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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. Juli 2017 | 18:52

     

    SCOUTING

    12.01.2006

    Im Sommer 1996 war ich für den Verleger Egon Ammann für drei Monate als Scout in Südostasien unterwegs. Ein Blick zurück.

     

    "Denken Sie daran, dass wir ein literarischer Verlag sind."
    Das war mein Job-Beschrieb, der ganze.
    Zugegeben, anlässlich eines vorangegangenen, längeren Gesprächs hatte sich der Verleger durchaus auch an anthropologischen und spirituellen Werken interessiert gezeigt, so dass ich den Hinweis weniger als einengend denn als qualitativ interpretierte. Die dezentere Variante von "Bringen Sie keinen Schrott". Eine Vorgabe so vage wie sinnvoll, doch auch nicht besonders hilfreich. Doch andrerseits, wie definiert man schon Qualität? Ich würde mich ganz einfach auf mein Gespür verlassen und das Verlagsprogramm als Richtschnur nehmen.

    Engagiert worden war ich als Scout, als literarischer Scout, und mein Tätigkeitsgebiet würde Südostasien sein, für drei Monate. Länger wäre zwar wünschenswert gewesen, doch nicht machbar, des Geldes wegen.

    Dass ich mit meinen Recherchen in Bangkok anfing, hatte seinen guten Grund.
    Einmal war mir die Stadt relativ vertraut, hatte ich doch während vieler Jahre regelmässig ein paar Monate da zugebracht, zum andern ist die thailändische Hauptstadt ein wichtiges Tor zu Südostasien - fast alle kommen da durch, einige bleiben auch hängen. Zudem verfügt das Land über eine in diesen Breitengraden erstaunlich freie Presse.

    Bangkoks englischsprachige Tageszeitungen verschaffen dem des Thailändischen nicht kundigen Leser immer mal wieder einzigartige Einblicke in lokale Befindlichkeiten. Als da einmal auf einer Titelseite zu lesen stand, die Opposition beschuldige die Regierung, korrupt zu sein, lautete die Schlagzeile am nächsten Tag, „Regierung sagt, sie sei 24,8 Prozent weniger korrupt als die sie anschuldigende Opposition“.
    Die im Sommer 1996 heisseste Geschichte handelte vom Premierminister, der offenbar sowohl seine Geburtsurkunde gefälscht als auch seine Magisterarbeit nicht selbst verfasst haben sollte. Konnte man letzteres ja noch nachvollziehen, so erschien das Fälschen der eigenen Geburtsurkunde auf den ersten Blick doch reichlich sonderbar. Guckte man dann aber etwas genauer hin, so erfuhr man, dass der Mann eben recht eigentlich Chinese und gar kein Thai und somit zu Unrecht im thailändischen Parlament eingesessen und folglich auch gar nicht thailändischer Ministerpräsident sein dürfte. Natürlich wurde dies von dem Mann bestritten. Dass das Geburtsdatum nur deshalb angepasst worden sei, damit ihm, dem bis anhin Glücklosen, künftig die Sterne besser gesinnt sein mögen, war vermutlich nicht nur ein Gerücht. Und wenn, dann ein gutes.

    Es liegt schon einige Zeit zurück, dass The Nation in ihrer Sonntagsausgabe jeweils eine Kolumne veröffentlichte, die sich mit thailändischen und westlichen Wertvorstellungen auseinander setzte und nach der ich regelrecht süchtig war: Thai Whys hiess sie, und verfasst wurde sie von einem Mann namens Mont Redmond.

    In Thailand, wie auch anderswo, läuft alles über persönliche Beziehungen. Wen man kennt, ist ungleich wichtiger als was man kann.
    Um Mont Redmond ausfindig zu machen, setzte ich mich mit einem Freund in Verbindung, der wiederum einen Freund bei der Nation hat. Doch es funktionierte nicht, der Freund des Freundes meldete sich nie bei mir. Ein paar Tage später telefonierte ich mit dem Herausgeber einer Anthologie über neuere thailändische Literatur, der eine ihm bekannte Frau aus dem Feuilleton der Nation erwähnt, die mir womöglich weiter helfen könne. Ich schickte ihr ein Fax und wartete. Thailand ist ein geradezu ideales Pflaster, um sich in Geduld zu üben, denn die Dinge dauern und dauern und dauern – da die Thais ausgesprochen höfliche Menschen sind, wird es wohl am Klima liegen

