• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 22. Juli 2017 | 02:32

     

    Heinrich Heine: 150. Todestag

    10.02.2006

    Vaterlandsverräter in der Matratzengruft
    Der Todestag des von den Deutschen ungeliebten Sohnes Heinrich Heine jährt sich am 17. Februar 2006 zum 150. Mal. "Titel" hat sich auf dem Buchmarkt umgesehen und präsentiert aus der Fülle der Neu- und Wiedererscheinungen eine Auswahl von Büchern, die sich mit Heine beschäftigen oder von ihm verfasst wurden.

     

    Wahrscheinlich wird aber die fleischgewordene Schokokugel aus Wien das Jahr 2006 dominieren. Wolfgang Amadeus Mozart steht mit seinem 250. Geburtstag an der Spitze des Gedenkjahrhypes. Garantiert. In zweiter, aber nicht minder bedeutender Reihe: Heinrich Heine.
    Heines Vita im Telegrammstil: am 13.12.1797 in Düsseldorf als Sohn des Schnittwarenhändlers Samson Heine geboren, besuchte er von 1810 bis 1814 das Lyzeum Düsseldorf. Anschließend machte er in Frankfurt/Main eine kaufmännische Lehre und arbeitete 1816 im Bankhaus seines o­nkels in Hamburg. In Bonn studierte er Jura und ging 1820 nach Göttingen, wo er wegen eines Duellvergehens vom Hof gejagt wurde. 1821 bis 1823 studierte er in Berlin und reiste 1831 endgültig nach Paris. 1835 wurden seine Schriften in Deutschland verboten. Heinrich Heine starb am 17.2.1856 in Paris.
    Christ und Jude, Schriftsteller und Revolutionär – Heinrich Heine war ein typischer Deutscher, der sein Deutschsein auf vielen Ebenen aber ignorierte und zwischen viele Stühle geriet.

    Als Heinrich Heine im Jahre 1843 nach zwölf Jahren zum ersten Mal wieder in Deutschland weilte, notierte er seine Beobachtungen mit Auslandsaugen und macht ein Buch daraus. "Deutschland, ein Wintermärchen" eckte an, was der Dichter vorausgeahnt hatte: "Du lästerst sogar unsere Farben, Verächter des Vaterlands, Freund der Franzosen, denen du den freien Rhein abtre-en willst!" schrieb Heine im Vorwort des 1844 erschienen Buches. Die spitze Feder des Dichters stach wundenreißend ins deutsche Fleisch. Der Reclam Verlag legt zum Todestag eine aufwändige Sonderausgabe mit Zeichnungen des Illustrators und Satirikers Hans Traxler vor. Vertraut wie von heute erscheinen die von Traxler gezeichneten Mensch- und Tierfiguren. Ihm ist es gelungen, das Volk und den Dichter auf Augenhöhe zu bringen und vielleicht sogar im nachhinein ein kleines Stückchen Versöhnung angesichts solcher Strophen zu schaffen: "Sei mir gegrüßt, mein Vater Rhein,/Wie ist es dir ergangen?/Ich habe oft an dich gedacht/Mit Sehnsucht und Verlangen."

    Eine der berühmtesten Heine-Zeilen zeigen den Dichter auf dem Höhepunkt seiner Kunst. Und auf der Spitze seiner deutschland- und gesellschaftskritischen Arbeiten. "Denk ich an Deutschland in der Nacht,/Dann bin ich um den Schlaf gebracht,/ Ich kann nicht mehr die Augen schließen,/Und meine heißen Tränen fließen." Heines "Neue Gedichte", erschienen bei 1844 bei Campe in Hamburg, zählen heute zur meilensteinschweren Entwicklungsgeschichte der modernen Lyrik. In der Edition Büchergilde erscheint eine Neuausgabe mit reizvollen Illustrationen von Isabel Große Holtforth, deren Zeichnungen sich vornehm einer Eins-zu-Eins-Textkommentierung zurückhalten. Trotzdem spiegelt sich Heines Sprachkraft in den bunten, einfach strukturierten Bildern wieder.

