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M. N. Lorenz: Auschwitz drängt uns auf einen Fleck

20.11.2005

Nachlese beim verhinderten Nationaldichter
Es kommt selten vor, daß eine literaturwissenschaftliche Dissertation öffentliches Interesse findet und Aufsehen erregt. Bei Matthias N. Lorenz´ Arbeit mit dem Titel „Auschwitz drängt uns auf einen Fleck“ ist das der Fall. Er untersucht schließlich ja auch „Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser“, der seit seiner „Friedenpreisrede“ 1998 und seinem Schlüsselroman „Tod eines Kritikers“(2002) zum Skandalautor wurde.

 

Zugegeben: es machte kein (literarisches) Vergnügen, ein Buch wie „Auschwitz drängt uns auf einen Fleck“ von Matthias N. Lorenz zu lesen und zu rezensieren. Denn es ist eine Dissertation, die sich vorgenommen hat, „Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser“ zu untersuchen.
Zum einen ist es kein Vergnügen, weil es sich um eine Dissertation handelt, die mit den üblichen wissenschaftlichen Methodiken Schritt für Schritt voranschreitet, dabei auch die üblichen redundanten Ausbuchtungen nicht vermeidet, sprachlich manche Ausrutscher aufweist und selbstverständlich nicht auf der literarischen Höhe des von ihr „behandelten“ Autors sich bewegt.
Zum anderen kann man als Leser – gerade wenn man, wie ich, Lorenz´ Unternehmen mit Neugier begegnet – nicht doch auch ein gewisses Unbehagen verleugnen, weil hier sowohl am „lebenden Objekt“ geforscht und „operiert“ wird, als auch weil das Verfahren, das Walsersche Oeuvre unter den genannten Fokussierungen zu durchpflügen, methodisch und metaphorisch eine Nähe zur „erkennungsdienstlichen Überprüfung“ (wie sie z.B. beim Radikalenerlass oder anderen geheimdienstlichen „Ausforschungen“ in den biografischen Dokumenten einer Person, die sich hier im literarischen Werk niedergeschlagen haben) nicht verleugnen kann.
Die (umständliche) Penibilität, mit der Lorenz vorgeht und mit der er seine Methode wie deren Ergebnisse jederzeit transparent, also kritikfähig macht, versucht diesem anrüchigen Verfahren, einem lebenden Autor „auf die Schliche“ zu kommen, etwas von der Peinlichkeit zu nehmen. Ein Rest bleibt jedoch, obwohl er dem Doktoranden Lorenz nicht zugeschrieben werden kann.
Es war schließlich Martin Walser selbst, der Lorenz literaturwissenschaftliche Arbeit, die nicht als Grille des damit Promovierten vom Himmel gefallen ist, gleich mehrfach provoziert hat: zum einen durch seine öffentliche Skandalproduktion, spätestens seit seiner heftig umstrittenen „Friedenspreisrede“ (1998) und seinem noch entschiedener literarisch bezweifelten Schlüsselroman „Tod eines Kritikers“(2002); zum anderen, weil Walser in beiden Fällen selbst nicht allein von der Kontinuität seines Werkes sprach, sondern auch geradezu darauf beharrte, nur von diesem aus beurteilt zu werden. Es war Jurek Becker, der schon 1988 in seiner Kritik von Walsers Münchner Rede „Über Deutschland reden“ den Gedanken äußerte, er müsse wohl Walsers Bücher noch einmal lesen, weil er ihn bis dahin missverstanden habe.
Matthias N. Lorenz hat nun sowohl eben diesen Wünschen Martin Walsers als auch Jurek Beckers Mutmaßung entsprochen und das ganze Oeuvre Walsers noch einmal en détail gelesen – und zwar (wie Thomas Mann es in seiner berühmten Nietzsche-Rede annonciert hatte): „im Lichte unserer Erfahrung“ (mit dem späten Walser) und den historischen Folgerungen und „Kollateralschäden“. Lorenz´ Buch ist also eine retrospektivische Recherche zur „Genealogie der Moral“ (Nietzsche), die zu dem Walserschen Amoralismus geführt hat, der uns in seinen heutigen Ansichten entgegentritt. Daß die von mir früher so genannte „verfolgende Unschuld“, nämlich Martin Walser, in Jurek Beckers unausgeführtem Gedanken, dessen Bücher noch einmal zu lesen, bereits den Tatbestand erblickte, daß „Sie“ (i.e. Jurek Becker) „mich nach rückwärts hinein vernichtet haben“, war eine voreilige Angst. Erst mit Matthias Lorenz´ Buch könnte sie begründet sein.


