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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. April 2017 | 15:09

     

    "Lettre" zu preisen

    18.10.2004

    Zur Vergabe des „Ulysses Award“ für Reportage

    Von Wolfram Schütte

     

    Es soll manchen der 550 geladenen Gästen das feine Essen im Hals steckengeblieben sein, als die zur Wahl stehenden Autoren Auszüge aus ihren Texten zum besten gaben. Das geschah jetzt bei der Verleihung des „Lettre Ulysses Award“ für die „Kunst der Reportage“ in einem Festzelt in der Nähe des Bundeskanzleramts in Berlin. Die Bilder, die ich davon im TV gesehen habe – weiß eingedeckte Tische mit Lämpchen, festliches Ambiente, Sommerabend, schwül –, ließen mich die Schluckbeschwerden der Eingeladenen auf der Festveranstaltung lebhaft nachfühlen.

    Journalistisch verdichtete Wirklichkeits-
    konzentrate

    Denn auch ich habe, allerdings zu Hause, die längeren Auszüge aus den Reportagen der sieben Finalisten für den von „Europas Kultur Zeitung“ vergebenen und mit 100.000 ¤ hochdotierten Preis im jüngsten Lettre International (Nr. 66) gelesen – und es war nicht selten „unappetitlich“, was sich einem da gleich einem Blick in die Hölle auftat. Allerdings ist diese „Hölle“ weder von Dante erfunden, noch von Georg Klein mit könnerischer Lust am Ekel literarisch inszeniert worden. Was die vier US-Amerikaner, der Portugiese, der Franzose und zwei Chinesen in ihren Reportagen aus Afrika, Haiti, New York und der chinesischen Provinz zu berichten wußten, war den jeweiligen Realitäten schreibend abgenommen. Es sind hochprozentig journalistisch verdichtete Wirklichkeitskonzentrate, welche jede literarische Fiktion des Schreckens harmlos erscheinen lassen. Große Reportagen eben.

    Zumindest die Einblicke in afrikanische Wirklichkeiten ließen einen „den geflüsterten Schrei: >Das Grauen, das Grauen<“ des Elfenbeinjägers Kurtz aus Joseph Conrads Herz der Finsternis von 1902 (!) unwillkürlich nachsprechen. Nicht nur, weil der Amerikaner Howard French vom heruntergekommenen zentralafrikanischen Brazzaville aus über den Kongo nach dem maroden Kinshasa, der Hauptstadt der derzeitigen Republik Kongo, übersetzt und von dort aus ins „Herz der Finsternis“ fliegt, um den Ort aufzusuchen, wo die fürchterliche Ebola-Seuche ausgebrochen ist, in deren Endstadium die von ihr Betroffenen nur noch ein Blut kotzendes und scheißendes Elend sind, weil sich ihre inneren Organe auflösen. Der Reporter hat die Geschichte des Kongo, seit der Massenmörder Leopold II. das riesige Gebiet zu seinem Privateigentum gemacht hatte, ebenso rekapituliert, wie er auch die desaströse Gegenwart des Landes, in dem die Anarchie schwärt, in seinem Bericht einem vor entsetzensgeweitete Augen gestellt hat.

    Massenhaft Mörder und Kindersoldaten

    Der Conradsche „Horror“ tritt einem mit womöglich noch stärkeren Schreckensdosierungen in zwei anderen Reportagen entgegen. Der Franzose Jean Hatzfeld hat sich unter den inhaftierten Hutus aufgehalten, die 1994 in Ruanda an den Tutsis einen Völkermord begingen – in nur mit Macheten bewaffneten Menschenjagdgesellschaften. Mit systematischer, teils sadistischer Mordlust, teils kaltblütiger Vernichtungswut, weil sie ja mit der Waffe in der Hand „Stück für Stück“ den Massenmord ausführen mußten – ohne daß auch nur einer der befragten Massenmörder von einer Gegenwehr der von ihnen abgeschlachteten Opfer zu berichten gehabt hätte.

    Der Amerikaner Daniel Bergner erzählt anhand der „Karriere“ eines „Kindersoldaten“ im Bürgerkrieg von Sierra Leone, daß diese um ihre Kindheit Gebrachten während ihrer marodierenden Kriegszeiten manchmal Gefangene bei lebendigem Leibe ausgeweidet, deren Leber und Herz gekocht und gegessen haben – und wie nun ein katholischer Priester versucht, diese traumatisierten Waisenkinder wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Das ist eine fast unvorstellbare menschliche Anstrengung, von deren humanitärem Fundamentalismus unser Begriff der „Resozialisierung“ (der Straftäter) buchstäblich weltweit entfernt ist.

