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Mittwoch, 29. März 2017 | 22:52

 

Polen - Special (Teil 6): Ein Reisebericht

13.04.2006

Mein Sommer in Polen

Ein Besuch in Kolberg, Danzig und Warschau

 

Kolberger Nächte

30.7.05
Die erste Etappe unserer Reise führt uns in das polnische Ostsee- und Erholungsbad Kołobrzeg (Kolberg). Kolberg liegt etwa 280 km nordöstlich von Berlin und ist mit dem Auto in gut vier Stunden zu erreichen. Wir haben uns für die etwas längere Anreise per Schiene entschieden und können so die Aussicht auf blühende Rapsfelder und grüne Wälder in vollen Zügen genießen. Als sich unser Zug in gemächlichem Tempo der Küste nähert, fängt es bereits an zu dämmern. Ich wache nach einem kurzen Nickerchen auf, spüre das monotone Rattern des Zuges unter mir und höre, wie sich die Zischlaute um uns herum mehren. Nach etlichen Stunden Fahrt in Deutschland und zwei Mal Umsteigen in Stettin und Köslin fahren wir mit quietschenden Bremsen in den Kolberger Bahnhof ein. In der Wohnung angekommen, fällt meine Schwester todmüde ins Bett. Nur kurz schlüpfe ich noch mal hinaus, gehe durch das kurze Waldstück an den Strand. Die Ostsee begrüßt mich, indem sie ihre Abendwellen um meine Füße spült.

31.7.05
Das Wetter ist gut, also packen wir unsere Badesachen. Auf dem Weg zum Strand, der von den Tischen der Kolberger Straßenhändler gesäumt ist, haben wir eine Begegnung der besonderen Art: Inmitten von Sonnenbrillen, Badeschlappen und weiteren Strandutensilien winkt uns der im April verstorbene Johannes Paul II. zu. Ein Bild des polnischen Papstes, wahlweise holzgerahmt und bernsteinverziert oder auf liebevoll gefertigten kleinen Altären aus Ostseemuscheln, ist in diesem Sommer ein sehr beliebtes Souvenir von der hiesigen Küste. An manchen Ständen sind auch schon Bilder seines Nachfolgers zu sehen.
Am Strand lese ich meiner Schwester aus dem Reiseführer vor: „Das heutige Kolberg lässt kaum erahnen, wie lang und kriegerisch seine Geschichte ist.“ „Hättest Du das gedacht?“, frage ich. Doch an unserem ersten Tag am Meer ist meine Reisebegleiterin weniger an Vergangenem, sondern vielmehr an der Gegenwart interessiert. Zudem haben wir zunächst ein ganz praktisches Problem zu lösen: Der Strand ist brechend voll und wir müssen eine Weile laufen, bis wir ein freies Eckchen finden, auf dem wir uns ausbreiten können. Für heute gebe ich mich geschlagen: Der Reiseführer verschwindet in der Badetasche und wir feiern unsere Ankunft mit einem Softeis.

1.8.05
Wir gehen in die Stadt, um ein paar Besorgungen zu machen. In der Buchhandlung möchte ich mich mit weiterer Reiseliteratur über die polnische Ostseeküste und Danzig, unser nächstes Reiseziel, eindecken. In den Regalen liegen französische Modemagazine, der neue Roman von Paulo Coelho und die Biographie von Britney Spears. In der Reiseabteilung stehen dicht gedrängt Stadtführer über London, Rom und Tokyo, ein Regal tiefer stapeln sich schwere Bildbände über Kanada und Südamerika. Vielleicht gibt es ein extra Regal über Polen, das ich übersehen habe? Ich frage eine Verkäuferin. Sie überlegt einen Moment und zieht ein schmales Bändchen mit dem Titel “Danzig von Innen“ aus dem Regal mit den Stadtführern hervor. Außer einem Bildband über Krakau und einer “Geschichte der Stadt Kolberg“ ist leider nicht mehr über Polen da, also nehme ich “Danzig von Innen“. Während ich das Geschäft verlasse, höre ich noch, wie eine Kundin nach dem neuen Bestseller des amerikanischen Psychologenehepaars Barbara und Allen Pease fragt.

