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Zum 25. Todestag Arno Schmidts

27.05.2004


Lebens- & Berufslandschaft mit Arno Schmidt

Von Wolfram Schütte

Unter dem Titel „Da war ich hin und weg“ hat Rudi Schweikert hundert Statements und Geschichten gesammelt und mit bislang unveröffentlichten Schmidt-Fotos von Jürke Grau und einem interessanten Notizzettel Arno Schmidts im Verlag Bangert & Metzler zum Preis von 18 ¤ herausgegeben.

 

Zu den Beiträgern, die von Schweikert zu bewusst subjektiv-persönlichen Selbstaussagen über die Entdeckung, die Rolle und das eventuelle Fortleben des Werks von Arno Schmidt in ihrem Leben aufgefordert wurden, gehören u.a. Jörg Drews, Werner Fuld, Bernd Rauschenbach, Jan Philipp Reemtsma, Gerhard Zwerenz und die Übersetzer Friedhelm Rathjen, Hans Wollschläger und John E. Woods. Der Verlag verspricht auf 368 (!) Seiten eine „überaus spannende und unterhaltsame Geschichte des Lesens von der Nachkriegszeit bis heute“. Wir entnehmen den folgenden Beitrag unseres Mitarbeiters mit freundlicher Genehmigung des Verlags dem Buch Rudi Schweikerts. „Da war ich hin und weg, “ das in Kürze zum 25. Todestag Arno Schmidts am 3. Juni erscheint.


Wie ich zu Arno Schmidt gekommen bin? Durch die Politik!


1939 in Frankfurt geboren, habe ich am Geburtsort 1960 Abitur gemacht, bis 1967 an der dortigen Universität studiert – das damals unoriginell Übliche, wenn man in den Journalismus wollte: Germanistik, Philosophie und Soziologie, an Adorno führte kein Weg vorbei, fast alle zu ihm hin –, und nachdem ich während des (nachlässigen) Studiums einerseits Redakteur für Hochschulfragen bei „Konkret“ gewesen war, andererseits zusammen mit anderen die Zeitschrift „Filmstudio“ betrieben hatte, ergab es sich, dass ich 1967 in die Feuilletonredaktion der Frankfurter Rundschau als Redakteur eintreten konnte, zuständig für Film & Literatur, wo ich bis 1999 geblieben bin. Die angefangene Dissertation übers Spätwerk Heinrich Manns blieb Ruine, zwei spätere Angebote, zur „Zeit“ und zum „Spiegel“ zu gehen, schlug ich aus – je ne regrette rien. Mehr Freiheiten als in der FR hätte ich nirgendwo gehabt.

Ich schicke das als Berufsskizze voraus, füge hinzu, dass ich als Sohn einer Kriegerwitwe ohne Vater aufgewachsen bin, in kleinbürgerlichem Milieu, das keinerlei kulturelle oder politische Prägungen vorgab, ich richtete mir eine selfmade-world nach eigenem Gusto, Interessen, Freundschaften, Anregungen ein, wobei – möglicherweise durch subjektive Erfahrungen der existentiellen Isolation und sozialen Depravierung bedingt – das Verlangen nach sozialer und politischer Gerechtigkeit für mich primär wurde.

Das galt, angesichts der sich langsam enthüllenden deutschen politischen Kapitalverbrechen der jüngsten Vergangenheit (33/45) für das Große Ganze der deutschen Gesellschaft, deren eingeborenes Mitglied zu sein zu Scham und Empörung, Wut und Distanz führte, umso mehr, als das Konglomerat von verschwiegener Mittäterschaft, offiziellen Verdrängungen & Verharmlosungen samt Großmäuligkeiten und der Fortdauer einer bleiernen Hegemonie „faschistoider“ Verhaltens-, Denk- & Verbotsweisen in der restaurativen „Adenauerzeit“ zwingend auch das eigene Lebensverhalten vor die Wahl stellte, duckmäuserisch „mitzumachen“, oder doch „den Widerstand“ (wie bescheiden auch immer) individuell, subjektiv zu versuchen.