    Mont Redmond meldete sich ein paar Tage später telefonisch.
    Ich erklärte ihm, ich sei auf der Suche nach Manuskripten und Ideen, die den Westlern asiatisches Gedankengut näher bringen könnten, wobei ich natürlich seine Kolumne erwähnte und fragte, ob wir uns einmal zu einem Gespräch treffen könnten. Er sei schon ziemlich überrascht, eigentlich sogar sehr überrascht, meinte Mont darauf, einmal, weil seine letzte Kolumne bereits zwei Jahre zurückliege und er ganz einfach nicht damit gerechnet habe, dass sich überhaupt jemand daran erinnere, dann aber auch, weil er gerade jetzt, gerade diese Woche, und nur diese Woche, weil er sonst ganz einfach keine Zeit habe, dabei sei, ein Manuskript mit einer Auswahl aus seinen Kolumnen fertig zu stellen.
    „Doch Zufälle gibt es ja nicht“, sagte er noch, bevor wir uns für den nächsten Tag verabreden.

    Mont schreibt philosophische Essays, elegant und witzig und mit einem sicheren Händchen für Dramaturgie. Die Vorstellung, die ich mir von ihm mache, ist die eines älteren Herrn, hochgelehrt und umfassend gebildet. Vermutlich hat er Orientalistik studiert und ist Mitglied der renommierten Siam Society. Na ja, letzteres vielleicht doch nicht, dafür schreibt er schon etwas zu kontrovers.

    Der reale Mont, den ich dann traf, war siebenunddreissig, Kanadier und hatte der Universität nach zwei Jahren Adieu gesagt, weil er von institutionellem Lernen nicht viel hält. Ob ich Spengler kenne? Der Untergang des Abendlandes ist sein Lieblingsbuch. Ich hatte den Wälzer vor meiner Abreise, zum ersten Mal, seit ich ihn mir vor langen Jahren gekauft hatte, in der Hand und für eine solche Reise als zu schwer befunden. Augenblicklich beschliesse ich, ihn mir nächstens vorzunehmen

    Eigentlich findet Mont die Indonesier viel spannender als die Thais. Persönlicher, interessierter, fragender und anteilnehmender. Warum er sich dann ausgerechnet in Bangkok niedergelassen habe? Als er einmal einen Freund, den er von Indien her kannte, hier besuchte, sei er hängen geblieben. Weil's so bequem sei.

    Heute ist er mit einer Thai verheiratet, Vater von sechs Kindern und als Übersetzer tätig (Thailändisch hat er sich im Selbststudium angeeignet). Er ist auch praktizierender Muslim .
    und hat sehr prononcierte Auffassungen über die Aggressivität der westlichen Kultur. Kein Wunder schätzt er Spengler, der unter anderem festhält:
    „Nicht was wir tun, was wir erstreben, was wir werten sollen, führt auf das Problem, sondern die Einsicht, dass diese Fragestellung ihrer Form nach bereits ein Symptom ausschliesslich des abendländischen Wertgefühls ist.
    Der westeuropäische Mensch steht hier unter dem Einfluss einer ungeheuren optischen Täuschung, jeder ohne Ausnahme. Alle fordern etwas von den andern. Ein „Du sollst“ wird ausgesprochen in der Überzeugung, dass hier wirklich etwas in einheitlichem Sinne verändert, gestaltet, geordnet werden können und müsse. Der Glaube daran und an das Recht dazu ist unerschütterlich. Hier wird befohlen und Gehorsam verlangt. Das erst heisst uns Moral. Im Ethischen des Abendlandes ist alles Richtung, Machtanspruch, gewollte Wirkung in die Ferne. In diesem Punkt sind Luther und Nietzsche, Päpste und Darwinisten, Sozialisten und Jesuiten einander völlig gleich. Ihre Moral tritt mit dem Anspruch auf allgemeine und dauernde Gültigkeit auf. Das gehört zu den Notwendigkeiten faustischen Seins. Wer anders denkt, lehrt, will, ist sündhaft abtrünnig, ein Feind. Man bekämpft ihn ohne Gnade. Der Mensch soll. Der Staat soll. Die Gesellschaft soll. Diese Form der Moral ist uns selbstverständlich; sie repräsentiert uns den eigentlichen und einzigen Sinn der Moral. Aber das ist weder in Indien noch in China noch in der Antike so gewesen. Buddha gab ein freies Vorbild, Epikur erteilte einen guten Rat. Auch das sind Formen hoher – willensfreier – Moralen.“

    Zu unserem zweiten Treffen hat Mont sein Manuskript mitgebracht. 'Die Rohfassung', meint er, und 'Melden Sie sich, wenn Sie wieder aus Manila zurück sind.'



