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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. April 2017 | 15:05

     

    Creative-Writing: Teil VI

    27.10.2005

    6. Erinnern – Wiederholen – Durcharbeiten

    Ein Rabbi erzählt: „Mein Großvater war lahm. Einmal bat man ihn, eine Geschichte zu erzählen. Da erzählte er, wie der heilige Baalschem beim Beten zu hüpfen und zu tanzen pflegte. Mein Großvater stand von seinem Krankenbett auf und erzählte. Seine Geschichte vom Rabbi Baalschem begeisterte ihn so sehr, dass er hüpfend und tanzend zeigen musste, wie der Meister es gemacht hatte. Von dieser Stunde an war mein Großvater geheilt."

     

    Eines der Ziele des Creative Writing ist das Öffnen der schöpferischen Kanäle, die mit dem Unterbewusstsein verbunden sind. Schreibblockaden korrespondieren in der Regel auch mit Lebensblockaden; und Blockaden versuchen etwas zu „blockieren“, das für die Betroffenen schmerzhaft sein könnte. An dieser Stelle taucht die Frage auf: “Wie ist es möglich Blockaden zu lösen?“
    Freud hat in seiner Arbeit: „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten“ ein Konzept entwickelt, das auch für den autobiografischen Schreibprozess eingesetzt werden kann (von Werder 1996: 14).
    In seiner Arbeit formuliert Freud das Erinnern als ein einfaches Gestaltungsmoment, bei dem sich die AutobiografIn in eine frühere Lebenssituation versetzt. Schreibend teilt sie nun die psychischen Vorgänge mit und versucht die damaligen unterbewussten Prozesse in das Jetzt zu transportieren (Freud: Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten 1960: 44).
    Bei der Wiederholung tritt, nach Sigmund Freud, die AutobiografIn in ein aktives aber auch lebhaftes Nacherleben ihrer Vergangenheit ein, um durch diesen bewussten Prozess in ein Neuerleben zu gelangen. In diesem Prozess ist die AutobiografIn nicht mehr passives Objekt, sondern wird zum handelnden Selbst, das durch die Wiederholung eines vergangenen Erlebnisses zur GestalterIn ihrer inneren Prozesse wird.
    Beim Durcharbeiten regt Freud an, unbekannte Widerstände (im Creative Writing sind das die Blockaden) zu vertiefen, sich ihnen zu widmen, ihnen zu begegnen, um sie mit Hilfe dieses Prozesses zu überwinden.
    Lutz von Werder ist im Übrigen der Ansicht, dass die beste Form der Verarbeitung von unbekannten Seiten der Lebensgeschichte eine Umwandlung vom Erlebten in Literatur ist (von Werder 1996: 14). Das physisch und psychisch Erlebte wird so zu einem literarischen Kunstprodukt verarbeitet.
    Diese Triade des autobiografischen Schreibens Erinnern – Wiederholen – Durcharbeiten ist die Grundstruktur des Kreativen Schreibens im Bezug auf gestalttherapeutische Aspekte (vergl. Werder: 226. 1996).

    6.1. Erinnern ist ein Hinabsteigen in die verborgenen Archive unseres Gedächtnisses. Das Gedächtnis entspricht im übertragenen Sinne komplizierten Lagerhallen, in denen unsere Erfahrungen, Erlebnisse und Gefühle chronologisch und assoziativ geordnet werden und nach bestimmten Stufungen des Unterbewussten strukturiert sind (von Werder 1996: 22). Die Fähigkeit, sich der eigenen Biografie zu erinnern, hängt nicht nur von dem Einsatz kreativer Schreibtechniken ab, sondern ist auch auf die Verarbeitung kindlicher Erinnerungslücken und den abgespaltenen Traumata verbunden. In diesem Zusammenhang ist jeder (wieder) entdeckte Erinnerungsfundus von einer Nachverdrängung bedroht, die durch gestalttherapeutische Schreibtechniken des Creative Writing abgelöst werden kann; denn das „geschriebene Wort“ fixiert Erinnerungen und überlistet somit den eingeübten Verdrängungsmechanismus. Autobiografisches Schreiben bedeutet, die schreibende Erhellung der Autobiografie, die auch der Erhellung der Freiheit des individuellen Selbstentwurfs dient (von Werder 1996: 33). Gleichzeitig versucht das autobiografische Schreiben aber auch die Einbindung des eigenen Lebens in die generative Lebenswelt, in Gesellschaft und Kultur erfassbar zu machen. Das schließt nicht die Fragen aus: „Wer und warum bin ich und weshalb wurde ich geboren?" Eine autobiografische Schreibreise durch das eigene Leben kann die Erfahrung vermitteln, dass Leben mit einem „Urbild“ der Unzerstörbarkeit verbunden ist (von Werder 1996: 33).
    Im Freewriting, aus dem Deutschsprachigen kennen wir diese Schreibübung unter der Überschrift „Ich schreib’s mir von der Seele", hat das Creative Writing eine gestalterische Möglichkeit gefunden, der Seele der AutobiografIn freien Raum zu lassen, so dass sie sich im geschützten Kontext des Freewriting entfalten kann.

    Freewriting

    Die AutobiografIn schreibt ihren Namen in die Mitte eines Blattes. Jetzt versucht sie so schnell zu schreiben, wie sie nur kann. Alles was ihr in diesem Augenblick einfällt, was in ihr auftaucht, wird um den Namen herumgruppiert. Bei dieser Übung kommt es weder auf Grammatik noch Orthografie an. Es müssen auch keine perfekten Sätze geschrieben werden. Freewriting bedeutet, das aufzuschreiben, was gerade auftaucht. Farrow, der Selbastanalytiker, schreibt in diesem Zusammenhang: „Wer seinen freien Einfällen nachgibt, schreibt sich nicht neurotisch, er schreibt sich gesund" (Farrow 1984: 69).


    6.2. Wiederholen. Die Wiederholung im kreativen Schreibprozess beschäftigt sich mit der Wirkung unserer Erlebnisse auf das Bewusstsein. Hierbei werden Erfahrungen und Erlebnisse in einem kognitiven Prozess strukturiert, der einen rituellen Charakter hat und somit emotionale Bereiche berührt. Diese Form des mehr oder weniger bewussten Wiederholens einer Erfahrung soll im Creative Writing entsprechend behutsam und gut angeleitet geschehen (von Werder 1996: 14). Aus diesem Grund wurden bereits von Autobiografie DidaktikerInnen verschiedene Techniken aus der Dichtkunst übernommen (Kapitel 5).

    6.3. Sigmund Freud versteht das Durcharbeiten als einen unbekannten Widerstand, den es zu vertiefen gilt: „Ihn durchzuarbeiten, ihn zu überwinden“. Vermutlich die beste Form den unbekannten Seiten der eigenen Lebensgeschichte ihre vertrauten Widerstände zu entziehen, ist eine Transformation in einen literarischen Text. Die AutobiografIn soll sich hierbei kreativer Schreibtechniken bedienen, die den Widerstand gegenüber dem Enthüllenden der Privat- oder Intimsphäre überwindet. Diese Technik nennt Freud übrigens „ars poetica“. Er beschreibt diese Technik so:

    „Der Autobiograf mildert den Charakter des egoistischen Tagtraums durch Abänderungen und Verhüllungen und besticht uns durch rein formalen d.h. ästhetischen Lustgewinn, den er uns in der Darstellung seiner Phantasie bietet“ (Freud 1962: 223).

    Wenn ich schreibe ...
    Wenn ich schreibe, bündeln sich meine Gefühle zu einem Weg, den ich schreibend beschreite.
    Gedanken, die sich verloren hatten, nur vage wahrgenommen wurden, melden sich zu Wort und öffnen neue Möglichkeiten des Bewusstwerdens. Ich erlebe mich beim Schreiben auf eine immer neue Weise und lerne mich selbst von Mal zu Mal ein wenig besser kennen.
    (Petra Rauber)


    6.4. Mein kleiner Elefant und die Währungsreform am 20.06.1948

    Achtzehn Jahre war ich gerade alt, als ich überraschend von der Schulbank bei der Sprachschule, in der Währungsumstellungsabteilung der Kreuznacher Volksbank landete. Weil meine Eltern mit dem damaligen Direktor befreundet waren, und dort dringend Hilfe benötigt wurde, hatte es keine Widerrede zu geben.

    Mein Weg führte mich täglich an der Kunsthandlung Becker in der Wilhelmstraße vorbei. Dort stand im Schaufenster ein kleiner Elefant aus Lehm gebrannt, der mich
    magisch anzog. So oft es meine Zeit erlaubte, drückte ich meine Nase an der Fensterscheibe platt und betrachtete „mein Elefäntchen“.

    Nur wenige Tage später konnte ich nicht widerstehen. Mein „Kopfgeld“ – 40,00 DM – fühlte sich ganz heiß an in meiner Hand. Ich betrat den Laden und kaufte für 38,00 DM meinen kleinen Freund.
    Zitternd vor Aufregung, weil ich wusste, dass ich etwas total Unsinniges getan hatte,
    verstaunte ich meine Kostbarkeit in der Tasche und marschierte zum Bahnhof.

    Nun waren noch zwei Deutsche Mark in meinem Portemonnaie. Auf d i e kam es
    jetzt auch nicht mehr an! Mein Blick fiel auf Bananen – welch eine Köstlichkeit!
    Für die zwei D-Mark bekam ich fünf Stück, die ich während der Bahnfahrt – als der Zug
    durch die beiden Tunnels bei Norheim und Waldböckelheim brauste – gierig in mich hineinstopfte. Abends war mir kotzelend. Mein Magen rebellierte wegen der ungewohnten Nahrung. Bananen hatte er noch n i e verdauen müssen.

    Den kleinen Elefanten habe ich versteckt.
    Aber einige Tage später fragten meine Eltern nach den 40,00 DM, weil Essen eingekauft werden sollte. – Nun musste ich beichten.
    Unter Tränen erzählte ich, was ich „angestellt“ hatte.
    Was dann folgte, war eine schlimme Standpauke über so viel Unvernunft in meinem Alter angesichts der schweren Zeit.
    Tränen ...Tränen ... Tränen ...

    Meinen kleinen Elefanten habe ich über all die Jahre gehütet.
    Noch heute – wir schreiben inzwischen das Jahr 2005 – wenn ich meine Regale abstaube,
    halte ich ihn zärtlich in meiner Hand und sage oftmals: „Weißt du noch – damals?“
    Wenn ich ihn dann zurückstelle, habe ich das Gefühl, dass er mich ganz verschmitzt
    anschaut.
    Wir haben ein unergründlich-inniges Verhältnis miteinander.

    (Otti Schmidt)



    Rüdiger Heins 


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