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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 22. Juli 2017 | 02:36

     

    Creative Writing - Teil V

    08.09.2005

    Autobiografisches Schreiben

    Von Rüdiger Heins

     


    Lebensgeschichte in 15 Minuten

    Ich weiß alles. Eigentlich wollte ich lediglich wissen,
    wann der Zug Münden erreicht.
    Durch diese Frage angetippt erwachte mein Gegenüber
    und macht erst Schluss, als er den Zug verlassen muss.
    Steuerklasse, Beziehung, Einkommen, Wünsche, Gelüste,
    Nachbarn, Arbeitgeber, Vertragsform, - alles
    Ich weiß nun alles.

    (Monika Landau)



    AutobiografInnen beschreiben die äußere und die innere Entwicklung ihres Lebenslaufes. In diesem Zusammenhang werden besonders die individuellen Lebenskrisen berücksichtigt (von Werder 1996: 225).
    Entlang der einzelnen Stationen im Lebenslauf eines Individuums übernimmt das autobiografische Schreiben eine „biografische Selbstreflexion“.
    Alles Schreiben ist autobiografisch“, so ein Zitat des amerikanischen Schreibforschers D.M. Murray. Das bedeutet aber nicht, dass alles Schreiben in einer Autobiografie endet, sondern alles Schreiben schöpft aus dem „autobiografischen Erleben“. Moderne Menschen haben mit ihrem Fundus an Gefühlen, Erfahrungen, Gedanken, Träumen, Symbolen, Personen, Handlungsmustern und Krisen eine unerschöpfliche Quelle, die nicht nur autobiografisch in Literatur transformiert werden kann; sondern dieser Fundus ist auch für alle anderen Formen der Poesie nutzbar. Der autobiografische Fundus kann Grundlage für Erzählungen, Shortstories, Gedichte oder szenische Kulissen (Hörspiele, Theaterstücke) sein.
    Fragmente ungeschriebener autobiografischer Texte sind in jedem Menschen vorhanden. Die Impulse, das Erlebte aufzuschreiben, erwachen häufig in Lebenskrisen. So wird ein aktuelles Krisenerlebnis Auslöser, um sich schreibend aus einer Situation herauszuarbeiten.
    Hier einige Methoden aus dem autobiografischen Schreiben, die für die sozialpädagogische Arbeit kompatibel sind:

    Die erste Kindheitserinnerung

    Die AutobiografInnen versetzen sich in ein Erlebnis ihrer frühen Kindheit. Vielleicht erinnern sie sich sogar noch an ihre „erste Kindheitserinnerung“. Diese Erinnerung wird zunächst im Cluster (Kapitel 7.1.) visualisiert. Der Kern oder Schlüsselbegriff des Clusters heißt in diesem Zusammenhang: Eine Kindheitserinnerung. Alles, was der AutobiografIn zu einer Kindheitserinnerung einfällt, wird im Cluster verknüpft. Beim nächsten Schritt nimmt sich die AutobiografIn einen Clusterpunkt heraus und beginnt einen Brief an eine Person zu schreiben, die in der Kindheitserinnerung aufgetaucht ist. Die literarische Form des Briefes, die Vorstufe eines inneren Monologes, kann dann in weiteren Schritten entweder zur Selbstanalyse verwendet werden oder in ein literarisches Kunstprodukt (ohne Anspruch auf Authentizität) umgearbeitet werden. 

    „Wer bin ich?“

    Diese Creative Writing Methode im autobiografischen Schreiben korrespondiert mit einer spirituellen Übung, die bei den Sufis praktiziert wird. Immer wieder stellen sie sich in einem rituellen Akt die Frage: „Wer bin ich?“ Mit dieser Frage der Selbsterkenntnis begeben sie sich in eine spirituelle Trance.
    Bei dieser Übung schreibt die AutobiografIn in das Zentrum eines weißen Blattes die Frage: „Wer bin ich?“ Anschließend wird um diese Frage herum alles aufgeschrieben (Brainstorming), was im Augenblick zu dieser Frage auftaucht. Die Gedanken und Gefühle die auftauchen, sollten möglichst authentisch aufgeschrieben werden. 