    ***


    Ich hatte lange gezögert, nach Manila zu fliegen. Was ich von der Stadt gehört hatte, liess sie mich bei meinem letzten Besuch auf den Philippinen links liegen lassen. Sie sei gefährlich und gewalttätig und diesbezüglich etwa gar nicht mit Bangkok zu vergleichen. Ohne Bodyguards würde er da nie aus dem Haus, kommentierte ein Gast in meinem Bangkoker Stammhotel meine Pläne. Für einen Drogenhändler durchaus begreiflich.

    Dass ich mich dann doch nach Manila aufmachte, hatte einerseits damit zu tun, dass ich das klare Gefühl hatte, in einer konfrontativen Kultur, wie sie auf den Philippinen herrscht, müsse ein potentiell fruchtbarer Boden für gute Literatur zu finden sein und die Lektüre von Ghosts of Manila des Briten James Hamilton-Patterson, der teils in Italien und teils auf den Philippinen lebt, hatte mich nur darin bestärkt. Zum andern traf ich dann noch auf einen Deutschen, der eigentlich lieber Amerikaner sein wollte, weshalb wir uns auf Englisch unterhielten, und in Manila wohnte. Er empfahl mir einen kleinen Buchladen mit Namen Solidaridad im Stadtteil Ermita, der von einem bekannten Schriftsteller geführt würde und eine wahre Fundgrube sei. Das klang zwar sehr nach Drittweltladen, doch war es immerhin ein Anhaltspunkt.

    Froh, dass die Maschine halb leer war und ich mich auf den Sitzen neben mir würde langlegen können, wartete ich auf den take-off, als kurz vor dem Start sich zwei voluminöse Männer auf den Sitzen neben mir niederlassen. Da mir Flüge nie ganz geheuer sind, kamen wir rasch ins Gespräch. Der eine beiden entpuppte sich als Designer, der andere als Architekt. Ich müsse unbedingt die Verlegerin GFC kennen lernen, meinte dieser, die sei toll und wichtig und er sei einmal bei ihr eingeladen gewesen, ein super Haus, sogar die Toiletten total gestylt. Ob er eine Adresse habe? Nein, doch ich solle doch einfach in einem der Antiquitätenläden in der Nähe meines Hotel nachfragen, da könne man mir bestimmt weiterhelfen.

    Mein Hotel hat einen Flughafen-Abholdienst. Somit war die, nach Aussage aller Manila-Besucher, mit denen ich gesprochen hatte, gefährlichste Hürde, die Taxifahrer, die einen anscheinend nicht immer ans gewünschte Ziel bringen, erfolgreich genommen.
    Der Liftboy im Hotel trug eine Pistole im Gürtel und der etwa fünfundfünfzigjährige Australier, der beim Abendessen am gegenüberliegenden Tisch sass, fragte als erstes, ob ich auch hier sei, um mir eine Frau abzuholen.

    Mein erster Gang am nächsten Morgen, vorbei an einer Bank, die von vier mit Maschinengewehren bewaffneten Männern bewacht wurde, galt dem Buchladen des Schriftstellers F. Sionil José. Der Verkäufer, den ich nach ihm fragte, entpuppte sich als dessen Sohn. Sein Vater sei gerade ausser Landes, sollte aber in den nächsten Tagen zurückkommen und ob ich dann noch hier sei? Er gab mir einen Termin. Ob er die Verlegerin GFC kenne? Sie sei eine gute Freundin der Familie, ob ich ihre Telefonnummer wolle?

    Ich ziehe mich für ein paar Tage aufs Land zurück. Zum Bücherlesen.

