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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 22. Juli 2017 | 02:32

     

    Rüdiger Heins: Creative Writing III

    19.05.2005

    Creative Writing in Deutschland

    Im ersten Teil der Serie über das "Creative Writing", der im August bei TITEL publiziert wurde, setzte sich Rüdiger Heins mit allgemeinen begrifflichen Grundlagen des Themas auseinander. Im zweiten Teil der auf 14, in loser Folge erscheinenden, Teile angelegten Reihe gab Heins einen Überblick über die Praxis des "Creative Writing" in Deutschland.
    Im vorliegenden Kapitel werden Schreibübungen dargestellt, die der modernen Lyrik entnommen sind. Sie dienen den AutobiografInnen als methodischer Fundus, innere Prozesse mit äußeren Hilfsmitteln sichtbar zu machen.

     

    In den Schreibseminaren werden diese Übungen angeboten. Die Ergebnisse versetzen die AutobiografInnen oftmals in Verwunderung, weil mit diesen literarischen Formen etwas Gestalt annimmt, was zuvor konturenlos war.
    Die Übungen sind auch dazu geeignet, sie in der sozialpädagogischen Arbeit mit KlientInnen methodisch anzuwenden. Da zunächst keine literarischen Kenntnisse vorausgesetzt werden, haben diese Schreibtechniken einen spielerischen Charakter. Die Freude am Praktizieren steht bei diesen Übungen im Vordergrund. Durch das spielerische Ereignis kann ein autobiografischer Prozess ausgelöst werden, der dazu beiträgt, unbekannte Seiten zum Vorschein zu bringen.

    3.1. Cut-Up: Vom Schnitt der Zeilen


    Das „Cut-Up“ wurde durch den rumänischen Dadaisten Tristan Tzara für die Dichtkunst etabliert. Dieser zerschnitt die Seite einer Tageszeitung, legte die Papierschnipsel, auf denen Sätze, Satzfragmente, Worte, Wortfetzen standen, in einen Hut, um sie danach wahllos wieder aus dem Hut zu ziehen und diese Zeilenstücke zu einem Gedicht zusammenzusetzen. Experimentelle DichterInnen haben diese Vorgehensweise übernommen, die auch in der modernen Lyrik noch praktiziert wird. William S. Burroughs, ein amerikanischer Dichter, ging sogar so weit, einen ganzen Roman mit dem Titel Nova Express, der erstmals im Jahre 1964 erschienen ist, in Cut-Up-Technik zu schreiben. In einem Interview erklärt er die Technik des Cut-Up folgendermaßen:

    „Ich würde einfach sagen, dass meine interessanteste Erfahrung mit den früheren Techniken die Erkenntnis war, dass man beim Cut-Up nicht einfach völlig zufällige Nebeneinanderstellungen von Wörtern erhält, sondern dass sie etwas bedeuten und dass sich diese Bedeutungen oft auf ein zukünftiges Ereignis beziehen (Burroughs: Gespräche mit Daniel Odier: 12).
    Das Cut-Up also ein Runenorakel der Neuzeit? SchriftstellerInnen und DichterInnen, die sich dieser Technik bedienen, arbeiten ähnlich wie FilmemacherInnen: Bilder, Szenen und „O-Töne“ werden geschnitten (Cut) und dann wieder zu einem lyrischen Gesamtwerk zusammengefügt. Der Schnitt der Zeilen lässt ebenso wie der Zeilenbruch ein neues Bild bei den RezipientInnen entstehen. Das Gedicht im Kopf entsteht da, wo der Schnitt ist. Im Klartext: Unter dem gedruckten Vers verbirgt sich noch ein anderes Gedicht, das nur darauf wartet, abgerufen zu werden.
    Sophie Goll ist eine Dichterin des deutschsprachigen Cut-Up. Auch sie bedient sich der Tages- Wochen- und Monatszeitungen, die nach der Lektüre in Einzelteile zerschnitten, um dann später nach dem Zufallsprinzip wieder zusammengefügt zu werden. Auf diese Weise gelingt es ihr, die Gesellschaft in ihrer Banalität zu entlarven. Der rudimentäre Schnitt wird nicht zum Fragment, sondern durch die Montage in ein lyrisches Bild verwandelt, das einem Spiegel der Gesellschaft zu gleichen scheint:
    Keiner ist für dich o Auto
    Keiner wird für dich, o
    Liebling, je zu viel überrollt
    Menschenleben sind egal
    6 Milliarden zerstören den Globus total
    Dann verwaist bei küstenmäßig starkem
    Wind auch des Herrn von Luft Kreuz & Quer-Phantasie
    ( ...)
    Sophie – Goll: 2000. Sophies Sampling: 94


    Die Cut-Up-Dichtung eröffnet mit ihren experimentellen Elementen die Möglichkeit, mit Überraschungen zu arbeiten, ohne die Kontrolle über die Wörter zu verlieren, denn die Manipulationsmöglichkeiten der DichterInnen sind durch die Auswahl des Printmediums und der darin publizierten Themen gegeben.

