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Salman Rushdie: Shalimar der Narr

27.03.2006

 
Mehr als nur Narretei

Sind Terroristen in Wahrheit simple Mörder aus Machtgier und Missgunst? In seinem neuen Roman verwebt Salman Rushdie weltgeschichtliche Konflikte mit Liebe und Eifersucht.

 

Würde sich heute überhaut noch ein Verlag trauen, "Die Satanischen Verse" von Salman Rushdie zu veröffentlichen? Im Kontext des Streits um Karikaturen und Meinungsfreiheit und dem diesbezüglichen eifrigen Zurückrudern in vielen europäischen Redaktionen bzw. Verlagen drängt sich diese Frage geradezu auf.
Und würde Rushdie selbst, der aus langer, leidvoller Erfahrung weiß, wohin die gewollte oder ungewollte, gekonnte oder plumpe Provokation führen kann, seinen Roman von 1988 heute noch einmal veröffentlichen wollen, in Kenntnis einer 1989 durch Ayatollah Khomeini über ihn verhängten (und inzwischen aufgehobenen) Fatwa, des Todesurteils wegen angeblicher Gotteslästerung?
Auch in Rushdies neuestem Roman "Shalimar der Narr" spielt die Auseinandersetzung mit Religion(en) eine zentrale Rolle, diesmal pervertiert im Fanatismus terroristischer Gruppen.

Freiheit ist Krieg
Gleich auf den ersten Seiten werden anhand zweier Protagonisten, der in Los Angeles lebenden, gebürtigen Kaschmiri India sowie ihrem alten Vater und Botschafter Max Ophuls, quasi Prototypen des Weltbürgertums im Sinne Rushdies, grundlegende Positionen deutlich. Die Formel des Botschafters für die Auseinandersetzung mit den das Leben immer wieder eingrenzenden Mächten ist kurz: "Freiheit ist Krieg" – entweder gegen weltliche Mächte wie während der Nazizeit, die er als Kämpfer der Resistance durchlebt hat oder auch immer wieder gegen eine Besitz ergreifende, intolerante Religion.
In den Gedanken von India wird deutlich, in welche Richtung der Beitrag geht, den Rushdie in dieser Auseinandersetzung seit Jahrzehnten zu leisten versucht: "Neue Bilder müssen her. Bilder für eine gottlose Welt. Bis die Sprache der Unreligon mit diesem heiligen Zeugs nicht gleichgezogen hat, bis es nicht genügend Lyrik und eine ausreichende Ikonographie der Gottlosigkeit gibt, werden diese heiligen Echos nie verstummen und ihre zweifelhafte Macht behalten, selbst über sie."
In Zeitsprüngen bewegt Rushdie seine Protagonisten durch die Geschichte in Kaschmir, Europa und Amerika. Der Kernkonflikt entsteht aus der Liebe zwischen Shalimar dem Narren, Sohn der muslimischen Nomas und waghalsiger Akrobat (daher sein Name) und der Tänzerin und Dorfschönheit Boony Kaul. Denn die Kauls sind Hindus und damit ist das Paar im zwar landschaftlich paradiesischen, aber durch Teilung zwischen dem muslimischen Pakistan und dem multireligiösen Indien zerrissenen und umkämpften Kaschmir ein Problem. Doch ist man in dem betroffenen Dorf in den 60er Jahren, in denen diese Episode des Buches spielt, noch flexibel und eigenständig genug in den Entscheidungen, um, nach einigen Auseinandersetzungen, eine religiöse Mischehe doch zu ermöglichen.

Ein privater Rachefeldzug
Irgendwann aber kommt der amerikanische Botschafter und Schürzenjäger Max Ophuls in das Dorf, wohnt einem der traditionellen Festbankette mit Tanzvorführungen bei, von denen das Dorf lebt, und sein Bedürfnis ist klar; auch Boony will nicht länger in der dörflichen Enge leben und Max erscheint ihr wie das Tor zur Welt, sie wird Ophuls Geliebte und – ungewollt – Mutter seiner Tochter.
Der gehörnte Shalimar verliert jeden Halt. Er hatte einst geschworen, sie, ihren Liebhaber und alle ihre Kinder umzubringen, falls sie ihn jemals verlassen sollte. So mutiert er im Einfluss der religionskriegerischen Auseinandersetzungen in und um Kaschmir nun zum militanten Glaubenskrieger, lässt sich zum Killer ausbilden, wird Terrorist. Nun wartet über Jahre er auf die Gelegenheit zum privaten Rachefeldzug…
Wie immer erzählt Rushdie bilderreich und opulent, mit diebischer Freude an kleinen und größeren Gemeinheiten insbesondere gegen religiösen bzw. fundamentalistischen Größenwahn. Darüber hinaus liefert er ein Porträt der Krisenregion Kaschmir mit vielen Details etwa aus dem dörflichen Leben.
Ob es allerdings nötig war, die Lebensgeschichte des an seinem Ende dann über 80jährigen Max Ophuls bis in die Nazizeit zurückzuverfolgen, um so eine Parallelisierung von Freiheitsbewegungen bzw. -kämpfen in Nazideutschland/Europa und (Groß-)Indien/Pakistan/Kaschmir anzulegen, sei dahingestellt.
Es ist jedoch Rushdies Verdienst aufzuzeigen, wie Menschen, die nach Außen hin vermeintlich einer höheren Macht folgen, in Wirklichkeit oft nur von kleinbürgerlicher und krimineller Motivation getrieben werden: unter dem Deckmantel der Religion gedeihen Eifersucht, Habgier und Mordlust.

Olaf Selg


Salman Rushdie: Shalimar der Narr.
Aus d. Engl. von Bernhard Robben.
Roman. Rowohlt Verlag.
Geb. 536 S. 22,90 ¤.
ISBN 3-498-05774-X

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