Das schuf „hautnah“ Minderheitserfahrungen und die grundsätzliche Sympathie eher für die Unterlegenen, die historischen „Verlierer“, die „Entrechteten & Beleidigten“, als für irgendeinen Sieger. Meine politischen Optionen als Gymnasial-Schüler führte mich zu dem, was damals „heimatlose Linke“ genannt wurde: links von der SPD, rechts von der KPD – jedoch ohne Sympathie für deren beider kulturpolitische, „realistische“, engbrüstige Zielsetzungen und Vorstellungen. Brecht: ja; aber nichts darunter oder daneben.

Mehr noch: im Nachhinein ist mir klar geworden – aufgrund meiner späteren literarischen und cinéastischen Neigungen –, dass mir „das Klassische“ schon damals eher als „erpresste Versöhnung“ erschien, und das Hölderlinsche „Komm, ins Offene, Freund!“ die Richtung angab für ästhetische, geistige und politische Interessen und Erwartungen. Das Arno Schmidtsche „Mein Herz gehört dem Kopf“ hieß für mich: immer eher für eine Literatur aus dem Geiste der deutschen spekulativen Frühromantik, als für die „Gediegenheit“ der Weimarer Dioskuren. Das viel später von Habermas so genannte „unvollendete Projekt der Moderne“ war, selbstverständlich im Umkreis aller möglichen nachträglich rezipierten Avantgarde-Erfahrungen wie Dadaismus und Surrealismus, Expressionismus und aktueller Bewegungen unter Rubrum des „Offenen Kunstwerks“ (Umberto Eco), mir eine unausgesprochene, präsente Selbstverständlichkeit; und ist es geblieben.

Für die Öffnung einer ästhetischen Sensibilität, die den Schulkanon hinter sich ließ, ist für meine Generation – das habe ich öfters bestätigt gesehen – Karlheinz Deschners List-Taschenbuch „Kitsch, Konvention und Kunst“ von eminenter Bedeutung gewesen. Nur weil es ein Taschenbuch war, konnte es in unsere Schüler-Hände fallen. Was als schulischer Kanon damals im Deutschunterricht galt und uns schon langweilte – Hesse, Bergengruen, Stefan Andres (außer dem ersteren alle längst vergessen) – wurde von Deschner mit Zitaten lächerlich gemacht und die Prosa von H.H. Jahnn, Hermann Broch und Robert Musil glanzvoll und triumphal dagegen gesetzt. Deschners Emphase war völlig „unpolitisch“, eher konservativ und auf Naturbeschreibung fixiert – und der große Döblin des „Wallenstein“ oder des „Manas“ fehlte ganz – aber diese Prosabeispiele gaben ästhetische Maßstäbe vor, die in Sprache verankert waren. Sprache als A & O der Prosa (nicht nur der Lyrik).

Deschners Buch: das war eine unvergessliche Befreiung – übrigens subkutan doch auch eine politische, weil er Emigrantenprosa ins Spiel brachte und das Verschwiemelte,Ungefähre, Ungefärdete der Kanonprosaliteratur als obsolet markierte. Im Nachhinein erst wurde einem klar, dass diese Lehrplanliteratur auch eine ideologische Funktion ausübte – und wäre es auch nur gewesen, uns von „der Moderne“ fernzuhalten.

Von Arno Schmidt war weder bei Deschner noch gar bei einem Deutsch-Lehrer oder auf der Universität die Rede. Das war ja Minderheiten-Literatur. Auf Schmidt musste man von selbst kommen. Seine Bücher erschienen auch nicht bei einem der bekannten, „maßgeblichen“ Verlage wie Rowohlt, Suhrkamp oder Piper, sondern im „Abseits“ des Karlsruher Stahlberg-Verlags. Seine Bücher wurden zwar besprochen, aber oft mit Hohn, wenn auch bei dem konservativen Literaturchef Friedrich Sieburg in der „FAZ“ gelegentlich mit Respekt – und Kopfschütteln.

Aber wer sich a) im Hörfunk, den Abendstudios, herumhörte (was eine kostenlose intellektuelle Nährstoffquelle ersten Ranges in den 50er & 60er Jahren war), ist immer wieder auf Arno Schmidt als Autor eindrücklicher, unterhaltsamer, belehrender, humoristischer („Gong!“) Sendungen über meist unbekannte Autoren gestoßen; und wer b) die im engeren und im weiteren Sinne „linke“ Presse las – also politisch schon einen „eigenen Geschmack“ hatte – der konnte auf Schmidts kleinere Erzählungen, Essays, Rezensionen in der „Frankfurter Rundschau“, der „Anderen Zeitung“ und in „konkret“ stoßen – und sich an diesem frechen, auftrumpfenden, unerschrockenen Ton, an dieser lustvoll aufklärerischen Haltung gegen & für literarische Tradition „ergetzen“.

