• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 28. Mai 2017 | 18:33

     

    Klaus Bartels: Archäologie der Oberflächenreize

    06.04.2004

     

    Die immer wieder totgesagte Pop-Literatur lebt durchaus noch

    Eine essayistische Betrachtung von Klaus Bartels


     




     















    Rolf Dieter Brinkmann, Copyright Rowohlt Archiv




    Männerspielzeug Pop

    Beim Studium des Inhaltsverzeichnisses drängt sich der Eindruck auf, Pop-Literatur sei Männersache. Kein Beitrag des Sammelbandes befasst sich ausführlicher mit einer Pop-Autorin. Einzig erwähnt Alexa Hennig von Lange und Elke Naters. Von den fünfundzwanzig Beiträgern sind drei weiblich. Die Diskurshoheit über Pop liegt eindeutig bei den Männern.

    Auch die Popdiskursbegründer scheinen nahezu ausschließlich männlichen Geschlechts. Mit Ausnahme der gelegentlich erwähnten Renate Matthaei, Herausgeberin der 1970 erschienenen Pop-Anthologie Trivialmythen, beherrschen Leslie Aaron Fiedler und Diedrich Diederichsen das diskursive Feld. Beide werden von fast allen Autorinnen und Autoren zitiert. Während die Diederichsen-Zitate wenigstens unterschiedlichen Texten entstammen, hat Fiedler scheinbar nur einen geschrieben: Cross the Border – Close the Gap, in deutscher Übersetzung 1968 erschienen. Wie Andreas Kramer in seinem Beitrag zur deutschen Rezeption amerikanischer und britischer Literatur in den sechziger Jahren darlegt, kann man jedoch die Diskussion über Pop in Deutschland nicht erst mit der Fiedler-Debatte beginnen lassen, sondern muss die Entwicklung des Beat seit den fünfziger Jahren einbeziehen. Dies gilt erst recht für Fiedlers Essay Cross the Border – Close the Gap, der die Konsequenzen aus einer Auseinandersetzung mit dem Beat Mitte der sechziger Jahre zog. Damals polemisierte Fiedler gegen die Umwertung aller amerikanischen Werte, vor allem gegen die Geschlechtsumwandlung des Mannes durch Beat. Die Polemik erschien im Winter 1965 unter dem Titel The New Mutants in der Zeitschrift Partisan Review. Vor dem Hintergrund des älteren Essays erweist sich Cross the Border – Close the Gap als Versuch, widerspenstige, aus dem Ruder gelaufene Jugendkulturen in der traditionellen Kultur “einzuhegen”.

    Einhegung des Beat

    Gegenstand der Fiedlerschen Kritik in The New Mutants waren die Anhänger des Beat: die Beatniks, Erkennungszeichen Jeans, die Hipster in ihrem schwulen Outfit – beide Gruppen entweder Sympathisanten (Beatniks) oder Angehörige bzw. Nahestehende der schwarzen Ghettokultur, insbesondere des Jazz – , die Gammler und die Aussteiger mit ihren provozierend langen Haaren. Nach Fiedler gesellte sich zu der psychischen Assimilation an die schwarze Kultur gleichzeitig, beginnend mit der Beatles-Frisur, eine Assimilation männlicher Körperformen an die der Frau. Beide Assimilationsprozesse hätten die im Vergleich mit den Klassikern der “Science Fiction” neuen Mutanten erzeugt. Diese seien eher schwarz als weiß, eher weiblich als männlich, eher faul als fleißig.

    Angesichts der international erfolgreichen, in verschiedene Milieus sich ausdifferenzierenden Jugendkulturen setzte Fiedler nach dem Pariser Mai 1968 auf eine neue Strategie. Statt weiterhin gegen die neuen Trends zu polemisieren, schlug er eine Brücke zwischen Beat und der herrschenden Kultur, indem er die Etiketten wechselte. Beat war nun Pop. Zuvor verfemte Autoren wie Kerouac, Ginsberg und vor allem William Borroughs wurden zum Fundament des “Brückenschlags” über die Kluft zwischen den Generationen, den Klassen und den Kulturen. Den Schriftstellern wies Fiedler die Aufgabe zu, die in erster Linie amerikanischen populären Genres des “Western”, der “Science Fiction” und der “Pornographie” in die Höhenkamm-Literatur zu integrieren.