Abends gehe ich noch einmal an den Strand. Die Souvenirhändler bauen allmählich ihre Stände zusammen und packen die Papst-Altäre vorsichtig in Kartons. Kleine Kinder laufen in blinkendem Leuchtschmuck umher. Ich bleibe auf der Plattform, die zum Strand hinunterführt, stehen. Auf ihr hat sich eine Menschenmenge versammelt, um den Sonnenuntergang zu bewundern. Unter uns rauscht das Meer. Es ist windig und die Wellen greifen gierig nach dem Sand. Während ich den glühenden Feuerball am Horizont beobachte, höre ich im Hintergrund den Lärm einer Karaoke-Bar und einen polnischen Caruso, der sich die Seele aus dem Leib singt.

2.8.05
Ein neuer Tag am Strand. Während meine Schwester die Badefreuden in der Ostsee genießt, hole ich noch einmal den Reiseführer hervor. Ich erfahre, dass Kolberg als ehemalige Festung – u.a. aufgrund eines gescheiterten Eroberungsversuchs durch Napoleon im Jahr 1807 – den Ruf einer unbesiegbaren Stadt genoss, ein Mythos, den sich später die Nazis für ihre Kriegspropagandazwecke zunutze machten. Heute scheint Kolberg, das neben Sopot der beliebteste Ferienort an der polnischen Küste ist, dennoch in fester Hand zu sein: Jedes Jahr im Sommer wird das Ostseebad von etlichen Touristen bzw. Touristenfamilien erobert (darunter 60 Prozent Deutsche wie ich ebenfalls aus dem Reiseführer erfahre). Die Hälfte der Urlauber sind Kinder, die die Strände mit Sandburgen bebauen und auf ihren Plastiknilpferden durch die Ostsee reiten. Auf dem Weg zurück in die Wohnung kaufe ich für unsere Oma, die wir in Warschau besuchen werden, einen Muschelaltar mit polnischem Papst.

Abends ist Tanz im alten Yachthafen. Die Band “Old and New Stars“ spielt polnische und englische Schlager. Unter Żywiec-Schirmen sind Bänke aufgebaut und die Luft riecht nach Meer, Salz und Räucherfisch. Kinder, Jugendliche und Erwachsene mischen sich auf der Tanzfläche. Auch uns hält es nicht lange auf den Bänken und so tanzen wir unter freiem Himmel und umringt von Segelmasten bis die Füße brennen.

3.8.05
Ich rufe in Danzig an, um uns eine Unterkunft für die nächsten Tage zu organisieren. Preiswerte Pensionen mit wohlklingenden Namen wie “Musikerhaus“ oder “Gasthaus zur silbernen Mühle“ sind bereits ausgebucht und auch in den Jugendherbergen ist um diese Zeit nichts mehr frei. Als ich bei einer privaten Zimmervermittlung anrufe, werde ich gefragt, ob wir aus Polen sind. „Nicht direkt.“, antworte ich. Die Frau am anderen Ende der Leitung zögert einen Moment. „Wissen Sie, es gäbe da eventuell noch etwas, aber ich kann Ihnen im Augenblick leider nichts freihalten“, sagt sie und legt auf. Ich bin wütend und frustriert. Schließlich rufe ich im Pfadfinderhaus an. Es gibt noch ein freies Doppelzimmer und die Stimme der Frau klingt freundlich. „Sind Sie aus Deutschland?“, fragt sie, „Wir haben hier viele Gäste aus Deutschland.“ Unsere Unterkunft in Danzig ist gesichert. Erleichtert lege ich den Hörer auf.

5.8.05
Heute ist Hafentag. An der Anlegestelle, nicht weit vom Leuchtturm, herrscht Volksfeststimmung. Eine Gruppe Reiselustiger wartet auf das nächste Ausflugsschiff. Aus einem Radio dröhnt polnische Folkloremusik. Auf der Strandpromenade lassen Urlauber sich mit Shrek und Puh dem Bären fotografieren, ein paar Schritte weiter lässt ein Mann einen Drachen steigen. Ich muss an das neue Logo Polens denken, auf dem ein roter Drache über dem Schriftzug „Polska“ zu sehen ist. Das Logo hüpft, tanzt und fliegt.
Meine Schwester hat unterdessen schon die Souvenirbuden aufgesucht. Bernstein in Form von Ketten, Ohrringen und Brieföffnern zieht die Flanierenden auf der Promenade magisch an. Bereits in der Antike war das Gebiet an der Ostsee, das heute zu Polen gehört, für seinen Reichtum an Meeresgold berühmt, lese ich im Reiseführer. Nach einem Besuch auf der Mole schlendern wir wieder zurück zum Hafen. Als wir am Leuchtturm vorbeigehen, legt ein Schiff an, aus dem eine Gruppe blonder Matrosen steigt.