    Der Zwei-Minuten-Text

    Der „Zwei-Minuten-Text“ regt den Schreibprozess an. Die Übung wird über einen Zeitraum von zwei Wochen gemacht. Die Autobiografin schreibt in einem so genannten Zwei-Minuten-Buch täglich zwei Minuten lang auf, welche Gedanken während des Schreibvorgangs auftauchen. Die Zeit darf nicht überzogen werden. Die AutobiografInnen müssen bei dieser Übung mitten im Satz oder mitten im Wort aufhören zu schreiben, auch wenn der Gedanke noch nicht zu Ende formuliert worden ist. Diese Disziplin, nicht weiter schreiben zu dürfen, aktiviert die unterbewussten, kreativen Ressourcen der AutobiografInnen. Der Wunsch, mehr schreiben zu wollen, wird als Grundlage für autobiografische Textkulissen verwendet.

    „Zehn Höhepunkte aus meinem Leben“

    Die AutobiografInnen schreiben ohne Anspruch auf Chronologie oder Vollständigkeit zehn Höhepunkte ihres Lebens auf, die in ihnen auftauchen. Diese Höhepunkte müssen nicht unbedingt immer positiv besetzt sein. Erlebnisse, wie Verlust eines nahe stehenden Menschen, Trennung von einem Lebenspartner oder Niederlagen können auch von den AutobiografInnen als Höhepunkte gedeutet werden.
    Nachdem die zehn Höhepunkte aufgeschrieben wurden, suchen sich die AutobiografInnen einen Höhepunkt heraus, den sie näher betrachten möchten. In einem nächsten Schritt wählen sie eine Person aus ihrem näheren Umfeld aus, der sie gerne diesen Höhepunkt erzählen würden. Die AutobiografInnen verwenden wieder die Briefform, um mit einem inneren Monolog der Person ihres Vertrauens dieses Ereignis aus ihrem Leben zu erzählen. 

    Ein Geheimnis

    Bei dieser Übung wird die Anweisung gegeben, dass sich die AutobiografIn eine Person ihres Vertrauens vorstellt, der sie ein Geheimnis mitteilen möchte. Es soll bei der Anweisung darauf hingewiesen werden, dass der entstehende Text nicht vorgetragen werden muss. Bei dieser Übung geht es um den Prozess, in den sich die AutobiografIn begibt. Sie begibt sich in einen inneren Dialog mit der vertrauten Person. Zunächst beschreibt sie ein Geheimnis, das sie in ihrem Inneren aufbewahrt. Nachdem sie das Geheimnis mitgeteilt hat, stellt sie ihrem imaginären Gegenüber die Frage: „Wie wirkt mein Geheimnis auf dich?“
    Es beginnt nun ein innerer Dialog mit einer imaginierten Person zum Inhalt des Geheimnisses. 

    Mini Autobiografie

    Nimm fünf bedeutungsvolle Momente deines Lebens und beschreibe sie: verarbeite sie zu einem längeren Stück, das im Idealfall über mindestens fünf Seiten geht. Dieses „zurückwerfende“ Schreiben kann Aspekte deines persönlichen Lebens aufdecken. Auch solltest du einen anderen Stil oder Tonfall verwenden, um diese Momente stärker hervorzubringen. Man sollte sich nicht um eine logische Erzählstruktur bemühen, die da beginnt: Ich wurde 1975 Lindau am Bodensee als Tochter der gut katholischen Eheleute Hans und Eleonore Schreiber geboren…., sondern man nehme fünf bedeutungsvolle Ereignisse aus einer Erzählfolge und arbeite sie wieder rückwärts oder seitwärts in das Stück hinein.
    Folgendermaßen kannst du mit einem detaillierten Ereignis der Gegenwart beginnen, dich in die Kindheit zurückarbeiten, dann dich ins Jahr 1981 begeben, um zwei aufeinander folgende Ereignisse zu schildern und mit einem besonders lebhaften und denkwürdigen Traumereignis das Ganze beenden. Es ist sehr interessant, Ereignisse auszuwählen, denen du mit Spannung gegenüber stehst, die Auslöser eines Schocks oder einer Überraschung waren, solche die deine Sinne verzauberten. Der Tod eines dir nahe stehenden Menschen, deine erste Erfahrung mit „Feuer“, deine erste sexuelle Erfahrung, die Geburt deines Kindes, der Golfkrieg – all diese Ereignisse stellen Möglichkeiten dar. Oder das Ereignis könnte vollkommen sein in seiner Gewöhnlichkeit. Jetzt erarbeite, wie sich dieses Ereignis anfühlte, wie es schmeckte, wie es roch. Wie waren die Strukturen? In welchem Zimmer befandest du dich? Welches Land? Auf wessen Sofa? Was wurde gesprochen? Wer war dabei? Wie sahen sie aus? Nimm dir Zeit mit diesem Experiment. Lass deine Erinnerung ausschweifen.
    Ein weiteres Ziel dieser Übung ist es, mit deiner persönlichen Erinnerung zu arbeiten, so wie auch Schwierigkeiten bei der logischen Erzählung abzubauen. Flashback, plötzliche Erkenntnis, Nebeneinanderstellen von Ereignissen und Wiederherbeiführen einer Schocksituation oder eines Überraschungsmomentes oder einer Schmerzempfindung, kann dem Stück Energie und Absicht verleihen.

