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Paul Celan / Peter Szondi: Briefwechsel

30.01.2006

Das Recht auf Fremdheit

Mit aller Macht versuchen die Gelehrten, Licht in ein Werk zu bringen, dass von Dunkelheit und sogenannten Hermetismus voll ist. Dafür werden so langsam aber sicher fast alle Arbeiten und Materialien publiziert, die aus der Feder Paul Celans stammen. Ist das sinnvoll? Manchmal mehr, manchmal weniger...

 

Paul Celan ist „in“ - so viel lässt sich jedenfalls mit Blick auf die vielen Veröffentlichungen, die im wissenschaftlichen Bereich zu diesem Autor erscheinen, sagen. Was reizt aber das akademische Volk, sich mit diesem Dichter, der vermutlich mit seiner Lyrik den letzten großen Aufschwung symbolistischer Dichtung in Deutschland verkörpert, zu beschäftigen? Ist es seine Biographie und die Tragik, die darin bestand, dass er, wie so viele andere, nicht damit leben konnte, als ein Jude in die Mühlen des NS-Regimes geraten zu sein? Ist es die Selbsttötung, der Sprung in die Seine 1970? Jedenfalls kann man mit ziemlicher Sicherheit behaupten, dass ihm und seinen Arbeiten etwas Undurchschaubares und Geheimnisvolles anhaftet, was viele Exegeten häufig zu den wildesten Spekulationen über den Zusammenhang von Literatur und gelebten Leben animiert.
Zwei Bücher mit Texten von Celan, aus dem Nachlass geschöpft, sind bei Suhrkamp erschienen. Da ist zum einen der Briefwechsel mit Peter Szondi. Der eine Schriftsteller, der andere Literaturwissenschaftler. Beide waren Juden, beide nahmen sich das Leben. Wie der Klappentext vermerkt, wechselten sie von 1959 bis 1970 „110 Briefe, Postkarten, Telegramme, Widmungsgedichte und Widmungen, die nun erstmals vollständig und kommentiert vorliegen“. Mit dem Wörtchen „vollständig“ hat es nun eine besondere Bewandtnis, denn, in der Tat, dieser Band ist mit größter Akribie gearbeitet. Es ging nicht darum, exemplarisch anhand einiger Briefe die Beziehung der beiden aufzuzeigen. Vielmehr wurde der gesamte Briefwechsel für Wert befunden, ihn zu publizieren. Hier aber liegt der Hase im Pfeffer, denn die Korrespondenz bis zur Aufnahme von Widmungen wie: „Für Peter Szondi,/ in herzlicher Verbundenheit,/ Paul Celan / Paris 1959.“ auszudehnen, macht nur deutlich, dass diese Publikation an vielen Stellen wohl nur für Celan-Forscher, für die tiefer in das Werk und das Leben des Meisters Eingeweihten, von Interesse sein kann - und selbst diese Personen können wohl mit einigen Einträgen nichts Substantielles anfangen. Dennoch: der Briefwechsel dokumentiert die Beziehung zweier Literaturbesessener, und alles, was die Korrespondenz an notwendigen Hintergrundinformationen verschweigt, wird durch den klugen und umsichtigen Kommentar des Herausgebers Christoph König erhellt. Der Band besitzt einen Umfang von gut 250 Seiten; der eigentliche Briefwechsel ist „nur“ rund 70 Seiten lang, was nachhaltig das Verhältnis von Text und Kommentar verdeutlicht.

