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Polen - Special (Teil 5)

16.02.2006

Versunkene Welten

Danzig, die alte Hansestadt an der Mottlau, ist ein magischer Ort. So scheint es zumindest bei der Lektüre des Erzählbands „Silberregen“, in dem Paweł Huelle längst verschwunden geglaubte Welten auferstehen lässt.

 

Porträt Paweł Huelle

Bekannt wurde Paweł Huelle bereits in den Achtziger Jahren durch sein viel gelobtes Romandebüt „Weiser Dawidek“ (1987), das von vielen polnischen Kritikern als das „Buch des Jahrzehnts“ bezeichnet wurde. Geboren wurde der Journalist und Autor 1957 in Danzig, wo er Polonistik studierte und anschließend im Pressebüro der „Solidarnosc“! arbeitete. Mitte der Neunziger Jahre war Huelle Regionaldirektor des Danziger Fernsehens, Feuilletonist bei der polnischen Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“ und lehrt neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit an der Danziger Universität.

Huelles Erzählungen sind meist in Danzig und Umgebung, d.h. in der „kleinen Heimat“ des Autors angesiedelt. In „Weiser Dawidek“ portraitiert er das Danzig der Fünfziger Jahre, einer Stadt, die vom Krieg und von den Wirren der Nachkriegszeit gezeichnet ist. Ebenso charakteristisch für sein Werk ist das Motiv des Erwachsenwerdens und der damit verbundenen Suche nach geistigen Wurzeln, die beispielsweise in dem Erzählband „Silberregen“ (2000) beschrieben wird.

Von besonderem Interesse, vor allem auch für Kenner und Liebhaber der deutschen Literatur, ist die Tatsache, dass der Bezug auf andere literarische Texte in der Arbeit des Danzigers eine bedeutende Rolle spielt. Huelle führt einen Dialog mit anderen Autoren aus Gegenwart und Vergangenheit wie beispielsweise Günther Grass oder Thomas Mann. In seinem neuesten Roman „Castorp“ (2005) greift er einen eher beiläufig erwähnten Satz aus Manns berühmten „Zauberberg“ auf, demzufolge die Hauptfigur Hans Castorp einige Semester in Danzig studiert hat, und entwirft ein atmosphärisch dichtes Bild seiner Heimatstadt um die Jahrhundertwende. Huelle knüpft damit nicht nur an die lange Tradition der Danziger Literatur an, sondern hat sich schön längst als einer der wichtigsten Brückenbauer zwischen der deutschen und der polnischen Literatur etabliert.


Rezension „Silberregen“ (Danziger Erzählungen)

Danzig, die Stadt, in der der polnische Autor seine Kindheit verbracht hat, steckt voller Geschichten. Eine davon ist die Geschichte von Herrn Winterhaus, die Huelle in der Erzählung „Silberregen“ beschreibt. Sie handelt von einer Münzsammlung, die Herr Winterhaus vor seiner Flucht aus Danzig nach ´45 in dem Küchenschrank seines Hauses versteckt. Sein Sohn, der die Münzen bei einem Besuch in Danzig eines Tages wiederentdeckt, versucht mit den neuen Bewohnern des Hauses die heikle Frage nach dem Eigentum zu klären. Nach einer vorsichtigen Annäherung, bei der der junge Herr Winterhaus und die polnischen Hausbewohner sich auf eine gerechte Verteilung des silbernen Schatzes einigen, entschwindet dieser schneller wieder als er aufgetaucht ist: Bei einem gemeinsamen Bootsausflug, bei der das Boot kentert und die Insassen zurück an Land schwimmen müssen, sinken die Münzen langsam, wie ein silberner Regen, auf den Grund des Sees.

Huelles erzählt von Außenseitern bzw. Menschen, deren Verhalten auf den ersten Blick etwas eigentümlich erscheint. Er arbeitet mit verschiedenen Zeitebenen und nimmt den Leser mit auf eine Reise an magische Orte und längst versunkene Welten. In „Silberregen“ ist dies das Danzig des alten Herrn Winterhaus, Direktor der städtischen Straßenbahn, der sich in der Nacht bevor seine Stadt von der russischen Armee dem Erdboden gleich gemacht wird, noch einmal zum leeren Straßenbahndepot begibt. In Erinnerung an die Zeit als er noch ein gewöhnlicher Straßenbahnfahrer war, fährt er die ihm vertrauten Strecken, stellt Weichen und locht Streckenfahrscheine, bis die ersten Granaten fallen und dafür sorgen, dass Danzig nie wieder das sein würde, was es gewesen war.

In „Gute Luisa“ ist dies der Sommer einer Kindheit, die der Ich-Erzähler mit Luisa, der geheimnisvollen Tochter des letzten Danziger Scherenschleifers, auf der im Krieg zerstörten Speicherinsel verbringt. In „Erste Liebe“ erzählt Huelle die Geschichte von Jazz, einem jungen Werftarbeiter, der einen tragischen Tod stirbt, weil er die Liebe eines Mädchens gewinnen will.

Huelles Erzählungen haben alle einen realen Kern, die erst durch die phantasievolle Ausgestaltung der Handlung ihren ganz eigenen Zauber erhalten. Durch den Wechsel von Zeit- und Perspektivebenen verwebt er persönliche Erfahrungen, historische Ereignisse und Fiktives zu poetischen Geschichten, in denen die Figuren ein wenig sonderbar, die Orte dafür umso magischer sind. So magisch wie die erste Liebe – oder ein silberner Regen.

Helena Schneider

weitere Beiträge zum Polen-Special finden Sie hier

Fortsetzung folgt...


Pawel Huelle: „Silberrregen“.
Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall.
Rowohlt, 2000.
Gebunden, 269 S., EUR 19,43.
ISBN 3-87134-343-9.


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