    Den kolonialen Anspruch der amerikanischen Kultur umschrieb Fiedler mit seiner “Amerikanisierung” John Lennons (die offenkundig auch die Haartracht der Beatles salonfähig machte) folgendermaßen: “Sein [Lennons] Beispiel ist besonders einprägsam, da er zunächst von amerikanischen Vorbildern inspiriert war und dann seine typisch amerikanischen Strategien im englischen Idiom zu verwirklichen suchte und dabei in immer stärkere Isolation auf der trostlosen englischen Szene geriet.” Fiedlers strategische Verpoppung des Beat zog der Rebellion im Bereich der Literatur die Zähne. Der Brückenschlag zwischen den Kulturen diente der Einhegung der neuen Mutanten im amerikanischen (und internationalen) Mainstream. Pop-Literatur, die sich auf Fiedler bezog, konnte keine subversive sein. Insofern ist Diedrich Diederichsen, dem es immer um die Dissidenz der Pop-Kultur ging, der natürliche Gegenspieler Fiedlers.

    Adoleszenz oder Depersonalisierung?

    An die Einhegungsversuche Fiedlers erinnert die Qualifizierung der neuen deutschsprachigen Pop-Literatur als Adoleszenzliteratur und ihre Rückführung auf Goethes Werther, das “Urbild aller Popromane,” im Beitrag von Carsten Gansel. Unbestreitbar ist, dass das Erwachsenenalter (einen Beruf ergreifen, eine Familie gründen, ein Haus bauen) immer später eintritt und Adoleszenz zunehmend sich ausdehnt bis ins dritte oder vierte Lebensjahrzehnt (Fiedler meinte: bis ins Grab), und es ist auch wahr, dass in einigen Pop-Romanen die Problemlage jener thematisiert wird, die sich noch Mitte dreißig im “Moratorium” befinden und über keine festen Ressourcen der Lebenssicherung verfügen wie der Held in Nick Hornbys High Fidelity, und dass sich an derartige Texte die Interessen auch jüngerer Altersgruppen anschließen lassen. Aber die im einzelnen zutreffenden Beobachtungen sollten nicht verallgemeinert werden, denn das hieße, ein narratives Modell, das Modell der (sozialen) Inklusion, zu verabsolutieren.

    Inklusionsmodelle beruhen immer auch auf Ausschlüssen dessen, was nicht eingeschlossen wird (zu Inklusion und Exklusion im Pop vgl. den Beitrag von Eckhard Schumacher). Dementsprechend kann man in der Pop-Literatur von narrativen Exklusionsmodellen sprechen. Ein solches Modell verwendet Bret Easton Ellis in American Psycho. Hier geht es keineswegs, dies räumt auch Gansel ein, um (mehr oder weniger geglückte) Adoleszenz. American Psycho widersetzt sich programmatisch einer inklusiven Lektüre. Das veranlasst Gansel (und auch Mathias Mertens in seinem Beitrag), zwischen Ellis und der deutschsprachigen Pop-Literatur, insbesondere Christian Kracht unüberbrückbare poetische Differenzen wahrzunehmen. Diese Differenzen sind jedoch nicht in der Sache begründet, sondern auf die Präferenz des Inklusionsmodells zurückzuführen.

    Bret Easton Ellis behandelt die Angst seiner (im übrigen beruflich abgesicherten) Protagonisten, nicht “normal” zu sein, ausgeschlossen zu werden aus dem Kreis derer, die wissen, was morgen in der Zeitung steht, weswegen sie sich der Diktatur der in/out-Listen bedingungslos unterwerfen, allen voran Patrick Bateman. Denormalisierungsangst ist der Motor seiner Überanpassung an die popular culture.

    Den meisten Leserinnen und Lesern entgeht das Thema der Angst, weil sie American Psycho nicht zu Ende lesen. Wer bis ins letzte Viertel des Romans durchhält, stößt auf die Selbstdiagnose des Helden, an depersonalization zu leiden: Er habe alle äußeren Kennzeichen eines menschlichen Wesens, aber abweichend von der Norm sei ihm die Fähigkeit, für andere mitzuempfinden, abhanden gekommen. Die innere Leere überspiele er durch Imitation von Wirklichkeit. Das ist das klassische klinische Bild des Psychopathen, der mit der Umwelt als Schauspieler seiner selbst interagiert.

    Nach Hervey Cleckley (The Mask of Sanity) ist die sogenannte psychopathische Persönlichkeit aufgrund ihrer Rationalität fähig, die Komplexität des menschlichen Lebens zu imitieren. Patrick Bateman genügen drei Diskurse, um Persönlichkeit zu bewerkstelligen und den Anschein von Leben zu erwecken: Mode und Lifestyle, Pop, Serienmord. Der Kode der Markennamen bedarf keiner inneren Beteiligung Batemans. Seine Musikrezensionen elaborieren an Mainstream-Stars (Phil Collins, Whitney Houston, Huey Lewis) orientierte, vom gesellschaftlichen Durchschnitt akzeptierte und durch Bateman imitierte Erfolgsmodelle des Lebens. Die Serienmord-Diskurse liefern das Skript für die Beschreibung seiner Entpersönlichung, die er als ebenso monströs erlebt wie eine Existenz als Serienmörder. Es ist nicht einmal auszuschließen, dass Bateman die im Roman geschilderten Morde gar nicht begangen, sondern, wie seine Musikrezensionen, nur auf Papier phantasiert hat: “Na ja, obwohl ich weiß, ich hätte das tun sollen, anstatt es nicht zu tun (...).” Aber ein solches Geständnis auf der letzten Seite ist natürlich “KEIN AUSGANG” für einen Serienkiller-Roman.

    Normal und anormal

    Christian Kracht übernimmt das Normalismus-Problem von Ellis, verpflanzt es aber aus dem psychiatrischen in einen politischen Kontext, das heißt der anonyme Erzähler leidet nicht an seiner seelischen “Abnormität” (Psychopathie), sondern an der anormalen “Normalität” der deutschen Geschichte. Seine Reise durchs Faserland hat darum auch keinen Initiationscharakter in dem Sinne, dass er am Ende der Reise erwachsen geworden wäre. Es ist eine Reise durch die “Normalität” zur “Anormalität”, wenn man davon ausgeht, dass die benutzten High-Tech-Vehikel Sportwagen, Eisenbahn, Flugzeug in einem repräsentativ-symbolischen Verhältnis zum Normalismus (Jürgen Link, Versuch über den Normalismus) und konträr zum Low-Tech-Vehikel Ruderboot auf dem Zürichsee stehen. Warum gerade Zürich als Endstation gewählt wurde, erhellt ein Blick auf den Roman, dessen Titel Kracht mit deutschem Zungenschlag leicht verfremdet übernommen hat, Fatherland von Robert Harris, auf Deutsch 1992 in der Schweiz erschienen, weil kein deutscher Verlag den Thriller haben wollte.

    Harris’ Roman spielt im Jahr 1964. Hitler hat den Krieg gewonnen. Europa ist einem nationalsozialistischen Monopol technischer Zivilisation unterworfen. Eine Ausnahme bildet die Schweiz. Ein Fahnder der Berliner Kriminalpolizei und seine amerikanische Freundin versuchen, via Zürich bisher unbekannte, durch Eliminierung geständnisfreudiger Teilnehmer erfolgreich verheimlichte Informationen über die Wannseekonferenz und die “Endlösung” aus dem paneuropäischen Deutschland in die USA zu schmuggeln.

    Mit diesem Plot spielt Faserland. Der Roman beginnt nicht bloß bei Fisch-Gosch auf Sylt und Jever Pils, sondern auch mit der Erzählung, wie Boy Larsen Görings am Strand verlorenen Blut-und-Ehre-Dolch wiederfand und wie der Erzähler einst in deutschen Wehrmachtsbunkern bei Westerland gespielt hat. Die dem anonymen Ich auf seiner Reise von den nördlichen zu den südlichen Provinzen der Bundesrepublik begegnenden SPD-Nazis, Rentner-Nazis und Ex-KZ-Aufseher offenbaren, dass Hitler zwar nicht den Krieg gewonnen hat, aber viele deutsche Herzen. Auch technologisch ist der Sieg errungen, “von der großen Maschine, die sich selbst baut” und Deutschland heißt.