Angriff als beste Verteidigung

Dem haben aber Walsers Freunde und Verteidiger vorzubeugen versucht. Die TAZ ließ Walsers autorisierten Biografen Jörg Magenau Lorenz´ Buch besprechen, die SZ (wo Thomas Steinfeld Literaturchef & Walser-Verteidiger ist) beauftragte den Germanisten und „Präsidenten der Bayrischen Akademie der Schönen Künste“ Dieter Borchmeyer damit und in der ZEIT nahm sich Literaturchef Ulrich Greiner persönlich Lorenz´ Buch an und verteidigte Walser mit dem absurden Argument, sein möglicher Antisemitismus sei harmlos, weil er nicht „auf getrennten Parkbänken“ für Juden bestehe.
Daß dem Walser-Biografen Magenau, dessen Monographie 2005, also eben erst in Walsers neuem Verlag (Rowohlt) erschienen ist, Lorenz´ Fundamentalkritik an der Walser-Philologie nicht passen würde, war abzusehen. Sonst hätte er ja sein Buch revidieren müssen. Aber skandalöser ist Borchmeyers Verriss in der SZ unter dem Titel „Pranger-Philologie“. Borchmeyer schlägt gleich mehrere Fliegen mit seiner Rezensionsklatsche. Denn der Germanist hat sich, neben journalistischen Verteidigungen Walsers, schon zuvor sowohl als Apologet von Walsers „Friedenspreisrede“ in einem Buch (noch) bei Suhrkamp, wie auch als Autor und neben Helmut Kiesel (dem Editor von Walsers Suhrkamp-Werkausgabe) als Mitherausgeber des Sammelbandes „Der Ernstfall“ hervorgetan, in dem 15 akademische Kollegen Walsers Roman „Tod eines Kritikers“ als Opfer der „politischen Korrektheit“ und eines „abwegigen Antisemitismusverdachts“ der „Kommunikationspolizei“ in ihren Schutz nahmen und keinen der Vorwürfe gegen Walser „als auch nur im Ansatz für berechtigt“ erklärt hatten.
Das apologetisch-akademische Konvolut, das sich Walsers Argumentation zueigen macht und durchaus unakademisch-polemisch zur Sache geht, ist 2003 bei Hoffman & Campe erschienen, wohin der für die überstürzte Publikation des Romans bei Suhrkamp (im Schatten des sterbenden Verlegers Unseld) damals verantwortliche Verlagsleiter Günter Berg mittlerweile gegangen war.
Nun ist gegen solche öffentlichen Salvierungsversuche von Freundeskreisen des Schriftstellers nichts einzuwenden. Jedoch gehörte es zu den bisherigen journalistischen Usancen, daß wenigstens nicht der ein Buch bespricht, der in ihm vielfach kritisiert wird – und das noch nicht einmal in seiner Rezension erwähnt, um deren Leser über seine persönliche Befangenheit zu informieren. Matthias N. Lorenz hat nämlich jeden Beitrag des „Ernstfalls“ und dessen apologetische Gesamttendenz einer ebenso detaillierten wie fairen Kritik unterzogen. Mit der Ex-Cathedra-Autorität des „Präsidenten der bayrischen Akademie der Schönen Künste“ spricht Borchmeyer jedoch Lorenz völlig zu Unrecht „Grundfehler“ zu, „die ein Philologiestundent schon im ersten Semester zu vermeiden lernt“ und empört sich ebenso moralistisch wie pauschal, d.h. ohne auch nur einmal auf Lorenz´ Argumentation einzugehen (ganz wie sein Schutzbefohlener Martin Walser) über das „in Aufbau und Umfang monströse, im Gehalt denunziatorische Buch“ als „abschreckendes Beispiel“ einer bloß „vermeintlichen Wissenschaft“, welche der „universitären Institution, die für diese Dissertation die Verantwortung übernommen hat, kein gutes Zeugnis ausstellt“. Als ein abschreckendes Beispiel für die Verluderung sowohl des akademischen als auch des journalistischen Bereichs dient jedoch dieser anmaßend-hinterlistige, weil scheinheilige Rundumschlag Dieter Borchmeyers.

Auch ich bin Partei

Natürlich bin auch ich „Partei“ – seit Walsers „Friedenspreisrede“ und dem unsäglichen, jedoch ihn bis zur Kenntlichkeit charakterisierenden Gespräch mit Ignatz Bubis. Das Erschrecken über Äußerungen, Haltungen und Meinungen eines Autors, der wie andere große Schriftsteller der Bundesrepublik mit seinem Oeuvre und seinen „Wortmeldungen“ zum festen Bestand meiner ästhetischen, moralischen und politischen Sozialisation und der ohne Zweifel zu den herausragenden Schriftstellern der deutschen Nachkriegsliteratur gehört, hat mich damals zu der Frage bewegt, ob seine von mir als Skandal empfundene Rede einen bislang nicht hinreichend erkannten und bedachten historischen Vorlauf hatte, also am Ende einer Entwicklung steht & nicht bloß ein momentaner verbaler & missverständlicher Ausrutscher war.
Dabei habe ich nur auf den signifikanten Essay „Händedruck mit Gespenstern“ (1979) zurückgeblickt, Walsers Beitrag für das von seinem damaligen, langjährigen Freund Jürgen Habermas edierte zweibändige Suhrkamp-Kompendium „Stichworte zur Situation der Zeit“, das ich, als FR-Redakteur, sogar für einen Vorabdruck ausgewählt hatte. Erst im Rückblick von den Ereignissen knapp 20 Jahre später wurde mir Walsers deutschnationale, ressentimentgeladene, anti-intellektuelle und schließlich antisemitische Entwicklung erkennbar, die mir auch sein allgemein als politisch „links“ behauptetes „Engagement“ in den späten Sechziger & frühen Siebziger Jahren als zeittypische Fehleinschätzung erscheinen ließ.
Über diese Relektüre im Lichte meiner jüngsten Erfahrungen mit dem Autor habe ich zuerst in einem Beitrag für den Walser-Band von „Text + Kritik“ 2000 und dann in dem erweiterten Essay Vom Händedruck mit Gespenstern zum Springenden Brunnen (erschienen in Titel-Magazin am 7. 3. 2000) berichtet; und nach dem „Tod eines Kritikers“ unter dem Titel Der Sommer des Ressentimentalisten eine „Besichtigung der Medienlandschaft nach der jüngsten Walserei“ (erschienen in Titel-Magazin am 31.7. 2002) unternommen.
Eben deshalb ist mir Matthias N. Lorenz´ unvergleichlich viel umfangreichere, alle erzählerische, dramatische & essayistische Arbeiten einbeziehende Frage nach der „Judendarstellung und dem Auschwitzdiskurs“ in Walsers Werk & Äußerungen willkommen, weil Lorenz ab ovo verfolgt, wie sich nach und nach bei dem Autor an- & herauskristallisiert, was Lorenz „Walsers nationales Projekt“ nennt. Als dominant wird es vor allem in seiner Essayistik oder in Nebenwerken (wie z.B. „Tassilo“, „Nanosh“ oder „Kaschmir in Parching“) erkennbar, während es in seinen größeren erzählerischen Arbeiten von „Seelenarbeit“ bis „Brandung“ im Hintergrund bleibt und erst ab „Verteidigung der Kindheit“ (1991) in den Romanen der Neunziger Jahre auch thematisch wird.