Nur für Spezialisten?
Der Kommentar versucht - so gut er es kann - die Lücken zu schließen, die ganz automatisch durch Telefonate und Treffen, durch alles, was durch mündliche Kommunikation undokumentiert bleibt, entstanden sind. Der Briefwechsel wäre natürlich inhaltlich wesentlich geschlossener, wenn Celan und Szondi nur auf diesem schriftlichen Wege in Verbindung miteinander gestanden hätte. Worum geht es aber eigentlich in dieser Korrespondenz? Das ist schwer zu sagen; es hat den Anschein, als gehe es gar nicht in erster Linie um Literatur, um die dialektischen Bewegungen, die zwei verschiedene Meinungen in einem Gespräch über Literatur erzeugen können. Kein Vergleich zu dem hervorragenden, wenn auch nicht authentischen „Briefwechsel über Literatur“ von Helmut Heißenbüttel und Heinrich Vormweg. Vieles in der schriftlichen Kommunikation zwischen Szondi und Celan entpuppt sich als Gesten der Höflichkeit: Absprachen zu Treffen, Worte des Dankes für Bücher und Widmungen etc. Was kann man mit solchen Äußerungen anfangen? Wo liegt der Gewinn der Publikation? Die interessanteren Briefe kreisen um die Goll-Affäre, um den Vorwurf der Witwe des Schriftstellers Ywan Goll, Celan habe ihren Mann plagiiert. Szondi setzt sich für Celan ein, steht an seiner Seite, und durch den Kommentar erfahren wir, wie stark Celan dieser Vorwurf mitgenommen hat. Auch wird nun im Rückblick deutlich, dass ab einem bestimmten Punkt diese Affäre politische Dimensionen bekam, wenn man sieht, wie Szondi und Celan über die Rollen von Leuten aus dem Literaturbetrieb, die in dieser Kontroverse gegen Celan argumentieren, in der NS-Zeit diskutieren.
Der Kommentarteil bringt ebenfalls Briefe von Celans Frau Gisèle Celan-Lestrange an Peter Szondi und außerdem Auszüge aus der Korrespondenz zwischen Szondi und Jean und Mayotte Bollack, was eine intelligente Entscheidung ist, weil dadurch Außenperspektiven ins Spiel kommen, die die Problematik der Person Celans noch von einer anderen Seite beleuchten. Man erfährt so ganz nebenbei etwas über die Aufenthalte Celans in psychatrischen Einrichtungen, dass er seine Frau im Wahn mit dem Messer angegriffen hat, aber auch über Szondis Depressionen. Diese Zusatzinformationen werfen ein eigenartiges Licht auf die Briefe, die zum einen voller Herzlichkeit sind, zum anderen aber diese privaten, psychischen Problematiken aussparen. Celan, so gewinnt man den Eindruck, geht es in erster Linie um seine Literatur. Szondi erscheint als interessierter Gesprächspartner, der Celan bei seinen Schwierigkeiten unterstützt und ihm seine Hilfe anbietet.
Der Briefwechsel zwischen Paul Celan und Peter Szondi ist hervorragend ediert, daran besteht kein Zweifel, und es lässt sich kaum bestreiten, dass die Korrespondenz der beiden sicherlich nicht zu den Höchstleistungen schriftlicher Kommunikation gehört, aber je intensiver man sich in das Leben und das Werk von Paul Celan hineinarbeitet, desto schneller wächst die Einsicht, dass die Publikation dieser Briefe auf eine sehr individuelle Art innerhalb der Celanschen Werkgeschichte zu einer notwendigen Quelle der Erkenntnis werden wird.