    Sionil, dessen Werke in mehrere Sprachen, darunter auch Deutsch, übersetzt worden sind, erweist sich als vorzügliche Informationsquelle. Er kennt jede und jeden und hat zu allem eine Meinung.
    'Ja, Thailand. Kennen Sie Sulak?'
    'Nein, das heisst, dem Namen nach. Ich habe auch einiges von ihm gelesen.'
    'Den müssen Sie machen. Der versteht Thailand.'
    'Ja, schon, nur halte ich ihn mehr für einen Sozialkritiker als einen Schriftsteller.'
    'Was, Mulder finden Sie gut? Anderson ist viel besser, Mulder versteht das philippinische Klassensystem nicht.'
    Das versteht eh keiner, denke ich mir, sage aber nichts, weil er grad fragt, ob ich Hunger habe. Nicht eigentlich. Das nahegelegene Restaurant habe vorzügliche Hamburger. Er bestellt welche. Sie sind hervorragend.
    'Nick Joaquin. Kennen Sie den?
    'Ja.'
    Er greift zum Hörer, wählt.
    'Wie lange werden Sie noch hier sein? Übermorgen?'
    Er hängt ein.
    'Das geht so kurzfristig nicht. Der Mann ist über achtzig.'
    Er erwähnt zwei jüngere Kollegen, von denen er viel hält und die ich unbedingt aufsuchen müsse.

    Wieder im Laden, das Büro von Sionil liegt im ersten Stock, suche ich im Regal nach Werken der beiden Empfohlenen, kann jedoch keine finden und frage einen der Angestellten nach dem Schriftsteller Charlson o­ng. Der Angestellte nimmt mich am Arm, führt mich um zwei Regale rum und zeigt auf einen Mann, der gerade von seinem Buch aufschaut, und sagt: 'Das ist Charlson o­ng.'
    Doch Zufälle gibt es ja nicht.

    Ong unterrichtet kreatives Schreiben an der Universität. Er ist um die dreissig und für sein literarisches Schaffen schon mehrfach ausgezeichnet worden. Nun gibt es auf den Philippinen so viele Schriftsteller auch wieder nicht, so dass die Chancen, einmal einen Preis zu gewinnen, relativ gut stehen. Doch o­ng schreibt wirklich gut. Die meisten seiner Geschichten spielen in Manila und man hat bei der Lektüre die Stadt nicht nur plastisch vor Augen, man riecht sie geradezu.
    Wir reden über Bücher, natürlich. Michael o­ndaatje hat er gerade gelesen. Und ist beeindruckt. Überhaupt die Inder, einfach genial. Keine langweilige Nabelschau eben, sondern Geschichten, grossartige Geschichten. Wer schreibt sonst noch Epen wie Vikram Seth oder Rohinton Mistry? Die Verlegerin GFC kennt er auch, ja klar, und die Toiletten in ihrem Haus müsse ich mir wirklich ansehen. Überhaupt sei die literarische Szene in Südostasien ja recht klein und da kenne man sich eben.

    Als ich mich am nächsten Tag nach Quezon City aufmache, erwarte ich eine ältere, gesetztere und vornehme Dame, denn zwischenzeitlich habe ich in Erfahrung gebracht, dass es sich bei GFC um eine sechsundsechzigjährige, mehrfache Grossmutter handelt, die materiell nicht gerade zu leiden hat. Hätte ich's nicht besser gewusst, hätte ich die Frau auf höchstens fünfzig geschätzt. Sie ist schön, spannend, unkonventionell und sehr lebhaft.
    Philippinische Kultur, das ist ihr Thema. Verhaltensweisen, die philippinische Küche. Wir sind sofort bei der Frage nach der philippinischen Identität. Geographisch weder Ost noch West, und dann diese Geschichte. Dreihundert Jahre im Kloster, unter den Spaniern, gefolgt von fünfzig Jahren Hollywood, unter den Amerikanern. Kein Wunder wird die Identitäts-Frage zur nationalen Obsession.
    Was sie von Ben Anderson halte, und ob sie Sionils Meinung, er sei besser als Mulder, teile?
    'Ach, Sionil wird wohl mit Anderson befreundet sein.'
    Natürlich, Asien. Sag mir, wen du kennst, und ich sage dir, wieviel du zählst. Nicht, dass dies sonstwo wesentlich anders wäre, nur ist es hier viel offensichtlicher.

    Sie zeigt Bücher. Schön gemacht und teuer. Coffee-Table-Books.
    Ong hat gesagt, GFC schreibe auch gut. Ob sie was da habe? Ich beginne zu lesen. Sie schreibt wirklich gut. Und kann über sich selber lachen. Was auch beim Schreiben hilft. Und nicht nur da.
    Wir reden und reden und reden und zwischendurch gehe ich auch mal auf die Toilette, die, mit den in die Wände eingelassenen Muschelschalen, wirklich recht speziell ist.
    Es ist eines dieser Gespräche, die ungeheuer intensiv ablaufen und wo man am Ende gar nicht mehr weiss, weshalb man eigentlich zusammengekommen ist.

