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Mittwoch, 29. März 2017 | 22:53

 

Polen - Special (Teil 1)

08.12.2005

Teraz Polska – Polen Jetzt

Polnische Literatur der Gegenwart

Von Helena Schneider

 

Editorial

Wo liegt eigentlich Polen? Jenseits der Oder? Irgendwo im Osten auf dem Weg nach Russland? Oder vielleicht gar auf einem anderen Planeten? Natürlich handelt es sich hierbei um keine rein geographische Frage. Auf der Landkarte des westlichen Bewusstseins liegt Deutschlands unmittelbarer östlicher Nachbar noch immer an einem nebulösen Ort, der im Vergleich zu anderen Ländern und Kulturen verhältnismäßig selten das Interesse der Öffentlichkeit auf sich zieht. Literarisch ist Polen für die westliche Welt zwar nie ein völliges Niemandsland gewesen. Der eine oder andere kennt vielleicht noch Andrzej Szczypiorski (Die schöne Frau Seidenmann), der nicht nur in Deutschland hoch verehrt wurde. Auch Czesław Miłosz und Wisława Szymborska, die polnischen Nobelpreisträger für Literatur von 1980 und 1996, sind im internationalen Literaturbetrieb keine unbekannten Namen. Trotzdem gehören Literatur und Erzählkunst nicht gerade zu den Dingen, die man hierzulande spontan mit Polen assoziieren würde. Zu Unrecht! Denn obwohl Polens große Literaten aus historischen Gründen lange Zeit nicht auf dem Parkett der Weltliteratur vertreten waren wie die Dichter anderer Nationen, hat das Land zwischen Oder und Weichsel durchaus eine lange und traditionsreiche literarische Vergangenheit vorzuweisen. Und spätestens seit dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems ist Polens Literatur dank einer neuen Schriftstellergeneration wieder auf dem Weg zurück aus der kulturellen Abgeschiedenheit.

Die Autoren der Gegenwart haben die Last der Vergangenheit abgelegt und die polnische Literatur wieder zugänglicher gemacht. Titel stellt in diesem Länder-Special zwei der interessantesten Tendenzen vor, die sich in den letzten sechzehn Jahren im polnischen Literaturschaffen herausgebildet haben, sowie vier Autoren der Generation `89, die sicherlich dabei helfen können, die Frage nach Polens geistigem Standort zu beantworten: Wo liegt Polen? Mitten in Europa!

Der Weg in die Freiheit – polnische Kultur und Literatur nach `89

„Sich mit Kopernikus & Co aufzublasen ist leicht. Schwerer ist es, eine intelligente und ehrliche Einstellung zu den lebenden Werten der Nation zu finden.“ Mit diesen Worten kommentiert der polnische Schriftsteller Witold Gombrowicz die nicht immer unkomplizierte Haltung seines Heimatlands gegenüber der eigenen Kultur und ihren Wertvorstellungen. Das heutige Polen steckt voller Widersprüche und Gegensätze, eine Tatsache, die im Wesentlichen in der ungewöhnlich wechselvollen Vergangenheit des Landes begründet liegt. Denn die Geschichte Polens ist selbst für europäische Verhältnisse an Unbeständigkeit und Dramatik kaum zu überbieten. Ob Wohlstand und Liberalität im goldenen Zeitalter der polnischen Adelsrepublik, Kampfgeist und Patriotismus zur Zeit der napoleonischen Befreiungskriege, Fremdherrschaft und Unterdrückung unter drei Teilermächten im 19. Jahrhundert oder die erneute Unfreiheit in der Ära des Sozialismus – all diese Erfahrungen fließen in das gegenwärtige polnische Selbstverständnis mit ein. Sie sorgen dafür, dass Polen und die polnische Kultur komplex sind, vielleicht zu komplex um hierzulande immer auf die Art und Weise rezipiert zu werden, die der polnischen Realität gerecht wird. Dinge wie starre Bürokratie, Korruption, rigoroser Katholizismus und übertriebener Nationalstolz gehören zu Polen ebenso wie die tiefe Verbundenheit zu Heimat und Familie, die Liebe zu Musik, Theater und Literatur und nicht zuletzt die Fähigkeit zu Ironie und scharfer Selbstkritik.

Die polnische Literatur galt aufgrund der sehr spezifischen Erfahrungen Polens lange Zeit als schwer oder kaum übersetzbar. Es ist daher nicht allzu verwunderlich, dass anderen Völkern der Zugang zu den „lebenden Werten“ der polnischen Nation versperrt blieb. Noch weit über die Romantik hinaus, jener Epoche, die die polnische Mentalität am meisten prägte und formte, war der polnische Dichter mehr als nur ein Meister des Wortes. Der polnische Dichter und Denker war Träger der Kultur, der das Volk in schweren Zeiten mit geistiger Nahrung versorgte, Trost spendete und die Hoffnung auf Selbstbestimmung aufrechterhielt. Das Ziel oder, wie der große polnische Romancier Andrzej Szczypiorski es auf den Punkt brachte, „die vornehmste Pflicht“ von Kunst und Literatur bestand darin, angesichts von Fremdherrschaft, Okkupationen und Kriegen die nationale Identität der Polen zu beschwören und den Widerstandsgeist zu festigen. Literaten wie etwa Polens Nationaldichter Adam Mickiewicz sowie viele seiner Nachfolger waren Helden, geistige Überväter, die für den Zusammenhalt der Nation zuständig waren und bis heute auf dem Sockel der Unantastbarkeit ruhen. Sich als Künstler vom Politischen abzuwenden galt hingegen als Flucht vor der Verantwortung.

Seit der Wende haben sich in Polen wie auch in anderen ehemaligen Ostblockstaaten nicht nur die allgemeinen Lebensverhältnisse radikal verändert, sondern auch die Bedingungen, unter denen sich das kulturelle Leben abspielt. Mit der staatlichen Kontrolle, die zuvor über dem künstlerischen Schaffen gewacht hatte, fiel in Polen Anfang der neunziger Jahre für viele Kreative auch die materielle Absicherung weg. Die romantische Idee vom Künstler als Vordenker der Nation fing an zu verblassen, seitdem setzt sich zunehmend die Vorstellung von der Kunst als Produkt durch, das in der freien Marktwirtschaft bestehen muss. Der Druck, wirtschaftlich erfolgreich zu sein, hat die Erwartung an die polnischen Dichter, eine politische Botschaft vermitteln zu müssen, abgelöst. Insofern hat in Polen seit dem Ende des sozialistischen Zeitalters mit der Wirklichkeit des täglichen Lebens auch die Art und Weise, wie diese von den Künstlern verarbeitet wird, einen deutlichen Wandel vollzogen. Die junge polnische Literatur ist angesichts dieser Tatsache so facettenreich wie die polnische Gegenwart und gehört damit zum Spannendsten, was die Literaturszene des neuen Europa zu bieten hat. Doch wie genau hat die Generation ´89 auf die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche reagiert? Wie und worüber schreiben Polens junge Autoren angesichts der Freiheit?

Frisch, frech, feminin – Polens weibliche Stimmen

Eine der interessantesten Entwicklungen der polnischen Literatur nach `89 sind die Debüts junger Autoren, die sich – im Gegensatz zu den vorigen Schriftstellergenerationen – ganz bewusst gegen eine ausschließliche Beschäftigung mit politischen Themen entschieden haben. Gesegnet von der Gnade der späten Geburt haben sie ganz ohne schlechtes Gewissen Abstand genommen vom alten Mythos des „auserwählten, tragischen Volkes“, wonach Polen der „Christus“ unter den Nationen sei. Besonders mitgewirkt an der Distanzierung von romantisch-verklärten Motiven hat eine Reihe von Autorinnen, die ihre ersten großen Erfolge Anfang der Neunziger feierten. Schriftstellerinnen wie Izabella Filipiak, Olga Tokarczuk oder Manuela Gretkowska schreiben frech gegen Tabus und überholte Rollenvorstellungen an und treffen damit genau den Nerv einer immer noch stark patriarchalisch geprägten Gesellschaft. Im Mittelpunkt ihrer oft autobiographisch gefärbten Erzählungen stehen Kindheit und Jugend bzw. der Weg zum Erwachsensein. Einschneidende Erlebnisse wie die erste Menstruation oder erste sexuelle Erfahrungen werden offen thematisiert, ein Novum, das im katholischen Polen zunächst für Aufruhr sorgte, von vielen Lesern jedoch dankbar bis begeistert aufgenommen wurde. Auch das hartnäckige Klischee der „Matka Polka“, der „polnischen Mutter“, die sich unermüdlich für Vaterland, Kirche und Familie opfert, ist dank vieler Vertreterinnen der Generation `89 ins Wanken geraten.

Fortsetzung folgt ...

Helena Schneider

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