Ausleuchtung eines unbekannten Winkels
Ein noch umfangreicheres Buch von Paul Celan ist unter dem Titel „Mikrolithen sinds, Steinchen“ erschienen. Diese kritische Ausgabe versammelt die Prosa aus dem Nachlass und wurde herausgegeben und kommentiert von Barbara Wiedemann und Bertrand Badiou. Ein unglaublich dickes Buch mit knapp 950 Seiten liegt hier vor, und das, was an Celanscher Prosa enthalten ist, macht ungefähr nur ein knappes Viertel dieses Bandes aus. Der Rest ist dem ungemein ausführlichen Kommentar vorbehalten. Damit ist klar, dass es sich in keinster Weise um ein Celan-Lesebuch für Leser handelt, die zum ersten Mal am Werk dieses berühmten Dichters schnuppern möchte. Hier kommt die Wissenschaft zu ihrem Recht auf Erhellung eines Werks, dass immer wieder mit den Adjektiven „dunkel“ und „hermetisch“ gekennzeichnet wurde. Da Celan nun weißgottnicht als Prosaautor in die Literaturgeschichte eingehen wird (mal abgesehen von der Wichtigkeit einiger Reden), leuchtet dieser Band einen Winkel aus, in dem sich ein noch unbekannter Celan befindet. Aber um es gleich vorweg zu sagen: Innerhalb der Arbeiten dieses Schriftstellers ist die Prosa wohl von einiger Bedeutung; ob sie aber auch im Kontext der Prosa anderer Schriftsteller wichtig ist, bleibt fraglich. Das hängt zusammen mit der bereits erwähnten Splitterform und der Tatsache, dass es „nur“ so etwas wie Versuche zum Beispiel auf dem Gebiet der fiktionalen Prosa gibt, aber nichts wirklich definitives, mit letztem und gründlichen Schliff bis zum Ende durchgearbeitetes.
Der Titel scheint dabei Programm zu sein: „Mikrolithen sinds, Steinchen“; in der Tat, der Band enthält eine Unmenge an poetischen Splittern, an Schnipseln, die ohne den ergiebigen und aufschlussreichen Kommentar, wohl nur schlecht zu erschließen wären. Ganz nebenbei macht dieses Wunderwerk der Editionsarbeit deutlich, mit welchen Schwierigkeiten man mit Veröffentlichungen aus dem Nachlass zu tun haben kann. Nie kann man sich sicher sein, was es mit den kürzeren und längeren Notizen auf sich hat - wessen Geistes Kind sie sind: Bloßes Zitat oder Erfindung des Meisters? In welchen Zusammenhang gehören sie? Sind sie Vorüberlegungen zu Gedichten, Reden, Prosastücken? Eine genaue Kenntnis des Werkes ist unabdingbar, um diese Bruchstücke in einen angemessen Kontext einzuordnen.
Disparate Splitter
Der Band gliedert sich in vier Abteilungen: Aphorismen, Gegenlichter und aphoristische Fragmente; Fiktionale Prosa; Theoretische Prosa; Verstreut publizierte Prosa und Interviews. Celans Prosaschaffen ist also weit gestreut, ein homogener Korpus an Texte liegt damit nicht vor. Die Qualität dieses Buches besteht auch eher in der Unabgeschlossenheit, in dem Bruchstückhaften und der Möglichkeit, von der Peripherie ausgehend, Teile des Werks von Celan zu verstehen. Es ist auch schwer, Zusammenfassendes über diese Prosa zu sagen, wenn eher die Unterschiede ins Auge fallen. Von Einzelnen aufs Ganze lässt sich keinesfalls hochrechnen. Wozu auch? Legt der Prosanachlass doch eher auf das Bereitstellen von Materialien Wert und die Gründlichkeit der Edition, als auf eine programmatische Auswahl. Will man nun etwas herausgreifen, so kann Zeitgebundenes von Interesse sein wie eine Notiz vom 4.5.1968: „Dutschke: der hat auch nichts mit Marcuse zu tun, der fuchtelt auch z. B. mit dem - so richtigen – Wort von der „repressiven Toleranz“ in der – mitverpesteten – Luft rum. Sein Ding geht, um ein Marx-Zitat an diesen Marxmann zu bringen, nicht nur mit seinem Gegenteil, sondern gleich mit mehreren seiner Gegen- und auch Hinterteile schwanger.“ Wie disparat nun diese Splitter erscheinen, machte ein weiterer „Mikrolith“ vom gleichen Tag deutlich, der einfach nur behauptet: „Das Recht auf Fremdheit“. Was haben die beiden Notizen miteinander zu tun? Sind sie über Karl Marxs Begriff der Entfremdung verbunden? Seine Gedichte scheinen häufig dem Tagesgeschehen enthoben zu sein; hier erkennt man, wie interessiert und pointiert vor allem er die aktuellen Geschehnisse verfolgte.
Auch findet sich quasi Ergänzendes wieder wie Texte zur Goll-Affäre, ein langer Brief an Alfred Andersch. Man erkennt auch, wie verletzbar Celan war, nicht nur bei der Goll-Affäre, wo er sich durch die Plagiatsvorwürfe vermutlich zu Recht sehr angegriffen fühlen durfte. Man merkt es aber vor allem bei einer Rezension die der Kritiker Günter Blöcker zu Celans Gedichtband „Sprachgitter“ im Berliner Tagesspiegel veröffentlichte und die Celan tief kränkte und zu einem Brief an die Redaktion animierte. Die Besprechung von Blöcker ist kritisch, aber wohl in keinster Weise undifferenziert. Kurz: Celan hätte von dem Text auch profitieren, seine literarische Selbstwahrnehmung hätte gestärkt werden können. Celan verfasste aber nicht nur diesen Leserbrief, der nicht gedruckt wurde, er war vielmehr so gekränkt, dass er Durchschläge dieses Briefes noch an Rudolf Hirsch, Günter Grass, Walter Höllerer, Peter Jokostra, Peter Szondi, Nelly Sachs, Ingeborg Bachmann, Hans Magnus Enzensberger, Max Frisch und noch einigen andere schickte. Die Empörung war so groß, dass er Mitkombattanten suchte: Und das alles „nur“ wegen einer kritischen Besprechung?

Thomas Combrink


Paul Celan / Peter Szondi: Briefwechsel. Mit Briefen von Gisèle Celan-Lestrange an Peter Szondi und Auszügen aus dem Briefwechsel zwischen Peter Szondi und Jean und Mayotte Bollack. Herausgegeben von Christoph König. Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main 2005. 264 Seiten. Gebunden. ISBN 3-518-41714-2. 19,80 Euro.
Paul Celan: „Mikrolithen sinds, Steinchen“. Die Prosa aus dem Nachlaß. Kritische Ausgabe. Herausgegeben und kommentiert von Barbara Wiedemann und Bertrand Badiou. Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main 2005. 948 Seiten. Gebunden. ISBN 3-518-41706-1. 34 Euro.

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