Rückblick vom späten auf den frühen Walser

Es sei Walsers immer unmißverständlicherer verfolgter Wunsch, eine „deutsche Identität“ zu entwickeln, die ihren negativen Bezugspunkt „Auschwitz“ zwar weder leugnet noch aus dem Auge verliert, aber gleichwohl mehr und mehr auf eine Re-„Normalisierung“ des „deutschen Volks“ hinzielt, das weitgehend unschuldig, gutgläubig und unwissend in das Verbrechen einer über ihm waltenden & schaltenden nazistischen Clique „hineingewirkt“ wurde – zu seiner „Schande“.
Diese „Schande“ aber, mit der jeder Deutsche privat, nämlich ausschließlich „in seinem Gewissen“, umgehen müsse (nichts & niemand dürfe ihm da „reinreden“ oder ihn gar gegen sein „Gewissen“ zu etwas zwingen), werde ihm heute noch & immer wieder als „Schuld“ von „dem Ausland“, „den Medien“, den „moralisierenden Intellektuellen“ und in „kollektiven Ritualen“ (wie dem „fußballfeldgroßen Albtraum“ des Berliner Holocaust-Mahnmals) „vorgehalten“, vulgo: mit der „Moralkeule“ werde diese Schande zu „gegenwärtigen Zwecken“ immer wieder „instrumentalisiert“ – und „uns“ damit die Rückkehr zu „einem normalen Volk, einer gewöhnlichen Gesellschaft unter anderen“ verwehrt. So in etwa lautet ein Resümee der „Friedenspreisrede“.
Nun ist bei dem 1927 geborenen Walser von einem solchem „nationalen Projekt“ in seinem erzählerischen Frühwerk gar nicht und in der Anselm-Kristlein-Trilogie (1960/73) nur unterschwellig die Rede, wohl aber in den „Deutschen Chroniken“ der beiden Theaterstücke „Eiche und Angora“ (1962) und „Der Schwarze Schwan“(1964). Konnte man in der fiktiven, scheiternden Aufsteigerbiografie Anselm Kristleins (vor allem in deren umfangreichsten ersten Band der „Halbzeit“) und im ausufernden Fluß Erlebter Rede, in der eine Vielzahl von Figuren panoramatisch für die Prosperitätsgesellschaft der Bundesrepublik heraufgerufen wurden, noch darüber „hinweglesen“, so stellt sich in der dialogischen Auseinandersetzung kontroverser Figurenreden in den beiden „Deutschen Chroniken“ das „nationale Projekt“ schon klarer dar.
Allerdings jeweils erst im Nachhinein, im Lichte unserer Erfahrungen mit Walser, der sein „nationales Projekt“ ebenso subversiv verfolgt (gewissermaßen nebenbei), wie seinen literarischen Antisemitismus durch assoziativ wirkende Signalements chiffriert hat – bis beides erst in den späten Neunziger Jahren sich zur Kenntlichkeit entwickelte.
Zum einen waren die zeitgenössischen Leser und Theaterzuschauer (samt der Walser-philologie!) noch nicht für diese Untertöne hellhörig gemacht worden, zum anderen waren die Zeitgenossen selbst noch weitgehend geistig, politisch und moralisch konform mit den von Walser darin angestimmten Ansichten, die erst mit der Studentenrevolte 1968 entschieden in Frage gestellt wurden, deren Legitimität des radikalen „Hinterfragens“ jedoch von Walser schon in der Figur seines Rudi („Der Schwarze Schwan“) ante rem zurückgewiesen wurde, was Lorenz allerdings nicht thematisiert.