Denn Arno Schmidt war ab- & jenseits der gegen den konservativen Trend der Feuilletons sich etablierenden Gruppe 47: ein Unikat, ein Unikum aber auch: stolz, arm, „verbohrt“ – einer, der ganz eigen war. Er machte sich mit nichts & niemand politisch oder gesellschaftlich Relevantem gemein, hatte keinen öffentlich-kollegialen Rückhalt – wenn wir auch nicht ahnten, was Alfred Andersch, Martin Walser, Helmut Heißenbüttel für ihn getan haben, um ihm ein materielles Überleben zu sichern, not to mention Ernst Krawehl, den Verlagsleiter von Stahlberg, wo Schmidts Bücher erschienen: der „Treueste der Treuen“, er darf nicht vergessen werden!

In Arno Schmidt hatten „wir“ einen, auf den konnten wir bauen. Ich sage Wir, es waren aber nur wenige, die zu diesem Wir gehörten, Verstreute ohne Kontakt unter einander, eher Kenner & Liebhaber, die sich nicht kannten, schon gar nicht miteinander kommunizierten, keine „Fans“ und erst recht nicht, was seiner solipsistischen Haltung widersprochen hätte, eine „Gemeinde“. Und selbst unter damaligen „Avantgardisten“ wurde er gelegentlich auch als epigonaler Spätexpressionist, der aus der modernen Zeit gefallen war, eher belächelt als geschätzt.

„Ästhetik als Widerstand“ – um Peter Weiss’ spätere Trilogie zu paraphrasieren – das verkörperte für mich Arno Schmidt. Persönliche (moralische) Haltung und ästhetische Praxis schien identisch. Proletarisch-grobianischer, also auch „antibürgerlicher“ Gestus einerseits, radikal-intellektueller ästhetischer Ansatz contra DichterPriestertum andererseits – das war ein Säurebad, durch das die literarische Kunst zu gehen hatte, nachdem der metaphysische Humbug des fraglosen Irrationalismus zur deutschen Geschichts- und Gesellschaftskatastrophe beigetragen hatte. Kunst wird gemacht – selbst auf die Gefahr hin, zum Kunsthandwerk zu werden: das versprach Schmidts erzählerische und essayistische Prosa, die ja eine andere, verdrängte, unbekannte Traditionslinie der sozial benachteiligten „Gehirntiere“ vor einem ausbreitete – oder Autoren wie Wieland oder Herder in seinem Licht präsentierte, neugierig auf sie machte. Seine Fouque-Biografie ließ ich links liegen, sein „Sitara“ wurde nicht als verzwickte Hommage an Karl May gelesen, (dem ich längst Valet gesagt hatte und auch durch AS nicht mehr für ihn zu gewinnen war), sondern als unerkennbare Vorschule einer sexoligischen Subtext-Lektüre in Freuds Nachfolge, vor allem aber als Subversion des Humoristischen, das dem fremden (& eigenen) Bewusstsein immer wieder oder doch oft ein Schnippchen schlägt – wenn auch „nur“ mit der homophonen Musik der Hormonorgel, auf der Schmidt spielte.

Sein Wechsel zwischen „banalen“ Alltagsgeschichten und utopischen „längeren Gedankenspielen“ verlagerte das ganze literarische Interesse und den ästhetischen Genuss weg von den storylines zum „Hyperrealismus“ minutiöser Details und zu deren phonetischer Abbildung, entschleunigte die Lektüre zu einer stockenden (Selbst-)Vergewisserung bei der Wahrnehmung eines polyphonen Sprachkörpers, den man nachsprechen musste und dabei auch der Musikalität, dem Rhythmus und der Gedankenmelodiebögen dieser Prosa lustvoll innewurde – ein seit Wieland kaum noch einmal im Deutschen vorhandenes Vergnügen, wobei eben die Zeichensetzung den tempowechselhaften Schmidtschen Prosaverkehr regelte. Mehr und mehr wurde dadurch der Leser zu einem integralen Bestandteil, Mitspieler, Selbsterkenner und Assoziationsproduzenten dieser Literatur gemacht – eine Leseraktivität wurde hier zum Lektüreereignis, die mir als das zentrales Surplus aller literarischen Ästhetik überhaupt seither erschien – analog der musikalischen oder malerischen Aneignung, die aber durch die erzählerische Spannungsästhetik der auf „Geschichten“ und Nacherlebnissen erpichten „traditionellen“, „populären“ Literatur in der literarischen Rezeption unterbelichtet, wenn nicht sogar weitgehend ausgeblendet worden war – speziell durch die marktbeherrschende Lukacsianische Literaturkritik Marcel Reich-Ranickis. Fürs „spannende“ realistische Erzählen war ich seither verloren, ich wollte mich ja nicht langweilen, nicht „unterhalten“ werden, sondern etwas „zum Beißen“ haben.