Abends gehen wir noch einmal zum Leuchtturm. Wir essen bei „Rewiński“, der beliebtesten Fischbraterei der Stadt mit Blick auf die Strandpromenade. Die Bernsteinstände sind verschwunden, einige Händler sind noch da und verkaufen Zuckerwatte und Rosen. Eine Hellseherin bietet den Vorbeigehenden ihre Künste an. Auf dem Rückweg machen wir noch einen Abstecher zum alten Yachthafen und verabschieden uns von Kolberg.



Vornehme Hanseatin
6.8.05

Im Zug nach Danzig nähern wir uns dem Land an der Weichsel, dem sog. Pomorze Gdańskie (Danziger Pommern). Vor dem Fenster ziehen Kiefernwälder und vereinzelte Bauernhöfe an uns vorbei. Ich lese „Castorp“, einen Roman des polnischen Autors und gebürtigen Danzigers Paweł Huelle und versuche, mich auf die Atmosphäre der alten Hansestadt mit der wechselvollen Geschichte einzustimmen. Das Buch erzählt die Vorgeschichte der Hauptfigur Hans Castorp aus Thomas Manns „Der Zauberberg“, wonach dieser als junger Mann einige Semester in Danzig studiert hat.

„Sie hatten zwar alle die gleiche dunkle Backsteinstruktur, ihre Formen waren jedoch völlig verschieden. Über den Dächern der Häuser, den Schornsteinen der Dampfer, den Masten der Segelschiffe thronend, wirkten sie keineswegs drückend auf das dichte Panorama - im Gegenteil: Sie schienen es emporzuheben, als würde im nächsten Augenblick die ganze Stadt vom Wasser abheben und zu den Wolken aufsteigen. Dazu kamen die aus Hamburg vertrauten Gerüche - Holzbrücken, Teer, Algen, Kohlenrauch, Fisch -, und so wirkte die erste Berührung mit der fremden Stadt auf Hans Castorp überaus angenehm.“ So beschreibt der aus Hamburg stammende Castorp seine erste Begegnung mit Danzig. Als ich das lese, bedauere ich fast, dass wir es nicht so gemacht haben wie Castorp, der mit dem Schiff anreist. Unser erster Blick auf die Stadt an der Mottlau hat zwar nicht ganz so viel Zauber, doch auch vom Bahnhof aus ist der herbe Charme der Stadt nicht zu übersehen, der sich in Form von rotem Backstein, breiten Straßen und Gebäuden, die noch vom einstigen Wohlstand der Hanse zeugen, vor uns entfaltet. „Danzig strahlt so etwas Vornehmes, fast Aristokratisches aus.“, sagt meine Schwester, während wir unser Gepäck zum Pfadfinderhaus schleppen.

In den Räumen unseres Danziger Domizils feiert eine ausgelassene Hochzeitsgesellschaft. Die Braut trägt ein traditionelles, mit Perlen besticktes Kleid, die Gäste tanzen zu Musik von Modern Talking. In der Eingangshalle hängt ein Plakat: Der neue Film des italienischen Regisseurs Giacomo Battiato über das Leben Johannes Paul II. läuft seit Juni 2005 mit großem Erfolg in den polnischen Kinos. Nach einem kurzen Bummel durch die Altstadt gehen wir bald schlafen. Die Band der Hochzeitsgesellschaft ist unterdessen zu schnelleren Rhythmen übergegangen und spielt bis in die frühen Morgenstunden.


7.8.05
Morgens halb zehn in Danzig: Etwas übernächtigt, aber guter Dinge sitzen wir in einer gemütlichen Teestube in der Altstadt und frühstücken „Szarlotka“, polnischen Apfelkuchen. Für heute ist ein Gang durch die Ulica Długa (Lange Gasse) mit Zwischenstopp am Historischen Museum geplant. Der Danziger Königsweg ist gesäumt von prächtigen Bürgerhäusern, die in ihrer makellosen Schönheit an eine Filmkulisse erinnern. Später lese ich im Reiseführer, dass die ehemalige Hansestadt ihre neue alte Pracht der berühmten polnischen Restauratorenschule zu verdanken hat, die den Stadtkern nach 1945 fast originalgetreu wieder auferstehen ließ.

Als wir das Historische Museum verlassen, finden wir uns im Mittelalter wieder. Durch den Sog eines Menschenstroms, der uns in den verwinkelten Gassen um den Mariendom mitreißt, geraten wir in eine enge Straße, die mit ihren schmalen Giebelhäusern ein wenig an Amsterdam erinnert. Burgfräulein, Mönche und Schelmenfiguren spazieren inmitten der Menschenmenge auf dem Kopfsteinpflaster umher. Die Häuser haben terrassenartige Vorbauten, darunter führen Treppen in eine Art Keller hinab. Später erfahre ich, dass wir nicht ins Mittelalter, sondern auf den Dominikanermarkt in der berühmten Frauengasse gelangt sind. In dieser Straße wurden u.a. schon Szenen der Thomas-Mann-Verfilmung „Buddenbrooks“ gedreht. Die Keller unterhalb der Vorbauten, sog. Beischläge, dienten früher als Vorratskammern. Heute befinden sich dort vor allem Kunsthandwerkerläden. Auch vor den Kellern haben sich Händler postiert. Sie brauchen ihre Waren nicht anzupreisen, denn vor allem die Schmuckstände werden von eifrigen Käufern belagert. Das Funkeln in den Augen der Touristen lässt nur eine Diagnose zu: Bernsteinfieber. Ich muss an die Meeresgöttin Jurata denken, die sich, einer baltischen Legende nach, in einen sterblichen Fischer verliebte und von den anderen Göttern durch die Zerstörung ihres Palastes bestraft wurde: Bei den Überresten ihres Domizils handelt es sich der Legende nach um die leuchtenden, honigfarbenen Steine, die meist im Herbst an die Ostseestrände gespült werden. In Anbetracht der Bernsteinmassen, die von den Händlern auf dem Königsweg und der Frauengasse feilgeboten werden, muss Juratas Palast unendlich groß gewesen sein.
Ich schließe für einen Moment die Augen und versuche, mir die Frauengasse ohne Menschenmenge und Schmuckstände vorzustellen. Auf den Terrassen vor den Häusern sitzen betuchte Kaufmannsgattinnen in langen weißen Kleidern und trinken Tee oder tauschen Neuigkeiten mit der Nachbarin aus. Liebespärchen schlendern Hand in Hand über das Kopfsteinpflaster. Als ich die Augen wieder öffne, sehe ich gerade noch, wie meine Schwester in einem Schmuckladen verschwindet.

Das Ziel für den heutigen Abend ist der Hafen. Wir kämpfen uns durch den Königsweg bis zum Grünen Tor. In der Sommersaison ist Danzigs Prachtstraße nicht nur gesäumt von Bürgerhäusern in den unterschiedlichsten Stilepochen, sondern auch von lebensgroßen Eistüten aus Plastik, die etwa alle 30 Meter mit der Aufschrift “Original amerikanisches Softeis“ locken. Die Touristenmasse drängt unterdessen weiter Richtung Hafen. Einige bleiben stehen, um den Pantomimen, die sich zwischen den Plastikeistüten aufgestellt haben, beim Gebärdenspiel zuzuschauen. Eine Gruppe Jugendlicher gibt eine Breakdance-Vorführung. Nicht weit dahinter, direkt vor dem Grünen Tor, ist eine Bühne aufgebaut, auf der ein Folklore-Ensemble tapfer gegen den Kassettenrecorder der jungen Breakdancer anspielt. Am Hafen angekommen, setzen wir uns in ein Café mit Blick auf die Speicherinsel. Von meinem Platz aus sehe ich einen Kran, an dem ein Wagen mit zwei oder drei Personen hochfährt. Als der Wagen oben ist, springt ein Mann vom oberen Ende des Kranes in die Tiefe. Einen Moment lang stockt mir der Atem. Dann sehe ich, dass an seinem Fuß ein Bungee-Seil befestigt ist. In unserem Café spielt eine Band polnischen Jazz. Die Stimme der Sängerin ist warm und kräftig. Ich mache die Augen zu und bin froh, dass ich die Bungee-Jumper weder hören noch sehen kann.

Jenseits der Bernsteinmeile
8.8.05
Wir fahren nach Wrzeszcz, ein Stadtteil im Nordwesten Danzigs, in der Hoffnung, einen Blick auf eine andere Seite der Stadt zu erhaschen. Jenseits von Softeisbuden und Bernsteinständen scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Als wir aus der Straßenbahn steigen, ist von Touristen weit und breit keine Spur. Wieder machen wir eine Zeitreise, diesmal führt sie uns in die Zwanziger Jahre eines bewegten Jahrhunderts. Die Häuser sind grau, die Bürgersteine holprig, auf unseren Füßen sammelt sich der Staub, der von der Straßenbahn und vereinzelten Autos aufgewirbelt wird. Das heutige Wrzescz und frühere Langfuhr ist der Stadtteil, in dem Günther Grass geboren und aufgewachsen ist. Die Bäume entlang der Straßen sind ordentlich aufgereiht und sorgfältig zurechtgeschnitten.
Wir biegen in die Ulica Lelewela ein und bleiben vor der Hausnummer 13 stehen. Vor dem Fenster im ersten Stock stehen rote Geranien, darunter ist ein Emailleschild mit einem Zitat aus der Blechtrommel angebracht. Ein paar Schritte weiter ist ein Park mit Springbrunnen und Kinderspielplatz. Auf einer Bank sitzt eine kleine Bronzefigur, die im Jahr 2002 von einem polnischen Künstler angefertigt wurde: Es ist die Hauptfigur Oskar Matzerath aus der Blechtrommel. (Eine lebensgroße Bronzefigur seines Schöpfers lagert noch im Depot, da Günther Grass, wie ich später erfahre, es sich verbat, noch zu Lebzeiten als Denkmal aufgestellt zu werden). Der Kinderspielplatz ist leer, ein paar Bänke weiter spielen einige Männer um die Siebzig Karten. Wir setzen uns zu Oskar. Im Park, der von einfachen Arbeiterhäusern ist, ist lediglich das Plätschern des Springbrunnens und leises Vogelgezwitscher zu hören.

Auf dem Rückweg steigen wir an der Haltestelle “Danziger Werft“ aus und bleiben eine Weile vor dem riesigen Monument zu Ehren der gefallenen Werftarbeiter stehen. In diesem Jahr feiert Polen das 25-jährige Bestehen von Solidarność. Als Wiege der polnischen Gewerkschaft bereitet Danzig sich mit zahlreichen Veranstaltungen auf das Jubiläum vor. Das Motto der Arbeiterbewegung „Wege in die Freiheit“ ist gleichzeitig der Titel der Ausstellung in dem Werftgebäude, in denen Vertreter der polnischen Regierung mit den streikenden Arbeitern verhandelten. „Geschichte, Kunst, Multimedia“ steht in großen Buchstaben über dem Eingang. Am Kiosk neben dem Eingang kann man T-Shirts und Kaffeetassen mit dem Solidarność-Schriftzug kaufen. Von der Werft aus laufen wir wieder zurück in die Altstadt. Morgen geht es weiter nach Warschau.



Wiedersehen in Warschau
9.8.05
In Warschau werden wir mit einem warmen Mittagessen begrüßt. Unsere Oma, genannt Babcia, hat polnische Kohlrouladen („Täubchen“) gekocht. Babcia ist sehr stolz auf ihre Gastfreundschaft. Für die nächsten Tage hat sie Lebensmittel eingekauft, mit der sie ein ganzes Bataillon vor dem drohenden Hungertod bewahren könnte. Nach dem Essen überreiche ich ihr den Muschelaltar. In ihrer Wohnung hängen insgesamt fünf Bilder von Johannes Paul II., darunter ein Poster einer Sonderausgabe der polnischen Tageszeitung “Życie Warszawy“. Babcia ist gerührt und der Altar bekommt einen Ehrenplatz in der Wohnzimmerschrankwand. Ich frage sie, was sie von dem neuen Kirchenoberhaupt Benedikt XVI. hält. „Ja“, sagt sie, „Euer Papst ist ein guter Mann. Der ist gebildet. Und außerdem“, fügt sie hinzu, „lächelt der so nett“. Überhaupt hält Babcia sehr viel von den Deutschen. „Die sind pünktlich, fleißig und können gutes Brot backen“. Ganz besonders hat es ihr jedoch der Ordnungssinn ihrer westlichen Nachbarn angetan. Ich kann mich daran erinnern, als Babcia uns einmal in Deutschland besucht hat und wir mit ihr im Stadtpark spazieren gegangen sind. Auf den Bänken saßen Frauen in Kopftüchern, die einer Gruppe Jungs beim Fußballspielen zuschauten. Nicht weit davon saßen vereinzelte Grüppchen, einige Frauen darunter ebenfalls in Kopftüchern, bei einem Picknick beisammen. Seither ist unsere polnische Oma fest davon überzeugt, dass es in Deutschland spezielle Parks für türkische Familien gibt.

Stadt der Märkte
10.8.05
Das erste, was man sieht, wenn man den Hauptbahnhof in Warschau verlässt, sind Hochhäuser: Futuristische Hotels wie das schicke Marriott, ein neues Einkaufszentrum aus Glas, das von der Form her an ein römisches Amphitheater erinnert und der “Pałac Kultury i Nauki“, der Warschauer Kulturpalast. Wenn man unter den Bewohnern der polnischen Hauptstadt eine Umfrage starten würde, welches das unbeliebteste Gebäude der Stadt ist, würde der Kulturpalast nach wie vor einen der vordersten Plätze belegen. Wenn man mich fragt, was zu den interessantesten Sehenswürdigkeiten Warschaus gehört, lautet meine Antwort ebenfalls: Der Kulturpalast. Von weitem wirkt das „Geschenk“ Stalins an das polnische Volk fast ein wenig fehl am Platz. Ein hässliches Entlein, das sich zwischen den Hochglanzbauten, die in den letzten Jahren in der Warschauer Innenstadt wie die Pilze aus dem Boden geschossen sind, verlaufen hat. Von nahem hat der Koloss nichts an seiner Imposanz verloren: Gewaltig, majestätisch, - die Warschauer würden wohl sagen „protzig“ - ragt er in den Himmel über der Stadt und lässt dabei schnell vergessen, dass es hier noch andere nennenswerte Gebäude gibt. Im Inneren beherbergt er u.a. drei Theater, zwei Museen, einen Kongress-Saal, 70 Firmen und seit neuestem auch ein riesiges Multiplexkino und ist damit so etwas wie eine Stadt für sich. Der Kulturpalast ist das Empire State Building Warschaus.

Das zweite, was einem nach Verlassen des Bahnhofs zwangsläufig ins Auge springen muss, sind die Händler. So hat sich Warschau in den letzten Jahren nicht nur zu einem Magneten für polnische und ausländische Großinvestoren (und damit zur zweitgrößten Baustelle Europas) entwickelt, sondern vor allem auch zu einer Art gigantischer Basar, auf dem von Sonnenaufgang bis in die späten Abendstunden gehandelt und gefeilscht wird. Wenn Kolberg das Mekka für Kurgäste und Strandpiraten ist, Danzig die geschichtsträchtige Schönheit an der Ostsee, dann ist Warschau die Stadt der Märkte. Es scheint, als gäbe es hier niemanden, der nicht irgendein „biznes“ oder „handel“ betreibt. Ob auf dem Stadionmarkt im berühmt-berüchtigten Stadtteil Praga am anderen Ufer der Weichsel, für den die Händler aus den entlegensten Winkeln der ehemaligen Sowjetrepublik anreisen, auf den Wochenmärkten, auf denen die Bauern aus der Umgebung ihre Ernteerzeugnisse anbieten oder an der Straßenecke, an der einfache Mütterchen Blumen und selbst gekochte Marmelade verkaufen, in Warschau findet das wahre Leben weder in den Banken noch Kaufhäusern, sondern auf der Straße statt. Der Kulturpalast ist das Herz, die Händler das Blut in den Adern der Stadt.

Europa kann man mögen
11.8.05
„Schreib etwas über die Altstadt oder den Sächsischen Garten.“, sagt Babcia, als sie von meinem Vorhaben, einen Bericht über unsere Reise zu verfassen, erfährt. „Und über die Chopin-Konzerte im Łazienki-Park. Am besten fängst Du einfach damit an, dass Warschau die Hauptstadt ist und der Präsident hier wohnt.“ Ich nicke. Von meiner Faszination für den Kulturpalast erzähle ich ihr lieber nichts. Stattdessen frage ich Babcia, wie es „Stefan Miller“ geht. „Stefan Miller“ heißt eigentlich Steffen Möller und ist so etwas wie ein deutsch-polnisches Phänomen. Steffen Möller ist Deutscher, lebt seit etwa zehn Jahren in Polen und ist in seiner neuen Heimat dank zahlreicher Auftritte als Kabarettist und Schauspieler so bekannt wie ein bunter Hund. Auf meine Frage hin kramt Babcia kurz in einer Schublade und holt eine Telefonkarte und einen Zeitungsartikel hervor. Auf der Telefonkarte ist ein Bild von „Stefan Miller“, der für einen polnischen Telefonanbieter Reklame macht. In dem Zeitungsartikel steht, dass Steffen Möller im Juni 2005 das Bundesverdienstkreuz für seinen Einsatz im Namen der deutsch-polnischen Freundschaft verliehen bekommen hat. Babcia ist sehr stolz. Sie ist seit ein paar Jahren ein großer Fan von „Stefan Miller“: Die Unterhaltungsshow „Europa da sie lubić“ („Europa kann man mögen“), in der „der Deutsche“ regelmäßig zu Gast ist, und „M jak Miłość“ („L wie Liebe“), eine polnische Seifenoper, in der Steffen Möller einen deutschen Kartoffelbauern spielt, gehören nach der brasilianischen Telenovela „Isaura“ zu ihren Lieblingssendungen.

Abends gucken wir „Europa kann man mögen“. Das Thema der heutigen Sendung ist „Großbritannien“. Zu Gast sind u.a. eine Waliserin, ein Schotte, eine Irin und der Engländer Kevin Aiston. Kevin Aiston heißt wirklich Kevin Aiston und ist in Polen schon fast so beliebt wie Steffen Möller. Als „der Kevin“ in schwarzem Smoking, inklusive Schirm und Melone, die Sendung betritt, fangen Babcias Augen an zu leuchten. „Seht ihr“, sagt sie „so sieht ein echter englischer Gentleman aus“. Die Gäste berichten über ihre Heimatländer und ihre Erfahrungen in Polen. Steffen Möller ist auch da und gibt Kostproben aus seiner „Witzesammlung“ über Deutsche, Polen und Briten. Das Publikum lacht und applaudiert. Zwischendurch tritt eine irische Volkstanzgruppe auf. Polen lernt Europa kennen.
Als die Sendung zu Ende ist, sagt Babcia: „Schade nur, dass sie heute nicht so viele eingeladen haben. Am besten ist es immer, wenn der Grieche und der Italiener da sind. Die können zwar nicht so gut Polnisch wie der Kevin und der Stefan, aber dafür sind sie sehr lustig.“

13.8.05
Unsere Reise geht zu Ende. In ein paar Stunden werden wir in den Paris-Moskau-Express steigen und nach einer langen Nacht im Liegewagenabteil wieder zurück in Deutschland sein. Babcia ist traurig. Als wir uns von ihr verabschieden, drückt sie uns schwere Provianttüten in die Hand, umarmt uns und sagt: „Wenn es Euch in Deutschland nicht mehr gefällt, dann kommt ihr eben nach Polen und macht bei „Europa kann man mögen“ mit.“

Helena Schneider

Weitere Beiträge des Polen-Specials - Autorenporträts und Rezensionen - finden Sie hier

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