    Mit einem Packen Bücher unter dem Arm, mache ich mich auf den Weg zur Verlegerin Karina Bolasco, bei der mich GFC angekündigt hat. Der mit Pistolen bewaffnete Wachmann an der Eingangstür zum Verlag will mich erst gar nicht rein lassen – komisch, dass der nicht sofort erkennen kann, das ich in bester Absicht hier bin. Zudem Schweizer, also neutral und entsprechend harmlos. Doch womöglich sieht das ein Philippino, der die Schweiz vielleicht vor allem als Versteck der Marcos-Gelder kennt, etwas weniger neutral.

    Mit einem weiteren Packen Bücher unter dem Arm mache ich mich auf den Rückflug nach Bangkok.


    ***


    „Von der einen Scheusslichkeit in die nächste“, meint John, ein Geschäftsmann in Singapur, als ich ihm erzähle, dass ich gerade aus Bangkok komme und auf dem Weg nach Jakarta sei. Da dies mein erster Besuch in der indonesischen Hauptstadt sein wird, ich jedoch als Kenner Südostasiens durchgehen will, lächle ich diplomatisch.
    Für Kontaktenlinsenträger ist Jakarta mit Bangkok oder, am allerschlimmsten, Saigon, wo die Luft gänzlich aus Staubpartikeln, die äusserst schmerzhafte Hornhautreaktionen hervorrufen, zu bestehen scheint, überhaupt nicht zu vergleichen. Dass einem Geschäftsmann dies nicht besonders auffällt, ist weiter nicht verwunderlich - klimatisierte Räume gleichen sich auf der ganzen Welt.

    Sionil hat mir die Telefonnummer eines berühmten Kollegen mitgegeben. Als ich anrufe, wird mir gesagt, er sei gerade beim Malen und könne nicht gestört werden. Ich solle es doch in zwei Stunden noch einmal versuchen. Doch da ruht er dann gerade. Nochmals eine Stunde später kommt er an den Apparat. Ich habe das Gefühl mit einer Primadonna zu sprechen und verliere nullkommaplötzlich jegliches Interesse.

    Sollten die Auslagen in den Buchläden ein Indikator für die öffentliche Diskussionskultur sein, so ist es in Jakarta damit nicht gerade gut bestellt.
    Mont Redmond hatte von Yogjakarta, dem kulturellen Zentrum Javas, geschwärmt. Doch auch da sind die Buchläden eine einzige Enttäuschung. In einem der grossen Läden, der mehr einer Papeterie ähnelt, frage ich, zugegeben, wenig erwartungsvoll, einen Verkäufer, ob hier auch Werke von indonesischen Schriftstellern auf Englisch zu finden seien. Und siehe da, er zieht ein Buch aus einer Beige. Es ist noch verschweisst, doch er reisst den Plastik auf, ohne zu fragen, ob ich's jetzt auch ganz sicher kaufen werde. Das Impressum erwähnt eine Stiftung in Jakarta, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, indonesisches Kulturschaffen einer weiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Genau was ich suche und nur dann ein Zufall, wenn es auch welche geben sollte.

    Die Sekretärin der Stiftung, eine Schauspielerin, ist äusserst hilfsbereit. Sie türmt Bücher auf einen Tisch, versorgt mich mit Kaffee. Ich fange an zu lesen, stelle hin und wieder Fragen. Eine weitere Sekretärin kommt hinzu, auch sie gibt Auskunft.
    Der Geschäftsführer sei Amerikaner und werde in etwa zwei Stunden wieder zurück sein, sagt sie, als sie einmal auf eine Frage keine Antwort weiss.
    Romane seien in Indonesien nicht besonders verbreitet, meint dieser dann, im wesentlichen, weil sie kaum Geld einbrächten und man auch zu lange darauf warten müsse. Kurzgeschichten seien da viel populärer, weil's da sofort Geld gebe. Ein Phänomen, das ich bisher überall in Südostasien angetroffen habe.
    Mit einer weiteren Beige Bücher unter dem Arm mache ich mich auf den Weg zurück nach Bangkok.

