den Parcours dieser ebenso verschwenderisch wie präzise und diskret versammelten „Schmidtiana“ durchwandern.

    Es versteht sich von selbst, daß auch die wenigen vorhandenen TV-Zeugnisse des öffentlichkeits-scheuen Autors im Schiller-Nationalmuseum zu sehen sind – vorallem ein längeres Gespräch über seine Karl-May-Studie „Sitara und der Weg dorthin“, bei der man das minimalistische Mienenspiel des sprechenden Schmidt studieren kann, der auf den erhaltenen, erstaunlich vielen Fotodokumenten, die ihn auch bei der Heuernte mit kurzen Hosen und einem mächtigen, muskulösen freiem Oberkörper zeigen, nur einmal als Lachender fixiert wurde – meist dagegen auf den Porträts zur abweisend-starren Masken-Physiognomie versteinert erscheint.

    Der "Wortmetz" hat die "Dichter-Priester" verachtet (als „Adel des Geistes“) und sich und seinesgleichen „Schreckensmänner“, in einer Mischung aus kleinbürgerlichem Handwerker und proletarischem Schufter, als selbstausbeuterische Arbeiter heroisiert, welche das Sprachland & Wortfeld der menschlichen Wirklichkeit topografisch exakt vermessen & einer Drainage & Aufforstung unterziehen: im Dienste der Kunst. Aber gesehen werden wollte er denn doch als säkular(isiert)e priesterliche Existenz, welche – und das offenbaren die gesammelten „erhaben=kleinlichen Alltäglichkeiten“ seines häuslichen Lebens- & Arbeitsumfelds – die Dingwelt wie die Sprach- & Wortwelt mit einer fast franziskanischen Liebes- & Dankeswärme beatmet und beseelt, die bizarr (wenn nicht gar sentimental, gewiß aber menschlich anrührend) wirkt innerhalb seines materialistisch-gnostischen Weltbilds, das in der solitären, solipsistischen Robinsonade weltabgewandt (gleichwohl durch Radio & TV an ihr doch partizipierend) ihr arbeitsames, aktives Schaffensglück fand (Katzen incl.).

    Untergründig , d.h. ohne es zu pointierten, offenbart die Marbacher Arno-Schmidt-Austellung die Dominanz des Optischen in Schmidts Welt & Werk, das metaphorisch auf „Abbildbarkeit“ & zur Evokation des Ikonografischen von früh auf tendierte und in dem „Voyeurismus“ (ähnlich wie bei Doderer) ein immer stärker genutztes Surrogat für Welt- & Umwelterfahrung wurde. Sein fotografisches Oeuvre, das postum erst ans Licht kam und in Marbach zurecht eine eigene Dia-Station bestückt, kann gar nicht hoch genug für diesen außerordentlichen literarischen Landschaftsmaler eingestuft werden: als Sammlung von Epiphanien einer (animistischen) Rätselhaftigkeit, die subjektive, interpretative Durchdringung durch Sprach-, Wort- & Lautadäquanz vom Schriftsteller herausforderte, um sie künstlerisch zu bannen.

    Wie bei keinem mir bekannten Autor rückt die Ausstellung aber auch sinnlich vor Augen, daß Arno Schmidts lebenslange Passion und sein Training auf das eidetische Gedächtnis gerichtet war, aus dessen Arsenal exakt erinnerten oder durch exakte Rekonstruktion vorgestellten Topografien von Landschaften, Orten, Häusern ebenso wie Dokumenten und Büchern er erst seine „Längeren Gedankenspiele“, die auch noch (oder sogar erst recht) seine Spätwerke sind, hervorgehen lassen konnte: plane Startrampen für phantastische Levitationen der Einbildungskraft im Stationären. In den Typoskripten, die ja emphatisch wie nirgendwo sonst in der Literatur (vergleichbar z.B. in der Malerei von Schwitters) den Herstellungsprozeß, i.e. das Entstehen der Einbildungskraft aus den realen Elementen als ausgestellte Montage dokumentieren (das Manuskript von Döblins „Berlin Alexanderplatz“ soll ähnlich gearbeitet gewesen sein, wenngleich der Druck dies getilgt hat) - kurz: in den Spätwerken ab „Zettels Traum“ bezieht Schmidt die ikonografischen Vorlagen für seine Giannozohaften poetischen Luftschiffereien besonders nachdrücklich ein.