    Unter der Oberfläche der Markennamen, von Mode und Lifestyle allerdings verschwindet die deutsche Geschichtsanomalie. Als Konsumzonen nämlich gehören die deutschen Provinzen ohne Friktionen in die große internationale Völkerfamilie. Es misslingt dem Erzähler, zwischen dem exzessiv benutzten “normalen” Diskurs von Mode und Lifestyle und der ständig diskursivierten “anormalen” deutschen Geschichte zu vermitteln und Normalität für sich herzustellen. Er bleibt “ausgeschlossen”, oder besser, im Sinne von Homi K. Bhabha (Die Verortung der Kultur), “zwischen” den Normalitäts-Diskursen (zu Bhabha und Pop vgl. den Beitrag von Charis Goer). Aus der Perspektive dieses “Zwischenraums” erweist sich die von Gansel eingeforderte postadoleszente Identität als ethnozentrisches Konstrukt, wofür die unschuldige Rede vom Werther als “Urbild aller Popromane” (aller? unter Einbeziehung auch der anglo-amerikanischen Literatur?) nur ein Beispiel ist. Kulturelle Entortung ersetzt in Krachts Version des von Ellis übernommenen narrativen Exklusionsmodells die seelische Abnormität des Romanhelden.

    Café Normal

    Die Bedeutung des Normalismus-Problems für einige deutschsprachige Pop-Autoren (es sind nicht die schlechtesten) unterstreicht Festung von Rainald Goetz. Zwei Jahre vor Faserland (und ein Jahr nach Harris’ Fatherland) demonstrierte Goetz in diesem Theaterstück die Normalisierungsmacht von Mode, Lifestyle, Pop, Medienimages, Wissenschaft, Politik, Geschichte usw. Im Plauderton einer aus dem Café Normal gesendeten Konferenzliveschaltung von der Wannseekonferenz konfrontierte er die Theaterzuschauer mit einer Diskursrealität, an der Krachts Held “scheitert”.

     













    Foto (c) Suhrkamp Verlag: Rainald Goetz


    Die “Sendung” besteht aus der Aneinanderreihung von Modulen unterschiedlicher Diskurse, die auf Goetzens eigenhändigen Exzerpten und Mitschriften aus Print- und anderen Massenmedien beruhen. Akteure sind Medienimages (HAPE KERKELING, KATJA EBSTEIN, TANJA SCHILDKNECHT usw.). In der Konferenzliveschaltung, schon dies eine subtile “Normalisierung”, ging es auf der Wannseekonferenz doch immerhin um den Tod von elf Millionen Menschen jüdischen Glaubens, wird die “Endlösung” diskursiv gewissermaßen “verheimlicht” und normalisiert, indem die Regie das “Reizthema” unter einen kontinuierlichen, ‘flachen’, reizschwachen Informationsstrom mixt. HAPE KERKELING zum Beispiel “verkittet” einen Popsong (Knockin’ o­n Heaven’s Door) mit einem Diskurs über Gaskammern, an deren Türen die Opfer laut Berichten von Ohrenzeugen im Augenblick des Todes verzweifelt klopften, und macht die “Endlösung” zu einem Allerweltsschicksal: “HAPE KERKELING/aber auch sie/und damit sind wir am Schluss/unserer großen Konferenzliveschaltung/stehen eines Tages meine Damen/und Herren wie wir alle/nack nack nackig an der Himmelstür nack nack/nackig an der Himmelstür und ich/rufe jetzt ich rufe/RAINALD.”

    Der Autor als “Text-Jockey” (TJ)

    Die in Faserland und Festung behandelte Normalismusproblematik der populären Kultur und die Verwendung der Popmusik als Diskurs-Kitt wird von den zahlreichen Beiträgen ignoriert, die unter Pop-Literatur die Umwandlung des Nachtlebens und der Popmusik in Sprache verstehen. Für sie ist der Autor, zumal wenn er im Nebenamt Platten auflegt, nichts anderes als ein Text-Jockey: Er sampelt, scratcht, mixt und schneidet aus Texten neue Texte.

    Mit einer umfassenderen Sichtweise warten die über den Sammelband unsystematisch verstreuten Beiträge und Anmerkungen zu Oberflächen auf. In ihnen zeichnet sich eine Art “Archäologie der Oberflächenreize” ab, um an dieser Stelle eine begriffliche Alternative zur inflationären Archiv-Metapher innerhalb der Pop-Literaturforschung anzubieten.