So solitär Arno Schmidt in der deutschen Prosa & Essayistik seiner Hochzeit der Fünfziger und Sechziger Jahre erschien – so gehörte er doch zu einer Tradition, die bis zu Rabelais, Sterne, Diderot und im Deutschen zu Fischart und vor allem Jean Paul zurückreichte und deren aktuelle Parallelaktionen bei Jorge Luis Borges, Julio Cortázar, José Lezema Lima oder Carlo Emilio Gadda, Giorgio Manganelli, Italo Calvino oder dem frühen Luigi Malerba zu finden waren.

Nach Arno Schmidt (und Karl Kraus, der der geschriebenen Sprache noch mehr & Bestialisches abhörte als bloß das untergründige Kollern der „4. Instanz“ und einen gegen das eigene journalistische Milieu wenigstens skeptisch stimmte), war es die mir bis dahin völlig unbekannte Größe Jean Paul, die mir zu einer lebensentscheidenden Entdeckung wurde. Mit dem Beginn der von Walter Höllerer und Nobert Miller edierten, seit 1959 bei C. Hanser erschienenen Werkausgabe Jean Pauls eröffnete sich mir die entschiedenste literarisch-ästhetische Erfahrung mit einer Prosa, die mehr & anderes im Leser freisetze, provozierte und von ihm forderte, als von „der Erzählung“ oder „dem Roman“ bloß unterhalten, gefesselt und zum nachvollziehenden Miterleben ihrer Helden & Heldinnen angehalten zu werden. Was Joseph Görres emphatisch und der späte Goethe milde als „orientalisch“ an Jean Paul charakterisierten, als aus- & abschweifende, metapherngeile und allegoresendichte Phantastik eines Autors nahezu unbeschränkter Einbildungskraft: das kam mir gerade recht & fand mein höchstes Entzücken wie ein verwilderter Barockgarten. Das Sprachgenie Jean Paul zusammen mit seiner ins Himmlische und ins Weltall aufsteigenden Imaginationskraft wurde ja dann auch noch von Wolfgang Harich die Jakobinermütze aufgesetzt, zu Unrecht gewiss, aber politisch hellsichtig war Jean Paul wie kaum ein zweiter deutscher Autor zu seiner Zeit.

D.h. die Schneise, die Arno Schmidt in die deutschen Prosalandschaft geschlagen hatte, erweiterte sich für mich um Jean Paul – und das war nun wirklich das gewaltige Alpenmassiv einer autonomen Prosa subtilster poetischer und gedanklicher Evokationen, wie es kein zweites – bis zu Joyce – in einer Sprache gibt.

Es könnte sein, dass der von Jean Paul gesättigte Blick auf Schmidt diesen denn doch etwas verkleinerte. Vor allem aber erlaubte er mir, mit Schmidts durchaus von Anfang an vorhandenen großmäuligen Borniert- & Rechthabereien, schulmeisterlichen Zurechtweisungen, dem Arsenal von underdog-Ticks und Dilettanten-Ehrgeizigkeiten und den Kollateralschäden seiner ressentimentgeladenen Isolation – es könnte sein, dass mir Jean Paul ermöglichte, mit Schmidts Oeuvre, vor allem dem Spätwerk der Typoskripte, souveräner umzugehen als in der ersten Phase meiner sympathetischen Bekanntschaft mit ihm. Ich meine damit, dass mir Arno Schmidt schon zu seinen Lebzeiten „historisch“ wurde, ich in seinem Subjektivismus und Solipsismus die Signatur des historisch Objektiven mutmaßte, das sich in seinem Werk durchpauste & -setzte, und ich vor allem die ungeheuerliche Komik und Humoristik in ihm zu schätzen lernte – ununterscheidbar, ob willentlich oder unwillentlich von ihm produziert.

