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Zum 50. Todestag von Hermann Hesse am 9. August

09.08.2012

Der selbstzerfleischende Seelenbiograf

»Beinahe alle Prosadichtungen, die ich geschrieben habe, sind Seelenbiografien, in allen handelt es sich nicht um Geschichten, sondern sie sind Monologe, in denen eine einzige Person in ihren Beziehungen zur Welt und zum eigenen Ich betrachtet wird.« bekannte Hermann Hesse einmal in einem Selbstzeugnis. Von PETER MOHR

 

Über 100 Millionen Exemplare seiner Bücher sind weltweit verkauft worden. In den 60er Jahren gab es eine wahre Hermann-Hesse-Renaissance. Die aufbegehrende Jugend der Welt erkor den Nobelpreisträger von 1946 posthum zu ihrem intellektuellen Guru. Als Zivilisations- und Gesellschaftskritiker, Verfechter des Individualismus, Vorreiter der Ökologiebewegung, bekennender Kosmopolit und künstlerisch autonomer Einzelgänger wurde er vereinnahmt und gefeiert. Demgegenüber steht der menschenscheue Poet, der mehr als 40 Jahre zurückgezogen in einem Tessiner Bergdorf lebte. 

 

Hermann Hesse, der am 2. Juli 1877 in Calw im Schwarzwald geboren wurde, absolvierte nach dem »Einjährigen« eine Ausbildung zum Buchhändler, las in seiner Jugend unendlich viel und trat 1898 mit dem Gedichtband Romantische Lieder erstmals in die literarische Öffentlichkeit. Mit Peter Camenzind (1904) machte er alsbald auch als Erzähler auf sich aufmerksam.

 

Trotz der literarischen Erfolge, die sich mit Gertrud (1909), Roßhalde (1914) und Knulp (1915) fortsetzten, geriet Hesse in eine tiefe Krise. Der Tod seines Vaters, die beginnende Schizophrenie seiner Frau Maria, eine schwere Erkrankung seines jüngsten Sohnes Martin und als äußerer Einfluss der tobende Erste Weltkrieg führten 1916 zu einem Nervenzusammenbruch.

 

Hesse begab sich zum ersten Mal in psychoanalytische Behandlung. Methoden der Psychoanalyse macht sich Hesse später in Selbstbefragungen als künstlerische Komponente zu Eigen. Die Jahre um 1920 sind Hesses schwerste Zeit. Die Trennung von seiner in einer Heilanstalt untergebrachten Frau, weitere psychoanalytische Sitzungen bei C.G. Jung und der Umzug von Bern nach Montagnola sind wegweisende Stationen.

 

In der anscheinend so entrückten Figur des Siddharta (entstanden aus einer Indien-Reise und intensiven Studien des Buddhismus) schuf sich Hesse ein göttliches Abbild, einen angehimmelten Erlöser, einen »Helden«, der - wie Goethe es forderte - edel, hilfreich und gut war. So offenbaren sich heute im Siddharta mindestens so viele »Anleihen« aus dem Unterbewussten wie im fünf Jahre später erschienenen Steppenwolf. In der Figur des in unzählige Wesen zerfallenden Harry Haller steckt nicht nur eine radikale Selbstbefragung des Autors, sondern auch eine Weiterführung von Goethes Faust, fokussiert auf  Hallers menschliche und tierische Züge. »Harry besteht nicht aus zwei Wesen, sondern aus hundert, aus tausenden«, so Hesse über seinen Protagonisten.

 

1931 brach Hesse, der schon früh die Schweizer Staatsbürgerschaft angenommen hatte, die letzten Brücken zu Deutschland ab und trat aus der Preußischen Akademie der Künste aus. Äußerst zurückgezogen lebte Hesse im Tessin und begann 1932 seine Arbeit am Glasperlenspiel.  Alle dichterischen Fäden hat er noch einmal in diesem 1943 erschienenen Spätwerk zusammen geführt. Sein umfangreichstes, mehr essayistisches als erzählerisches Werk liest sich als bilanzierende Summe aller Vorgängerwerke. So lässt sich das mystisch anmutende Glasperlenspiel mit all seinen philosophischen und musikalischen Exkursen auch als »moderne« Exegese von Humboldts Bildungsideal und Goethes Menschenbild interpretieren. In den häufig zitierten Stufen kommt Hesses Ambivalenz noch einmal zum Ausdruck. »Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen/er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.«

 

Als Hermann Hesse am 9. August 1962 in Montagnola im Alter von 85 Jahren starb, war er ein weltweit anerkannter Autor - ausgezeichnet mit dem Nobelpreis, mit dem Goethepreis (beide 1946) und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1955) und ob seiner poetischen Sprache zu recht hoch gerühmt.

 

Trotzdem konnte niemand ahnen, dass wenige Jahre nach seinem Tod, eine wahre Hesse-Euphorie ausbrach. Die revoltierenden Studenten, alternative Ökojünger und die flippigen Hippies entdeckten Hesse als ihren Ahnherrn.

 

Mit den Demian-Zitaten (»Jeder muss für sich selber finden, was erlaubt und verboten ist« und »Wer geboren werden will, muss eine Welt zerstören«) wurde der Nobelpreisträger zum Gewährsmann der 68er-Bewegung. Timothy Leary, Harvard-Dozent für Psychologie, empfahl gar, vor jedem LSD-Trip ein Kapitel Siddharta oder Steppenwolf zu lesen, um die psychedelische Wirkung zu steigern.

 

Als die gleichnamige amerikanische Rockgruppe »Born to be wild« röhrte, Siddharta und Der Steppenwolf in den USA Anfang der 70er Jahre verfilmt wurden (Peter Maffay kam da 1979 mit seinem Song fast schon zu spät), da war Hesse längst kein Autor mehr, sondern zur Ikone einer Protestbewegung geworden, die sich die Selbstverwirklichung als höchstes Gut auf die Fahnen geschrieben hatte. »Seltsam im Nebel zu wandern/ Leben ist Einsamsein/ Kein Mensch kennt den andern/ Jeder ist allein.« 

 

Unglückliche, einsame Menschen, Jugendliche aller Epochen, die an den Normen der Erwachsenenwelt zu zerbrechen drohten, fanden sich in Hesses Büchern und seinem sanften Nonkonformismus wieder. Der große Wiedererkennungswert des Lesers in den Romanfiguren (hinter denen Hesse sich in hohem Maße selbst verbarg) war ein wesentlicher, vielleicht sogar der wichtigste Faktor des riesigen Erfolgs. Hermann Hesse war ein selbstzerfleischender, hypersensibler, höchst ambivalenter Künstler. Er hat Weltliteratur geschrieben  - als Resultat aus beinahe lebenslangen »inneren Kämpfen«.

 

Pünktlich zum runden Todestag sind auch zwei äußerst lesenswerte Hesse-Monografien von Heimo Schwilk und Gunnar Decker erschienen.

 

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