    Blow-Up

    Die wohl populärste Beschreibung von Oberflächenreizen der 1960er Jahre findet man in Michelangelo Antonionis Film Blow-Up (1966). Unter der Oberfläche der Medienbilder, in diesem Falle der Fotografie, verbergen sich Botschaften (bei Antonioni ein Mord), die nur durch immer größere Vergrößerungen (blowing up images), durch mediale Manipulationen, lesbar oder zum Beispiel durch das Rückwärtsspielen von Beatles-Songs (als angebliche satanische Befehle) hörbar werden, aber keinen wirklichen Referenten haben. Antonionis Fotograf, interessanterweise ein Modefotograf und als solcher für die Inszenierung von Realität zuständig, sucht ohne Erfolg am vermeintlichen Tatort nach dem vermeintlich auf der letzten Vergrößerung gesichteten Mordopfer. Blow-Up zeigte sehr anschaulich, wie Zeichen (Signifikant), Bezeichnetes (Signifikat) und Referent vom zeitgenössischen Mode- und Mediendiskurs entkoppelt wurden.

    Bastardisierung von Bild und Text

    Die Entkopplung der Zeichen erreichte Rolf Dieter Brinkmann durch Bild-, Ton- und Textmontagen, durch Herstellung von Oberflächenreizmaterial (vgl. Jörgen Schäfer über Brinkmanns Poetologie). Hubert Fichte erzielte Oberflächenreize durch das Manipulieren von Tonbandinterviews und -mitschnitten (vgl. den Beitrag von Erb und Künzig). Unter Rekurs auf Marshall McLuhan bezeichnet Brigitte Weingart das vor allem in der Werbung verwendete Verfahren der Text/Bild-Montage als “Bastardisierung.” Nach ihrer Auffassung entsteht durch Bastardisierung eine Bilderschrift, eine moderne Hieroglyphik bzw. Ideogrammatik, die sich mit Hinblick auf die prähistorischen Bilderschriften als Mythografie der populären Kultur beschreiben lasse. Sie betont, dass McLuhan die Text/Bild-Hybriden der Werbung gegen die phonetische Schrift, gegen die gesamte Gutenberg-Galaxis ausspielt. Das Neue an den neuen Medien sind uralte nicht-alphabetische Schrifttechnologien. Diesen Gedanken allerdings verfolgt Weingart nicht weiter. 

    Oberfläche und Tiefe

    Nicht-alphabetische Schriftkulturen kennen nur die Unterscheidung Oberfläche – Tiefe, die Unterscheidung Signifikant – Signifikat ist ihnen unbekannt. Die auf der Oberfläche (der Gegenstände) befindlichen Lineaturen haben daher keine feste, sie haben eine unerschöpfliche Bedeutung, sie verweisen auf ein in den Dingen verborgenes Mysterium. Nach Elena Esposito (Soziales Vergessen) folgt digitale Kommunikation dieser Logik von Oberfläche und Tiefe. Bereits die Kommunikation mit dem Computer sei von ihr bestimmt dadurch, dass grafische Benutzeroberflächen das Betriebssystem als ein Mysterium vor dem Anwender verbergen.

    Auch Mode und Lifestyle leben von der Spannung zwischen Oberfläche und Tiefe. Die Lineatur der Markennamen annonciert das Mysterium im Inneren der Gegenstände, das diese zur Marke macht. Pop verwendet ebenfalls Lineaturen, Hieroglyphen oder, wie Andreas Neumeister, Drei-Buchstaben-Initialen: RDB kann man als Initialen von Rolf Dieter Brinkmann lesen, es kann aber auch, so Neumeister in seinem Interview-Beitrag, eine italienische Firma für Gasbetonsteine gemeint sein (oder aber eine Sendeanstalt, eine politische Vereinigung, ein Waffenfabrikat u.ä.). Im postmodernen Mediendiskurs fällt sozusagen für Alle etwas ab, das ist der Sinn von Abfall für Alle.