Obwohl ich zusammen mit dem Klassenkameraden Jürgen Fritsch (der mich zu Schulzeiten zuerst auf A.S. scharf machte), mit dem Freund Jörg Drews, dem FR-Kollegen Hartwig Suhrbier und dem Duden-Redakteur Günther Flemming in Bargfeld, bei Bangemann (mit dem Raubdruck von ZT auf dem Wirtshaustisch) im Frühsommer 1971 das „Dechiffriersyndikat“ aus der Taufe gehoben habe, hielt ich die dort kreierte Idee des „Bargfelder Boten“ eher für eine enthusiastische „Schnapsidee“ (was sie buchstäblich genealogisch auch war), als ein Projekt, das Zukunft haben könnte. Hatte sie aber & zog immer größere Kreise. Mit Bewunderung, auch distanziertem Amüsement, verfolgte ich, was von den „Sammlern & Jägern“ in Schmidts Oeuvre alles an Verdecktem, Verstecktem und an Assoziierbarem zutage gefördert oder erspekuliert wurde, ohne dass mich selbst je das philologische Jagdfieber oder ein talmudisches Lesefieber in Arno Schmidts Werken ergriffen hätte. Zum einen, weil mir Lust & Laune für solche Recherchen fehlten, zum anderen, weil meine journalistischen Interessen in der Frankfurter Rundschau eine weites Feld im Auge hatten: neben der Literatur vor allem den Film, aber auch Kultur & Politik. Es war eine große & schöne Zeit der Zeitgenossenschaft und der nicht nachlassenden, immer neuen literarischen und cinéastischen Entdeckungen & Erfahrungen. Jahrzehnte des Glücks, des Enthusiasmus, der Bereicherung – und erst im Rückblick vom Ende des Jahrhunderts aus konnte man staunend sich sagen: „... und Du warst dabei gewesen“, ja manchmal mittendarin!

Selbstverständlich bin ich „dabei geblieben“, bei Arno Schmidt, und habe das Spätwerk der Typoskripte in Form ungebundener Fahnen in meinen Urlauben gelesen und es dann exponiert und umfänglich im Rundfunk und in der FR rezensiert. Das mir sonst verhasste Fahnen- statt Buchlesen war angesichts dieser großformatigen Blätter endlich einmal von Vorteil & hoch willkommen, weil man sie portionsweise durchforsten und dann beiseite legen und zum nächsten Bogen übergehen konnte. Der „Abend mit Goldrand“ und das „Julia-Fragment“ sind mir dabei als Leser, der den Autor auf dessen & seiner Reise begleitet hat, zutiefst bewegende, ja einen sogar rührende „Klagende Lieder“ geworden: wurde „das Leben“ versäumt, als statt dessen es be-, ge- & erschrieben wurde?

Als verantwortlicher FR-Literatur-Redakteur konnte ich auch immer wieder dem (natürlich) „verehrten Autor“ Publikationsangebote machen, manchmal mit der unbändigen Freude, ein Original aus Bargfeld, Kr. Celle und dem üblichen „Dank & Glück“ zu erhalten. Und dass er schließlich 1973 den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main erhielt, zähle ich mir als Verdienst an, weil ich durch einen „direkten Draht“ zum damaligen Oberbürgermeister Rudi Arndt ihn mit Entschiedenheit und nachdrücklich vorgeschlagen hatte. Zur Preisverleihung in der Paulskirche jedoch war ich nicht, sondern auf Urlaub – wie auch, als er starb. Ich hörte von seinem Tod & dem Heinz Erhards gleichzeitig über den Deutschlandfunk im Radio auf der Autobahn nahe Aix-en-Provence: eine immer denkwürdige, um nicht zu sagen: kalauernde Koinzidenz.

Wolfram Schütte






























Rudi Schweikert (Hg.): Da war ich hin und weg. Bangert & Metzler (Postfach 1108, 69257 Wiesenbach) 2004. Broschiert. 368 Seiten. 18 Euro. ISBN 3-924147-55-8

siehe auch hier (GASL: Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser e.V.)

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