    Geografisch näher ist dagegen der Wald von Missnana und seine Erdhöhlen. Dort, in der Nähe Tangers, halten sich afrikanische Flüchtlinge auf, vor dem illegalen Sprung nach Europa, wenn sie Glück und das nötige Geld für die Schlepper haben. Viele aber sind hier hoffnungs- und aussichtslos in Hitze, Kälte, Schlamm und Staub gestrandet, weil ihnen auf dem Weg von Nigeria oder anderen Staaten des südsahelesischen Afrika bis hierher das Geld ganz oder teilweise geraubt oder gestohlen worden war, mit dem sie – oft von ihren Familien damit ausgestattet – in die „Festung Europa“ eindringen und die Zurückgebliebenen aus der Ferne durch Überweisungen ernähren sollten. 2000 $ kostet die gefahrvolle nächtliche Überfahrt nach Portugal oder Spanien pro Person, falls sie nicht zuvor bei regelmäßigen Razzien von der marokkanischen Polizei aufgegriffen und in einem algerischen Wüstengelände zum Verhungern und Verdursten ausgesetzt wurden. Junge Mädchen und Frauen haben zu Hause einen Kontrakt unterschrieben, der sie verpflichtet, die 40.000 $ schnellstmöglich abzustottern, welche ihnen die einheimische Mafia „vorgestreckt“ hat und die – wenn ihr Transfer nach Europa glückt – von dortigen Geschäftsträgerinnen bei den Prostituierten abgerufen werden.

    Kampf gegen das Elend

    Im Vergleich mit solchen Einsichten in das nackte Grauen schien sogar der Bericht des Amerikaners Tracy Kidder „harmlos“, obwohl er sich in die ärmste Provinz des ärmsten Karibikstaats, nämlich Haiti, begeben hatte, um seinen Landsmann Paul Farmer aufzusuchen. Farmer hat so etwas wie einen „Vorposten des Fortschritts“ in der baumlosen Dürreregion gegründet, eine medizinische Oase – gegen das Wüten der Tuberkulose, von Aids, Hunger und Armut –, die er durch von ihm oft selbst eingeworbene Spenden unterhält. Farmers „Zanmi Lasante“, ein weitläufiger Komplex von Betongebäuden, gleicht einer Bergfestung, halb überwuchert von tropischen Pflanzen, begrünt von Bäumen in den Innenhöfen. Dieses moderne „Lambarene“ umfaßt eine Ambulanz und eine Frauenklinik, ein allgemeines Krankenhaus, eine Schule, eine Küche, in der täglich für 2000 (!) Menschen Essen zubereitet wird – und ein neues Gebäude für Tuberkulosekranke, nicht zu vergessen: eine anglikanische Kirche. Offenbar sind es einzig religiös fundamentierte Engagements (ohne Missionsabsicht), welches es einzelnen, wahrhaft heroisch und zugleich sisyphoshaft zu nennenden Einzelnen aus der Ersten Welt ermöglichen, den humanitären Kampf gegen Verwahrlosung und das Elend in Ländern aufzunehmen, in denen „der Staat“ von den wechselnden, rivalisierenden Machtcliquen zum eignen Nutzen missbraucht wird.

    Chinas KP als Feudalherr

    Letzteres ist aber auch der Fall in der „Volksrepublik China“. Zurecht haben Chen Guidi und Wu Chuntao den mit 50.000 Euro dotierten „Ulysses“-Hauptpreis von einer vielsprachigen internationalen Jury erhalten, die sich aus eigener Erfahrung und Praxis mit der „Kunst der Reportage“ auskennt. Die beiden chinesischen Reporter haben am Beispiel einer „blutigen Buchführung“ in der chinesischen Provinz die Ausbeutung, Rechtlosigkeit, Unterdrückung und Demütigung von Bauern durch die allseitige Korruption und die omnipotente Macht im Zusammenspiel von Partei, Justiz und Medien dargestellt. Auch die Ermordung von vier Bauern, die auf der Buchprüfung ihrer erkennbar illegalen Abgaben und erpressten „Steuern“ des örtlichen Parteikomitees bestanden hatten und von dessen stellvertretendem Vorsitzenden und seinen Söhnen abgestochen und totgeschlagen wurden, hat keinen Skandal hervorgerufen, sondern nur zu dessen fortgesetzter Vertuschung geführt. Man meint, eine unendliche Geschichte der Demütigung und Rechtlosigkeit aus den finstersten Zeiten des Feudalismus zu lesen, während sie sich doch 1998 in der „Volksrepublik“ zutrug. Es sei die These des Buches, das in der VR zwar veröffentlicht und millionenfach verkauft wurde, bis es die Behörden aus den staatlichen Buchläden verbannten und einen Nachdruck verboten, daß die „forcierte Industrialisierung Chinas“ durch einen staatsmonopolitischen Kapitalismus mit gelenkter und korrupter Justiz und Presse „zu Lasten der 900 Millionen verarmten Bauern geht“, wie Lettre schreibt.

    Man merkt dem Auszug an, wie sich die beiden Autoren (im Vergleich zu den übrigen Reportagen) vorsichtig auf gefährlich vermintem öffentlichen Gelände mäandrierend und mit Ironien lavierend bewegen, um wenigstens zwischen den Zeilen ihre provozierenden Erkenntnisse über die sich persönlich bereichernden Kader, im Schutz des Partei- und Staatsmonopols, plazieren zu können. Eine Reportage, teilweise in „Sklavensprache“, so unangreifbar faktisch ihre gesammelten Erkenntnisse auch sind. Chen Guidi und Wu Chuntao haben unter riskanten einheimischen Bedingungen die „Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit“ (und noch ein paar mehr), die der gerne sich „chinesisch“ camouflierende Brecht formulierte, mit List und Kunst, aber auch mit Mut und sartreschem „Engagement“ erfüllt.

    Über die deutsche Presse

    Das kann man aber nicht von der deutschen Presse sagen, an der – bis auf ein, zwei Beispiele der Mäkelei an der zweifelhaft zu glamourösen Preisvergabe – das herausragende kulturpolitische Ereignis des „Ulysses-Awards“ vollständig und blamabel vorbeigegangen ist. Niederdrückender, wenn nicht sogar schlagender hat nichts die geistige Provinzialität der Berliner Republik und der einzig selbstbezüglichen Beschäftigung der deutschen Intelligenz vor Augen geführt, als deren Ignoranz angesichts der Reportage-Aktivitäten von Lettre, die im angelsächsischen und romanischen Sprachraum große Aufmerksamkeit fanden. Hierzulande wird von H. M. Enzensberger das historische Genie des „Weltreisenden“ Alexander von Humboldt so perfekt promotet, daß dessen Kosmos fast schon zum Pflichtkauf für jeden wird, der up to date sein will; dabei ist der aktuelle „Kosmos“ in jeder neuen Ausgabe von Lettre International zu besichtigen!
    Jede sich selbst bejubelnde Showveranstaltung der deutschen Medienbranche, ja selbst hochkomplexe akademische Tagungen finden in unseren Feuilletons und Medienseiten mehr informativen Widerhall, als dieser einzigartige, jährlich vergebene „Ulysses“-Preis für eine literarische Kunstform, dem – von der Avantis-Gruppe gesponsert – die deutsche Ausgabe von Lettre International in Berlin einen öffentlichen Platz zur Aufmerksamkeit verschafft hat.

    Lettre zu preisen

    Man mag sich getrost fragen, ob das Fest mit 550 geladenen Gästen aus Wirtschaft, Politik, Kultur und Medien nicht „exotischer“ ist (wenn nicht sogar „perverser“), als jede dieser Reportagen aus den Dunkelzonen unserer Welt. Zumindest scheint der protzige Event, der in – wie erwähnt – gastrischem Kontrast zu den hier prämierten Arbeiten stand, außer lokalen Schlemmer- und Völlereien der Bewirteten so gut wie nichts für die öffentliche Wahrnehmung und Anerkennung der Reportage oder gar für die einzigartige Geistesgegenwart, intellektuelle Energie, kulturpolitische Weit- resp. Fernsicht von Lettre International gebracht zu haben. Ob wenigstens auch nur einer der Eingeladenen sich mit dem Kauf eines Jahresabonnements von Lettre revanchiert hat?

    Dabei ist ja die Zeitschrift nicht nur als Forum für große Reportagen, wie sie an keinem anderen publizistischen Ort in der deutschen Presselandschaft erscheinen, von herausragender Bedeutung. Ebenso solitär sind die dort erscheinenden großen Essays und Gespräche. So brachte Lettre in der hier angesprochenen Nr. 66 einen Beitrag Jacques Derridas (im Gespräch mit Jean Birnbaum), in dem der sterbende französische Philosoph sich selbst zum Thema machte, von seinem Tod und dem Nachleben seines Werkes, also sich selbst noch den „Nachruf zu Lebzeiten“ sprach. Als er dann in diesen Tagen starb, zitierten deutsche Nachrufer Le Monde, das diesen Selbstabschied Derridas nach seinem Tod gedruckt hatte. (Nur Thomas Steinfeld von der SZ hatte ihn in Lettre bemerkt.).

    Wolfram Schütte

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