Der weitreichendste Fund in der „Halbzeit“

Als Spurenlese in der „Halbzeit“ weist Lorenz auf die Parallelisierung von Anselm Kristleins detaillierter Leidensgeschichte als deutscher Kriegesgefangener in der UdSSR und der Flucht- & Leidensgeschichte der in Breslau geborenen jüdischen Susanne hin, seiner zeitweiligen Geliebten, die jedoch nie in einem KZ war. „Spielt man diese Opferkategorien – Anselm und die Deutschen als Opfer vs. Susanne und die Opfer der Deutschen – gegeneinander aus“ (was Walser durch die Romankonstruktion präjudiziert, indem beide sich einander ihre Lebensgeschichten erzählen), so falle „die Schilderung der deutschen Opfergruppe freundlicher aus“ – Lorenz will sagen: sympathieheischender. „Zwar spart Walser nicht an Figuren, die eine braune Vergangenheit haben und damit die deutsche Schuld repräsentieren, doch die NS-Opfer werden im Gegenzug immer wieder abgewertet: Die Juden erscheinen zwar als Vertriebene, aber sie werden auch mit bekannten antisemitischen Stereotypen (Reichtum, Kosmopolitismus, Fixiertheit auf Geld, Geiz, Erotik der >schönen Jüdin<, der berüchtigten >jüdischen Nase<) versehen; der Sohn des Hitlerattentäters wird dadurch abgewertet, daß er mit seinem Schicksal hausieren geht“ – letzteres ein von Walser vielfach repetierter & karikierter Topos, den er satirisch-polemisch als moralistische „Überheblichkeit“ deshalb angreift, weil er sein Konstrukt eines homogen deutschen „Volkskörpers“, dem sich z.B. die „besserwisserischen Intellektuellen“ entziehen wollen, bedingungslos verfolgt.
Der weitreichendste Fund, den Lorenz in „Halbzeit“ jedoch macht, ist von bestürzender Evidenz & folgenreicher Symptomatik. Walser erzählt nämlich Anselms Kriegsgefangenen-Erfahrungen mit „typischen Elementen der Überlebensberichte von Holocaustopfern: Vernichtung durch Arbeit, willkürliches Töten, Geiselerschießungen, Deportation in Viehwaggons, die Aufkündigung von Mitmenschlichkeit unter Häftlingen in Extremsituationen, Kampf um Nahrung, Fluchtversuche, Bestrafung durch Folter und das nur Zufällen verdankte Überleben“.
Es fällt schwer, darin nicht eine bewußte typologische Übertragung zu sehen: der überlebende deutsche Soldat in Kriegsgefangenschaft „erleidet“ das gleiche „Schicksal“ wie die Juden im deutschen KZ-System. Walsers empathetische Identifikation ist umso signifikanter, als er zum einen nicht auf eigene Erfahrungen zurückgreift, die ihm einzig als authentische literarisch erlaubt und gerechtfertigt erscheinen, wie er immer wieder bis zum „Springenden Brunnen“ betont; zum anderen aber er als Autor jede empathetische literarische Identifikation mit den jüdischen KZ-Opfern für unmöglich erklärt hat („Unser Auschwitz“, „Ein springender Brunnen“).

Der verhinderte Nationaldramatiker

Was aber wollte Walser „uns“ mit seinen „Deutschen Chroniken“ denn eigentlich „sagen“, mit denen er jedoch als Dramatiker nicht reüssierte, was er dem „bewertenden und segenspendenden Kulturbetriebsapparat“ und dessen „Geschichtsverneinung“ noch 1979 im „Händedruck mit Gespenstern“ negativ zu Buche schreibt? Lorenz, der „Eiche und Angora“ vom Eichmann-Prozess und „Der Schwarze Schwan“ von einem geplanten Prozess gegen Euthanasie-Ärzte provoziert sieht, resümiert: In „Eiche und Angora“ werde dargestellt: „Alois und Anna (als) Opfer des Systems, das (pazifistische) Volk als Versuchskaninchen der Ideologien, die alleinige Schuldzuweisung an ranghohe Nazis, die Rehabilitierung eines angeblichen typisch deutschen Spezialistentums und die verminderte Verantwortlichkeit des Einzelnen, das das >Große-Ganze< nicht habe überschauen können“. Und in „Der Schwarze Schwan“: die „Abwehr von Täterverfolgung und Gerichtsbarkeit, das eigene Abmachen der eigenen Schuld, die Entlarvung einer Opferidentifikation, die Darstellung der Tat als Tragödie für den Täter, die Unerklärlichkeit des Holocaust, die Verständlichmachung des Wunsches nach Vergessen und abermals das Argument, dass man als kleiner Erfüllungsgehilfe den organisierten Massenmord nicht habe überschauen können“.
Wenn man „Eiche und Angora“ als Walsers „Antwort“ auf den Eichmann-Prozess betrachtet, so versucht sich hier der Dramatiker an einer Rehabilitation ausgerechnet des bornierten „Spezialistentums“, das in dem Verwaltungs- & Organisationsspezialisten Eichmann als spezifisch deutsche „Untugend“ die perfekte Exekution des Massenmordes ermöglicht hatte. Wenn man die Hamlet-Paraphrase des „Schwarzen Schwans“, in dem der Sohn eines Euthanasie-Arztes die verbrecherische Vätergeneration zur Offenbarung ihrer Schuld zwingen will und sein Scheitern mit einem Selbstmord besiegelt, so wird diesem wirren Walserschen Hamlet namens Rudi zum einen überhebliche Selbstgerechtigkeit nachgerufen (und zwar auch noch von sich selbst!), zum anderen entschuldet der vermeintliche Ankläger „die Täter und Mithelfer als kleine Rädchen im Getriebe der Endlösung“ (Lorenz). Rudi will einerseits dem Staat Israel das Volkswagenwerk schenken, um sich „gut (zu) stellen mit allen Verwandten meiner Opfer“ – womit Walser, pointiert Lorenz, die Wiedergutmachungsleistungen persifliert –, andererseits mokiert sich Rudi über die Opferidentifikation des Euthanasiearztes Liberé, der Lebensbäume züchtet, deren schönster von Rudi abfällig als „siebenarmiges Gewissensrequisit“ (also als „jüdisch“) bezeichnet wird.
In Professor Liberé, der als Euthanasiearzt Leibniz („die beste aller Welten“) hieß und unter anderem Namen & juristisch unbelangt weiter eine Nervenheilanstalt leitet, wird einerseits dessen „lebenslängliche Leichenwache“ und „selbstgebastelte Verurteilung“, nämlich seine outrierte Selbstidentifikation mit seinen ehemaligen Opfern karikiert (als sei das ein typisches Verhalten von bürgerlichen Naziverbrechern gewesen), andererseits darf er gleich mehrfach gegen die juristische Verfolgung und Verurteilung von seinesgleichen polemisieren („Die Richter und Zuschauer wollen sich mästen an dir. Mit jedem Geständnis werden sie fetter“) – eine Ansicht, die Walser u.a. in „Unser Auschwitz“ (1965) teilt und 1978/79 radikalisierte, indem er entschieden für eine Verjährung der Naziverbrechen eintrat.
Liberé, mit dessen seltsamer Gewissensdialektik Walser ausdrücklich sympathisiert, erklärt auch, warum er seine Verbrechen allein mit sich ausmachen müsse: „Wir wissen doch gar nicht mehr, wie und warum. (...) Ich bin mir nicht verständlicher als Ihnen, glauben Sie mir das, bitte. Ich kann nichts erklären. Ich weiß bloß: ich kann mich nicht anderen zuliebe trennen von mir und sagen: der war`s. Ich bin mir selbst ein miserabler Richter. Und einen besseren, fürchte ich, gibt es nicht“.