    3.2.     Vom Klangbild der Zeilenbrüche

    Um die zeitgenössische Lyrik, also die Lyrik um die Jahrtausendwende zu begreifen, müssen wir zunächst einen Blick in die USA werfen, denn dort wurde kontinuierlich am Klang der Sprache weiter gearbeitet. Die Ergebnisse dieser lyrischen Experimente wurden besonders von deutschsprachigen LyrikerInnen übernommen und individuell weiterentwickelt.
    Der amerikanische Poet William Carlos Williams war ein Meister des Zeilenbruchs. In mancher Form der Poesie kann das Zeilenbrechen dazu beitragen, die Brillanz eines Gedichtes wie zum Beispiel das Gedicht des William Carlos Williams zu bestimmen:

    The Red Wheelbarrow

    so much depends
    upon

    a red wheel
    barrow

    glaced with rain
    water

    beside the white
    chickens

    William Carlos Williams


    Das Gedicht des amerikanischen Poeten William Carlos Williams ist ein klassischer Zeilenbruch. Der Dichter verwendet ein scheinbar triviales Thema, dem er mit dem Zeilenbruch Sprachdichte verleiht. Erst durch den Zeilenbruch wird es zu einem zeitgenössischen Gedicht. An dieser Stelle der Versuch, dieses Poem in eine andere Form zu bringen:
    so much depends upon a red wheelbarrow glaced with rain water beside the white chickens.

    Dieses in seinem Ursprung geniale Gedicht verliert seinen Glanz, da die Zeilen nicht wie bei Williams gebrochen wurden. Das Poem wurde als Prosatext wiedergegeben. Somit entsteht eine andere Wahrnehmung des Textes.
    Der Zeilenbruch ermöglicht der RezipientIn, die lyrischen Bilder im Gehirn auf andere Art und Weise entstehen zu lassen. DichterInnen schreiben die Noten und LeserInnen spielen mit ihrer Fantasie die Melodie der Zeilen. Das ist das eigentliche Phänomen am Zeilenbruch, erlaubt er doch eine Vielzahl von Interpretationsmöglichkeiten. Je mehr LeserInnen ein Gedicht hat, desto größer ist die Zahl dieser Möglichkeiten und folglich auch die Zahl der Gedichte.
    Es gibt sie also, die Muse der Zeilen und die Muse des Zeilenbruchs. Einige zeitgenössische DichterInnen verfügen über ein ausgeprägtes Talent, den Punkt zu bestimmen, an dem die Zeile gebrochen wird, um eine neue Zeile zu beginnen. Das ist die Kunst oder die Muse des Zeilenbruchs (Ed Senders in einem Vortrag aus dem Jahre 1998).
    Eine weitere Muse ist die des Versmaßes und des Reims. Die heutigen Gedichte sind in sehr komplexen Versmaßen geschrieben. DichterInnengenerationen der vergangenen Epochen bedienten sich strukturierter Formen, etwa dem Sonett, die lyrische Kompositionen zu einem kalkulierbaren Klang- und Rhythmuserlebnis machten. Ein Blick auf William Shakespeare, ein Meister der Sonettkunst, lässt uns an diesem rhythmischen Klanggeschehen teilhaben:
    Die schönsten Wesen, sie solln sich vermehren,
    Damit die Rose Schönheit nie verdorrt.
    Muss auch die Zeit den reifen Mann verheeren.
    In seinem zarten Sprößling lebt er fort.
    Doch du, vom eignen Augenstrahl gebannt,
    Verzehrst dich selber brennend, vor Begier,
    Schaffst Hunger, wo uns Fülle übermannt,
    Dir selber feind und allzu hart zu dir.
    Noch schmückt die Welt dein frischer Jugendschein,
    Du Herold, der uns prallen Lenz verheißt,
    Ins Knospengrab schließt du Erfüllung ein,
    Wenn du so wüst mit deinen Reizen geizt.
    Erbarme dich, dass nicht verschlungen wird
    Vom Grab und dir, was aller Welt gebührt.

    William Shakespeare
         

    Die Dichtung des 20. Jahrhunderts kennt keine Regeln mehr. Sie ist zügellos. Vielleicht besteht ja sogar die einzige Regel darin, keine Vorgaben zu machen. Vordergründig erscheint sie uns vielleicht als Lyrik aus dem Bauch, was sie letztendlich auch ist. Dennoch haben wir es hier durchaus mit durchstrukturierten Formen von lyrischer Gestaltung zu tun, die die Intention der DichterIn, erkennen lassen. Der Dichter Uwe Kolbe bewegt sich mit seinen Sprachkreationen ebenfalls im Bereich des Zeilenbruches:


    Landpartie mit E.F.

    Es ist banal,
    sagen die Besitzer der Gärten.
    Es für dich, sagen die Vögel.

    Ist es im Internet?
    fragen die Jüngsten.
    Es ist im Netz, das mich hält, sage ich.

    Ist das ein Gedicht?
    mäkeln Gebildete.
    Ich weiß, es ist ein schöner Augenblick.

    Sie lacht,
    die kleine Göttin
    an meiner Seite.

    Uwe Kolbe


    Dank der französischen, der amerikanischen, der deutschen und der italienischen sowie auch englischen DichterInnen der letzten achtzig bis hundert Jahre hat sich die Lyrik vollkommen neu definiert.
    Robert Lax, ein Dichter, der aus dem US-amerikanischen Alltag ausstieg, um zwischen den griechischen Inseln Kalymnos und Patmos dichtend hin und her zu pendeln, versucht mit seiner Dichtung die Atmosphäre der Empfindung nachzudichten:
    versuche, mich bereit zu halten
    bereit zu sein
    zu deinem empfang

    eine kühle brise, ein ruhiges meer
    nicht das ruhigste meer
    aber ein ruhiges

    kühle brise – ruhiges
    meer – nicht das
    ruhigste – aber
    ruhig
    Robert Lax




    Rüdiger Heins

    Hier geht es zu Teil 1 der Serie
    Hier geht es zu Teil 2 der Serie













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