    Wie produktiv Heinrich Heine auch beim Verfassen von Liebesgedichten war, zeigt der schmale Band "So zärtlich, Herz an Herz. Die schönsten Liebesgedichte" bei Hoffmann und Campe. Im berühmten "Buch der Lieder" von 1827 stellte Heine schon seine Liebesdichtungstauglichkeit unter Beweis. Doch war Heine keine für viele Gelegenheiten benutzbarer Romantiker; wahrscheinlich schrieb er mehr über unglückliche und unerwiderte Liebe als über die des erfüllten Glücks. Günter Berg schreibt im Nachwort: "Hatte der junge Dichter sich noch gesehnt nach der erfüllten Liebe, aus ihr sich Garantien für ein glückliches Leben erhofft, so ist der nunmehr in Liebesdingen erfahrene Mann skeptisch und ohne Illusionen." Dieses Gedichtbuch für die Manteltasche ergänzt der "Heinrich Heine Kalender 2006" in beispiellos großzügiger Ausstattung. Neben Raum für eigene Notizen enthält er Lebenszeugnisse Heines, komplette Gedichte, Textauszüge, Illustrationen, Daten aus seinem Leben und eine Zeittafel.

    "Sämtliche Gedichte" sind sämtliche Gedichte. Punkt. In einer einmaligen Sonderausgabe des Insel Verlages hat Herausgeber Klaus Briegleb die Gedichte Heines in zeitlicher Folge angeordnet. Die ersten Verse datieren von 1812, die letzten aus den Jahren 1851-1855. Insgesamt 704 mit kleiner Schrift bedruckte Seiten wurden benötigt, um Heines gewaltiges Lyrik-Oeuvre ausgebreitet darzustellen. Klaus Briegleb findet im Nachwort auf relativ kleinem Raum die nötigen Worte, um Heines Lyrik zwischen Liebe und pamphlethaften Versen verständlich darzustellen. Mit diesem dickleibigen Buch ist derjenige sehr gut bedient, der sozusagen auf einem Blick den Dichter Heinrich Heine begreifen möchte.

    Heines Nähe zu uns heute versucht Kerstin Decker in ihrer Biographie "Heinrich Heine – Narr des Glücks" zu unterstreichen. Ihr Buch ist eine sprachgewaltige Zurschaustellung des zwiegespaltenen Schriftstellers, dessen Leben Decker in opulenter Bildsprache nachzeichnet. Bekanntschaft mit Vaterlandsverrätern wie Ferdinand Lassalle und Karl Marx und Friedrich Engels stellten den kritischen Kopf - der seine Stimme erhob, wie es sich damals als deutscher Untertan nicht gehörte – in die Revolutionsecke. "Aber über den Kommunismus sprechen der junge Dichter und der etwas angealterte Doktor [Karl Marx] nicht, sondern über etwas viel Wichtigeres. Sie sprechen über die Dichtung." Karin Decker ist eine wohltuend erfrischende Lebensbeschreibung Heines außerhalb akademischer Zirkel gelungen, die verständlich, lebensnah und sprachgelockert auch das Zwiespältige des Dichters nicht ausspart.

    Wissenschaftlichen Deutungen unterliegt Heinrich Heine bei Jakob Hessing und bei Monica Tempian. "Der Traum und der Tod" von Hessing untersucht Heine in zweifacher Hinsicht. Da ist zunächst der traditionelle Blick aus der Autobiographie des Dichters heraus auf seine literarischen Werke. Im zweiten Teil beschäftigt sich Hessing mit der jüdischen Herkunft Heines und erforscht "die jüdischen Dunkelräume eines gedichteten Lebens". Für Heinrich Heine wurde "eine wachsende Entfremdung" für sein Leben bestimmend. Was Hessing nicht allein mit Heines Judentum begründet sondern auch mit dem Sehnsuchtsmotiv aus "den Werken der Früh- und Spätromantiker, die die Literatur seiner Zeit beherr-schen." Auf ähnlicher Ebene siedelt Monica Tempian ihre Betrachtung "'Ein Traum, gar seltsam schauerlich...'" an, die sich mit der Romantikerbschaft und der Experimentalpsychologie in der Traumdichtung Heinrich Heines beschäftigt. Ups! Und doch: Interessant. Heine ist für sie ein "Traumkünstler", in dessen Werk sich viele Tendenzen uns Sequenzen in Traumgedichte und Traumerzählungen wieder finden. Ihr psychoana-lytischer Blick auf Heines Traumata-Jahre im "unfreiwillige[n] Exil in der rue d'Amsterdam Nr. 50, die acht Jahre während Isolation in der 'Matratzengruft'" (Heine erkrankte an der Rückenmarkschwindsucht und verbrachte sein Leben bis zum Tod 1956 in einem "Matratzengruft" genannten Zimmer) konzentriert sich auf den zeitlichen Kontext der Heineschen Lebensphasen.