    Übung mit bedeutungsvollen Gegenständen

    Diese Übung funktioniert am Besten in einer Gruppenworkshop-Situation und kann auf jede Altersgruppe bezogen werden.
    Jeder bringt ein Objekt aus seinem eigenen Leben mit, das eine tiefere Bedeutung hat und worüber er oder sie eine interessante und detaillierte Geschichte erzählen kann. Dieser „Totem-Gegenstand“, den die Person schon jahrelang besitzt, wie beispielsweise ein aus Elfenbein geschnitzter Vogel, ein gefleckter Stein aus der Wüste, eine chinesische Glücksmünze, ein bevorzugtes Schmuckstück oder eine zerbrochene Muschel, kann etwas Schönes und Geheimnisvolles in sich bergen. Es kann auch eine Fotografie oder eine Postkarte sein, die Erinnerungen und Fantasien erweckt oder etwas so Weltliches, wie eine Geldbörse, ein Schlüsselanhänger oder ein Brieföffner. Die Möglichkeiten sind endlos. Wichtig ist, dass jeder Gegenstand Träger einer individuellen Geschichte ist.
    Jedes Objekt wird der Reihe nach präsentiert und herumgereicht, während die jeweilige Person ihr persönliches Erlebnis – diesen Gegenstand betreffend – erzählt. Jeder in der Gruppe macht sich Notizen.
    Anschließend verfasst jeder einen Text unter beliebiger Verwendung und freier Auswahl der Objekte und Beschreibungen.
    Tatsache ist, dass die Gegenstände selbst und deren dazugehörigen Geschichten wunderschönes „Schreibmaterial“ bieten!
    Ich habe in meinen eigenen Seminaren erfahren, dass diese Übung eine wirkungsvolle Möglichkeit ist, sich gegenseitig kennen zu lernen, sich, durch fesselnde Erzählung über einen ausgewählten Gegenstand und dessen Präsentation, zu öffnen. Es ist auch ein erster Schritt zur Förderung der Gruppendynamik. 

    Paula – ein autobiografisches Textbeispiel

    Die Autobiografin Monika Müller hat bereits einen Gedichtband veröffentlicht, in dem sie über den Tod ihres Mannes schreibt. Im Augenblick arbeitet sie an einem Roman, der sich mit der Kindheit der ProtagonistIn Paula beschäftigt. Der folgende Text ist das Ergebnis der Lektoratsgespräche, die wir miteinander geführt haben. Dieser Textauszug ist ein Beispiel für autobiografisches Schreiben.