Täter & Tat: zwei Welten & Zeiten


Der Täter und seine Tat sind in dieser exklusiven Subjektivierung des Verbrechens (also bereits ein Vierteljahrhundert vor der „Friedenspreisrede“!) nicht mehr kompatibel. Das Ich war damals nämlich ein Anderer, soll das heißen; Opfer der Tragödie sind nicht die Ermordeten, sondern ist der weiterlebende Mörder. Das erklärt Walser in einem historischen Augenblick, in dem bislang verborgene Massenmörder überhaupt zum erstenmal gerichtlich belangt werden; und unser Mitleid soll primär der Schizophrenie des sowohl von seinem Gewissen Geplagten als auch der Unlöslichkeit dieses Antagonismus´ gelten.
Nicht nur die Zeit, die zwischen der Tat und dem gealterten Täter liegt, läßt diesen zwar nicht unschuldig werden, aber doch die juristische Verfolgung und öffentliche Verurteilung als „Ungerechtigkeit“ erscheinen (nämlich nur noch als „jüdische?“ Rache im Namen seiner Opfer) – und der Prozess, expressis verbis: „Unser Auschwitz“-Prozess, scheint unter Walsers anti-öffentlichem Blickwinkel deshalb nur noch ein ekelhafter, geiler, gewissermaßen „unsittlicher“ Show-Schau- & Hexenprozess für die Sensationsgier „der Medien“, vulgo die Bild-Zeitung zu sein.
Auch hätten sich in der Zwischenzeit die Umstände zwischen der Tat und dem heutigen Täter geändert, lautet Walsers zweite Einrede gegen die Gerechtigkeit einer juristischen Verfolgung der Täter, wobei er nicht meint, daß einzig die veränderten politischen Umstände eine Verfolgung der Tat heute ermöglichen, wohingegen er „Gerechtigkeit“ (in der „Friedenspreisrede“) für obsolet erklärte. Was er mit seiner Einrede meint, hat er in seinem 1965 erschienenen Aufsatz „Imitation oder Realismus“ erklärt: „Wer im >Völkischen Beobachter< schrieb und heute wieder schreibt, nur jetzt ganz anders, das ist doch ein und derselbe Mann, aber er ist einer anderen Situation ausgesetzt, er kann eine andere Seite seines Charakters zeigen, eine damals verschüttete, damals nicht gefragte oder sogar verbotene (...) Darzustellen, daß einer sich besonders schlecht benommen hat, ist auch nur halb wahr, wenn nicht gezeigt wird, daß er sich unter anderen Bedingungen besser bewährt (...) Wir (...) sollten doch empfindlich werden für die gesellschaftlichen Bedingungen, die uns zum Schlechteren oder Besseren provozieren. Ich finde nichts glaubwürdiger als etwa die Auskunft, daß einer jetzt nicht mehr begreift, was er damals tat, oder daß er es begreiflich zu machen versucht bloß durch Schilderung aller Umstände (...) Und was er für Entscheidung hält, ist ein euphemistischer Name dafür, daß ihm etwas Mögliches abverlangt wird“.
Bestürzend an diesem Plädoyer für das, was im juristischen Prozessverfahren „mildernde Umstände“ genannt wird, ist nicht einmal so sehr die Tatsache, daß es im Angesicht der Anklage von Massenverbrechen geäußert wurde, sondern daß Walser es, bezogen auf die Nazizeit, totalisiert. Die „Umstände“, die „gesellschaftlichen Bedingungen“ (hier konnte er „linkes“, materialistisches Argumentieren für sein nationales Projekt der Volksentschuldung zeitgemäß instrumentalisieren) werden zu den alleinigen Bedingungen eines subjektiven Verhaltens erklärt, daß sich je nach den es „provozierenden Umständen“ charakterlich verhält. Charakter ist nicht die in freien, aktiven Handlungen konstituierte Selbstidentität und -verantwortung (wie im humanistischen Postulat des zeitgleichen Sartreschen Existenzialismus) und notfalls gegen das gesellschaftlich, politisch und moralisch „Abverlangte“ gerichtet, sondern ein passiver Respons auf das, was dem ihm von den Umständen „abverlangt“ wird, so daß das Subjekt de facto einzig Objekt eines situativen Verhängnisses ist. Daß es die „Umstände“ schafft oder stabilisiert, indem es (mit)macht, was die „Umstände“ ihm „abverlangen“, bleibt außer Betracht.