    Ein Kapitel für sich sind „ganze Mappm-Harems von Klein`n Nacktn Mädchen“, die elfenhaft als „Franziska“, „Nipperchen“ oder „Julia“ seine Typoskripte durchweben und – wie modische Frisuren, Kleidungsstücke, Wohnungs- & Zimmerinterieurs – an die Stelle des Selbsterlebten & in natura Gesehenen treten, vor dem sich der kontaktscheue Einsiedler (und seine im Haus gehaltene Ehefrau Alice) mehr & mehr verschlossen hatte. Diese Bildersammlungen stammen offensichtlich zumeist aus Versandhauskatalogen, seltener aus Illustrierten, die sich Alice Schmidt ins Haus geholt hatte, worauf z.B. die Kleinplastik einer auf einem Besen reitenden Hexe aus gelbem Kunststoff beredt hinweist, die als Anhängsel der BHs der Firma Triumph in den Sechziger Jahren mitgeliefert wurde. Dem monogamen Ehemann und Schriftsteller dienten diese Einblicke in den säuerlichen Charme der verhaltenen Erotik von Warenhaus- und Unterwäschekatalogen, in denen der Prüderie der Fünfziger Jahre von den Sechzigern langsam die Wäscheknöpfe geöffnet wurden, zur Creation und Ausstaffierung jenen merkwürdigen verschämt-rührenden Liebesträumereien seiner gealterten alter egos in den Spätwerken. Ein weites Feld für ein unschuldiges „pornografisches Lachkabinett“ im Oeuvre Arno Schmidts.

    Wer aber glaubte, er könne sich den Besuch in Marbach „ersparen“ und das ausgebreitete Material der Ausstellung im Katalog „nachlesen“, sähe sich aufs verschmitzteste getäuscht. Auf eine unausgesprochene Weise folgt „Arno Schmidt? – Allerdings!“ nämlich Walter Benjamins Bestimmung des „Auratischen“. Authentisch in seiner kontroversen und akkumulierend Fülle kann man sich nämlich der Präsentation, emphatischer gesagt: der „Erscheinung“ Arno Schmidts nur am Ort, im Schiller-Nationalmuseum, versichern. Zum einen durch 10 dort an den „Stationen“ ausgelegte kleine Lesehefte mit jeweils den Themen zugeordneten Textauszügen aus Schmidts Oeuvre; zum anderen durch den Katalog, der zwar auch einen Großteil der ausgestellten Objekte reproduziert, aber mit weiteren bildlichen Belegstücken aufwartet und vor allem mit 8 kleineren Essays von den Kuratoren und Reemtsma die angeschlagenen Motive und Themen der Ausstellung aus-& fortspinnt.
    Es lohnt sich also unbedingt, (k)eine „Reise ins Blaue“ an den Neckar zu machen.
    Hic Marbach, hic salta! Auf zu Schillers Geburtsstadt – allerdings: zu Arno Schmidt!!!!

    Wolfram Schütte


    „Arno Schmidt? – Allerdings!“.
    Eine Ausstellung der Arno Schmidt Stiftung, Bargfeld, im Schiller-Nationalmuseum, Marbach am Neckar. 2006.
    Von Susanne Fischer, Jörg W. Gronius, Petra Lutz, Bernd Rauschenbach und Jan Philipp Reemtsma.
    Marbacher Katalog 59, 206 Seiten, zahlr. auch farbige Abbildungen,
    20 ¤


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