    Paula darf als Einzige aus dem dritten Schuljahr zur Einschulung der Neuen ein Gedicht aufsagen. Sie strahlt. Das muss sie sofort Mama erzählen.
    Doch die Mama hat keine Zeit für sie. Paula soll mit ihrem kleinen Bruder spazieren gehen. Vielleicht hat die Mama heute Abend Zeit? Hat sie auch nicht.
    Traurig geht sie zu Bett. Und denkt an die alte Wohnung. Da hatte Mama immer Zeit für sie.
    Hansi nimmt Paula mit zum Opa. Hansi war schon öfter da, vor allem wenn er etwas angestellt hatte. Beim Opa ist Platz an dem großen Küchentisch. Der Opa freut sich über die Kinder, gibt ihnen gute Tipps und hinterher Schokolade.
    Paula hat Krach mit Anna. Deswegen ist sie traurig.
    „Warum seid ihr überhaupt hierhin gezogen? Haut ab! Ich will wieder Klassenbeste sein!“
    Die Mama kann ihr bestimmt helfen. Paula wünscht sich so sehr eine Freundin. Doch Mama sagt, sie soll nicht nerven. Sie muss kochen und der kleine Bruder quengelt. Da geht Paula zum Opa. Der Opa hört sich ihren Kummer an, nimmt sie auf den Schoß und tröstet sie. Gibt ihr einen Kuss auf die Wange und danach eine dicke Apfelsine. „Komm zu mir, wenn du Kummer hast.“
    „Darf ich bei Opa Hausaufgaben machen? Wir haben einen Aufsatz aufbekommen. Hier ist es so laut", fragt Paula ihre Mama einige Wochen später. Paula geht gern zum Opa. Er hört ihr immer zu, wenn sie von der Schule erzählt.
    „Wenn du dich auf meinen Schoß setzt, kann ich direkt mitgucken, was du schreibst“, sagt er. Er hält sie gut fest, gibt ihr ab und zu einen Kuss, weil sie so schön schreibt.
    Plötzlich macht er die Beine auseinander. Fast wäre Paula auf den Boden gefallen. Doch Opa fängt sie auf, mit der Hand zwischen ihren Beinen. So hält Paula ihr kleines Brüderchen fest, wenn er zu wild ist.
    Immer wenn Paula nachdenkt, macht Opa plötzlich die Beine auseinander und fängt Paula auf. Ein lustiges Spiel, was der Opa da erfunden hat.
    Paula macht jetzt immer die Aufgaben beim Opa. In seiner Küche ist es gemütlich. Am liebsten hat sie den Opa ganz für sich allein. Er weiß so viel zu erzählen. Und er ist immer lieb zu ihr. Wenn sie alleine sind, sitzt sie auf seinem Schoß.
    Heute spielt er das Plumps-Spiel wieder mit ihr. Er hält sie die ganze Zeit zwischen den Beinen fest, damit sie nicht herunter fällt. Dann streichelt er zart ihr Höschen, greift mit dem Finger hinein und streichelt sie zwischen ihren Beinen.
    Ist das unschamhaft, wie der Pastor im Beichtunterricht gesagt hat? Egal, Paula hält still. Es ist schön, was der Opa da mit ihr macht. Es prickelt so warm.
    „Das bleibt unser Geheimnis, keinem verraten.“
    Paula nickt. Opa sagt, dass er Paula am liebsten bei sich hat, sie könnte doch oben bei Tante Resi im Zimmer schlafen. Paula will. Mama hat ja doch keine Zeit für sie. Außerdem ist es da viel zu eng und zu laut. Die Mama ist einverstanden. Nur täglich mit dem Brüderchen spazieren gehen müsste Paula. Das macht sie doch gern.
    Opa ist lieb zu ihr. Morgens, wenn er sie weckt, ist das Frühstück schon fertig. Nach der Schule hat Tante Resi fein gekocht. Wenn sie allein mit Opa ist, streichelt er sie zwischen den Beinen. Sie mag das. Er schenkt ihr Süßigkeiten und Obst. Paula teilt alles mit ihren Brüdern. Aus der Schule bringt sie lauter gute Noten.

    Paula fragt den Opa, warum die Mama so dick geworden ist. „Ist sie krank?“
    „Nein, du bekommst ein Brüderchen oder ein Schwesterchen. Warte, ich zeige dir etwas.“
    Opa holt ein dickes Buch und zeigt ihr Bilder, wie die Babys im Bauch wachsen und von der Geburt. Erzählt ihr auch, wie sie in den Bauch reinkommen. Und dass es Spaß macht.
    „Geht das wirklich?“
    Da macht der Opa ein wichtiges Gesicht, öffnet die Hose und zeigt Paula das Ding, mit dem er die Babys gemacht hat. Groß und steif ragt es aus der Hose. Paula kannte nur die kleinen Vögelchen ihrer Brüder und staunt.
    „Du darfst einmal fühlen“, sagt Opa.
    Vorsichtig streichelt Paula über Opas Ding. Der muss plötzlich zur Toilette. Lässt Paula allein mit ihren Gedanken.
    Durfte sie den Opa so anfassen?
    Muss sie das auch beichten?
    Paula ist jetzt zehn Jahre alt. Was ist nur mit ihr los? Zuerst hat es sie nur unter den Armen und zwischen den Beinen gejuckt. Gestern Abend hat sie da Haare entdeckt. Ihre Brustwarzen sind dicker geworden. Mit einem Hof drum herum. Das Ziehen im Bauch ist wieder weg. Doch einige Wochen später ist es wieder da. Paula hat Angst. Sie will die Mama fragen, doch die hört ihr nicht zu. Den Opa will sie nicht fragen. Er schaut sie jetzt immer so komisch an. Greift ihr an die Brust. „Du wirst ja erwachsen.“ Paula will das nicht. Paula will sein kleines Mädchen bleiben.