    Im Flugzeug treffe ich auf den Südostasien-Verkaufsleiter eines europäischen Multi. Er ist Mitte dreissig, gut ausgebildet, übers Tagesgeschehen auf dem laufenden und mit den derzeit gängigen Management-Büchern, die Asien zum Gegenstand haben, vertraut. Vor kurzem hat er am Ende einer Geschäftsbesprechung festgestellt, dass er der Einzige war, der geredet hatte. Als er seine Assistentin, eine Asiatin, fragte, weshalb sie nichts gesagt habe, erwiderte diese, es sei nicht nötig gewesen. Er war erfreut und kam zum Schluss, dass sie recht gehabt hatte. Auf den Gedanken, dass sie ganz einfach gesagt hatte, was sie glaubte, dass er gerne hören würde, kam er nicht.


    ***

    Ich beschloss einen Freund, der jetzt in Laos lebt und Gott und die Welt kennt, aufzusuchen. Joe ist dreiundfünfzig, Amerikaner und findet grundsätzlich alle interessant, weshalb er auch so viele Leute kennt. 'Du musst unbedingt den kubanischen Botschafter kennen lernen, der ist total interessant. Und der russische Attache, der war früher in Phnom Penh, der plant, über seine Zeit dort ein Buch zu schreiben.' Und, und, und. Wie üblich ist er fast nicht zu bremsen.
    'Das ist ja alles schön und gut, doch interessiert mich eigentlich mehr, ob die bereits was geschrieben haben. Jeder zweite läuft doch mit einem Buch im Kopf rum, einige wenige
    bringen es dann auch zu Papier und von denen sind es wiederum nur einige wenige, die auch was zu sagen haben und von denen dann auch wieder nur eine ganz kleine Minderheit, die das auch gut zu formulieren weiss. Gut gemeinte Absichtserklärungen bringen mich schlicht nicht weiter. Im übrigen schreibt auch ein sogenannt interessanter Mensch nicht notwendigerweise gut. Ich habe Leute getroffen, die im persönlichen Gespräch unglaublich mühsam und langweilig daher kamen, deren Schreibe jedoch absolut genial war. Was selbstverständlich nicht heissen soll, dass wer nicht reden kann, womöglich gut schreiben wird. Was ich hier sagen will ist eigentlich nur, dass Deine interessanten Kontakte eigentlich nur dann für mich von Interesse sind, wenn sie was auch was Geschriebenes vorliegen haben.'
    'Was suchst Du denn genau?'
    'Das weiss ich selber nicht, zumindest nicht genau.'
    'Entschuldige, aber sowas treibt mich glatt die Wände hoch!' Der Hohn steht Joe ins Gesicht geschrieben. 'Du weisst nicht, was Du suchst! Wie arbeitest Du denn eigentlich?'
    'Ich lese viel, ich rede mit Leuten und sehe, was sich daraus entwickelt. Erinnerst Du Dich an die Kolumne von Mont Redmond in The Nation? Sowas, zum Beispiel. Ganz allgemein gesagt, alles, was mir hilft zu einem besseren Verständnis asiatischer Gepflogenheiten zu kommen.'
    'Asiatische Gepflogenheiten, aha. Da muss ich Dir was erzählen. Du kennst doch die Carol. Sie spricht ja Lao und da habe ich sie gebeten, im laotischen Wörterbuch nachzuschauen, was da unter Logik steht. Und weisst Du, was da steht? Die Dinge, wie sie sind. Ich habe gedacht, mich trifft der Schlag. Die Dinge, wie sie sind! So ein Witz! Wenn denn überhaupt, so ist Logik doch das genaue Gegenteil.'
    Es macht wohl keinen grossen Sinn, Joe zu sagen, dass mir die laotische Definition gut gefällt. Als ich ihn spätabends verlasse, frage ich mich eigentlich nur, weshalb er nicht in Amerika geblieben ist.

    ***

    Von Vientiane fliege ich weiter nach Hanoi.
    Chris ist ein ganz anderer Amerikaner als Joe, nicht zuletzt spricht er fliessend Vietnamesisch. In seinem Büro entdecke ich auch Understanding Vietnam von Neil Jamieson, beginne zu blättern – eine wahre Schatztruhe, nicht zuletzt der Kurzfassungen einiger bedeutender Werke der vietnamesischen Literatur wegen. Ob ich mir das ausleihen könne? Klar doch, Chris schmunzelt. Er hat mich bewusst nicht darauf hingewiesen, er hat sehen wollen, ob mir das Buch auffallen würde.