    Rainald Goetz hat die Wiederbelebung historisch überholter Schrifttechnologien bisher wohl am konsequentesten betrieben. Im Vorschein des Alten lässt er das Neue aufblitzen. Bei der Lektüre von Rave stößt der Leser auf die Technik mittelalterlicher Mönche, durch das murmelnde Wiederkäuen heiliger Worte (ruminare) sich in eben diese selbst zu verwandeln. Nach Goetz steckt in dieser Technik der “Sound” der Schrift:

    Ich hatte eine Art Ahnung von Sound in mir, ein Körpergefühl, das die Schrift treffen müsste./eine Art: Ave – /”Ave Maria, gratia plena.”/Sowas in der Art von: bene – /bendictus –/bist du –/und gebenedeit unter deinen Leibern –/Da müsste man sich einfach nur, im wahrsten Sinne des Wortes, wirklich hineinknien, hatte Albert mir mal gesagt. Man dürfte diese Texte nicht nur rein vom Sinn her nehmen, sondern müsste sich das anders denken, nämlich betend, durch das immer wiederholte Aussprechen der Worte mit dem Mund, sozusagen selbst mündlich Teil der Worte werden.

    Fazit

    Die immer wieder totgesagte Pop-Literatur lebt durchaus noch, das zeigt der Sammelband, wenn auch vielleicht nur in einigen wenigen Exemplaren. Sie lebt seit den 1960er Jahren, in letzter Zeit vielleicht etwas heruntergekommen zur Job-Maschine für ehrgeizige Feuilleton-Nachwuchsredakteure. Nach der Beschäftigung mit diesem Sammelband tauchte unvermittelt der Gedanke auf, dass die Theorie der Pop-Literatur spannender sein könnte als der Gegenstand der Theorie. Ausnahmen bestätigen die Regel.

    Klaus Bartels


    Heinz Ludwig Arnold und Jörgen Schäfer (Hg.): Pop-Literatur. Text + Kritik Sonderband. München: Richard Boorberg, 2003. 328 S. PB. 28 EURO. ISBN 3-88377-735-8

    Zum Autor: Klaus Bartels, Prof., lehrt am Institut für Germanistik II der Universität Hamburg u.a. in den Themengebieten Neue Medien, Kultursemiotik und Trivialgenres. In den achtziger Jahren Mitbegründer, Gesellschafter und Berater eines Hamburger Multimedia-Unternehmens. Letzte Veröffentlichung: “Semiotik des Serienmords³. In: Frank J. Robertz & Alexandra Thomas (Hg.): Serienmord. München: Belleville 2004, S. 420-441.

    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

    Vive Le Pop

    Pünktlich zum 10-jährigen Jubiläum der gelungenen Compilation-Reihe gibt es die 7. Ausgabe von Le Pop. Die Reihe für frankophone Musikliebhaber ist ...

    Die Geschichte geht weiter

    Wieder ein Weltbestseller – Carlos Ruiz Zafóns Roman Der Gefangene des Himmels. Von PETER MOHR

    Musik in Schwarz-Weiß

    Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

    Nachgereichtes Wunder

    Dank eines Deals der Künstlerin mit Domino Records bekommen nun auch hiesige Fans die Möglichkeit, dieses im Frühjahr erschienene ...

    Petraeus und sein Stab

    Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

    Zum Ausklang

    Hier schließt sich der Kreis
    genießt sich (wer weiß)
    läuft jedenfalls heiß
    sein Leben als Preis

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    Vor den »Kindern des Olymp«

    Ein Mann, eine Frau und ein Hund entfernen sich nach hinten in die öde Landschaft eines Hafens. Es sind Bilder wie dieses, die die Magie einer Filmkunst prägen, die nahezu ausgestorben ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    Die böse Schlange
    und das weiße Kaninchen

    In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

    ... bis sie dann gestorben sind.

    Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

    Vom Leben gezeichnet

    Der bei Avant erschienene Sammelband Lästermaul & Wohlstandskind beinhaltet die ersten 50 Episoden der ...

    Ein Igel erlebt sein blaues Wunder

    Neue Kartracer haben es nicht leicht. Auch nach 20 Jahren ist der Schatten der einstigen Genregröße Mario Kart so mächtig, dass sich jeder neue Titel einen Vergleich ...

    Auf die gute alte Rock-n-Roll-Freundschaft

    Will man Menschen, die noch nie einen Teil der Call-of-Duty-Reihe gespielt haben, das Spielerlebnis näher bringen, sollte man das Bild eines Menschen zeichnen, welcher von allen Seiten ...

    Ein Geheimnis in einer Graskugel

    Auf die ganz großen Katastrophen im Leben kann man sich selten vorbereiten. Das geht nicht nur den Großen so, auch die Kleinen müssen solche Erfahrungen bewältigen. ANDREA ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter