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    TITEL kulturmagazin
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    Nicholson Baker: Eckenknick oder Nachrichten von einem Büchermord

    10.03.2006

    Die Angst vorm Tod gebiert Zombies
    Der amerikanische Schriftsteller Nicholson Baker hat mit seinen Sachbuch “Der Eckenknick” eine kriminalistische Recherche geschrieben über die jahrzehntelang verschwiegenen gigantischen “Kollateralschäden” bei der Umwandlung amerikanischer Bibliotheken in Mikrofilmarchive und wie dabei “die Bibliotheken sich an den Büchern versündigen”.

     

    Der 1957 geborene amerikanische Schriftsteller Nicholson Baker ist wohl der seltsamste & eigenwilligste Autor der USA. Er schreibt Sachbücher als Romane & Romane als Sachbücher, beides aber mit der gleichen Liebe zum Detail und der Passion für das Exakte: ob es sich um die Erotik des Telefonsex oder die Liebesblicke der Konsumwelt handelt, ob er den phantastischen Einfall, mit einem Fingerschnippen die Zeit und Welt anzuhalten, minutiös ausfabuliert, oder am Beispiel des bewunderten John Updike eine Poetik des Lesers entwickelt. Paul Ingendaay hat den kauzigen Amerikaner unübertrefflich in der FAZ kürzlich einen “hingebungsvollen Beschreiber der kleinen Dinge” und einen “Fetischisten der physischen Welt” genannt; andere sehen ihn und sein Oeuvre in nächster Nähe zu Proust oder Nabokov.

    Aber dieser wunderliche Kauz namens Nicholson Baker, kann wütend und bitter werden und scheut sich dann nicht, sich Feinde dort zu machen, wo er seine besten Freunde haben müsste. Das beweist sein 2001 in den USA publiziertes Buch, das jetzt in der makellosen Übersetzung von Helmut Frielinghaus und Susanne Höbel unter dem deutschen Titel “Der Eckenknick oder Wie die Bibliotheken sich an den Büchern versündigen” bei Rowohlt erschien. Es ist ein toller, kurioser, tragikomischer Schmöker von 350 Seiten Kriminalrecherche, mit zusätzlich 331 weiterführenden Anmerkungen auf knapp 100 Seiten, 22 Seiten vom Autor durchgeforsteter Literatur und einem 25seitigen Sach- & Personenregister zur Identifikation der Fundstellen für Ross & Reiter. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass Walter Hellmanns Umschlagsgestaltung, die ein Bibliotheksexemplar simuliert, schön & pfiffig ist.

    Als Baker, der ein ebenso passionierter Bibliotheken-Nutzer ist, wie Hemingway einer von Bartheken war, 1993 bemerkte, dass der gute alte Zettelkatalog aus ihnen verschwunden war, schrieb er ihm ärgerlich im “New Yorker” einen bewegenden Nachruf (auf deutsch in Bakers “U & I” nachzulesen) und etablierte mit einem Paukenschlag in manchen Bibliotheken seinen Ruf als böser Kritiker (und Spinner), was aber den Vorteil hatte, dass sich ein paar mit ihm sympathisierende Bibliothekare in San Francisco seiner erinnerten, um ihre Klage bei ihm loszuwerden Sie hatten mit ansehen und sich daran beteiligen müssen, dass Verwaltungsleute verfügten, “ein paar hunderttausend Bücher auf die Müllkippe” zu werfen - nur weil das neue Bibliotheksgebäude zu klein war.

    Baker beisst noch nicht an

    Als Baker darüber nicht nur wieder im “New Yorker” schrieb, sondern auch in San Francisco einen Vortrag hielt, meldete sich ein gewisser Mr. Blackbeard bei einer Zeitungsreporterin, die darüber berichtet hatte, und gab ihr mit der geheimnisvollen Andeutung, er habe eine Geschichte für Baker, seine Telefonnummer. Der Schriftsteller, der gerade zu einem einjährigen Englandaufenthalt aufbrach, meldete sich erst einige Monate später bei dem Unbekannten. Dieser Herr Schwarzbart war ein Liebhaber, Kenner & Editor von amerikanischen Comic-Strips, der eine “sehr große Anzahl aus Bibliotheksbeständen stammender Zeitungsbände besaß”, die er erworben hatte, als die “Library of Congress” u.a. große Bibliotheken sie abgestoßen hatten, weil sie diese riesigen Sammlungen durch Mikrofilme ersetzt hatten. Blackbeard sprach von “betrügerischen” wissenschaftlichen Studien, aufgrund deren die Bibliotheken sich von ihren Primärbeständen getrennt hatten - aber Baker, der es leid war, “über Bibliotheken zu schimpfen”, weil er sie ja mochte, biss bei dieser zweiten ausgeworfenen Angel nicht an.

    Fast zwei Jahre später aber besuchte er den passionierten siebzigjährigen Sammler, der ihm weitere Details seiner Tätigkeiten erzählte - zum einen, dass die Bibliotheken das Papier der wegen drohender Säure- und Verfallsschäden ausgemusterten Zeitungssammlungen dadurch “testeten”, dass sie eine Ecke solange hin- und her knickten, bis sie brach; zum anderen, dass Blackbeard sich nur dadurch in den Besitz der dem Müll zugedachten Schätze bringen konnte, indem er seine gemeinnützige “Academy of Comic Art“ gründete, weil die öffentlichen Bibliotheken ihre Ausschussware an private Nutzer damals nicht verkaufen konnten. Zwei folgenreiche Informationen: jetzt biss der Bibliomane an !

    Bis Nicholson Baker, der nach seinem Englandaufenthalt von Kalifornien an das östliche Ende der USA, nach Maine, gezogen war, aber nun selbst, in einem tollkühnen & verzweifelten Akt der bibliophilen Nächstenliebe mit Geld aus der Lebensversicherung seiner Familie 1999 seine gemeinnützige “American Newspaper Repository” gründete - gewissermaßen ein Waisenhaus für usamerikanische Zeitungssammlungen aus dem Beginn des 20.Jahrhunderts, welche zur Jahrtausendwende die “British Library” abstieß & in einer Auktion zum Kauf anbot -, waren rund 6 Jahre vergangen.

    Im Reich der Finsternis der Bibliotheken

    Während dieser Zeit hatte sich der Schriftsteller, nachdem er zum erstenmal auf weitreichende Veränderungen im Inneren der amerikanischen Bibliothekswesen gestoßen war, an eine minutiöse Recherche gemacht, die ihn, je intensiver und umfassender er seine Reise in dieses “Herz der Finsternis” ausdehnte, zur Erkenntnis eines millionenfachen Büchermords führte - verübt von jenen, denen die antiquarischen Schätze des öffentlichen Gedächtnisses anvertraut waren, ausgeführt aufgrund einer epidemischen Hysterie, die den Verfall des primären Bestands an Büchern immer frenetischer an die Wand malten, um damit umso mehr öffentliche Gelder und gigantische Spenden von Stiftungen zu akquirieren - im Namen des wissenschaftlichen Fortschritts der Mikroverfilmungsindustrie, welche zu versprechen schien, die angeblich unrettbar dem Untergang geweihten Bücher wenigstens immateriell, als schwarz-weiße Mikrofilme ihrer Druckseiten, einer ferneren Zukunft und dem mehrfach apostrophierten “Gedächtnis der Menschheit” zu bewahren - einer Zukunft, die in den allermeisten Fällen entgegen den lautstarken und unkorrigierbar folgenreichen Behauptungen ihrer hochgestellten und hoch angesehenen Vertreter nach Bakers Forschungen de facto weder schon begonnen hat, noch absehbar ist.
    Denn die für längst tot erklärten Bücher: leben noch!

    Nicholson Baker ist kein Karl Kraus und “Der Eckenknick” nicht seine “Letzten Tage der Bücher”; aber dieser pingelige Bücherwurm, Philologe und pragmatisch sich im Dschungel der Verlautbarungen, Berichte, Polemiken, Gutachten, Dokumente vortastende, die überlebenden “Täter” interviewende Reporter & Berichterstatter hat mit seiner Stück für Stück voranschreitenden, gelegentlich sinnvoll ausufernden, aber immer streng an den Sachen entlang entwickelten & argumentierenden Dokumentation eine oft mit zusammengebissenen Zähnen geschriebene, manchmal auch mit ironisch-satirischen Mitteln formulierte “Streitschrift” vorgelegt. Es ist ein überwältigend deprimierendes Buch (und sein privates “Happyend” ist keines), das den unerhörten Skandal einer gigantischen menschlichen Dummheit ausstellt, die von Swift oder Canetti hätte imaginiert werden können - geschehen in Tateinheit mit einer immensen materiellen und immateriellen ökonomischen Verschwendung, zugunsten eines “Fortschritts”, der von einer privatwirtschaftlichen Industrie provoziert, befördert & benutzt wurde, die für ihre im 2. Weltkrieg entwickelten & von der NASA fortentwickelten Verdichtungs-, Übertragungs- & Archivierungstechniken Verwertungs-Futter suchte und sie in der Rationalisierung und Rationierung des usamerikanischen Bibliotheksbestands massenhaft bis heute fand. Und zwar nicht zuletzt deshalb, weil nicht wenige der obersten amerikanischen Bibliothekare erstaunlicherweise aufgrund ihrer beruflichen Karriere in diesem industriell-militärischen Komplex & der CIA Zwischenstation gemacht hatten und an dieser “höheren Art des Indianerspielens” (Thomas Mann über Schillers Dramaturgien) fortdauernden Gefallen fanden. .

    Offensichtlich kamen die verantwortlichen Täter & Propagandisten aber nicht aufgrund einer Verschwörung auf ihre einflussreichen Posten, sondern als erfahrene Verwaltungstechniker, die mit deren “modernen” Entwicklungen vertraut waren und in die eo ipso und fundamental der Tradition verpflichteten, “verstaubten” Bibliothekslandschaften “frischen Wind” blasen wollten - entsprechend der Entwicklungen der chemisch-physikalischen Technologien, deren innerster Kern die Verwirklichung einer spitzfindigen scholastischen Spekulation ist: die Versammlung von tausend Engeln auf einem Stecknadelkopf, vulgo: größte Massenverdichtung auf kleinstem immateriellen Raum - Dank der Elektronik

    Wie man Raumnot aus der Welt schafft

    Es gab zwei durchaus rationale Gründe, die zu dem großen Zeitungs- & Büchermord in der usamerikanischen Bibliothekslandschaft führten, der seit den Dreißiger Jahren von Fanatikern der Mikroverfilmung verfolgt und ausgeführt wurde. Zum einen basierte das exekutierte Programm der “Zerstörung als Bewahrung” auf wachsenden Platzproblemen der Bibliotheken, zum anderen auf der Angst vor dem natürlichen Altern und endgültigen Verrotten der Bücherbestände.

    Seit Mitte des 19. Jahrhunderts waren dem Druckpapier Säuren beigegeben worden, von denen langfristig gemutmaßt wird, sie würden nach und nach die Bücher derart beschädigen, dass sie am Ende brüchig und “zu Staub” zerfallen würden, wie es uns Menschen ja die Bibel vorausgesagt hat. Vor allem dieser metaphorische Nebensinn war es wohl, der den amerikanischen Kongress in den späten Achtziger Jahren zu einer Ausgabe von 358 Millionen $ für 3,3 Millionen zu “rettende“ Bücher bewegte, nachdem die Lobbyisten, die in den Jahrzehnten zuvor schon zig Millionen $ in ihre Transsubstantiations-Programme investiert hatten, mit der biblischen Androhung, das in Büchern gesammelte “menschliche Gedächtnis” drohe “zu Staub” zu verfallen, ihre Trumpfkarte gezogen hatten, um aus Originalen Kopien und aus Büchern Geistererscheinungen auf Mikrofilm zu machen.

    Diese Trumpfkarte der “Bibliotheksretter” wurde 1989 begleitet von einem nicht nur in den USA, sondern auch weltweit verbreiteten “Dokumentarfilm”, der aber von den Auftraggebern als Propagandafilm konzipiert und verwendet wurde. Sein bezeichnender Titel “Slow Fires” metaphorisiert den Zerfallsprozess von Papier, indem ihm der schlimmste Feind des Papiers, das Feuer, (un)sinnigerweise als schleichende, inhärente “Selbstverbrennung” zugeschrieben wird. Spielt der Titel aber nicht unterschwellig auch noch auf das Menetekel der universellen Bibliotheksgeschichte an, die Brandzerstörung der Alexandrinischen Bibliothek? Dabei ist noch nirgends ein Buch von selbst zu Staub zerfallen. Aber Metaphern leben, wie man leidvoll aus ganz anderen, ebenso tödlichen Zusammenhängen weiß (nicht erst seit der Metapher von den Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins).

    Nicholson Baker richtet sein forschendes Augenmerk aber nicht, wie ich es hier getan habe, auf die symbolische Sprach-Politik und die damit betriebene Ideologie, oder auf die materialistische Metaphysik einer ignoranten Technikvergottung, der alles “machbar” erscheint, dabei aber die eigene Unvollkommenheit der technischen Möglichkeiten außeracht lässt, wie sie hier exemplarisch zutage liegt. Baker verfolgt nur pragmatisch den schwelenden Säureprozess innerhalb der amerikanischen Bibliotheksverwalter und die zunehmende Verklumpung ihrer katastrophalen Rettungsversuche anhand ihrer grotesken Experimente, ihrer kalkulatorisch falschen ökonomischen Hochrechnungen und ihrer bodenlosen Spekulationen. (Einmal wollten sie z.B. mithilfe der NASA & vielen Millionen $ Bücher “entsäuern” & haben eine veritable Bombe produziert, deren hochexplosive Zündung “nur” ein paar Tausend Bücher zum Opfer fielen: der schiere Wahnwitz, dem aber bereits im 19. Jahrhundert, bei der Suche nach Papier-Material, Millionen ägyptische Mumien vorausgegangen waren!)

    Das Fell abziehen von Kadavern

    Immer wieder stößt Nicholson Baker bei seinen kriminalistischen Recherchen auf das Grundproblem der Raumnot. Durch den stetigen Zugang neuer Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, also die ununterbrochene Akkumulation neuer Primär-Objekte, sahen (& sehen) sich die Bibliotheken, wollen sie authentische Archive der laufend Geschichte werdenden Gegenwart sein & bleiben, einer infiniten Raumerweiterung gegenüber. Statt aber im Raum zu expandieren, schien das Mikrofilmverfahren (& heute das digitale Scannen) die langfristige Aussicht zu eröffnen, diese Notwendigkeit aus der (räumlichen) Welt zu schaffen, jedoch mit der Voraussetzung, dabei die Primär-Objekte im (nicht zu vergessen: fragmentarischen) Adaptions-Prozess ihrer Verwandlung jeweils zu zerstören. Die ausersehenen Bücher werden aus der Bindung gelöst & beschnitten - “guillotiniert”, wie Nicholson Baker den Vorgang nennt. Danach sind Bücher und Zeitungen nur noch lose Blätter, die auf den Müll geworfen werden - wie Kadaver, sage ich, denen das Fell abgezogen wurde.

    Mitnichten ist damit die geistige (oder gar die ästhetische) Substanz der Bücher “gerettet”, wie ihre Engel- , besser: Gespenstermacher behaupten, weil diese Kopien mangelhaft, “korrupt” und ihre lesbare Qualität oft weit vom Original entfernt ist (und die Technik schnell veraltert); noch gar weiß man etwas Verlässliches über die Lebensdauer der Dematerialisierten. Manche dieser Kopien werden sogar durch intensiven oder zu häufigen Lichteinfall zu eben dem, wogegen sie bei Büchern angetreten sind: unlesbar.

    Nun ist Baker kein solcher Bücherfetischist, dass er grundsätzlich gegen die Verwendung der Ersatzmedien wäre; aber er musste diesen Anschein erwecken angesichts der Radikalität, mit der die Lobbyisten der elektronischen Transsubstantionsindustrie vorgehen. Ihr Ziel ist ja nicht eine doppelte Sicherung des Primärbestands, sondern die Ersetzung des Papiers durch Mikrofiches & digitalisierte Elektronik. Wo einmal Originale waren, sollen nur noch platzsparende Kopien sein. Noch nicht einmal mehr in den obersten, zentralen, umfänglichsten Nationalbibliotheken, wie der “Library of Congress” in Washington D.C. oder der “British Library” in London sind die Originale vor ihrer Nachstellung sicher, und schon gar nicht mehr in den zahllosen anderen großen Bibliotheken, die sich ja genauso verhalten haben wie ihre bibliothekarischen Leithammel und ihre immensen Buchbestände teils vernichtet, teils vermüllt, teils verkauft haben. Selbstverständlich hat man aber den jahrelangen insgeheimen amerikanischen Büchermord nicht öffentlich gemacht und wenigstens intern dokumentiert (wie das unter deutschen Bürokraten bekanntlicherweise üblich gewesen wäre). Aber nach Bakers vorsichtiger Schätzung des gehorteten Verlustes handelt es sich um ca. 1 Million Bücher im Wert von 39 Millionen $ - ein beachtlicher Schildbürgerstreich von vernichtend tätigen Rettern des amerikanischen Bibliothekswesens!

    Falsche Rechnungen & Fehlspekulationen

    Der Verlust an Büchern, Zeitungen & Zeitschriften ist das eine; die sich daraus ergebenden Folgekosten, die Baker katalogisiert, sind aber nicht weniger horribel. Denn allen Kosten/Nutzen-Rechnungen zum Trotz übertrifft sowohl die teure Investition in die elektronische Übersetzung, als auch deren fortlaufende Erneuerung & Umformatierung entsprechend der technischen Entwicklung bereits um ein Mehrfaches die angeblich damit gesparten Kosten für eine klassische Lagerung der Primärbestände in Raumerweiterungen der Bibliotheken. Auch das ist also ökonomisch ein Schuss in den Ofen - ganz zu schweigen davon, dass die Bibliotheken ganze Bestände kommerziellen Nutzern überlassen haben, die potentielle Interessenten, die früher allenfalls Fernleihegebühren hätten entrichten müssen, kräftig zur Kasse bitten - so dass, wie Baker an einem Beispiel zeigt, sogar der Kauf eines Buches, falls es angeboten wird, billiger ist, als dessen Nutzung qua Mikrofilm. Denn der kommerziellen Privatisierung öffentlich gesammelten historischen Eigentums ist natürlich - sofern man die kapitalistische Wirtschaftsordnung für naturgegeben hielte - durch diesen Prozess der technischen Reproduzierbarkeit bibliographischen Materials und dessen privatwirtschaftlicher Rationierung, bei gleichzeitiger Abstoßung und Vernichtung seiner Primärobjekte im öffentlichen Besitz, weit Tür & Tor geöffnet worden.

    Der vielleicht lachhafteste Witz, den die Dummheit sich in diesem wahrhaftigen bibliothekarischen Absurdistan hat einfallen lassen, ist der “Eckenknick-Test”, der über Wohl & Wehe, geisterhaftes Fortleben und realen Tod der Bücher entscheidet. Dabei wird bei älteren Büchern deren voraussichtliche Dauerhaftigkeit dadurch bestimmt, dass man die Ecke einer Seite so lange hin-& herknickt, bis sie bricht, womit nach einer gewissen Zahl von Knick-Tests die angebliche “Brüchigkeit” bestimmt, also leiblicher Tod & immaterielle Auferstehung in den Mikro- oder Digital-Himmel verfügt wird.

    Dieses pars pro toto ist in zweierlei Hinsicht infam: zum einen, indem es (symbolisch gesehen) eine Unsitte von brutalen Büchervernutzern serialisiert & dann zur Richtschnur für ein Urteil über die Lebenserwartung von Büchern macht; zum anderen faktisch, weil es nichts aussagt über die fortdauernde Nutzung von alten Büchern, sofern mit ihnen nicht anders verfahren wird, als es ihnen adäquat ist: nämlich indem sie Seite für Seite umblätternd gelesen werden. Baker hat an einem aufgrund des Eckenkicktests für brüchig, also zur Vernichtung verurteilten Buchs, den Lesetest gemacht - selbst nach dem 400. Mal seines Seitenblätterns lebte das totgesagte Buch noch, als sei es keiner Belastung ausgesetzt gewesen!

    So steckt Nicholson Bakers Kriminalitätsrecherche im usamerikanischen Bibliothekswesen voller Merk- & Denkwürdigkeiten - und gleicht doch dem Kampf eines Don Quichotte des Common sense, der entdeckt hat, dass eine mit Angst & Gier, Fanatismus und Ideologie betriebenen Papiermühle seit Jahrzehnten unersetzliche Bücherschätze zermalmt und der nun mit der Lanze seines Buches “Der Eckenknick” die riesigen Windräder aufhalten will, während sie doch vom stetig blasenden Wind der menschlichen Dummheit unablässig herumgewirbelt werden.

    Don Quichotte rettet die Ritterromane

    Nicholson Bakers besondere Passion gilt der usamerikanischen Zeitungskultur Ende des 19. und im 20.Jahrhundert. In ihr sieht er zurecht unübertrefflich genaue, teilweise auch noch ästhetisch grandios gestaltete Leitmedien, Spiegel & Seismographen der amerikanischen Gesellschaft & ihrer spezifischen Lebensverhältnisse Aber gerade solche Zeitungssammlungen waren aufgrund ihres Großformats und der Schwere ihrer gebundenen Jahresausgaben ein besonderes Dorn im Auge der Rationalisierer. Diese Schwergewichte nahmen viel Platz ein, standen im Verdacht des vernachlässigbaren Trivialen und eines besonders fortgeschrittenen Papierzerfalls.

    Dagegen konnte Baker aber feststellen, dass gerade das Gewicht der Sammlungen das Zeitungspapier wie eine Vakuum-Verpackung geschützt hatte, also die Zeitungen in einem erstaunlich guten Zustand waren & sind, jedoch ihre schwarz-weißen Mikrofilmübertragungen nicht allein den Vierfarbendruck der Illustrationen und deren Schattierungen annihiliert haben, sondern auch das Großformat der Zeitungen ein unüberwindbares Hindernis für eine auch nur annähernde Reproduktion darstellte, kurz: dass hier die Technik das Primärobjekt irreparabel dekonstruierte, fragmentierte & unlesbar machte.

    Als er 1999 erfuhr, dass die “British Library” - die viktorianische “Mutter aller Nationalbibliotheken” - ihre lückenlosen Bestände usamerikanischer Zeitungen auf einer Auktion zum Kauf anbot, reiste er nach London, versuchte die Verantwortlichen von ihrer Verantwortungslosigkeit gegenüber diesen Kulturdokumenten (erfolglos, versteht sich) abzubringen, schrieb sogar an Premierminister Blair, gründete dann schleunigst seine gemeinnützige Stiftung des “American Newspaper Repository” und gab einige Angebote auf eigene Rechnung bei der Auktion ab.

    Die Darstellung seiner Hitchcockreifen last-minute-rescue ist der Höhepunkt seines individuellen aktiven Widerstands gegen den fortdauernden Bücher- & Zeitungsmord. Er hatte schließlich, unter höchsten persönlichen finanziellen Opfern, einige Zentner wertvollster Zeitungen an Land, in Maine, ziehen können und damit “heimgeholt”. Es ist ihm danach mit Zähigkeit sogar gelungen, noch andere Zeitungsammlungen der Auktion, die ein amerikanischer Ausschlachter ersteigert hatte - denn auch damit hat sich ein florierender Markt etabliert -, mithilfe von Spenden aus Stiftungen unversehrt zu erwerben.

    “Manchmal bin ich selbst einigermaßen erstaunt, dass ich so etwas wie ein Zeitungsbibliothekar geworden bin und nun die Aufgabe habe, über diesen majestätischen, aus Papierbrei entstandenen, altehrwürdigen Schatz zu wachen“, schreibt Baker, und er fährt fort: “Natürlich habe ich Angst, dass mir das Geld ausgeht und dass ich Monate und Jahre meines Lebens und des Lebens meiner Frau für diese Aufgabe hingebe. (...) Die zweitausend Quadratmeter Raum in der Nähe meines Wohnorts, Platz genug, um all die Zeitungen in Regalen unterzubringen und ein kleines Lesezimmer einzurichten, kosten rund sechundzwanzigtausend Dollar im Jahr - das entspricht ungefähr dem Gehalt eines Mikrofilm-Technikers. Es erscheint mir nicht viel, wenn man dafür das >inhärente Übel< und die Tugenden eines ganzen Jahrhunderts und mehr bewahren kann”.

    Ein Happyend? Nein: kein Happyend. Nur die mutige, rührende, idealistische Ruinen-Rettung eines Enthusiasten. Jedoch der “Fortschritt” der Scanner-Maschinen schreitet, da ihm in seiner Einfalt nichts anderes einfällt, weiter fort.

    Wolfram Schütte


    Nicholson Baker: Der Eckenknick oder Wie die Bibliotheken sich nan den Büchern versündigen. Aus dem Amerikanischen von Helmut Frielinghaus und Susanne Höbel. Rowohlt Verlag, Reinbek 2005, mit Illustr. 29.90 ¤

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