    „Lass das, du tust mir weh!“, sagt Paula zum Opa. Er hat sie wieder an die Brust gefasst.
    „Wenn du nicht mehr lieb zu mir bist, kriegst du keine Ananas mehr.“ Na und? Paula will, dass der Opa sie in Ruhe lässt.
    Doch er hält sie immer wieder fest. Sie versteht nicht, warum er sie nicht mehr lieb hat. Morgens, wenn sie noch schläft, legt er sich zu ihr ins Bett und packt sie zwischen ihren Beinen. Paula wird wach und fühlt sein steifes Ding an ihrem Rücken. Sie hat Angst.
    Aber sie darf doch mit keinem darüber reden. Nachts weint sie bittere Tränen.
    „Warum weinst du nachts immer? Was quält dich?“ Tante Resi hat nicht geschlafen und setzt sich auf Paulas Bett. Da erzählt Paula, warum sie Angst vor dem Opa hat.
    „Keine Angst, ich passe jetzt auf.“
    Am anderen Tag nach der Schule ist die Mama freundlich zu Paula wie schon lange nicht mehr. „Wie ist das mit dem Opa? Stimmt das?“
    Als Paula nickt, schlägt sie Paula mit der Peitsche. „Ich werde es dir austreiben.“ Dann: „Geh mir aus den Augen, du verdorbenes Ding.“ Paula verkriecht sich in ihr Bett und weint verzweifelt.
    Die Mama mag Paula nicht mehr und hat sie weggejagt. Der Opa bedrängt sie immer heftiger. Und dem Papa darf sie nichts sagen. Will sie auch nicht, sie ist ja ein verdorbenes Ding.
    Gestern hat sie still gehalten, als Opa sie in die Ecke gedrückt und befummelt hat. Zuerst hatte sie Angst. Hat sogar sein Glied angefasst. Und hätte dem Opa am liebsten in sein glückliches Gesicht gespuckt.
    In der Schule hat der Lehrer sie vor der Klasse fertig gemacht, weil ihre Leistungen schlecht geworden sind. Ist Paula egal. Der soll nach seiner Frau gucken, die läuft mit einem dicken Bauch herum.
    „Ich will endlich wissen, was mit dir los ist“, sagt Papa zu Paula. Sie ist jetzt 13. Und erzählt ihm alles.
    „Damit ist jetzt Schluss. Du kommst sofort zu uns zurück.“
    Paula teilt ihr Bett mit ihrem kleinen Bruder. Nachts streiten sich die Eltern – wegen ihr. Der Papa spricht auch mit Opa. Der lässt Paula endlich in Ruhe. Paula wächst in ihre Familie hinein. Nur mit der Mama will es nicht klappen.
    Paula findet endlich eine Freundin. Lisa, sie hat als einzige in der Klasse noch keine Brüste. Lisa und Paula lachen über ihre Schulkameradinnen, weil ihnen die Buben nachlaufen. Paula ist ein bisschen traurig. Keiner läuft ihr nach. Dabei hat sie so schöne Brüste.
    Mit fünfzehn begräbt Paula ihr schlechtes Gewissen wegen der Sache mit Opa. Die Lehrerin in der neuen Schule hat gesagt, dass kleine Mädchen keine Schuld haben, wenn Männer sexuelle Dinge mit ihnen machen. „Kinder wissen nicht, was mit ihnen geschieht.“
    Sie hilft zu Hause, so viel sie kann. Die Mama ist krank und tut Paula leid.
    Paula spielt im Musikverein und darf manchmal mit ihrem großen Bruder tanzen gehen. Sie hätte gern einen Freund wie die anderen Mädchen. Da trifft sie Micha und verliebt sich. Er ist schon zweiundzwanzig. Er tanzt mit Paula, küsst sie. Und küsst andere. Warum will er nicht Paulas Freund sein?
    Mit sechzehn trifft sie Peter. Er ist einundzwanzig. Endlich hat sie einen Freund. Sie verbringt Sylvester mit ihm und seiner Mutter. Paula ist glücklich.

    (Monika Müller)

    Wie geht es weiter?

    Das autobiografische Schreiben kann eine heilende Funktion bei den AutobiografInnen auslösen. Im Creative Writing gibt es „therapeutische Ansätze“, die aus einer Krisensituation heraus eine gewisse Ordnung schaffen, um Unsichtbares sichtbar machen zu können.
    Die folgenden Kapitel beschäftigen sich mit diesen Ansätzen.

    Rüdiger Heins

    Teil 4 der Serie
    Teil 3 der Serie
    Teil 2 der Serie
    Teil 1 der Serie

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    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


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