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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 28. Mai 2017 | 18:36

     

    Polen - Special (Teil 4)

    08.02.2006

     
    Auf den Spuren der Vergangenheit– die Danziger Schule

    In „Die Gouvernante“ erzählt Stefan Chwin von der Schönheit und Vergänglichkeit des Lebens und stellt Fragen von großer Aktualität.

     

    Schopenhauer, Grass – diese Namen stehen für die Tradition der Danziger Literatur. In der neuen polnischen Literatur verkörpert die so genannte „Danziger Schule“ die Beschäftigung mit der jüngeren Vergangenheit aus regionaler Sicht. Schriftsteller wie Stefan Chwin, Aleksander Jurewicz oder Paweł Huelle, alle drei gebürtige Danziger, wandeln auf den Spuren ihrer literarischen Vorgänger. Sie setzen sich mit der Westverschiebung der polnischen Grenze nach `45 und deren Auswirkungen sowohl auf die polnische als auch die deutsche Bevölkerung auseinander, verzichten dabei jedoch auf Schwarzweißmalerei und Opferpathos. In den Büchern der Danziger Autoren gibt es längst nicht mehr die eine universelle Heimat und „den“ Helden, der sein Leben in den Dienst des Volkes stellt. Stattdessen gibt es viele „kleine Heimaten“ und viele verschiedene Wege, zu sich selbst und seinen Wurzeln zu finden. Der Blick auf die gemeinsame Vergangenheit ist mal nachdenklich-melancholisch, mal heiter-ironisch. Er geschieht oft aus kindlich-naiver Perspektive und ermöglicht den Autoren, auf unverstellte und unvoreingenommene Art und Weise über die Geschehnisse der jüngsten deutsch-polnischen Geschichte zu schreiben. Nicht die Moral steht - wie so oft bei der literarischen Aufarbeitung geschichtlicher Ereignisse – bei den Vertretern der Danziger Schule im Vordergrund, sondern die in der polnischen Literatur wieder gewonnene Lust und Freude am Erzählen.

    Portrait Stefan Chwin

    Spätestens mit seinen beiden Romanen „Tod in Danzig“ (1995) und „Die Gouvernante“ (2000) ist Stefan Chwin, Jahrgang `49, der internationale Durchbruch auf dem Buchmarkt gelungen. Beide Bücher werden sofort ins Deutsche übersetzt und Chwin erhält mehrere bedeutende Auszeichnungen, darunter den Andreas-Gryphius-Preis sowie den Preis der Kulturstiftung Warschau.

    Chwins Weg zum erfolgreichen Schriftsteller ist kein Zufall. Von Haus aus Literaturhistoriker, ist der gebürtige Danziger seit über zwanzig Jahren als Essayist und Literaturkritiker tätig. 1981 erscheint „Ohne Autorität“, eine Sammlung von Artikeln und Skizzen, gemeinsam geschrieben mit seinem Kollegen Stanisław Rosiek. „Ohne Autorität“ gilt bald als Manifest der neuen Schriftstellergeneration, die sich ohne schlechtes Gewissen statt dem Politischen wieder dem Privaten zuwendet. Seine ersten Prosawerke, darunter selbst illustrierte Erzählungen für Kinder und Jugendliche, erscheinen unter dem Pseudonym Max Lars.

    Chwins Werke zeichnen sich durch eine Erzählform aus, die an die Epik des 19. Jahrhunderts erinnert. Sie sind meisterhaft erzählt und „gut zu lesen“, was nicht bedeutet, dass es sich bei seinen Büchern um einfache Lektüre handelt. Mit seinen ungewöhnlichen erzählerischen Fähigkeiten und einem feinen Gespür für Stimmungen zieht er den Leser in die faszinierende Welt seiner Fiktion hinein und stellt ihn gleichzeitig vor große existentielle Fragen. Chwin lebt nach wie vor in Danzig und lehrt an der dortigen Universität.


    Rezension „Die Gouvernante“

    Die Privatlehrerin Esther Simmel aus Danzig ist jung, intelligent und schön. Als sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Stelle bei den Celiński, einer gutbürgerlichen Warschauer Familie, antritt, sind alle um sie herum von ihrer Eleganz und Lebensfreude verzaubert. Beide Söhne des Hauses, Aleksander und Andrzej verlieben sich in sie. Die Unbeschwertheit der Angebeteten und damit auch der Celińskis hat jedoch ein Ende als Esther eines Tages von einer rätselhaften Krankheit befallen wird. Aleksander, der ältere Sohn und Ich-Erzähler der Geschichte, schöpft Verdacht und versucht das Geheimnis seiner Lehrerin zu ergründen, indem er Briefe an sie abfängt. Nach und nach entdeckt er die verborgenen Seiten der jungen Frau, die der Inbegriff der scheinbaren Widersprüchlichkeit des Lebens ist, denn Esther vereint nicht nur Anmut, Überschwang und Heiterkeit in sich, sondern auch Melancholie und Todessehnsucht. Ihre Ungebundenheit und Weltläufigkeit, die sie Reisen durch halb Europa sowie Aufenthalten in Wien und Paris zu verdanken hat, gehen mit Heimat- und Rastlosigkeit einher.

    Das Warschau, in das Esther zu Beginn der Geschichte zieht, ist nicht minder von Widersprüchen und Gegensätzen geprägt. Da ist die glanzvolle Welt der Warschauer Bourgeoisie, verkörpert durch die Familie Celiński, die sich durch Bildung, Toleranz und Savoir Vivre auszeichnet. Diese Welt wird jedoch zunehmend bedroht durch Spannungen zwischen verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen, die über lange Zeit nebeneinander, aber nicht miteinander gelebt haben. Die Stadt, die anfangs noch durch Lebendigkeit und Vielfältigkeit fasziniert, verwandelt sich allmählich in einen brodelnden Hexenkessel, in dem Erpressung, Rassismus und Pogrome an der Tagesordnung stehen. Stefan Chwin zeichnet in seinem Roman mit dem im Deutschen etwas unglücklich gewählten Titel „Die Gouvernante“ ein Bild des Lebens, das gleichzeitig berauschend schön und voller Abgründe sein kann. Ähnlich wie in seinem vorigen Roman „Tod in Danzig“ wirft er auch hier die Frage danach auf, ob es so etwas wie einen Ort des friedlichen Miteinanders unterschiedlicher Völker und Konfessionen überhaupt geben kann, eine Frage, die angesichts des gegenwärtigen Zeitgeschehens von großer Aktualität ist.

    Die Figur der Esther ist dabei nichts anderes als die Versinnbildlichung alles Lebendigen, das sich trotz seiner Kraft und Schönheit dem Lauf der Dinge nicht entziehen kann. In einer wunderbar bildhaften Sprache schildert der Autor das Schicksal einer jungen Frau, die sich der Vergänglichkeit und ihres eigenen baldigen Todes nur allzu bewusst ist und dies akzeptiert, indem sie das Leben bejaht. Chwins Erzählweise, der verlangsamte Rhythmus des Satzbaus, detailreiche Schilderungen von Charakteren und Orten sowie der traurige, melancholische Grundton, der der Erzählung innewohnt, machen das Buch trotz aller Nachdenklichkeit zu einer literarischen Droge, die man nicht mehr aus der Hand gibt.

    Helena Schneider

    weitere Beiträge zum Polen-Special finden Sie hier

    Fortsetzung folgt...


    Stefan Chwin: „Die Gouvernante“.
    Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall.
    Rowohlt, 2003.
    Taschenbuch, 317 S., EUR 9,90.
    ISBN 3-499-23362-2.


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