    Bei aller Ausführlichkeit und peniblen Untersuchungsmethoden: Es geht auch schneller mit Heine. "Schnellkurs Heinrich Heine" heißt denn auch das von Winfried Freund bei DuMont herausgegebene Taschenbuch, das in kompakter, reich illustrierter Form einen bunten Querschnitt in Heines Leben und Werk ermöglicht. Kindheit und Jugend, Wanderjahre und die Zeit in Paris stehen breitbeinig-erhaben neben den Universitätslehr- und den Revolutionsjahren. Der Schnellkurs ist ein probates kleines Buch zum Einstieg.

    Das schafft auch der informative Artikel "Ein Faust-Kampf und seine Folgen" von Elke Schmitter in "Spiegel special – Bücher 2005". Schmitter selbst veröffentlichte bei dtv (Mai 2003) "Und grüß mich nicht unter Linden" – kommentierte Gedichte von Heinrich Heine.

    Der Kreis schließt sich langsam und findet sein Ende im Anfang. Düsseldorf heißt der Beginn allen Heineschen Wirkens. Dreiunddreißig Jahre dauerte es, bis die songenannten "Düsseldorfer Heine-Ausgabe" (historisch-kritisch) bis zum letzten Band erscheinen konnte. Deren Herausgeber Manfred Windfuhr schildert in seinem Erfahrungsbericht "Die Düsseldorfer Heine-Ausgabe" spannend und akribisch zugleich von den Widrigkeiten, dem Aufwand, den Anforderungen an die Bearbeiter und der Notwendigkeit eines langen Atems über diese editorische Großtat. Windfuhr verschweigt nicht, wie sehr manche Interessenslagen auseinander drifteten. Aber er beschreibt auch das ausdauernde und engagierte Verhalten der Geister, die Heine und sein Werk nicht mehr loslassen wollten, bis es in seiner Gesamtheit, auf sicheren Füßen stehend, der Öffentlichkeit übergeben werden konnte.

    Was bleibt von Heinrich Heine? Neben den Gedichten, Pamphleten, Aufsätzen? Schulen, Straßen, Plätze, eine Universität sind nach ihm benannt. Voll des Lobes äußern sich Akademiker und Politiker – wenn er gerade ins Bild und in die Gedanken passt – über ihn. Ungeliebte Söhne und Töchter gibt es in vielen deutschen Städten, da bildet Düsseldorf mit Heinrich Heine keine Ausnahme.

    Aus jüngerer Rück-Sicht unvergessen ist die große Peinlichkeit in Nordrhein-Westfalens Hauptstadt, als die dortige Universität sich mit dem Namen des ungeliebten Sohnes der Stadt schmücken wollte. Das hatte den Honoratioren gerade noch gefehlt: einer, der einst Deutschland den Rücken kehrte und beim Erzfeind in Frankreich unterkam, sollte am Rhein keine Erwähnung finden.

    Heute hat sich das Heine-Blatt gewendet, heute werden ihm also zum 150. Todestag kiloweise neue Bücher an den Totenkopf geworfen. In ehrenvoller Gedenkabsicht, versteht sich.

    Klaus Hübner


    Heinrich Heine/Hans Traxler: Deutschland. Ein Wintermärchen. Herausgegeben von Werner Bellmann, Illustrationen von Hans Traxler. Reclam Verlag. Ditzingen 2005. Gebunden mit Schutzumschlag. 143. Seiten. ISBN 3-15-010589-7. 14,90 Euro.

    Heinrich Heine: Neue Gedichte. Illustrationen von Isabel Große Holtforth. edition Büchergilde. Frankfurt/Main 2005. Gebunden mit Schutzumschlag. 246 Seiten. ISBN 3-936-42849-2. 24,90 Euro.

    Heinrich Heine: So zärtlich, Herz an Herz. Die schönsten Liebesgedichte. Hoffmann und Campe Verlag. Hamburg 2005. Gebunden. 91 Seiten. ISBN 3-455-03031-9. 5 Euro.

    Heine Kalender 2006. Hoffmann und Campe Verlag. Hamburg 2005. Kartoniert. 176 Seiten. ISBN 3-455-03028-9. 8 Euro.

    Heinrich Heine: Sämtliche Gedichte in zeitlicher Folge.Herausgegeben von Klaus Briegleb. Suhrkamp Verlag. Frankfurt/Main 2005. Leinen. 704 Seiten. ISBN 3-458-17275-0. 12 Euro.

    Kerstin Decker: Heinrich Heine, Narr des Glücks. Biographie. Propyläen. Berlin 2005. Gebunden mit Schutzumschlag. 448 Seiten. ISBN 3-549-07259-7. 22 Euro.

    Jakob Hessing: Der Traum und der Tod. Heinrich Heines Poetik des Scheiterns. Wallstein Verlag. Göttingen 2005. Gebunden. 294 Seiten. ISBN 3-89244-958-9. 29,90 Euro.

    Monica Tempian: "Ein Traum, gar seltsam schauerlich...". Romantikerbschaft und Experimentalpsychologie in der Traumdichtung Heinrich Heines. Wallstein Verlag. Göttingen 205. Broschiert. 208 Seiten. ISBN 3-89244—974-0. 24 Euro.

    Winfried Freund: Du Mont Schnellkurs Heinrich Heine. DuMont Verlag. Köln 2005. Broschiert. 192 Seiten. ISBN 3-832-17639-X. 14,90 Euro.

    Elke Schmitter: Ein Faust-Kampf und seine Folgen. In: Spiegel Special – Bücher 2005. Nr. 6/2005. Spiegel Verlag. Hamburg 2005. Heft mit CD. 130 Seiten. ISSN 1612-6017. 5 Euro.

    Manfred Windfuhr: Die Düsseldorfer Heine-Ausgabe. Ein Erfahrungsbericht. Grupello Verlag. Düsseldorf 2005. Klappenbroschur. 104 Sei-ten. ISBN 3-89978-043-4. 14,90 Euro.

    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

    Vive Le Pop

    Pünktlich zum 10-jährigen Jubiläum der gelungenen Compilation-Reihe gibt es die 7. Ausgabe von Le Pop. Die Reihe für frankophone Musikliebhaber ist ...

    Die Geschichte geht weiter

    Wieder ein Weltbestseller – Carlos Ruiz Zafóns Roman Der Gefangene des Himmels. Von PETER MOHR

    Musik in Schwarz-Weiß

    Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

    Nachgereichtes Wunder

    Dank eines Deals der Künstlerin mit Domino Records bekommen nun auch hiesige Fans die Möglichkeit, dieses im Frühjahr erschienene ...

    Petraeus und sein Stab

    Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

    Zum Ausklang

    Hier schließt sich der Kreis
    genießt sich (wer weiß)
    läuft jedenfalls heiß
    sein Leben als Preis

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    Vor den »Kindern des Olymp«

    Ein Mann, eine Frau und ein Hund entfernen sich nach hinten in die öde Landschaft eines Hafens. Es sind Bilder wie dieses, die die Magie einer Filmkunst prägen, die nahezu ausgestorben ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    Die böse Schlange
    und das weiße Kaninchen

    In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

    ... bis sie dann gestorben sind.

    Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

    Vom Leben gezeichnet

    Der bei Avant erschienene Sammelband Lästermaul & Wohlstandskind beinhaltet die ersten 50 Episoden der ...

    Ein Igel erlebt sein blaues Wunder

    Neue Kartracer haben es nicht leicht. Auch nach 20 Jahren ist der Schatten der einstigen Genregröße Mario Kart so mächtig, dass sich jeder neue Titel einen Vergleich ...

    Auf die gute alte Rock-n-Roll-Freundschaft

    Will man Menschen, die noch nie einen Teil der Call-of-Duty-Reihe gespielt haben, das Spielerlebnis näher bringen, sollte man das Bild eines Menschen zeichnen, welcher von allen Seiten ...

    Ein Geheimnis in einer Graskugel

    Auf die ganz großen Katastrophen im Leben kann man sich selten vorbereiten. Das geht nicht nur den Großen so, auch die Kleinen müssen solche Erfahrungen bewältigen. ANDREA ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter