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    Elfriede Jelinek erhält den Nobelpreis

    07.10.2004

    Zornige Bühnenkämpferin

    Ein Kommentar von Peter Mohr

     

    Das Stockholmer Nobelpreiskomitee sorgte gestern für eine faustdicke Überraschung. Zwar war im Vorfeld schon gemutmaßt worden, dass in diesem Jahr die Wahl auf eine Frau fallen könnnte, aber die Österreicherin Elfriede Jelinek hatte niemand auf der Rechnung.

    Die Jury rühmte in ihrer Begründung Jelineks "musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen."
    Zur Entgegennahme der mit rund 1,1 Millionen Euro dotierten Auszeichnung wird die Österreicherin, die sich "überrascht und geehrt" fühlt, im Dezember wahrscheinlich nicht in die schwedische Hauptstadt reisen. Krankheitsgründe führte Jelinek an, die in einer ersten Reaktion bekannte: "Ich kann mich im Moment Menschen nicht aussetzen."

    Diese Preisverleihung wird mindestens ebenso heftige Kontroversen auslösen wie vor sieben Jahren, als dem Italiener Dario Fo der bedeutendste Literaturpreis der Welt verliehen wurde. Beide haben ihre Wurzeln auf der Bühne, beide fühlen sich dem politischen Theater verpflichtet, beide lieben die effektvolle Provokation, beide brechen mit allen Konventionen und scheuen auch keinerlei ästhetische Grenzüberschreitungen. Elfriede Jelinek ist immer eine verbale Kämpferin gewesen, eine Autorin, die dem österreichischen Establishment - ähnlich Thomas Bernhard - mit schneidenden Worten zu Leibe rückte. Die mangelnde Bereitschaft, sich mit der österreichischen Nazi-Vergangenheit auseinanderzusetzen, lastete sie ihren Landsleuten an. Stellvertretend hat sie Kurt Waldheim und Jörg Haider in ihren Werken vehement angeprangert. Das lange Zeit ambivalente Verhältnis der österreichischen Öffentlichkeit zu Elfriede Jelinek hat sich inzwischen fast normalisiert. Verantwortlich dafür waren vor allem ihre großen Bühnenerfolge in Deutschland. 1996 hatte die Autorin ein Aufführungsverbot für ihre Stücke in Österreich ausgeprochen - zwei Jahre später feierte sie am Wiener Burgtheater mit ihrem von Einar Schleef inszenierten "Sportstück" einen grandiosen Erfolg.

    Dabei hatte die literarische Provokateurin Elfriede Jelinek, die am 20. Oktber 1946 als Tochter eines Chemikers in Mürzzuschlag in der Steiermark geboren wurde, künstlerisch äußerst feinsinnig begonnen. Als Teenager lernte sie am Wiener Konservatorium Blöckflöte, Orgel und Komposition, und Mitte der 60er Jahre schrieb sie erste Gedichte, die 1969 mit dem Lyrikpreis der österreichischen Jugendkulturwoche ausgezeichnet wurden. Ihr Studium der Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte brach sie wegen einer psychischen Krise ab, in deren Folge sie sich für ein Jahr in ihrem Elternhaus verschanzte.
    Ihre ersten künstlerischen Erfolge feierte Jelinek Anfang der 70er Jahre mit Hörspielen, erst 1979 kam in Graz ihr erstes Theaterstück "Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte" auf die Bühne. Der Durchbruch der Österreicherin in Deutschland ist ganz eng mit dem Namen Hans Hollmann und dem Bonner Theater verknüpft, das zwischen 1982 und 1988 vier Jelinek-Stücke uraufführte.

    Erfolg war der Autorin eigentlich immer suspekt, weil sie fürchtete, sich den Konventionen anzupassen, den Publikumsgeschmack zu treffen und selbst irgendwann im verhassten Kultur-Establishment zu landen. Elfriede Jelinek schlug sich immer auf die Seite der Schwachen und Entrechteten. Sie kämpfte als Radikalfeministin mit ästhetisch fragwürdigen Mitteln gegen die Unterdrückung der Frauen (1989 erschien ihr Skandal-Roman "Lust"), sie schrieb gegen das Vergessen der Nazi-Vergangenheit an (1995 im Roman "Die Kinder der Toten"), wehrte sich gegen tradierte Machtstrukturen (u.a. im autobiografisch fundierten Roman "Die Klavierspielerin", 1983) und wünschte sich für Österreich sehnlichst eine "links-sozialistische Partei".

    "Einen musikalischen Fluss", den die Stockholmer Jury rühmte, wird man bei Elfriede Jelinek nur schwerlich finden. Statt dessen stößt man immer wieder - wie in ihrem letzten Roman "Gier" - auf einen zornigen, mittlerweile leicht larmoyanten Grundtenor. Als ihr vor sechs Jahren der Georg-Büchner-Preis verliehen wurde, bekannte Elfriede Jelinek: "Ja, ich bin resigniert."
    Ihre künstlerische Produktivität hat unter der vermeintlichen Resignation allerdings nicht gelitten. Im Herbst 2002 inszenierte Christoph Marthaler in München die Uraufführung von "Kaprun" - ein Stück, das sich mit der Brandkatastrophe in der Bergbahn am Kitzsteinhorn auseinandersetzte, im gleichen Jahr kamen "In den Alpen" in München" und "Die Liebhaberin" in Düsseldorf auf die Bühne, und vor einem knappen Jahr inszenierte Jelineks Wunschregisseur Christoph Schlingensief an der Wiener Burg "Bambiland" - eine provozierende Mischung aus Sex, Medienkritik und Blasphemie.

    Das Nobelpreiskomitee hat in diesem Jahr eine mutige Entscheidung getroffen, denn außerhalb des deutschen Sprachraums ist Elfriede Jelinek so gut wie unbekannt. Den Grund kennt die Autorin selbst: "Ich weiß nicht, ob meine Sprache überhaupt übersetzbar ist - das ist ein gemeinsames Problem meiner Texte. Mein Buch ,Die Kinder der Toten' konnte nicht einmal ins Niederländische übersetzt werden, das auf den ersten Blick dem Deutschen sehr ähnlich ist."

    Publizist Per Wästberg, der Sprecher der Jury, hat die Vergabe an Elfriede Jelinek als "wunderbar" bezeichnet. "Sie ist eine Autorin, die mit ihrem Zorn und mit Leidenschaft ihre Leser in den Grundfesten erschüttert." Da werden selbst die ärgsten Jelinek-Kritiker nicht widersprechen.

    Peter Mohr

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