    Wir kennen einander aus Bangkok. Ich könne jederzeit bei ihm wohnen, hat mir Chris dort gesagt und so stehe ich jetzt also in seinem Haus und werde der Haushälterin, einer jungen, hübschen und abweisenden vietnamesischen Studentin vorgestellt, die offenbar zwei Stunden pro Tag zum Aufräumen kommt.

    Ich bin zum ersten Mal in Hanoi. Wie er an meiner Stelle vorgehen würde? Er würde zum Schriftstellerverband gehen, sagt Chris. Ob denn bei einer solch offiziellen Organisation was Schlaues rauskommen könne? Er denke es schon, jedenfalls sei es einen Versuch wert.
    Ich gehe hin, werde vorgelassen. Von drei Augenpaaren gemustert, trage ich mein Anliegen vor. Ich solle dies schriftlich tun, wird mir anschliessend beschieden. Noch besser sei jedoch, wenn der Verleger selber so ein Schreiben aufsetzen würde.
    Chris lacht, als ich ihm davon erzähle. Wichtig ist, dass das Schreiben des Verlegers auf einer Seite Platz haben müsse, denn das oberste Gebot in diesem System sei, dass eine Sache, um es wert zu sein, damit man sich damit befasse, praktikabel sein, und das heisse, dass sie auf einer Seite Platz finden müsse.

    Ich besuche Buchhandlungen, komme mit andern Büchersuchern ins Gespräch, erhalte Tipps. Auf dem Nachhauseweg, beim Versuch eine Strasse, wo Hunderte auf Fahrädern unterwegs sind, zu überqueren, werde ich umgefahren. Der Radler, ein Student, entschuldigt sich, er sei in Gedanken bei seiner bevorstehenden Prüfung gewesen. Ob es mir etwas gemacht, ich verletzt sei? Nein, nein. Zurück in der Wohnung stelle ich dann fest, dass da am rechten Oberschenkel eine massive Fleischwunde zu sehen ist. Ob jemand angehalten habe? fragt die Studentin. Der Radler, der gestürzt, doch niemand sonst, erwidere ich. Typisch Hanoi, jeder für sich, sagt sie darauf.
    Eines der Bücher, das ich mitgebracht, findet ihr besonderes Wohlgefallen. Es handelt sich um einen Band mit Legenden, von denen sie einige auswendig herzusagen weiss. Ob sie eine, oder auch zwei, vortragen würde? Sie guckt überrascht und setzt, nach kurzem Zögern, frei zu deklamieren an. Da ich die Sprache nicht verstehe, konzentriere ich mich auf ihr Mienenspiel: weicher wirkt sie jetzt, und jünger.

    Als ich ein paar Tage später am Flughafen darauf warte, dass mein Flug nach Bangkok aufgerufen wird, komme ich mit einem skandinavischen Entwicklungshelfer ins Gespräch, der von einem Projekt erzählt, dessen Vorgabe gewesen, dass es auf einer Seite hätte Platz finden sollen. Er habe das nicht ernst genommen, vier Seiten abgeliefert und gewartet. Ein paar Tage später habe man ihm gesagt, das Projekt müsse auf einer Seite Platz finden. Er habe erklärt, dies sei nicht möglich, und gedacht, das könne doch nur ein Witz sein. Wieder habe er gewartet. Und wieder habe man ihm gesagt, dass eine Seite ausreichen müsse. Getobt habe er, doch es habe nichts genützt. Als er sechs Wochen später eine Version auf einer Seite ablieferte, sei mit den Arbeiten begonnen worden.


    ***

    Zurück in Bangkok, suche ich auch Mont Redmond auf. Ich hätte viel gelernt bei der Lektüre seines Manuskripts, sage ich und beginne unverzüglich Beispiele aufzuführen. Und bin dann fast nicht mehr zu stoppen.

    Ich sei zuversichtlich, der Verleger werde meine Einschätzung teilen, sage ich zu Mont, als ich mich ein paar Tage später telefonisch von ihm verabschiede.

    Hans Durrer


    Mont Redmonds Wondering into Thai Culture erschien im Eigenverlag (Redmondian Insight Enterprises Co., Ltd.), wird in Thailand von Asia Books vertrieben und erlebte im Jahre 2002 bereits die dritte Auflage.

    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


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