Nicht zur Freiheit, sondern zum Opportunismus´ verdammt

Nicht zur Freiheit ist Walsers deutsches Subjekt „verdammt“, sondern zum Opportunismus der Anpassung an das, was ihm von den „Umständen“ und der „Situation“ möglicherweise „abverlangt“ wurde – und das sosehr, daß dieses Subjekt später, gleich einem Schizophrenen oder Volltrunkenen, „nicht mehr begreift, was es damals tat“ – was so verwunderlich nicht ist, weil es ja in ihm durch äußere Umstände getan wurde. Wo keine Freiheit ist, ist auch keine Verantwortung, sondern deren Verdrängung, dafür aber bemitleidenswerte Tragik überlebender Täter.
Das ist der innerste Kern von Walsers deutschnationalem Projekt einer radikalen Kollektiv- Historisierung der Naziverbrechen. Die „ewige Schande“ ist eine temporäre Schuld, zu der das „deutsche Volk“, seit dem Betrug der Fürsten in den Bauernkriegen, von seinen herrschenden, dominierenden Eliten in Wirtschaft und Intelligenz immer wieder verführt worden sei – wie es heute von „den Medien“, „der Öffentlichkeit“ und „dem Ausland“ dominiert und instrumentalisiert werde.
Wie tief in Walsers Vergangenheit die Genese dieses apologetischen deutschen Geschichtsbildes reicht, geht aus einer euphorischen Rezension von 1951, also lange vor seinen ersten schriftstellerischen Publikationen (1954 ff), hervor. Es handelt sich um eine Rundfunkbesprechung von Hans Rothfels´ Buch „Die deutsche Opposition gegen Hitler“. Der deutschnationale, republikfeindliche und mit dem Nationalsozialismus sympathisierende Königsberger Historiker wurde als „Träger artfremden Blutes“ zu seinem größten Bedauern von den Nazis 1934 relegiert und nahm, aus der Emigration zurückgekehrt, durch eben dieses 1949 erschienene Buch eine herausragende Position als Historiker in der Bundesrepublik ein. Was nur zu verständlich war, wenn man sich dessen schmeichelhafte Thesen vor Augen stellt: „Die hehre Gesinnung des Widerstands, der weiter zu fassen sei als bisher geschehen; dass die Deutschen keineswegs moralisch korrumpiert, sondern unterdrückt gewesen seien; und schließlich die Behauptung, daß >die Nazis< klar von >den Deutschen< zu unterscheiden seien“ (Lorenz).
Der 24jährige Martin Walser, der gerade die Nebenfach-Prüfung für seine Promotion bei Rothfels abgelegt hatte, betont in seiner identifikatorischen Besprechung, der vertriebene Jude und schwerverwundeter Weltkriegs I-Soldat spreche „nicht als Parteigänger, sondern als Historiker, der jene Vorgänge aus den propagandistischen Übermalungen lösen und die plakathaften Legenden durch gründliche wissenschaftliche Arbeit zerstören will und zwar, wie er sagt, >um der geschichtlichen Gerechtigkeit willen< (...) Man darf Professor Rothfels dafür ganz offen danken. Er hat mit diesem Buch mehr für Deutschland getan, als eine Legion gut demokratischer Gesinnungsadressen an das Ausland zu tun vermöchten. Er hat die Kontinuität der Menschlichkeit in Deutschland von 1933-45 in Deutschland bewiesen.“
In meinen Kursivierungen ist mit Worten zu greifen, was als Kontinuität in Walsers „Deutschen Sorgen“, wider alle späteren historischen Forschungen & Erkenntnisse, aus dieser früh adaptierten Apologetik bis heute bei ihm fortdauert.

Die Ich-Überschreitung zu Volk & Nation

Die Aufgabe seiner „Deutschen Chroniken“, also seiner deutschen Nationaldramatik, sah Martin Walser darin, wie er im „Händedruck mit Gespenstern“ pointiert, die „Schuld“ namens Auschwitz zu „überwinden“, die man „aufnehmen, behalten und tragen kann nur miteinander“ und zwar durch eine kollektive „Ich-Überschreitung“: hin zu Volk und Nation. Weil Walsers Theatralische Sendung jedoch von „ichsüchtigen“, Samuel-Beckett-hörigen, geschichtsvergessenen und volksentfremdeten bundesdeutschen Intellektuellen verhindert wurde, beklagt er 1979 im „Händedruck mit Gespenstern“, mache „uns“ das heute noch „unfähig zur Kritik an Prozessen, denen wir uns ausgesetzt sehen“ – deren Opfer „wir“ also seien – und deshalb „erleben wir uns seit Jahr und Tag als Eingeschüchterte, Mutlose“.
Spätestens seit 1979 aber hat der „Eingeschüchterte“ seine „Mutlosigkeit“ schrittweise abgelegt: subversiv in seinen Romanen, provozierend-kenntlicher in seiner Essayistik und seinen Reden.
Es ist das Verdienst von Matthias N. Lorenz´ positivistischer Recherche, daß er den Spuren & Elementen Schritt für Schritt nachgeht, die Walsers Weg zu einer „Konstruktion nationaler Identität über Auschwitz – und gegen die Juden“ begleiten, wie er am Ende seiner Untersuchung pointiert.
Denn das Walsersche „uns“ & „Wir“ („Auschwitz drängt uns auf einen Fleck“) meint ein homogenes Kollektiv von Deutschen – eine „Volksgemeinschaft von Tätern“, wie er mit einer merkwürdigen Ironie 1979 formuliert –, in dem Juden, schon gar als Deutsche, fremde Störfaktoren sind und nicht „dazugehören“. Indem Walser die „Kollektivschuld“-These zum gemeinschaftsstiftenden Faktum einer deutschen Nationalidentität instrumentalisiert, ratifiziert er zugleich die nationalsozialistische Idee & Praxis, „die Juden“ (die er in das Kollektiv „unserer Opfer“ verbannt) aus dem deutschen „Volkskörper“ (Walser) auszuscheiden. Jedes der beiden ein für allemal radikal von einander geschiedenen, ja offenbar „völkisch“ von Walser definierten Kollektive habe, „nach Auschwitz“, seine je eigene Geschichte für sich zu bearbeiten, „ohne einander“, wie Walsers gleichnamiger Roman von 1993 heißt, den Lorenz als bislang von der Walser-Kritik & -Philologie unerkannten Vorläufer der „Friedenspreisrede“ und des offenen Antisemitismus´ in „Tod eines Kritikers“ entdeckt

Antisemitus als Notwendigkeit des Nationalen

Die Existenz so vieler jüdischer Figuren im Werk Martin Walsers (wie bei keinem anderen seiner Generation) könnte für seinen allumfassenden, epischen Blick auf die bundesdeutsche Gegenwart sprechen, würde deren Anwesenheit zwar nicht in jedem Fall (wie Lorenz übers Ziel hinausschießend mutmaßt), so doch in den meisten Fällen nachweislich und fast reflexartig derart von den Sterotypen des literarischen Antisemitismus begleitet, daß einem, angesichts der Lorenzschen Identifizierung von offenen und verdeckten Fundstellen – und zwar lange vor „Tod eines Kritikers“ – die Haare zu Berge stehen könnten. Es ist jedoch nicht die epische Souveränität, welche jüdische Figuren in Walsers Personenpanorama einfügt, sondern die Kontinuität seines „nationalen Projekts“, das sie zwingend verlangt, um sich einerseits an ihrer Existenz („nach Auschwitz“) abzuarbeiten und ex negativo sich an ihrer antisemitisch stigmatisierten „Andersartigkeit“ (nämlich nicht-identisch im völkischen Sinne zu sein) sich selbst zu definieren. Ihre Anwesenheit ist in der wiederkehrenden „schönen Jüdin“ erotische Verlockung, aber im Machtgefüge der Gesellschaft & des Literaturbetriebs existenzieller Vorwurf & Bedrohung der fragilen, ja erst an & gegen sie zu definierenden „deutschen Identität nach Auschwitz“.
Ruth Klüger, mit dem Studenten Walser befreundet, beschreibt in ihrem Lebensbericht „weiter leben“ (nach ihren Auschwitz-Erfahrungen), was ihr damals an „Christoph“, wie sie ihn nennt, „am meisten imponierte und mich gleichzeitig irritierte (...), daß der seine Identität hatte (...) Der wußte, wo und wer er war. Auch heute noch. Großzügig, liebenswürdig zieht er aus, die Fremde zu erobern, und dabei will er nichts von ihr lernen, als ohne Gefährdung der Eigenständigkeit zu machen ist. Aber ist Lernen ohne eine solche Gefährdung richtiges Lernen?“, fragt Ruth Klüger.
In dieser Bemerkung Klügers scheint das persönliche Dilemma Walsers auf, das er zu einem generell deutschen erklärt: die allseits bedrohte individuelle Identität. Dabei ist es primär die Angst des Provinzlers vor und die Lust auf „das Fremde“, das jenseits der geschützten Homogenität seiner allemannischen Bodenseeheimat beginnt; und die zur Vermutung und Unterstellung verdichtete Befürchtung, um das „unwissende“ Glück seiner Kindheit & Jugend während der Nazizeit durch die nachträgliche Kenntnis der synchronen Nazi-Verbrechen gebracht zu werden (siehe: „Der springende Brunnen“).
In dieser gehegten & gepflegten Provinzialität, deren Kehrseite das Ressentiment gegen die „Moderne“ ist, konstituiert und reaktiviert sich vielfältig das, was nicht nur Lorenz immer wieder Walsers „Gekränktheit“ nennt – eine Aversion gegen alles & jeden, der ihn an seinem Traum vom repräsentativen Nationaldichter und dessen Kontaktaufnahme mit dem „deutschen Volk“ hindert.
Imaginiert Walser in seiner Anselm-Kristlein-Trilogie den mißlungen Aufstieg eines willentlichen Anpassers im bundesrepublikanischen Kapitalismus oder beugt er sich in den Zürn-Romanen seiner „mittleren“ Schaffensphase über das Leiden gesellschaftlicher Absteiger und Zurückgesetzter, so identifiziert er sich in seinem Spätwerk mit authetischen biographischen Vorlagen von isolierten Außenseitern („Verteidigung der Kindheit“, „Finks Krieg“). Immer sind es deutsche Opfer der „Umstände“ und Leidensgeschichten von Opfern der „deutschen Situation“ und das Mindeste, was er damit erzählerisch versuchte, waren symbolische Repräsentationen, wenn nicht sogar literarische Allegorien für Deutschland, wobei & womit er jeweils jüngste eigene Erfahrungen mit Kritik und Widerrede gegen sich und seine öffentliche Haltungen metaphorisch, assoziativ einfließen lassen konnte.

Ich bin Deutschland - Du auch?

Das geht bis in privateste Animositäten und Zurücksetzungsängste im Vergleich zu literarischen Konkurrenten wie Uwe Johnson, Max Frisch, Jürgen Habermas oder Peter Handke, die er – wie auch die Literaturnobelpreisträger Böll & Grass – im öffentlichen Bewußtsein und dem gesellschaftlichen Resonanzraum an sich vorbeiziehen sieht, wo er doch mit seinem Oeuvre, in seiner Selbstwahrnehmung, als der repräsentative Autor Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg anerkannt und geehrt werden müßte und sich doch nur als Zurückgesetzter, als „Opfer“ der deutschen Zustände empfindet, die von „den Medien“, „der Öffentlichkeit“, „den Intellektuellen“, „dem Ausland“ gegen ihn „beherrscht“, „manipuliert“ und „instrumentalisiert“ werden, also genau von jenen „Mächten“, welche auch von unseren Rechtsradikalen als Feinde ihres „wahren Deutschtums“ ins Visier genommen werden.
Innerhalb dieses Ressentiments-Konglomerats, das mit jedem Schritt Walsers auf die Chimäre seines „Deutschlandsgefühls“, zum „Volk“ und der wieder selbstbewußten Nation hin, neues Futter erhielt, ist „der Jude“ zwar nicht der einzige Widerredner einer vermeintlichen „Verschwörung“, aber in der Geschichte des europäischen Antisemitismus die Symbolfigur, in der sich alle Momente der verhassten Moderne als „Abnormität“, physisch & psychisch, zusammendrängen lassen. Insofern ist Walsers literarischer Antisemitismus „traditionell“, weil er – wie Lorenz belegt – keines der sozusagen „klassischen“ Topoi verschmäht, bis hin zu jenem, für sich & sein Nationalbewußtsein auch jene deutsch-jüdischen Autoren zu reklamieren, die ihm dabei ideologische Hilfsdienste leisten könnten – wie die nationalkonservativen Rothfels und Victor Klemperer, an dessen Vita er den durch die Nazis verhinderten Versuch einer „Emanzipation“ in der Form einer rigide Assimilation an „das Deutsche“ als „etwas Gesundes, etwas Normales“ bewundert: „Niemand möchte abseits sein, alle möchten dazugehören und gesellschaftlich dabei sein“ (!). Wo solche nationalistische
Identitäts-(Sehn-)Sucht als der „Güter höchstes“ erachtet wird, muß jede Abweichung von dieser fiktiven Homogenität als befremdlich, hochmütig, anormal und feindlich angesehen werden.
Matthias N. Lorenz hat mit seiner Untersuchung zur „Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser“ zum erstenmal umfassend Bausteine und Elemente für die bislang weitgehend unbelichtete geschichts- & mentalitätspolitische Entwicklung dieses bedeutenden deutschen Nachkriegsautors versammelt, um das späte öffentliche Hervortreten von Walsers „nationalen Projekt“ aus der Kontinuität seines Werkes
verständlich zu machen, in dem es zuerst nur als eher unauffälliges Hintergrund- oder nebuloses Begleitgeräusch vorhanden war. Der Vorsatz, nur mit belegbarem literarischen Material und Interviews diesem Entwicklungsgang nachzuspüren, sichert sich zwar weitgehend gegen spekulative Mutmaßungen ab, entgeht aber dennoch nicht immer sowohl der Überinterpretation als auch der Landung auf der „Fehlhalde“. Ohne Zweifel birgt das Untersuchungsziel autosuggestive Gefahren – umso mehr als der Schrifsteller nicht ohne Grund einer der bewundernswertesten Stilisten ist, der sich darauf zurecht als „Enthüllens- & Verbergenspezialist“, der mit vielen Zungen spricht, einiges zugute hält – und trotz seiner angeblichen Verachtung „der Medien“ und „der Öffentlichkeit“ sehr genau weiß und sich sehr bewußt ist, wie er mit beiden subversiv, mit dem Augenaufschlag der verfolgten Unschuld, umzugehen hat, um Mitleidsmehrwert einzustreichen und ambivalent zu erscheinen: man ist ja schließlich: Dichter und da wird man sich ja was erlauben dürfen.

Was zu tun bleibt

Gleichwohl schießt das Ensemble der Befunde und Interpretationen von Matthias N. Lorenz zu einem Bild zusammen, das die von Walser selbst behauptete Kontinuität seiner „sprachlichen“ Ansichten in seinem Oeuvre bestätigt, wenn auch nicht im entlastenden Sinne des Schriftstellers, dessen antisemitische Signalements mit Notwendigkeit (und nicht als subjektive Ausfälle) seinem deutschen Renaturalisierungsprogramm zu- & angehören und nicht durch irgendwelche innerliterarische Strategien philologisch relativiert oder anulliert werden können.
Allerdings scheint mir, müßte eine fortgesetzte, künftige kritische Beschäftigung mit Martin Walser und seiner literarischen Entwicklung stärker den Akzent legen zum einen auf die sowohl produktive wie problematische Rolle des Ressentiments in allen Facetten und Folgerungen für sein Werk & dessen Identifikationen mit „Erniedrigten & Beleidigten“ (Dostojewski); und zum anderen auf die frühen (intellektuellen) lokalen Prägungen – vorallem durch seinen antikatholischen Affekt und seine vermutlich stark eher von Nietzsche als von Kierkegaard geprägten solipsistischen Gewissens- & Moral-Vorstellungen, die im Spätwerk in voller Blüte stehen.
Martin Walser: ein traurige Kapitel – und doch: kein Ende.

Wolfram Schütte


Matthias N. Lorenz: „Auschwitz drängt uns auf einen Fleck“. Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser. Mit einem Vorwort von Wolfgang Benz. J.B.Metzler Verlag, Stuttgart 2005, 560 Seiten, 49.90 ¤

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